Netvel: "Im Netz" - 45. Kapitel































.

Am Samstagabend war ich in den ehemaligen Schloßgärten von H. und schaute mir in einem der historischen Gebäude eine Aufführung professioneller Hip-Hop-Tänzer an. Sie bewegten sich vor und hinter einem halbdurchsichtigen Triptychon, durch Lichteffekte in Szene gesetzt. Das Triptychon war bemalt im multikulturellen Stil.
Das kompliziert designte Tuch, das ich auf dem Boden fand und seiner Besitzerin wiedergab, ist mir außerdem in Erinnerung geblieben. Es war wohl ziemlich teuer, und umso dankbarer war die Besitzerin.
Nachts war ich im "Radiostern". Cyra legte heute nicht auf, sie hatte Spätschicht gehabt und war müde. Cyra ist immer seltener im "Radiostern"; sie scheint sich dort auszuklinken. Damit würde es keine Location mehr geben, wo Cyra regelmäßig auflegt.
Timon stellte mir seine Eroberung Aydée vor. Aydée meinte, ihr gefalle mein Tanzstil; das sei etwas anderes als das "Vor und Zurück", das man sonst in Gothic- und Wave-Clubs zu sehen bekomme. Sie traue sich nicht, so zu tanzen, wie sie gerne würde.
"Man darf sich nicht nach den anderen richten", meinte ich.
Morgens war ich mit Timon und Aydée bei "McGlutamat" zum Frühstücken. Aydée ist vor einer Woche aus Schweden nach Deutschland zurückgekehrt. Vor sechs Jahren zog sie als Zwölfjährige mit ihren Eltern von J. nach Schweden. Ein halbes Jahr dauerte es, bis sie die Sprache beherrschte. Inzwischen hat sie das Abitur, das hier auch anerkannt wird. So, wie Timon und Aydée es geplant haben, hat es geklappt - sie hat vor Kurzem in Timons Heimatstadt SZ. im Krankenhaus als Schwesternschülerin angefangen und wohnt im Schwesternwohnheim.
SZ. ist ein sozialer Brennpunkt, das hat Aydée bereits zu spüren bekommen; kaum zog sie in dem Wohnheim ein, als dort auch schon eingebrochen wurde.
Über die Stelle ist Aydée dennoch froh. Sie wurde nach dem Bewerbungsgepräch - ihr allererstes - sofort eingestellt.
"Man muß zeigen, daß man sich für das Fach interessiert und konkrete Vorstellungen hat", wußte Aydée.
Sie hatte sich sorgsam für das Gespräch zurechtgemacht, die Piercings herausgenommen und wie ein braves bürgerliches Mädchen ausgesehen.
"Ohne Anpassung kommt man nicht weiter", sagte Aydée.
Ich erzählte, wie ich mir eine Tarn-Existenz gebaut habe, um auch auf Spießbürger überzeugend zu wirken, ohne mich dabei selbst zu verleugnen.
Timon diskutiert und disputiert gern, vor allem über Gott und die Welt. Er schwingt große Reden, ohne sich dabei selbst zu reflektieren oder sich selbst und seine Haltung infragezustellen. Aydée meinte, das störe sie nicht, sie diskutiere ebenfalls gern. Sie findet, daß Timon erfrischend kindlich sein kann. Er sei durchaus erwachsen, habe sich jedoch das "Kind im Manne" bewahrt.
Timon studiert jetzt in WOB. Fahrzeugbau. Die Hochschule wird von VW mitfinanziert. Timon erzählte, er sei an die Firma, wo er seit dreizehn Jahren arbeitet, vertraglich gebunden. Er werde also vorerst nicht zu VW wechseln.
Aydée möchte sich nach ihrer Ausbildung weiterbilden; sie kann sich vorstellen, in der Psychiatrie zu arbeiten.
Timon ist einunddreißig Jahre alt, Aydée ist erst achtzehn. Daß die Beziehung auf Dauer hält, glaube ich nicht. Ich kann mir vorstellen, daß Aydée sich im Zuge ihrer Persönlichkeitsentwicklung von Timon wegentwickelt.

Am Sonntag habe ich geträumt, ich würde auf einer Autobahn-Raststätte etwas suchen. Als ich auf die Uhr blickte, war es fünf vor halb acht. Als ich wenige Sekunden später wieder auf die Uhr blickte, war es zwanzig vor acht. Als ich wenige Sekunden später wieder auf die Uhr blickte, war es zehn nach acht.
"Das ist ein Traum", dachte ich. "Sowas kann doch gar nicht sein."
Ich blickte noch einmal auf die Uhr. Da waren statt des Ziffernblattes nur noch Kästchen und kryptische Zeichen zu sehen.
"Das kann nur ein Traum sein", war ich sicher. "Sowas gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Ich muß das träumen."
Dabei fühlte ich mich ganz genauso wie in der Wirklichkeit. Es war eine vollkommene Illusion. Allmählich setzte sich dann aber doch die "richtige" Wirklichkeit durch. Ich wurde wach und fand bestätigt, daß es nur ein Traum gewesen war.

Der Traum handelte von meiner Erfahrung in der letzten Woche: egal, wie früh ich zur Arbeit losfuhr - und ich fuhr jeden Tag früher los als am Vortag -, ich kam nie pünktlich an. Als ich es übertrieb und eine halbe Stunde zu früh losfuhr, um endlich einmal wieder pünktlich zu erscheinen, kam ich noch viel mehr zu spät als an den Tagen zuvor. Das lag an dem Fleischtransporter, der umfiel, als ich mich auf den Weg machte. Er fiel an einer Stelle um, für die es nur eine Umleitung gibt, die bei Sperrungen sofort verstopft, und ich mußte einen endlosen Umweg fahren. Ich stellte mir vor, wie die Bergungstrupps auf der A2 Grills aufstellen, damit alles Fleisch aufgegessen wird, denn erst dann wird die Sperrung wieder aufgehoben. Ganz so geht es nicht zu, aber die Dauer einer Sperrung ist gerade bei verlorener Ladung schier endlos, vor allem wenn die Ladung schmierig und glitschig ist und die Autobahn umständlich gereinigt werden muß.
Wenn ich schon wieder in Kingston arbeiten würde, hätte ich das Problem mit der Verspätung gar nicht gehabt, und ich hätte wahrscheinlich auch den Traum von der Uhr nicht gehabt. Terror wegen zwei oder drei Minuten Verspätung gibt es dort nicht, denn alle Kollegen kommen zu spät, mindestens zehn Minuten, das gehört sozusagen zum "guten Ton". In Bad O. hingegen ist jetzt zu dem Nadelöhr, das die A30 in Form einer Ortsdurchfahrt bildet, eine Verschlechterung hinzugekommen: Wegen einer Baustelle ist die A30 auf der Strecke als Ortsdurchfahrt in ihrer ganzen Länge durch eine Baustelle einspurig geworden und damit tagsüber unpassierbar. Sie muß zeitraubend umfahren werden, nur so ist der Weg zur Arbeit noch berechenbar.
Merle berichtete, daß ihre Mutter am Samstagabend um zehn Uhr verstorben ist. Sie war wegen ihres Krebsleidens schon seit Monaten siech und schließlich schwer pflegebedürftig. Sie soll nur immer gesagt haben:
"Mein Gott, ich kann nicht mehr."
Während Merles Schwester Eliana hilflos weinte - so berichtete Merle -, habe sie selbst bereits mit der Trauer um ihre Mutter abgeschlossen. Im Grunde sei die Mutter nie wirklich für ihre Kinder da gewesen. Alkohol, Tabletten und Zigaretten seien ihr immer wichtiger gewesen. In meiner Erinnerung ist Merles Mutter ein auf sich bezogenes Geschöpf gewesen, das unentwegt Alkohol trank und rauchte und ohne Punkt und Komma von den eigenen Krankheiten erzählte, ob die Mitmenschen das hören wollten oder nicht.
Merle meinte, ihr habe bei der Verarbeitung des Todes ihrer Mutter sehr geholfen, daß wir eine Ausstellung über den Tod besucht haben, daß wir an einer Friedhofsführung teilgenommen haben und daß wir jedes Jahr unseren Allerheiligen-Spaziergang auf dem Friedhof machen. So habe sie einen Umgang mit dem Tod erlernt, durch den ihr der Tod nicht als etwas Endgültiges erscheint, sondern als Übergang in einen anderen Seinszustand. Sie wolle nach ihrem Tode als Rabe in einem Rabennest wiedergeboren werden. Sie wolle nicht auf einem Friedhof bestattet werden, sondern sie wolle, daß ihre Asche in alle vier Winde verstreut werde. Merles Stiefvater Benno hat entschieden, daß Merles Mutter eine Erdbestattung erhält. Das entspricht dem Wunsch der Verstorbenen. Sie wollte übrigens in einem Dirndl beigesetzt werden.
Tyra hat am Telefon erzählt, daß Rafa nach wie vor "offiziell solo" ist. Sie fragte mich, ob ich zu seinem nächsten Geburtstag kommen will. Ich wandte ein, immerhin habe Rafa ein Schild an seine Tür geklebt mit dem Hinweis, ich solle draußen bleiben.
"Ach, denselben Witz macht der nie zweimal", meinte Tyra.
Was das Mädchen betrifft, mit dem Rafa am vergangenen Freitag im "Mute" war, konnte Tyra anhand meiner Beschreibung mit Bestimmtheit sagen, daß es sich um "Peitsch-Püppi" handelte, die neunzehnjährige Chatbekanntschaft von Rafa. Da hatte ich mit meiner Schätzung ihres Alters recht gut gelegen.
Wie sich herausstellte, hat Zods Kumpel Pat die Ereignisse in der "Spieluhr" am vergangenen Donnerstag reichlich verdreht. Während in Wirklichkeit Zod von mir zurechtgewiesen wurde, weil er mich beleidigte, und Pat sich teilnehmend erkundigte, ob Zod mir auf die Nerven gehe, stellte Pat diese Ereignisse Tyra gegenüber so dar, als habe er, Pat, mich zurechtgewiesen, weil ich ihm auf die Nerven gehen würde.
"Warum erzählst du mir das?" wurde er daraufhin von Tyra gefragt.
"Du kennst doch Hetty", entgegnete Pat. "Wir kennen sie alle. Die mag doch keiner."
"Ich kenne sie besser als ihr alle zusammen", erwiderte Tyra, "und ich will mir so einen Schwachsinn von dir nicht anhören."
Damit hatte Pat nicht gerechnet; er wurde kleinlaut. Tyra vermutet, daß Pat sich bei ihr anbiedern wollte, indem er über mich lästerte. Er ging davon aus, daß Tyra ebenso wie Pat und Zod Rafas schlechte Meinung von mir kritiklos übernommen hatte.
Pat vermeidet jede Kritik an Rafa. Das Einzige, was er bemängelt, ist die Art, wie Rafa sich Tyra gegenüber verhalten hat. Über alles Weitere - darunter auch die Betrügereien und Gewalttätigkeiten, mit denen Rafa seine Freundinnen quält - sieht Pat hinweg.
"Ein Mensch ohne Rückgrat", urteilte ich.
Tyra zieht in das Haus ihrer Mutter in Rhg., ein Dorf in der Nähe von SHG. Tyra besitzt einen Motorroller, mit dem sie zur Arbeit fahren will, der ist jedoch kaputt und bleibt öfters liegen.
Am Dienstagabend sah ich The Police live in HH., ein Stadionkonzert. Schon vor 25 Jahren hatte ich The Police live sehen wollen, doch damals traten sie nirgendwo in meiner Nähe auf, und sie trennten sich kurze Zeit später. Nun sind sie wieder vereint - zumindest für diese Tournee -, und ich bekam sie endlich live zu sehen. Ich fand es beeindruckend, daß sie mit ihren alten Instrumenten auf der Bühne standen: einer E-Gitarre, einem Elektrobass und einem Schlagzeug, zu dem auch ein Gong, Schellen, ein Glockenspiel und anderes akustisches Schlagwerk gehörten. Sie vermochten mit diesen einfachen Mitteln - und der Stimme von Sting - eine dichte Atmosphäre zu erzeugen - klassischer Wave, "spacig", überweltlich. Mit High Tech läßt sich nicht alles imitieren, das fiel mir dazu ein.
Im Innenraum des Stadions konnte ich ganz links bis dicht vor die Bühne gehen, weil es keine "VIP"-Sperrzone gab. Es gab nur den Security-Graben unmittelbar vor der Bühne. Die Fans gehörten überwiegend zu meiner Generation und trugen schlichte Kleidung in gedeckten Farben wie Jeansblau, Braun, Grau und Schwarz. Sie zeigten ein ruhiges, gesittetes Verhalten.
Sting begrüßte das Publikum mit:
"Hier ist die Polizei."
Er fragte:
"Wollt ihr mit mir singen?"
Alles sang begeistert mit bei "Regatta de Blanc".
Es wurde aber auch kaum ein Hit ausgelassen.
Am Ende des Konzerts gestand Sting mit einem Seufzen:
"Ich bin fertig."
Auf dem Heimweg hörten die Fans The Police im Autoradio, denn die lokalen Sender spielten am heutigen Abend nichts anderes. Das Wetter war milde, die Fenster waren heruntergekurbelt. An den Kennzeichen war abzulesen, daß einige noch eine weite Fahrt vor sich hatten. Aber für The Police ist kein Weg zu weit, finde nicht nur ich.
In der Freitagnacht war ich im "Roundhouse". Marvel spielte unter anderem "Gnorp" von MS Mono, "Pusher" von Soman, "Humid Dreams" von Dulce Liquido und "Lost Highway 45" von Imminent Starvation.
Joujou erzählte, sie fühle sich auf der Arbeit äußerst unwohl. Man erkenne ihre Leistungen nicht an, nehme ihr lukrative Aufträge weg und mute ihr Vertretungssituationen zu, in denen sie nicht nur mit Veranwortung, sondern auch mit Vorwürfen belastet werde. Sie möchte sich so bald wie möglich wieder krankschreiben lassen.



Am Samstagabend waren Constri und ich bei Carl, der seinen Geburtstag nachfeierte. Merle und Elaine waren dort auch. Merle erzählte, daß das Bestattungsinstitut ihrer Mutter möglicherweise doch kein Dirndl angezogen habe. Es verlange Aufschlag, wenn das Arrangement verändert werde. Sie wolle schon gerne nachsehen, ob die Mutter das Dirndl anhabe, andererseits traue sie sich nicht so recht, einen Blick in den Sarg zu werfen. Am Dienstag soll die Beerdigung stattfinden. Dafür müssen Elaine und ihre Cousine Griseldis noch die Kirche schmücken.
Merle meinte, ihre Mutter habe sich sowohl um die Kinder als auch um die Enkel nur wenig gekümmert, mit Ausnahme von Elianas Sohn Silas, der sich aber seinerseits um sie wenig gekümmert habe. Elaine wandte ein, wenigstens habe ihre Oma sie und Griseldis ab und zu eingeladen und ihr ab und zu etwas geschenkt, darunter das Landhauskleid für die Einschulung.
Elaine bat um Themenwechsel. Sie wollte lieber über ihre bevorstehende Konfirmation sprechen. Sie möchte einen weiten Rock aus schwarzer Spitze tragen, knie- bis knöchellang, dazu eine weiße Bluse und eine schwarze Jacke in Lochmuster mit gehäkelten Rüschen. Griseldis wollte Elaine vorschreiben, eine Hose anzuziehen, weil sie selbst schon einen Rock anziehen will, und sie wolle nicht, daß Elaine ihr "alles nachmache". Ich wandte ein, daß sich fast alle Mädchen in einem Rock konfirmieren lassen und daß es Griseldis außerdem nichts angehe, was Elaine trägt.
Elaine gefiel mein Spitzenrock aus drei Röcken, so ähnlich hätte sie ihren Konfirmationsrock auch gerne. Für das nächtliche Ausgehen hatte ich mir außerdem zwei blaue Leuchtstäbe als japanische Knotennadeln in die Frisur gesteckt, und ich trug das breite, mit grauen Perlen bestickte Halsband, das im Nacken zu einer Schleife gebunden wird, die Corsage von Beate Uhse, die Lackpuffärmel, die langen Handschuhe und die Spitzenballerinen.
Elaine zeigte mir Augen, die sie gezeichnet hatte, das waren Manga-Augen und außerdem ein realistisches Auge. Sie zeigte mir ein Buch, in dem erklärt wird, wie Mangas gezeichnet werden. Elaine will am liebsten mit Manga-Bildern berühmt werden und im Kunstmuseum ausstellen. Von der Schule her wurde im Kunstmuseum bereits eine Posterwand mit Kinderbildern ausgestellt. Elaine möchte in einem Kurs malen und zeichnen lernen, nicht so gern autodidaktisch. Ich empfahl ihr, ihre Kunstlehrerin nach Förderprogrammen für Kinder zu fragen und Kurse in der Volkshochschule zu belegen. Ich meinte, im Internet könne sie gut ihre Bilder ausstellen. Was jedoch das Berühmtwerden betreffe, so gehe es nicht nur darum, Kunst herzustellen, sondern auch darum, sie zu vermarkten.
Elaine meinte, es sei doch schon etwas Besonderes, wenn ein Kind, das nicht einmal dreizehn sei, Mangas zeichne. Ich entgegnete, auf der Welt gebe es wohl Millionen von Kindern, die Mangas zeichnen und noch nicht dreizehn sind. Entscheidend sei, was sie vor den anderen heraushebe.
Elaine erzählte von einem Kind, das vier Jahre alt sei und dessen Bilder schon berühmt seien.
"Das Marketing hat das Kind bestimmt nicht selber gemacht", war ich sicher.
Carl hatte noch mehr Gäste, darunter seine ehemaligen WG-Mitbewohner Soran und Ghismo, seinen alten Bekannten Hinnerk samt Partner, Giulietta und Folter aus HB., Folters alten Kumpel Erdnußkopf und Zoë. Carl, Merle, Elaine, Erdnußkopf, Soran und Ghismo wohnen alle im sogenannten "bunten" Stadtteil Lnd., wo es nicht nur architektonisch drunter- und drübergeht. Lnd. war früher eine eigenständige Stadt. Von dem einstigen Industriestandort sind nur noch Reste übriggeblieben. Vorwiegend gibt es dort heute Wohnbebauung und Gewerbegebiete.
Nachts waren Constri und ich bei "Low Frequency" in BI. Die Industrial-Acts Nullvektor und Monokrom traten auf, Letztere in weißen Seuchenschutzanzügen, die Köpfe mit Verbänden verhüllt, die Füße in Gazeschläuchen.
Barnet erzählte, daß Monokrom vor zwei Jahren beim "Maschinenraum"-Festival in rosa Häschenkostümen aufgetreten sind. Monokrom ist eine Verbindung aus den musikalischen Projekten Synapscape, Asche, Morgenstern und The Rorschach Garden.
Passend zu den raffinierten und zugleich brachialen, äußerst tanzbaren Industrial-Beats und -Sounds war auch das DJ-Programm um die Konzerte herum. Zu den Highlights gehörten "Trans-Version" von Esplendor Geometrico, "7th Sect" von Synapscape und "Tentack one" von Imminent Starvation.
Asche stellte mir DJ Peyton vor, einen Londoner. Peyton ist schwarz und trug einen schwarzen Overall, martialisch-szenig. Peyton schwärmte von seiner Lieblings-Partyreihe in London, das sei das Event schlechthin für Industrial-Fans. Die Musik, die Peyton auflegte, bestand aus den Brachialsounds, die wir bei "Low Frequency" so mögen, und dementsprechend wurde ihm viel Lob zuteil. Sowohl Asche als auch Peyton wollen zum nächsten "Maschinenraum"-Festival kommen.
Chrysa erzählte, daß sie mit ihrem Neunzehnjährigen nur sehr kurz liiert war. Inzwischen ist sie mit einem langjährigen Bekannten zusammen. Man habe miteinander gefrühstückt und sich unterhalten, und dabei habe es sich ergeben.
"Wenn ich daran denke, mit wievielen Männern ich schon gefrühstückt und mich unterhalten habe", seufzte ich, "aber glaube bloß nicht, daß ich mich auch nur in einen einzigen von ihnen verliebt habe."
In Rafa habe ich mich auch nicht beim Frühstücken verliebt.
Chrysa hat eine befristete Stelle in der Personalabteilung einer kirchlichen Einrichtung. In November läuft ihre Stelle aus. Man will jemanden einstellen, der weniger qualifiziert ist und daher weniger kostet.
"Hauptsache billig", das ist das Prinzip vieler Firmen, auch der kirchlichen.
Chrysa hat BWL studiert. Sie hat sich bei etlichen Firmen schon beworben, aber noch nichts Neues bekommen.
Peggy erzählte, sie explodiere vor Glück. Seit anderthalb Monaten sei sie mit einem Mann zusammen, in den sie sich bereits vor vierzehn Jahren verliebt habe. Damals sei sie dreizehn gewesen und er knapp sechzehn. Sie habe vorerst mit einem seiner Freunde vorlieb genommen, jetzt aber sei sie endlich mit ihrem Schwarm zusammengekommen, nachdem sie in einem Internet-Forum Kontakt zu ihm aufgenommen habe. Sie habe ihn gefragt, ob er sich noch an sie erinnere. Man habe sich verabredet, und da habe es sofort gefunkt.
Ihr Schwarm sei drogenabhängig und habe eine lange Therapie gemacht. Seit sechs Jahren sei er clean und habe jetzt eine Stelle als Vorarbeiter; er sei im Maschinenbau tätig. Er neige zum Workaholismus und betreibe Endorphin-Junkietum.
"Er ist immer noch labil", vermutete ich. "Er weiß wahrscheinlich nichts mit sich anzufangen, wenn er mit sich selbst allein ist. Er muß sich immer mit irgendetwas das Gehirn zustopfen."
Peggy meinte, ihr sei bewußt, daß ihr Freund stets Gefahr laufe, erneut abzurutschen.
"Aber man soll ja den Moment genießen", meinte ich. "Und jetzt ist es ja schön mit ihm."
Peggy freut es, daß ihr Freund und sie viele Parallelen in ihrer persönlichen Entwicklung haben. Beide hatten eine belastete Kindheit. Peggy lief mit fünfzehn Jahren von zu Hause weg.
Morgens um fünf Uhr waren Constri und ich im "Zone" bei der hochbeliebten, stets sehr gut besuchten Elektro-Nacht in allen Sälen. Les legte im großen Saal auf, der sich wegen der späten Stunde schon ein wenig geleert hatte. Ich fühlte mich an die vergangenen "Zone"-Zeiten erinnert. Les spielte mehrere Power-Elektro-Hits hintereinander, so daß Constri und ich von der Tanzfläche nicht herunterkamen: "Disko Palästina" von Qntal vs. Monolith, "Do you believe it (Combichrist Mix)" von Dive vs. Diskonnekted, "Get your body beat" von Combichrist, "Straftanz" von Straftanz und "Lost" von Rotersand.
Weil ich vergessen hatte, wie der Titel "Lost" hieß, lief ich zum DJ-Pult und sah, daß Rafa in dem abgeteilten DJ-Bereich bei Les stand. Rafa trug ein weißes Miami-Vice-Sakko und seine blaue Sonnenbrille. Les plauderte mit Rafa. Um Les erreichen zu können, lief ich zu der Lücke in der Brüstung, durch die man aus dem DJ-Gelaß herauskommt.
"Les!" rief ich. "Wie hieß das geile Stück eben? Ich kenne es, aber ich habe den Namen vergessen!"
Neben mir stand Darienne wie einbetoniert und wartete auf Rafa, bebrillt, mit makeupbeschichtetem Gesicht, in enger Hose und Stöckelschuhen.
"Das ist Rotersand", sagte Les und zeigte mir das Cover.
"Und wie heißt das Stück?" fragte ich.
"'Lost'. Im W.E-Mix."
"Quatsch!" rief ich. "Rafa ist doch gar nicht in der Lage, eine so intensive Musik zu machen!"
"Er ist hier", sagte Les und deutete neben sich, wo Rafa stand, schräg hinter ihm.
"Klar", nickte ich und schaute Rafa in das brillenbewehrte Gesicht.
Rafa marschierte zum Ausgang. Er schleppte seinen CD-Koffer weg, Darienne stöckelte neben ihm her. Rafa knickte mit einem Bein kurz ein, das sah aus wie ein angedeutetes Herumkaspern.
Constri und ich frühstückten bei "McGlutamat", das sich neben dem "Zone" befindet. Heather kam dort auch hin, ebenso Les. Les erzählte, daß er in vierzehn Tagen wieder im "Zone" auflegt. Als ich erzählte, daß Constri und ich vorhin bei "Low Frequency" waren, rief Les:
"Ja, erzähl's mir nur!"
Er kann nie zu "Low Frequency", weil er samstags immer woanders auflegt.
Constri und ich dachten uns Namen für Rafas neue Gespielin aus. Statt "Peitsch-Püppi" könnte Rafas Eroberung sich auch "Leckliesel" nennen, "Foltervieh", "Züchtigungszicke", "Handschellenhuhn", "Latexhuhn" oder "Bondage-Bunny".
Auf der Heimfahrt kehrten Constri und ich in einer Autobahn-Raststätte ein. Wir hatten die Idee, daß man ein Wohnzimmer im Sanifair-Stil einrichten könnte. Für genügend Sanifair-Bons könnte man einen der Kamine kaufen, für die in Autobahntoiletten geworben wird. Als Bild kommt eine Kaminwerbung an die Wand. Der Kamin wird hellblau und hellgrün gekachelt, und es gibt einen für Weibchen und einen für Männchen, und wenn man sich in einen Sessel setzt, dreht sich der Sitz. Aus den Boxen hört man Musik von einer Sanifair-CD mit den angesagtesten Sanifair-Hits: Vogelzwitschern und Sphärenklänge.
Mein Vater lästert auch gern, irgendwoher müssen wir es ja haben. Zu Sphärenklängen, die nicht nur in Sanifair-Toiletten, sondern auch in Science-Fiction-Filmen die Begleitmusik bilden, kommentierte er:
"So klingt der Weltraum."
Als Physiker weiß er, daß es im Vakuum nichts zu hören gibt. Nicht einmal eine Explosion im Weltall verursacht Lärm.
Mein Vater erzählte eine Geschichte, die sich so recht zum Weitertratschen eignet. Eine Frau soll stets ihr Pendel befragt haben, wenn sie eine Entscheidung treffen wollte. Von dem Pendel ließ sie sich sagen, welchen Mann sie heiraten sollte, und sie ließ sich von dem Pendel auch sagen, wann sie sich von diesem Mann wieder trennen sollte.
Mein Vater hat einen Zeitungsausschnitt aufgehoben, darin ist ein Bild von dem Speisesaal eines Seniorenheims zu sehen. Die Senioren sitzen mit unbeteiligter Miene vor ihren Kaffeegedecken, viele im Rollstuhl. Die grauhaarigen Köpfe sind geschmückt mit Karnevalshütchen, auf den Tischen liegt Konfetti, an der Decke hängen bunte Girlanden. Unter dem Bild ist zu lesen:
"Im Seniorenheim herrschte am Rosenmontag Karnevalsstimmung."
"Guck' dir das mal an", kicherte mein Vater, "da tobt das Leben!"
"Echt, da ist voll der Bär los", meinte ich.
"Die wurden doch nur dekoriert", meinte er. "Die sitzen da doch völlig desinteressiert."
Mein Vater sammelt auch Kuriositäten aus dem Esoterik-Bereich. Einer dieser Zettel bewirbt ein sogenanntes "Diamant-Wasser". Diese Absonderlichkeit reiht sich ein in die sogenannten "Belebten Wässer", die angeblich durch Edelsteine und allerlei Hokuspokus - wie die Wasserernte bei Vollmond - mit Energie, Heilstrahlen oder Magnetkräften angereichert werden sollen und besondere Kräfte besitzen sollen. Vermutlich ist das einzige Belebte an manchen dieser Zauberwässer die Verseuchung durch Bakterien, die bei den magischen Anreicherungs-Ritualen hineingeraten können. Und die einzige unbestreitbare Tatsache an dem Treiben der Wasser-Esoteriker ist, daß man mit solchen Gaunereien viel Geld verdienen kann.
Landschaftsarchitektin Layana mailte, daß sie - ebenso wie ich - überlange Arbeitszeiten hat. Sie führt mit ihrem Freund schon länger eine Wochenend-Beziehung. Sie trauert um ihr zweites Kaninchen, das nach zehneinhalb Jahren dem bereits verstorbenen ersten Kaninchen nachgefolgt ist.
Berenice erzählte in einer E-Mail, Isis müsse sich geirrt haben, als sie geglaubt habe, Berenice mit einer Sonnenbrille im "Maximum Volume" gesehen zu haben. Sie trage nie Sonnenbrillen in Locations.
Berenice erzählte von einem Besuch bei ihren Eltern in BN. Ob es sich um ihre Pflegeeltern oder ihre leiblichen Eltern handelte, weiß ich bisher nicht. Berenice ist unter belastenden Bedingungen aufgewachsen, und ich wollte nicht genauer nachfragen. Ich mailte, daß ich BN. aus meiner Kindheit kenne, als meine Tante Britta mit ihrer Familie dort wohnte. Ich war in den Ferien öfter dort zu Besuch, auch mit dreizehn Jahren, als ich Skizzen für den Roman "Wirklichkeit" schrieb. Das verwinkelte Haus am Hang, innen mit rötlichem Holz vertäfelt, umwuchert von Grün, mit einem großen Garten und einer Schaukel an dessen unterem Ende, hatte für mich etwas Verwunschenes an sich. Zusammen mit Brittas Kindern malte ich und gab den Flummis Namen. Einen Kugelschreiber mit ungewöhnlich mitternachtsblauer Tintenpaste verwendete ich nicht nur für schriftliche Aufzeichnungen, sondern auch für Zeichnungen. Dabei handelte es sich unter anderem um Illustrationen für "Wirklichkeit". Aus dem Bücherregal zog ich das Kunstmärchen "Im Hasenwunderland" von Josephine Siebe und eine Märchensammlung mit traumhaften Illustrationen von Severino Baraldi. Diese Werke haben auch heute noch eine besondere Bedeutung für mich.
An Berenice mailte ich:

Tyra hat erzählt, daß es im Internet eine putzige Rezension über Rafas Auftritt beim diesjährigen Sommerfestival in HI. gibt. Über welche URL kann man die denn finden?

Berenice schickte mir den Link und schrieb dazu:

Ja, mir haben nur die Kommentare über das Playback-Getue noch gefehlt *lach* Nein, war schon klasse!!! :) Nicht, weil jemand böse über W.E schreibt, sondern weil jemand mal ehrlich schreibt!

Das Konzert-Review lautet folgendermaßen:

Möglicherweise hatte sich das Desaster schon Backstage angekündigt - man weiß es nicht genau. Honey, Frontman der Minimalelektroniker W.E, wirkte jedenfalls schon beim Aufbau von Set und Deko ein wenig genervt und war so wirklich mit nichts zufrieden zu stellen, was die Roadies und späteren Cam-Operators da fabrizierten. Leider färbte diese negative Grundstimmung auf das gesamte Konzert durch, welches auch in technischer Hinsicht schwer verzeihliche Mängel aufwies.
Dabei fing es dann zunächst erst einmal mit einem kleinen, aber feinen Bonmot an: Ein Mitglied der Crew betrat das Set, welches hinter ihm noch von schwarzen Vorhängen verhüllt wurde, und stellte sich als "Harry Pritzl" vor. Er habe gerade eine Bank überfallen und sich in den letzten Wochen überhaupt zum Negativen entwickelt und dabei einige Leute vor den Kopf gestoßen. Kurzum:
"W.E werden heute Abend nicht spielen, weil ich ihnen die Gage nicht zahlen kann."
Am Ausgang könne man sich in eine Liste eintragen, und er würde das Eintrittsgeld zurückzahlen. "Verschwendet Eure Jugend!" - dieses Zitat aus dem Film mit ähnlichem Namen ("Verschwende Deine Jugend") - sorgte in Teilen der Halle für einiges Gelächter und stellte klar, dass diese deutsche Musikkomödie mittlerweile aus dem Schattendasein heraus ist.
Sicherlich ist die Bühne generell ein wenig unpraktisch, fehlt es ihr doch um Einiges an Platz in die Tiefe. Schon im letzten Jahr wurde es bei ASP ziemlich eng, und W.E haben dann noch mal einen höheren Platzbedarf, dem hier leider nicht Rechnung getragen werden konnte. Allerdings schaffen es andere Bands unter noch widrigeren Bedingungen, ihre Konzerte auf einem gewissen Niveau zu halten - somit ist es unverständlich, dass ein Erfolgsact mit jahrelanger Bühnenerfahrung derart "wetterfühlig" ist, statt Souveränität walten zu lassen.
Electro-Hörer und vor allem -Konzertbesucher sind sich sicherlich darüber im Klaren, dass nicht alles, was da aus den Boxen dröhnt, live gespielt wird. Wie auch - bei den auf mittlerweile 8-hoch-X Spuren verteilten Klangstrukturen? Immerhin, es wird in der Regel der schöne Schein gewahrt und durch den Einsatz der verschiedensten Instrumente / Workstations und Live-"Musiker" die Illusion aufrecht erhalten, dass es sich hier zumindest teilweise noch um Handarbeit handelt. W.E jedoch ließen an diesem Abend leider nicht so viel Professionalität walten. Dies äußerte sich zunächst einmal darin, dass einige der zum Einsatz gebrachten Instrumente nicht angeschlossen waren und die darauf vollführten Fingerverrenkungen somit mehr als lächerlich wirkten. Die stets sichtbaren Bemühungen, die richtige MD für den nächsten Track zu finden, trugen ihr Übriges dazu bei, der gesamten Show den Stempel "100 % Musikplayback" zu verpassen - schade!
In Sachen Setlist gab's dann auch keine großen Überraschungen [...] Allenfalls die als Intro verwendete Cover-Version des KRAFTWERK-Hits "Die Roboter" erscheint hier bemerkenswert. Allerdings begann die Pannenserie schon bei diesem Track, als sich der Vorderteil von Honeys Maske löste und erst nach einiger Zeit wieder befestigt werden konnte. Ähnliche Probleme hatte Dolf - bei ihm hielt der aufgeklappte Teil nicht und schwang ihm immer wieder ins Gesicht.
Insgesamt eine miserable Show (Lucy und Plastik - das nächste Mal bitte synchron zur Musik auf die Drumpads eindreschen!), die von etwas weiter hinten sicherlich nicht ganz so erbärmlich ausgesehen hat. Daher war die Stimmung in der Halle sehr gut. Partiell sogar zu gut, was einige hirnlose Vertreter der Gattung Goth dazu verleitete, drei Meter vor der Bühne das Pogen anzufangen und dabei in einem Umkreis von 5 Metern ein unbeschwertes Konzerterlebnis quasi zunichte machten.
Noch Fragen?

In E-Mails - unter anderem an Victoire - erzählte ich von der Unterbesetzung im "Reha-Bunker" und der Erhöhung der Arbeitszeit für die verbliebenen Kollegen auf mittlerweile durchschnittlich 56 Wochenstunden, was mich körperlich krank macht, zumal ich parallel noch mit meiner Weiterbildung beschäftigt bin und dadurch einen wöchentlichen Arbeitsaufwand von zwei bis vier weiteren Stunden habe. Die Verwaltung des "Reha-Bunkers" und des dazugehörigen Unternehmens hat entschieden, daß die neuen Arbeitszeitregelungen nicht anerkannt werden, was zu einer Kündigungswelle bei den Assistenzärzten führt. Die verbliebenen Assistenzärzte müssen weiterhin alle Nacht- und Feiertagsdienste abdecken und erhalten keinerlei Unterstützung durch Oberärzte oder externe Kollegen. So kommen überlange Arbeitszeiten zustande. Während die Zahl der Assistenzärzte sinkt, steigt die Zahl der Oberärzte immer weiter an. Inzwischen gibt es fast doppelt so viele Oberärzte wie Assistenzärzte. Das hat zur Folge, daß die Oberärzte mehr und mehr stationsärztliche Aufgaben übernehmen - was eigentlich das Einsatzfeld der Assistenzärzte ist -, während die Assistenzärzte in Nacht- und Feiertagsdiensten verschlissen werden. Als wäre das nicht genug, wird von den Assistenzärzten verlangt, daß sie sämtliche Entlassungsberichte verfassen. Der Ärztliche Direktor - zum Glück nicht mein unmittelbarer Vorgesetzter! - denkt sich immer neue Schikanen für seine Untergebenen aus, mit denen er sich bei der Geschäftsführung lieb Kind machen kann. Er liest jeden Morgen in der Frühbesprechung Listen vor, auf denen die Zahl der noch nicht erledigten Entlassungsberichte der jeweiligen Assistenzärzte steht. Außerdem begegnet er dem Mangel an Therapieangeboten, indem er pauschal Wassergymnastik verordnen läßt und jeden Morgen eine "Wasserliste" verliest. Auf dieser Liste stehen die Namen aller neu aufgenommenen Patienten, und zu jedem einzelnen fragt er, ob dieser Patient Wassergymnastik bekommen kann. Abgesehen davon, daß wir ohnehin nach jeder Neuaufnahme alle erforderlichen Therapien verordnen, wenn verfügbar - wodurch die "Wasserliste" eigentlich überflüssig ist -, kommt noch der Zeitverlust für die Ärzte dazu, die sich jeden Morgen das Verlesen der "Wasserliste" anhören müssen. Der Ärztliche Direktor - den ich inoffiziell "Mr. Wasserliste" nenne - unterstellt den Ärzten anscheinend, daß sie nicht in der Lage sind, die erforderlichen Therapien für die Patienten zu verordnen. Es kommt zu absurden Situationen, wenn "Mr. Wasserliste" die Namen von Patienten verliest, die noch nicht einmal stehen können.
Victoire empfahl ein ehemaliges Lungensanatorium in der Nähe von B. als "Lost Place"-Fotoziel. Die Ruinenlandschaft scheint allerdings nicht legal zugänglich zu sein; vielleicht ändert sich das noch.
Ende September habe ich Folgendes geträumt:

In einer mittelalterlichen Burg sah ich auf einem Mauervorsprung eine Braut sitzen in einem feinen Spitzenkleid, an der Knopfleiste mit Satinbändern verziert. Der Rock war lang, weit und bauschig.
Draußen vor der Burg begegneten mir einige Leute, die ich kannte, unter ihnen der große dunkelhaarige Mann, der die Braut liebte und in den sie verliebt war. Zu der Burg gehörte eine große Kirche, die befand sich innerhalb der Mauern, sie war darin eingebaut. Wie durch einen Lautsprecher war die Stimme des Priesters bis hierher nach draußen zu hören. Er wollte eben die Braut mit dem ihr zugewiesenen Verlobten trauen, den sie nicht liebte.
"Wenn du sie haben willst, hol' sie dir!" rief ich dem großen dunkelhaarigen Mann zu.
Wie aus einer Erstarrung erwacht, rannte er durch das offene Burgtor zu der schweren Flügeltür, die in die Kirche führte. Mit den anderen Leuten lief ich hinterdrein. Da öffnete sich die Flügeltür, und die Braut kam uns entgegengelaufen.
"Ich hab's nicht gemacht!" rief sie. "Ich hab's nicht über mich gebracht."
Alle gemeinsam liefen wir nun aus dem Burghof ins Freie. Ich lotste die Leute um eine steile Grube herum zu einem halbverfallenen Gemäuer, wo wir von dem Vater meiner Bekannten Helene empfangen und eingelassen wurden. Helene war ein Mädchen mit langen dunklen Haaren, das ich erst seit dem Vortag kannte, ebenso wie ihre blondlockige Freundin. Jetzt kam es mir bereits zugute, daß ich sie kennengelernt hatte.

In einem anderen Traum ging ich spätabends durch eine Vorstadtsiedlung, in der es nicht geheuer war. Gefährlich waren vor allem die Banden aus drogensüchtigen und gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen. Vor dem Haus, dessen Erdgeschoß ich bewohnte, verstellte mir so ein halbwüchsiges Kind den Weg. Es stand offensichtlich unter Drogen. Es sah fast so aus wie ein Junge, war aber ein Mädchen. Mit sanfter, lallender Stimme rief es mir entgegen, heute werde es mein Angebot annehmen und in meiner Küche kochen. Ein Junge, der etwas kleiner und jünger war als das Mädchen, rückte an mich heran und schwärmte, daß er sich darauf schon freue. Ich entdeckte, daß der Junge meinen Schlüsselbund an sich gebracht hatte. Mit forschem Griff riß ich ihm den Schlüsselbund aus der Hand und sagte freundlich, das sei gewiß kein Problem, nur heute passe es mir nicht. Als ich im Hause angelangt war und meine Wohnungstür aufschloß, kamen Nachbarn und fragten, ob sie mir behilflich sein konnten. Sie litten unter dem Terror der Kinder und Jugendlichen ebenso wie die gesamte Nachbarschaft.
"Bloß nicht in so einer Gegend wohnen", dachte ich beim Aufwachen, "und vor allem nicht im Erdgeschoß!"

Seit eine der wichtigsten Haltestellen des Stadtteils bei mir vor der Haustür liegt, laufen vor allem am Wochenende häufig lärmende, unter Alkohol und Drogen stehende Jugendliche an meiner Haustür vorbei. Dann freue ich mich, daß ich nicht im Erdgeschoß wohne.

In einem Traum war ich zu Gast in dem renovierten Fachwerkhaus einer Familie mit adligen Verwandten. Bei denen ging auch der Hochadel ein und aus, und Leute wie Grace Kelly gaben jedem die Hand, auch mir, ohne daß das für sie oder irgendjemanden sonst etwas Ungewöhnliches gewesen wäre. Im Nachhinein erinnerte ich mich, daß Grace Kelly längst tot ist und daß manche Leute sich darauf etwas einbilden, wenn ihnen irgendwer, der irgendwann in Zeitschriften oder im Fernsehen war, die Hand gibt.

Am letzten Freitag im September war ich im "Roundhouse". Highlights waren "Confession" von Ah Cama-Sotz, "Pusher" von Soman und "Even Stars" von Imminent Starvation. Ary-Jana und Hardcore waren nach langer Zeit wieder im "Roundhouse", in Begleitung von Heloise und Barnet. Joujou und Ary-Jana redeten noch immer nicht wieder miteinander.
Das Kostüm-Highlight des Abends waren große schwarze Engelsflügel, die ein Gast auf dem Rücken trug.
Am Samstag war ich mit Merle und Elaine bei IKEA. Wir besorgten einen Schreibtisch für Elaine und einen Sessel für Merle. Im Restaurant aßen wir zu Abend und überlegten, was wir noch alles kaufen und was wir wohin stellen wollen. Elaine erzählte, daß sie einen Rock entdeckt hat, den sie gern für die Konfirmation hätte: knielang, schwarz, etwas ausgestellt und raffiniert geschnitten.
Wie Merle berichtete, ist ihre Mutter tatsächlich in ihrem Lieblingsdirndl und mit ihrer Lieblingskette beigesetzt worden.
Daß Merle sich bei IKEA nur einen und nicht gleich zwei Sessel kaufen konnte, lag daran, daß sie wieder einmal fast ihr ganzes Geld ihrer Schwester Eliana gegeben hat, obwohl sie längst wissen müßte, daß sie es nie zurückbekommt. Eliana kauft sich von Merles Geld Luxusartikel. Sie geht anscheinend davon aus, daß sie Merle nur vorlügen muß, sie werde ihr das Geld zurückgeben, und schon bekommt sie es. Und tatsächlich ist Merle so naiv, daß sie ihr Haushaltsgeld weggibt gegen leere Versprechungen. Letztlich kann sie deshalb auch ihrer Tochter Elaine wichtige Dinge nicht kaufen. Elaine "lernt" gewissermaßen, daß ihre Bedürfnisse zweitrangig sind.
Als ich abends beim Teetrinken feststellen mußte, daß Elaines Schreibtischstuhl fort war, beichtete Merle, daß der Stuhl seit einem halben Jahr in Elianas Wohnung stand. Da wurde ich fuchsteufelswild und schickte Merle los, den Stuhl zu holen. Zehn Minuten später kam sie mit dem Stuhl zurück.
"Den Stuhl habe ich nicht für Eliana gekauft", betonte ich. "Ich will nicht, daß das Zeug, was ich für Elaine kaufe, bei Eliana landet. Ich sponsere Elaine und nicht Eliana."
Nachts war ich mit Berit im "Zone". Berit war noch nie dort gewesen und sogleich begeistert. Die Musik fand ich zwar nicht überragend, aber auch nicht wirklich schlecht, und wir hielten es recht lange dort aus. Ein Betrunkener namens Reed baggerte sowohl mich als auch Berit an. Im Gespräch erwähnte er nebenbei, daß er einen Auftritt von W.E in besonderer Erinnerung habe; da habe Rafa auf der Bühne ein Gewinnspielchen veranstaltet, wo es Sektflaschen zu gewinnen gab. Das habe ihn sehr beeindruckt.
Morgens frühstückten wir bei "McGlutamat". Berit erzählte, daß Ivo Fechtner sich nach längerer Zeit wieder bei ihr gemeldet habe. Sie hatte ihm einst die Freundschaft aufgekündigt. Nun fragte sie ihn, welchen Grund er habe, sich wieder bei ihr zu melden. Er meinte, er wolle sich einfach nur so wieder bei ihr melden. Sie entgegnete, sie wünsche keinen Kontakt zu ihm.
Ich erzählte, Ivo Fechtner tue mir zwar auf irgendeine Art leid, doch ich hätte gute Gründe gehabt, vor vierzehn Jahren den Kontakt zu ihm abzubrechen.
Berit erzählte, daß alle, von denen sie wußte, daß sie Kontakt zu Ivo Fechtner hatten, sich im Laufe der Jahre von ihm abgewendet hätten.
Durch sein unaufrichtiges und intrigantes Verhalten hat Ivo Fechtner sich einsam gemacht. Und der Mensch - als Herdenwesen - wird durch Einsamkeit ängstlich und depressiv. Ivo Fechter soll wegen seiner Verfolgungsängste nicht nur einmalig einen Psychotherapeuten aufgesucht haben, er soll sich sogar für einige Wochen in stationäre psychiatrische Behandlung begeben haben.
Mit Magnus habe ich mich wieder einmal über das Universum unterhalten. Magnus erklärte, am Rande des Universums, das sich allmählich ausdehne, gehe das "Etwas" in das "Nichts" über. "Nichts" bedeute nicht nur die Abwesenheit von Teilchen und Strahlung, sondern auch die Abwesenheit von Raum; ein leerer Raum sei also nicht "nichts", sondern immerhin ein Raum und damit vorhanden, also "etwas".
Der kälteste Ort des gesamten Universums befinde sich in einem irdischen Forschungslabor, wo man 0 Kelvin schon recht nahegekommen sei. Im Weltraum, auch im Vakuum, sei es wärmer, wegen einer flächendeckenden Reststrahlung, und diese Temperatur werde lediglich in dem Forschungslabor unterschritten.
Der Relativitätstheorie zufolge verschieben sich bei hohen Geschwindigkeiten nicht nur die zeitlichen, sondern auch die räumlichen Dimensionen. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit ist die strukturelle Integrität eines Objekts oder Lebewesens nicht mehr gegeben, ein Mensch würde also ab einer bestimmten Geschwindigkeit nicht mehr existieren können.
Constri hat erzählt, daß Darien einverstanden war, als sie ihm von ihrem Plan erzählte, eine Rolle in einem ihrer Videos mit ihm zu besetzen. Er bat sie, ihm ein Exposé zu mailen.
Mit Dera hat Darien nun endlich das von ihm gewünschte längere Gespräch geführt. Die Fäden haben sich dadurch noch nicht vollständig entwirrt. Darien glaubt mittlerweile, er sei schuld an dem Scheitern seiner Beziehung mit Dera. Zu Constri sagte ich, sie möge Darien vermitteln, daß wahrscheinlich überhaupt keiner schuld ist und daß die beiden wahrscheinlich nur einfach nicht zusammengepaßt haben.
Darien fuhr nach Borkum. Constri schickte ihm das gewünschte Exposé. Von Borkum aus mailte Darien, er finde Constris Ideen und Pläne gut. Am liebsten wollte er schon in der kommenden Woche nach H. fahren.
Letztlich verabredeten sich Constri und Darien für Mitte Oktober.
Constris Planungs- und Organisationsschwächen kommen immer deutlicher zum Tragen, je länger und je häufiger sie sich in kreative Projekte einbindet. Unglücklicherweise zeigt sie kaum Selbstkritik, im Gegenteil - sie ist überaus gekränkt, wenn man Zweifel an ihrem Planungs- und Organisationsvermögen anmeldet.
Mit Müh und Not bekam Constri ihre VJ-Serie für das "Mute" fertig und zeigte dort Anfang Oktober Videosequenzen auf der Großleinwand. Eigens gesetztes Licht sorgte dafür, daß die Filme schön zur Geltung kamen. Ich beobachtete, daß viele Leute meditativ-gedankenverloren auf die Leinwand schauten, ob sie nun gerade tanzten oder sich unterhielten.
Unter Constris neuen Videosequenzen waren zwei aus der weitläufigen Fabrikhalle, in der sich früher die Zelt-Location "Halle" befunden hat. Da konnte ich mich endlich auf der Großleinwand in der leeren, sonnendurchfluteten Halle im durchsichtigen Kleid herumspringen sehen. Fotografin Keshia fragte mich, ob ich Ballett gelernt hätte. Ich bejahte, und sie meinte, das sei deutlich erkennbar. Keshia erzählte, daß sie Klarinette und ein anderes Blechblasintrument spielen kann; eigentlich schäme sie sich dafür. Ich meinte, dafür müsse sie sich nicht schämen, im Gegenteil, es sei doch schön, solche Instrumente zu beherrschen. Das könne nicht jeder, und eine Band, die genau das suche, werde schwer so jemanden finden.
Keshia hat im "Mute" ihre jetzige Chefin kennengelernt, über den ehemaligen Freund ihrer Schwester; er habe sie eines Tages mitgenommen ins "Mute".
"So findet man hier die Kontakte, auch beruflich", meinte ich. "Das hat sicher auch damit zu tun, daß nicht nur Teenager hier herumlaufen, sondern vor allem erwachsene Leute."
Fotograf Kenan zeigte sein Asthmaspray und meinte, das brauche er hier schon gar nicht mehr, weil nicht mehr geraucht werden dürfe.
Überraschungsgast war Carl. Zum ersten Mal seit Jahren war er wieder auf einer Szene-Party und konnte nun gleich Constris VJ-Show bewundern. Ihm gefiel es durchaus im "Mute".
Carl möchte wieder Kontakt zu Saverio aufnehmen, in den er früher verliebt war. Saverio wohnt in Carls Nähe, auch in Lnd. Carl hofft, daß es Saverio gelingt, Carls Computer herzurichten, so daß Carl damit online gehen kann und ihn für E-Mails und dergleichen nutzen kann.
Ein weiterer Überraschungsgast im "Mute" war Adi, den ich seit 1992 kenne. Wir sahen uns nur im Vorübergehen, er war schon früh wieder weg; gerne hätte ich mich länger mit ihm unterhalten.
Morgan erzählte, daß Seraf seinen Doktor gemacht hat und noch immer an der Universität in R. arbeitet. Seraf hat sehr lange Arbeitszeiten. Das musikalische Projekt von Seraf und Morgan - Eo Ipso - liegt daher auf Eis. Ich meinte, leider sei es schwer, Kunst zu vermarkten. Morgan meinte, Seraf müßte es ja eigentlich wissen, das Vermarkten sei sein Fachgebiet - doch alles theoretische Wissen helfe nichts, wenn der göttliche Funke fehle.







.

Von Bertine und Hakon hatte ich schon länger nichts mehr gehört. Ich wollte wissen, was aus dem Kind der beiden geworden war, das längst zur Welt gekommen sein mußte. Es war ein Mädchen mit Down-Syndrom, das war schon vor der Geburt bekannt. Hakon berichtete am Telefon, Bertine sei zur Zeit nur per SMS zu erreichen. Sie halte sich fast nur noch in der Kinderklinik auf. Das Kind sei am 14. August zur Welt gekommen und heiße Finja. Einen Monat vor dem errechneten Geburtstermin habe Finja geholt werden müssen, weil sie körperlich schwer krank sei. Man wisse nicht, ob sie durchkommen werde. Deshalb habe man niemandem von der Geburt erzählt und sich sehr zurückgezogen. Finja hat außer Trisomie 21 mehrere Begleiterkrankungen, die lebensbedrohlich sind. Dazu gehören eine Störung des blutbildenden Systems, der Immunabwehr, der Gerinnung und der Leberfunktion und überdies ein Herzfehler. Finja hat bereits einen Infekt hinter sich, der sie beinahe das Leben gekostet hätte, und als es ihr besonders schlecht ging, wurde sie in die Hochschule verlegt, wo sie immer noch ist, auf der Kinder-Intensivstation. Bertine ist nur zum Schlafen zu Hause, sonst ist sie immer bei Finja. Bertine ißt morgens und abends mit Hakon und darf mittags in der Mensa essen, das ist ein Service für die Angehörigen. Hakon kommt nach Feierabend in die Hochschule. Bertines Mutter ist zwischendurch häufig da. Nur diese drei dürfen zu Finja, wegen der Infektionsgefahr. Bertine stillt Finja und pumpt für die Nacht ab.
Bertine wachte in der kommenden Nacht auf und schickte mir einen halbseitigen Text, der sich in mehreren SMS auf meinem Handy einfand. Sie erzählte, daß Finja bei der Geburt mit 2770 g zu leicht und mit 45 cm zu klein war. Sie schilderte die Achterbahnfahrt, die nun folgte und die bis heute andauert.
"Die Kleine hat schon vieles mitgenommen, was sie besser liegengelassen hätte", meinte Bertine.
Wenn ihr und ihrer Familie etwas helfe, dann Gedanken und Gebete.
Tyra erzählte am Telefon, daß sie an einem schweren Harnwegsinfekt leidet und ein Antibiotikum einnimmt.
"Ja, man kann auch einen Harnwegsinfekt kriegen, ohne etwas mit Rafa zu haben", meinte ich. "Wenn man sich verkühlt und Streß hat ..."
Verkühlt hatte Tyra sich tatsächlich. Außerdem hat sie zwar eine Bleibe, doch gesichert ist ihre Zukunft noch lange nicht. Wenigstens muß sie nicht hungern; bei ihrer Mutter gibt es immer genug zu essen.
Tyra ist froh, nicht mehr bei Rafa in der Nähe zu wohnen.
"Er treibt es schlimmer als jemals vorher", meinte sie, "da bin ich mir sicher. Aber wenigstens kriege ich das jetzt nicht mehr so mit."
Tyra erzählte von ihrem Neffen Damion. Er sollte für die U8 ein Bild malen, zur Beurteilung des Entwicklungsstandes. Einige Stunden vor der U8 war das Bild noch nicht fertig.
"Damion, du muß noch für den Doktor ein Bild malen", ermahnte ihn die Mutter.
Da tat der Junge so, als würde er den Bogen beschriften, und unter die "Beinahe-Schrift" malte er ein grobes Gekrickel. Als der Doktor ihn fragte, was das sei, antwortete Damion:
"Da steht es doch, da habe ich geschrieben:
'Lieber Herr Doktor, ich kann nur Krikelkrakel.'
Und das ist das Krikelkrakel."
Er zeigte auf das grobe Gekrickel.
Der Doktor soll Mühe gehabt haben, sich das Lachen zu verbeißen.
Am Samstagvormittag waren Constri, meine Mutter, Denise und ich beim Krabbelgottesdienst. Dieses Mal gab es eine Erntedankfeier für die Kleinen. Sie malten Pappbecher bunt an, füllten sie mit Erde und steckten Sämlinge hinein.
Denise übernachtete bei Derek. Sie wollte am Sonntag mit ihm zum Erntedankgottesdienst gehen, er hatte aber keine Lust. Also gab es nur das Fernsehprogramm.
Derek wird von seiner jetzigen Lebensgefährtin Juno mit Geld reich bedacht. Neulich hat sie eine Sonderzahlung erhalten, davon hat er sich einen Chefsessel gekauft.
"Und wann zahlst du mir deine Schulden zurück?" fragte Constri.
"Wenn ich im Lotto gewinne", antwortete Derek lapidar.
Constri ist froh, keinen Mann mehr an ihrer Seite zu haben, der sie ewig um Geld anbettelt. Sie hat Derek kurz gehalten, dennoch haben sich im Laufe der Jahre einige Tausend Euro Schulden angesammelt, die er nicht abgezahlt hat.
Meiner Mutter gefällt die Kurzgeschichte "Eine Menschenseele", die ich online gestellt habe und ihr neulich als Ausdruck mitgegeben habe.
"Du kannst eben mit Sprache umgehen", meinte sie.
Ihr waren zuerst die Illustrationen ins Auge gefallen, die ich auf dem Bildschirm hatte, als sie mich besuchte. Sie findet die Bilder professionell und meinte, die müßten sich doch vermarkten lassen.
"Nur weil etwas gut ist, hat man es noch lange nicht vermarktet", entgegnete ich. "Es ist eben immer die Frage, wie - und wie, das habe ich noch nicht herausbekommen."
Als ich ihr die Kurzgeschichte "Tiefsendung" zeigte, erklärte ich, daß die Illustrationen auf dem Muster des Wäschesacks basieren, den wir früher in unserem Kinderzimmer hatten. Meine Mutter erzählte, daß dieser Wäschesack aus einem Tanzkleid genäht wurde. Es war ein Tanzkleid aus den fünfziger Jahren, mit weitem Tellerrock und einer trägerlosen Corsage mit Stäbchen. Meine Mutter und ihre Schwester Britta bekamen es von entfernten Verwandten aus den USA, als sie junge Mädchen waren. Das Kleid wurde zu dem Wäschesack und einem Frisierumhang verarbeitet, als es verschlissen war. An den Frisierumhang kann ich mich auch noch erinnern; er ist mittlerweile ebenfalls verschlissen. Meine Mutter staunte nicht schlecht, als ich erzählte, daß ich den Wäschesack immer noch habe, wohl verwahrt im Kleiderschrank. Das Muster für die Illustrationen bekam ich, indem ich einen Teil des Wäschesacks einscannte.
In der "Tiefsendung", einer Technik des Sehens hinter den Augen, erblicke ich schon von Kindheit an einen grünen Saal, der unter mir vorbeizieht und mit schwarzen Mustern verziert ist. Diese Muster und das sanfte Grün ließen mich von jeher an den Wäschesack denken. Der grüne Saal ist für mich schon immer ein Ballsaal gewesen. Also handelt die Geschichte "Tiefsendung" auch von einem Ballsaal und vom Tanzen, und die Hauptfigur trägt ein Tanzkleid mit weitem Rock und Corsage; freilich ganz in Schwarz, damit es zu den Mustern paßt.
Nun stellte sich heraus, daß der Wäschesack aus einem Tanzkleid geschneidert wurde, dazu noch eines mit Corsage und weitem Rock.
Meine Cousine Lisa und ich stellten beim Telefonieren fest, daß wir in unserer Jugend beide darunter gelitten haben, nichts Sinnvolles zu tun zu haben.
"Ich habe mich immer gefragt, was es war, das gefehlt hat", meinte Lisa.
"Der Mensch ist ein Herdentier, also würde ich sagen: Menschen", meinte ich. "Wir hatten doch kaum jemanden, mit dem wir uns vernünftig unterhalten konnten und etwas Vernünftiges unternehmen konnten. Wir hatten nur komisch gickernde Teenager um uns herum."
"Was sind schon Peer Groups?" überlegte Lisa. "Das sind doch nur Gruppen von Jugendlichen, die alle nichts Sinnvolles zu tun haben."
"In diesem typischen Cliquen öden sich die Leute nur gegenseitig an und reden, ohne etwas zu sagen. Deshalb habe ich in diese Cliquen auch nicht gepaßt."
"Im Studium war es auch nicht viel besser", erinnerte sich Lisa. "Die Freundschaften zerbrachen, sobald ein Kurs zu Ende war."
"Dann waren es auch keine richtigen Freundschaften."
Lisa hat inzwischen durch ihre Familie und die damit verbundenen Kontakte - etwa zu Kindergarten- und Schuleltern - so viele Kontakte und so viele wichtige Aufgaben, daß es für sie keine Leere und kein Gefühl der Sinnlosigkeit mehr gibt. Bei mir öffnete die Clubszene die Türen zu einem sich laufend entwickelnden und vergrößernden Freundeskreis, der fast den Charakter einer großen Familie hat. Schicksale werden über Jahrzehnte miterlebt und mitgetragen. Hinzu kommt meine kreative Arbeit. Lisa und ich sehen uns heutzutage einem Berg von Aufgaben gegenüber, der nicht abgetragen werden kann. Das ist uns tausendmal lieber als die Leere und Unterforderung von früher.
Der fünfte Geburtstag von Lisas Tochter Amaryllis wurde dieses Jahr als "Hexengeburtstag" gefeiert. Lisa nähte für jedes Kind, das mitfeierte, einen Hexen-Umhang. Im Wald machte sie ein Hüttchen als Hexenhaus zurecht und hängte mit bunten Bändern selbstgebackene Lebkuchen daran. Das war die Überraschung für die Kinder auf ihrem Hexenspaziergang. Das Wetter blieb trocken, und so war das "Knusper Knusper Knäuschen" ein ungestörtes Vergnügen.
Am Samstagabend gab ich die alljährliche Grillparty, wo auch Federweißer und Zwiebelkuchen gereicht werden. Meine Schulfreundin Odette erschien mit ihrem Mann Quentin und dem kleinen Darren, der schon laufen kann.
"Er ist ja auch schon dreizehn, fast vierzehn", sagte Odette.
Sie meinte damit freilich die Monate, nicht die Jahre.
Darren ist ein lebhaftes, charmantes Kind. Der Blondschopf steckte in hellblauem Cord und lächelte freundlich. Odette erzählte, daß sie dauernd Komplimente für den Kleinen hört.
Odettes erster Sohn war nicht lebensfähig. Odette überwand ihre tiefe Trauer erst mit der Ankunft ihres zweiten Sohnes Darren.
Odettes Vater hatte unlängst einen Schlaganfall. Kaum, daß er krank wurde, verließ ihn seine Lebensgefährtin - nach über zwanzig Jahren. Odette zog mit ihrer Familie in den Anbau seines Hauses in Awb., um den Vater versorgen zu können. Quentin fährt Tag für Tag in die Stadt zur Arbeit in dem Zeitschriftenladen, den Odette und er betreiben.
Quinn, den ich über Onno kennengelernt habe, stellt Liköre selbst her, das ist sein Hobby. Heute brachte er eine Flasche selbstgemachten Vanillelikör mit Vanilleschote mit, der während der Party mehr als zur Hälfte alle wurde. Man kann raffinierte Mischgetränke damit zubereiten.
Onno erschien mit Endera und Dayenne. Enderas Katze hat sich von ihren Krankheiten gut erholt. Das Tier saß neulich hoch oben unterm Dach in schwindelnder Höhe, es ist die Krone eines Dachtürmchens und zugleich der höchste Punkt der Decke der Dachwohnung von Onno und Endera. Endera fürchtete schon, die Katze könnte abstürzen, da setzte das Tier mit einem gewaltigen Sprung auf einen Balken, der wohl zwei Meter darunter verlief.
"Ach, doch so sicher", staunte Endera.
Layana erschien mit ihrem Freund Levin. Layana hätte gern wieder Haustiere, doch muß sie so viel arbeiten, daß sie kaum Zeit für die Tiere hätte.
Clarice erschien mit ihrem geschiedenen Ehemann Leander und ihrem neuen Lebensgefährten Quincy. Sie trug einen prachtvollen roten Sari mit goldenen Ornamenten. Was Leander betraf, so versicherte Clarice, daß ihm Saris mindestens genauso gut stehen wie ihr selbst.
"Das glaube ich", meinte ich, "der hatte ja auch mal so ein geiles durchsichtiges Kleid an, das sah an ihm ja auch hinreißend aus."
Um halb drei Uhr morgens, als die anderen Gäste schon fort waren, trank ich mit Constri Latte Macchiato. Constri erinnerte sich an ein Gespräch von Kurt und Cecile, dem sie zugehört hat, als sie neulich bei Sarolyn und Victor zu Besuch war. Cecile erzählte, daß Kurt noch ein Kind will, und sie habe beschlossen, es möglichst rasch zu bekommen, damit sie möglichst bald in den Beruf zurückkehren kann.
"Aber du brauchst doch nicht zu arbeiten, ich verdiene doch genug", wandte Kurt ein.
"Ich glaube, um das Geld geht es hier nicht", schaltete Constri sich dazwischen. "Ich glaube, es geht um die Arbeit an sich. Ich glaube, Cecile will arbeiten, weil sie das gern tut."
"Stimmt, das ist mein Traumberuf", bestätigte Cecile.
Sie unterrichtet Förderkinder.

In einem Traum waren Constri und ich in einem seltsamen Altbau. Wir fanden Briefe, die nicht zugestellt wurden und die wir nun neu versenden konnten. Einige waren fast fünfzehn Jahre alt. Mal hatte der Postbote die Adresse falsch gelesen, mal stand die verkehrte Adresse auf dem Brief oder eine, die nicht mehr galt. Ein Brief war an Ivco gerichtet; er stammte aus der Zeit, als Ivco noch in derselben Straße wohnte wie Rafa. Der Straßenname war jedoch falsch geschrieben.
Constri machte sich auf den Weg; sie wollte ihre VJ-Show vorbereiten. Ich folgte ihr etwas später und sah sie draußen am oberen Ende eines Steilhangs aus goldfarbenem Sand bei ihrem Auto stehen. In den Sand waren Muster gestempelt, ähnlich wie Sonnen. In halber Höhe des Hangs ging ich von der Seite darauf zu und machte mich daran, den Hang hinaufzuklettern. Währenddessen wurde er immer steiler. Constri redete andauernd auf mich ein. Ich sollte Zettel sortieren, die ich in der Hand hielt, ich sollte Sachen daraufschreiben, die ich mir merken sollte, ich sollte Ideen liefern für ihre VJ-Show. Immer wieder wandte ich ein, daß ich dabei war, einen Steilhang hinaufzuklettern und daß ich mich konzentrieren mußte, um nicht abzurutschten. Das schien Constri jedoch nicht zu kümmern.
"Erst sagst du mir jetzt deine Ideen, erst schreibst du das hier auf", kam nur von ihr.
Als ich endlich oben angekommen war, war der Hang so steil geworden, daß ich nicht mehr auf den Weg klettern konnte. Der Weg war zudem so schmal geworden, daß er mir keinen rechten Halt mehr bot. Ich griff über den Weg hinweg nach einem Holzbalken und klammerte mich daran fest. Constri forderte mich auf, ja auf die Zettel achtzugeben, daß sie nicht hinunterfielen. Daß ich selbst nahe daran war, hinunterzufallen, kümmerte sie nicht. Sie wollte, daß ich ihr noch mehr Ideen sagte und noch mehr Zettel vollschrieb. Zwischendurch half sie mir, auf den Weg zu klettern. Ich wollte zum Auto, um mich dort in Sicherheit zu bringen. Das Auto stand rechts von mir auf einem Vorsprung, von dem es nicht so leicht abstürzen konnte. Constri verlangte, daß ich noch einmal vom Auto weg nach links kroch, um Zettel zu holen, die dort lagen, und um mit ihr etwas für die VJ-Show auszuprobieren. Ich rutschte dabei wieder vom Weg ab und konnte mich eben noch an einem glatten, etwas vorgewölbten Holzbalken festhalten. Constri redete unablässig weiter auf mich ein. Ich sagte ihr immer wieder, daß meine Lage inzwischen bedenklich sei, doch das kümmerte sie nicht. Der Steilhang war nun fast senkrecht, und wenn ich abstürzte, dann mindestens fünfzehn Meter tief, und von dort aus ging es weiter nach unten, wohl zweihundert Meter; das überlebte man aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Constri redete und redete und mahnte, die Zettel dürfe ich nicht verlieren. Da rutschte ich von dem Holzbalken ab und stürzte im freien Fall in die Tiefe, die Zettel mit mir. Vor Schreck wachte ich auf.

Dieser Traum erinnert mich an Constris Angewohnheit, unablässig zu klammern, egal wie müde und entkräftet ich bin. Ich soll ihr sagen, wie sie ihre Probleme löst, sie sagt mir aber nicht, wie meine zu lösen sind. Oft helfen nur drastische Worte, um Constri "abzuketten". Von dem Traum lerne ich, daß ich mich abgrenzen muß gegen Constris Forderung, ihre Defizite auszugleichen.
In einer E-Mail schickte ich Berenice den Link zu meiner neuen Kurzgeschichte "Nachmittag im Herbst".
Berenice schrieb:

Hat mir sehr gut gefallen, wenn es auch traurig und hoffnungslos war ...

Ich schrieb:

Ja, die Stories, die ich schreibe, haben alle irgendwie was Hoffnungsloses ... nach dem Motto "Irgendwie muß es ja schiefgehen!" Das hat auch biografische Gründe. Was ich nicht erlebt habe, will ich nicht schreiben, sonst hab ich das Gefühl, ich komme zu weit ab von der Realität und entwickle keine realistischen Lösungsversuche, sondern nur unrealistische.

Zwar gibt es in den Geschichten märchenhafte Ereignisse, die in der Realität nicht stattfinden könnten, doch im Grundton kommt es auf nicht wesentlich mehr heraus, als ich in der Realität erlebt habe. Eher sind die Geschichten pessimistischer als mein wirkliches Leben.
Mitte Oktober fuhren Constri und ich nach Ht. Constri wollte Ted von unterwegs anrufen und ihm sagen, daß wir uns etwas verspäten würden. Sie erreichte seinen Anrufbeantworter und mußte so sehr über seine Ansage lachen, daß sie nichts draufsprechen konnte. So bekam Ted anderthalb Minuten Lachen auf den Chip.
"Wenn Sie was sagen wollen, drücken Sie die 1", hieß es in der Ansage. "Wenn Sie nichts sagen wollen, drücken Sie die 2. Wenn Sie Bleche kaufen wollen, drücken Sie die 3. Wenn Sie auf die Toilette müssen, drücken Sie die 6. Wenn Sie gewinnen wollen, drücken Sie die 7. Wenn Sie verlieren wollen, drücken Sie die 8. Wenn Sie überhaupt nicht wissen, was Sie wollen, drücken Sie die 9. Sie können aber auch nach dem Piepton eine Nachricht hinterlassen."
Bei Ted aßen wir eine Mischung aus Mittagessen und Abendbrot, das holten wir von "McGlutamat". Ted spielte uns Constris Lachen vor und die Reaktion seines Vaters auf den Anrufbeantworter:
"Mein lieber Sohn, ich habe ja schon immer gewußt, daß du ein bißchen bekloppt bist."
Abends fuhren wir nach KR. zum "Maschinenraum"-Festival. Dort trafen wir viele Freunde und Bekannte. Highlight des Abends war für uns das Konzert von This morn' omina. Außer ihren elektronischen Geräten und einem Urwald-Bongo hatten This morn' omina drei Musiker auf der Bühne, die in Frack und weißem Hemd vorm Notenständer Flöte und Violine spielten, im Stil passend zu den übrigen Sounds. Das Ganze ergab eine rhythmische Katzenmusik, die die Bezeichnung "atonale Klangkunst" wahrhaftig verdiente. Wir lauschten und tanzten hingerissen.
Am Merchandize-Stand rief mich Mika G., Frontmann von This morn' omina, der mich aus dem "Mute" kennt. Mika erzählte, daß seine Band aus Belgien kommt und daß sie für das heutige Konzert drei klassische Musiker aus DO. gemietet hatten. Constri fragte Mika, ob er vorhin dirigiert habe, als er vorn auf der Bühne gestanden und mit den Armen gewedelt habe. Mika verneinte. Man habe für die Proben wenig Zeit gehabt und abgemacht, daß die Band die Sounds und Rhythmen vorgab und die klassischen Musiker spielten, was ihnen eben dazu einfiel; Hauptsache, man habe Spaß. Er wisse nicht einmal, ob auf dem Notenständer tatsächlich Noten gestanden hätten. Spaß habe man jedenfalls gehabt.
"Wir auch", freuten Constri und ich uns. "Es war einfach saugeil."
Den Abschluß des heutigen Abends bildete der Auftritt von Synapscape. Was live war und was nicht, war nicht sicher erkennbar. Das Publikum störte das herzlich wenig, alles tanzte und tanzte. Synapscape selbst schienen die Frage, was live war und was nicht, auch nicht sehr ernst zu nehmen. Sie sprangen auf der Bühne umher und schienen sich ebenso zu amüsieren wie das Publikum.
So locker, wie Synapscape ihr Konzert nahmen, so locker nahmen wir das ganze Festival. Wir verlangten nicht von uns, alle Konzerte zu sehen, sondern wir gönnten uns Ruhepausen in der Lounge, wo es für wenig Geld gutes Essen gab.
Dirk I. trafen wir am Stand bei Peter. Er wohnte wieder im "Dixi"-Hotel, wie viele andere Musiker. Nachts steigen dort während des "Maschinenraum"-Festivals regelmäßig Parties und Gelage.
Peter sagte zu Constri:
"You have a crazy sister."
"I know", bestätigte Constri.
Peter kennt meinen Szene-Namen "Elektro-Betty" und fragte mich, ob er mich so nennen dürfe. Das gestattete ich.
Eric van W. sah ich auch kurz, außerdem T.D. und seine Frau. T.D. erzählte, daß er mit seinem Techno-Industrial-Projekt "13th Monkey" Mitte Dezember im "Freie Radikale" in HH. auftritt. Da will ich hin.
Constri und ich bummelten an einem Merchandize-Stand, als ein Festivalgast uns fragte:
"Are you two related?"
Das konnten wir bestätigen:
"We are sisters."
Er meinte, das könne man sehen. Wir seien uns sehr ähnlich.
Er wohnt in Washington, D.C. Es kann sein, daß ich ihm schon bei früheren "Maschinenraum"-Festivals begegnet bin.
Nach viereinhalb Jahren traf ich Zenza wieder. Sie sah so aus wie damals, mit blau glitzernden Haarteilen in den blonden Zöpfen und schwarzer Corsage. Sie meinte, ich solle mal wieder das durchsichtige Kleid anziehen, das ich früher häufig getragen habe, das sei mein eigentlicher Stil. Von Constri war sie begeistert:
"Die ist so süß, deine Schwester, so lieb!"
Zenza lebt seit fast vier Jahren in London-Enfield. Noch immer ist sie mit ihrem Freund Vittorio zusammen. Seit er nicht mehr trinke, sei er viel langweiliger als früher, bemängelte sie. Sie wisse nicht, warum sie noch mit ihm zusammen sei.
Vittorio war immer sturzbetrunken, wenn ich ihn sah. Ich fand sein Verhalten peinlich. Er konnte nicht gerade gehen und lallte mit glasigen Augen Satzbruchstücke. Daß er auf Zenza in diesem Zustand anregend und interessant wirkt, kann ich nicht nachvollziehen.
Daß ich Rafa nach wie vor liebe, findet Zenza krankhaft. Sie kann sich nicht vorstellen, daß man einen Menschen bedingungslos lieben kann, ohne krank zu sein.
Zenza hat in London immer Arbeit, sei sie dort lebt; man finde immer Arbeit in London. Zur Zeit arbeitet sie für ein Telefon-Umfrageinstitut und ist zuständig für die deutschsprachigen Länder. Sie muß niedergelassene Neurologen und Psychiater anrufen und Umfragen machen.
Zu Aces ehemaliger Lebensgefährtin Lysanne hat Zenza nur noch losen Kontakt.
Zenza besitzt zwei Hunde, die in einem Tierheim bei Bad E. leben. Zenza hätte die Tiere gerne mitgenommen nach London, einer der Hunde dürfe aber nicht einreisen, da nicht klar sei, ob es sich genetisch um einen Kampfhund handele. Die Tiere seien ein Herz und eine Seele, daher sollten sie gemeinsam im Tierheim bleiben.
Zenza stellte ich Heloise und Barnet vor. Alle stammen aus derselben Region, und unabhängig voneinander kennen sie Lysanne und Darius.
Zenza erzählte, Darius habe Rafa vor vier Jahren in seine Band Das P. geholt, damit er Darius kreativ unterstützte. Darius habe Musik wie Velvet Acid Christ machen wollen. Unter Rafas Einfluß habe die Musik jedoch immer mehr wie W.E geklungen. Rafa habe Darius im Januar 2005 die Zusammenarbeit aufgekündigt, da man sich hinsichtlich des Stils nicht mehr einig gewesen sei. Rafa habe gemeint, so könne er nicht arbeiten.
Heloise und Barnet betonten, daß Rafa von Darius aus der Band Das P. geworfen wurde. Nicht Rafa sei es gewesen, der die Zusammenarbeit aufgekündigt habe, sondern Darius.
Tags darauf aßen Constri und ich mit Blanca, ihrem Freund Andres und einem befreundeten Pärchen im ehemaligen Bahnhofsgebäude von Ht. zu Abend, wo sich ein Diner befindet.
Unsere Konzert-Highlights beim "Maschinenraum"-Festival waren heute 5-FX und Sonar. 5-FX hatten sich als außerirdische Phantasiewesen verkleidet. Der eine trug einen riesigen Plüsch-Drachenkopf und ein passendes Gewand mit Zacken auf dem Rücken und Plastikschuppen vorne, der andere trug ein feines elastisches Gestell auf dem Kopf, das bespannt war mit grüngrauem Satin und das in Form und Größe den Stromabnehmern auf Zügen ähnelte. Dazu trug er ein langes schimmerndes Gewand. Die Kostüme verhüllten die beiden Musiker vollständig. In ihren Kostümen tanzten sie hinter ihren Keyboards, und das Gestell auf dem Kopf des einen Musikers schwankte dabei hin und her. Sie hatten Gegenstände auf der Bühne, die wohl außerirdische Phantasiewaffen darstellen sollten.
Als es mir zu laut wurde, erschien neben mir eine Frau, die mir Ohropax gab - wie die sprichwörtliche Gute Fee.
"Was Besseres hätte mir nicht passieren können", freute ich mich.
Zum Abschluß boten Sonar ihre bewährte Show. An ihren Keyboards standen sich Dirk und Eric gegenüber, und alles tanzte.
"Sie bleiben immer geil", sagte ich zu Constri.
Wir konnten den beiden das auch noch sagen, als wir nach dem Konzert im Flur standen und plauderten und sie an uns vorbeikamen.
In der Nacht zum Sonntag fuhren Constri und ich zurück nach H. Unterwegs machten wir Rast zum Schlafen und zum Frühstücken. Am frühen Nachmittag machten wir im Deister einen kurzen Spaziergang in der Oktobersonne. Viertel nach drei holten wir Denise bei Derek ab. Derek gab uns eine CD mit, die er für Denise gebrannt hatte:
"Sie wollte das unbedingt."
Auf der CD befinden sich Bilder und Filmsequenzen von Denise beim Pizzabacken. Die CD ist bedruckt mit einem goldfarbenen Bild, das Denise am Küchentisch zeigt, vor sich mehrere Pizzas. "Pizzatag mit Denise" steht auf dem Bild, darunter "13.10.2007". Auf dem Cover gibt es ein buntes Bild von Denise zu sehen, wie sie Pizzas belegt. Denise hat ein Pixibuch, das von einem Mädchen handelt, das Pizza backt. Vielleicht gab dieses Buch für sie den Ausschlag, es auch probieren zu wollen.
Tyra erzählte am Telefon, daß sie wegen ihrer Nierenbeckenentzündung für zwei Tage im Krankenhaus war. Inzwischen gehe es ihr besser. Am kommenden Wochenende möchte sie wieder zu Berenice nach ER. fahren.
Tyra hat ein Gedicht verfaßt, das sie mir vorlas und später zumailte, weil es mir so gut gefiel. Sie schrieb:

Hallo Hetty, hier bekommst du das Gedicht, weil Du Dich so herzlich daran erfreuen kannst ;)))

Er & Sie

Er macht's ihr vor,
sie macht's ihm nach,
er führt sie an,
wo er nur kann.

Sie malt sich an,
er schaut sie an,
sie haben sich gern
so dann und wann.

Er schreit sie an,
weil er es kann,
er führt sie vor,
sie ist Dekor.

Er will Prestige,
sie will nur sich,
bietet sich an,
er liebt sie nicht.

Sie wird besungen,
er ist gezwungen,
es so zu lassen,
bleibt gelassen.

Beginnt, das Leben neu zu hassen.
Schreit danach, die Welt zu verlassen.

Angeführt und unberührt,
vorgeführt, bleibt ungekürt,
wird verführt und bleibt geführt,
leere Hülle, die nichts spürt.

Führer, Führer, merkst du nicht,
daß daran dein Herz zerbricht?!!

(Darienne & Rafa)


Viel Spass beim Lesen ... :)))
Ich hoffe, Du äußerst Dich anschließend dazu. Ich erwarte Kritik, Anregungen und nicht zu letzt ein dickes Lob natürlich!!! ;)))

Das bekam sie von mir umgehend:

Ja, das Gedicht ist super, mach am besten einen Songtext daraus!
Weiter so, kann ich nur sagen. Das liest sich echt gut und ist voll aus dem Leben. Das wirkt authentisch, und ich finde, das ist die wichtigste Eigenschaft, die ein Text haben kann.

Am Freitag war ich bei Constri zum Abendbrot. Darien hatte wegen des Lokführer-Streiks mit dem ICE fahren dürfen:
"Das ging so schnell und war so komfortabel."
Constri bat Darien im Supermarkt, alles in den Einkaufskorb zu legen, war er wollte; sie wollte bezahlen. Er suchte Kichererbsen-Eintopf und Riesengarnelen aus, was Constri sonst nie kauft. Wir aßen heute abend Kichererbsen-Eintopf.
Darien erzählte, Dera rede kaum über ihre Beziehung mit Darien und über das Ende dieser Beziehung; vielleicht denke sie nicht einmal darüber nach. Er hingegen denke darüber nach und auch über die Fehler, die er gemacht habe.
"'Fehler' würde ich nicht sagen", meinte ich, "das mündet in Selbstvorwürfe. Vorwürfe können die sachliche Betrachtung blockieren. Ich rede lieber von Mechanismen, von Hintergründen und Entwicklungen, das ist neutral und ermöglicht es, eine Sache wertungsfrei zu hinterfragen und zu ergründen, so daß man ein sachliches Bild davon bekommt. Ich denke auch nicht, daß man in eurem Fall die Schuldfrage stellen sollte oder jemandem Vorwürfe machen müßte. Wahrscheinlich hat gar keiner schuld am Scheitern der Beziehung, sondern ihr habt letztlich einfach nicht zueinander gepaßt."
Darien meinte, er sei schon skeptisch geworden, als Dera ihn bei Ciarans Ankunft nicht habe heiraten wollen. Sie habe das damit begründet, daß sie nicht mehr heiraten wolle, ihr sei nicht nach Heiraten.
Ihrem früheren Mann sei es ähnlich ergangen wie Darien. Dera sei zuerst verliebt in ihn gewesen, dann habe er ihr nicht mehr genügt; sie fand ihn zu faul, nicht lebenstüchtig genug. Sie habe sich in Darien verliebt, der auf sie wie ein besonders toller, starker Mann gewirkt habe. Sie habe ihren Mann mit Darien betrogen. Schließlich habe Darien den Kontakt zu Deras Mann gesucht und zu ihm gesagt:
"Deine Ehe ist nicht in Ordnung. Deine Frau betrügt dich mit mir."
Da erst sei es zur Trennung von Dera und ihrem Ehemann gekommen.
Inzwischen erlebe Dera ihren Karatelehrer als tollen, starken Mann. Darien sei ihr nicht mehr toll und stark genug.
Darien erzählte, daß er nicht mehr so vor sich hinphilosophiere wie früher; er suche nach neuen Wegen. Demnächst wolle er eine Psychoanalye beginnen.
"Menschen, die philosophieren und 'suchen, was die Welt im Innersten zusammenhält', sind meistens auf der Suche nach Halt, nach Grenzen, nach Abmessungen", meinte ich. "Sie wollen sich in ihrer Welt zurechtfinden und sich orientieren. Ihnen ist aber wahrscheinlich nicht klar, daß sie die Orientierung nur in der Beziehung zu anderen Menschen finden können. Philosophieren ist häufig ein Zeichen von Einsamkeit."
"Das kommt hin, wenn man bedenkt, was die meisten Philosophen für bedauernswerte Geschöpfe waren ..."
"Schon als Teenager habe ich festgestellt:
'Einsamkeit macht dumm.'
Ohne Kontakte verliert man den Blick für die Dimensionen", meinte ich. "Der Mensch ist ein Herdenwesen und findet Bodenkontakt nur im Kontakt zu seinen Mitmenschen. Wenn der Kontakt zu den Mitmenschen fehlt, schwebt ein Mensch haltlos herum."
"Man kann auch im Kontakt mit anderen Menschen sehr einsam sein."
"Ja, es kommt sehr auf die Qualität der Kontakte an. Die Menschen müssen einander wirklich erreichen."
Darien erzählte, daß er sich bisher nirgends wirklich zu Hause gefühlt hat.
"Wenn man in der Welt nicht wirklich zu Hause ist, liegt das an einem Mangel an emotionalen Bindungen", meinte ich. "Heimat entsteht durch zwischenmenschliche Bindungen. Zum Beispiel diese Wohnung ... seit 1988 im 'Familienbesitz' ... Constri oder ich, immer hat eine hier gewohnt seit 1988, zeitweise auch wir beide, und teilweise mit anderen als WG. Wir haben miteinander unzählige Parties gefeiert. Wenn man bedenkt, wer schon alles durch diese heiligen Hallen gehuscht ist ... Mal, Dedis, Sofie und Rega waren hier, Ytong war auch hier, Rafa war auch schon hier. Unser Bekanntenkreis ähnelt ein bißchen einer Familie, man kennt sich seit Jahrzehnten, geht miteinander durch Höhen und Tiefen. So entsteht Heimat. Man ankert in zwischenmenschlichen Beziehungen. Das ist es, was Rafa nicht kapiert hat. Er will immer nur in eine andere Welt oder in die Vergangenheit flüchten. Er schottet sich ab und duldet nur Ja-Sager um sich herum, die ihm keinen Halt geben können. So wird er nie eine Heimat in der Welt finden, obwohl er das Haus, in dem er seit der Kindheit lebt, nie verläßt."
Darien zeigte sein Notizbuch, in dem er mit Merksätzen und schematischen Zeichungen versucht, seine Welt für sich zu ordnen. Ich erzählte, daß ich im Selbsterfahrungs-Pflichtkurs etliche Lehrsätze gehört habe, die ich mir aufgeschrieben habe, darunter:
"Wo die Angst ist, ist der Weg."
Darien notierte diesen Satz ebenfalls.
Wir unterhielten uns über halbwissenschaftliche "Psycho-Ratgeber". Constri und Darien lesen solche Bücher gern und holen sich heraus, was sie brauchen können, ohne den Inhalt der Bücher allzu wörtlich zu nehmen. Ich kann solche Bücher nicht leiden, auch wenn ich ihnen einen gewissen Nutzen für viele Menschen zugestehe. Ich bevorzuge eine wissenschaftliche Herangehenweise.
Darien sieht die Wissenschaft vor allem verkörpert in selbstherrlich dozierenden Besserwissern, daher steht er der Wissenschaft skeptisch gegenüber.
"Mein Begriff von Wissenschaft ist ein anderer", erklärte ich. "Für mich bedeutet eine wissenschaftliche Herangehensweise, daß man sich einem Sachverhalt möglichst wertungsfrei annähert, daß man Arbeitshypothesen aufstellt und diese kritisch überprüft. Wissenschaftlichkeit bedeutet für mich, daß man nichts für absolut und irrtumssicher hält, sondern immer davon ausgeht, daß alles auch ganz anders sein kann."
Mit einem solchen Wissenschaftsbegiff kann Darien sich schon eher identifizieren.
"Was mich an den 'Psycho-Ratgebern' stört, ist, daß viele von ihnen vorgeben, die einzig richtige Sichtweise darzustellen", meinte ich. "Mich stört der unkritische Absolutheitsanspruch."
Wir unterhielten uns über Dariens Phase der Selbstisolation Ende der neunziger Jahre. Darien erzählte, sein Rückzug falle in die Zeit seiner Beziehung mit Siana, einer Drehbuchautorin. Siana habe eigentlich Dokumentarfilmerin werden wollen, sei aber bei einer Daily Soap gelandet, weil es nicht genügend Mittel für Dokumentarfilme gebe. 1997, vor Siana, habe er eine Liaison gehabt, die kurz und flüchtig gewesen sei; mit jener Freundin habe ich Darien damals im "Illusion" in HH. gesehen. Ihm sei rasch klar geworden, daß die Beziehung keine Zukunft gehabt habe.
"Kann es sein, daß alles, was man so an Neurosen hat, mit den ersten Lebensjahren zusammenhängt?" fragte Darien.
"Auf jeden Fall", antwortete ich. "Es ist eine Mischung aus den Veranlagungen, die man mitbringt, und den Erfahrungen, die man macht. Dabei sind die Erfahrungen der ersten Lebensjahre besonders prägend. Wenn man verläßliche Primärbindungen hat, kann man Lebensenergie aus einem Kraftquell schöpfen, der nie versiegt. Manchmal muß man diesen Kraftquell erst wiederentdecken."
Constri und Darien waren beim Kostümverleih gewesen. Sie waren sich schnell einig, welche Kostüme sie für die Dreharbeiten verwenden wollten. Für mich machte Darien eine Modenschau. In einem Kostüm sah er aus wie ein orientalischer Zauberer. Es bestand aus einem hellen goldgestickten Mantel mit Tütenärmeln und einem Hut, der sah aus wie ein Turban mit einer Antenne oben drauf.
Darien erzählte, in MR. gebe es einen, der laufe mit einer Antenne auf dem Kopf herum und behaupte:
"Gott sieht alles! Man muß nur die Antenne dafür haben!"
Wir machten Fotos mit Dariens Digitalkamera, auch Fotos von Darien und Constri und von Constri und mir.
Das zweite Kostüm, das Constri und Darien ausgeliehen hatten, war eine helle Mönchskutte. Ich erzählte, daß ich auf meinem Rechner ein Bild als Schreibtischhintergrund habe, das Darien in einer Mönchskutte zeigt, auf einem Industriegelände. Das Bild hat Darien mir vor etwa zehn Jahren gegeben.
Constri und Darien hatten Sackleinen besorgt und wollten daraus einen Erntesack nähen. Sie wollten am morgigen Samstag Constris Vision von einem Video umsetzen, das davon handelt, wie Teller statt Weizen auf einem Acker wachsen und geerntet werden. Von einer Kirchengemeinde hatten sie dafür hundert Teller ausgeliehen.
"Natürlich habe ich denen nicht gesagt, was ich damit vorhabe", erzählte Constri.
Ehe die Teller "geerntet" werden, sollen sie "gesät" werden. Um dieses zu vermitteln, sollte Darien auf dem Acker Katzenstreu herumwerfen, das mit seiner körnigen Struktur und seiner grauweißen Farbe die Assoziation von "Teller-Saatgut" entstehen lassen kann.
"Da müßt ihr aber aufpassen, daß sie euch nicht einsammeln", meinte ich. "Wenn die das hören - da laufen zwei Leute in verrückten Kostümen auf einem Acker 'rum und werfen mit Katzenstreu - und wenn ihr dann noch erzählt, daß ihr Teller säen und ernten wollt, dann halten die euch für völlig verrückt."
"Dann sagen die zu uns, wir haben da ein ganz tolles Zimmer für euch", vermutete Darien.
"Mit einer gepolsterten Tür", ergänzte ich.
Nachts war ich mit Claudius im "Roundhouse". Claudius erzählte, daß seine Adoptivschwester ein Kind zur Welt gebracht hat. Es sei gesund, alle seien glücklich.
Im "Roundhouse" waren wir die meiste Zeit auf der Tanzfläche.
Das Kostümhighlight der heutigen Nacht trug ein etwas stämmiger Herr, er ging mit Kettenhemd und weißem Kittel, trug Mundschutz und ein Stethoskop um den Hals. Mundschutz tragen auch gerne die Cybers; ein großer schlanker Junge mit langem Kunsthaarzopf hatte einen Mundschutz um aus schwarzem Leder, bewehrt mit Metallstacheln. Mundschutz gibt es für die Cybergirls auch aus weißer Spitze mit rosa Lackeinfassung und in anderen schrillen Dekors. Diese Mode erinnert mich an die SARS-Zeit, als in Hongkong das Volk mit bunt gemustertem Mundschutz auf die Straße ging, einige mit Comicfiguren darauf.
Heloise erzählte, daß es zwischen Joujou und Marvel wieder einmal kriselt. Joujou richte unrealistische Erwartungen an Marvel und sei gekränkt, wenn er nicht alles so abliefere, wie sie es verlange. An ähnlichen Konflikten sei Joujous Beziehung mit Marian zerbrochen. Wenn Joujou nicht einsehe, daß sie eine Psychotherapie brauche, sei die Beziehung mit Marvel auch zum Scheitern verurteilt. Heloise meinte, Joujou schaffe es nicht ohne Hilfe, ihre Tochter Jeanne großzuziehen.
Joujou saß allein wie ein begossener Pudel und lehnte jegliches Gespräch ab. Marvel war nett und zugänglich wie immer, wirkte aber etwas gebremst.
Am Samstagabend war ich mit Constri und Darien auf der Eröffnungsfeier für Lanas Ayurveda-Praxis. Sie hat die Praxis im Zentrum von H. eröffnet - eine gute Lage, wenn auch abseits der Einkaufsstraßen. Eine Kassenzulassung besitzt Lana nicht, sie kann also nur eine Privatpraxis betreiben. Juristisch bewege sie sich im Graubereich, räumte Lana ein. Noch immer sei nicht sicher, ob sie hier eine Praxis betreiben dürfe und was sie dort dürfe und was nicht. Die Räumlichkeiten seien bisher nur als Wohnung genutzt worden, nie als Praxis. Mir kam es so vor, als wenn Lanas Träume der Realität vorausgeeilt waren.
Mitarbeiter der Praxis ist Lanas Freund Caspian, der so deklariert ist, daß Lana nicht die Auflagen erfüllen muß, die gewöhnlich für das Beschäftigen von Mitarbeitern verlangt werden. Caspian betätigt sich als Masseur.
Gestaltet ist die Praxis in dem fröhlich-bunten Stil, in dem Lana auch ihre Wohnräume gestaltet: mit gemusterten Seidentüchern aus Indien, IKEA-Design und indischen Gebrauchs- und Dekorationsgegenständen. Auf einer Fensterbank steht ein winziger Altar für eine Gottheit mit vielen Armen.
Lanas Freundin Stella traf ich hier nach Jahren wieder. Sie hat noch immer ihren Geschenk- und Wohnraum-Design-Laden in Lnd. Der Laden laufe gut. Ihr Sohn sei "aus dem Gröbsten heraus" und entwickele sich gut.
Nachts fuhr ich mit Berit und ihrer Freundin Louisette ins "Zone". Dort wurden wir von sehr tanzbarer Elektronik empfangen.
Highscore erzählte, daß er in einigen Stunden - wenn es hell geworden war - dabei helfen werde, einen Acker für ein Paintball-Turnier herzurichten.
Minette erzählte, daß sie in B. lebt und dort Arbeit sucht.
"Wäre ich nur bei der Telekom geblieben", seufzte sie, "da hatte man geregelte Arbeitszeiten und verdiente einigermaßen. Das Studium habe ich doch nur gemacht, weil es hieß, daß das Zukunft hat."
Sie hat ihr Studium der Wirtschaftsinformatik in einer Zeit begonnen, als E-Commerce als gigantische Wachstumsbranche betrachtet wurde. Während ihres Studiums kam es zum Einbruch des Internethandels und damit zum Verlust vieler Arbeitsplätze. Mignon hofft, bei Ebay einsteigen zu können. Per Direktbewerbung sei das allerdings nicht möglich. Vorerst werde sie sich um eine Tätigkeit als Aushilfskraft bemühen, dann gebe es die Chance, daß sie als Festangestellte übernommen werde. Die Aushilfstätigkeit werde sehr schlecht bezahlt, doch das sei immer noch besser als ein Praktikum.
"Praktikum" bedeutet in der Arbeitswelt mittlerweile nicht mehr, daß man sich in einem Beruf orientiert und Erfahrung sammelt, sondern es bedeutet, daß man als billige Arbeitskraft eingesetzt wird, weil man sonst nirgendwo Arbeit findet.
Minette will nicht mehr weg aus B., obwohl die Arbeitsmarktsituation dort besonders schlecht ist. Vermutlich ist die Weltstadt-Atmosphäre in B. für sie das Gegenmittel nach einer Überdosis Provinz.
Ceno freut sich über seine Vollzeittätigkeit als Lkw-Fahrer. Er ist sechs Tage in der Woche unterwegs, auch über Deutschlands Grenzen hinweg.
Chrysa und Peggy traf ich ebenfalls im "Zone". Chrysa erzählte, daß sie vielleicht bald wieder Arbeit hat, bei einer Firma in der westfälischen Kleinstadt Lk. Sie habe um das Wochenende zum Überlegen gebeten, um den Eindruck zu erwecken, sie habe noch mehr Angebote, und man reiße sich um sie. Am Montag werde sie zusagen; besser könne sie es zur Zeit nicht treffen. Sie müsse nicht umziehen, ihr Zuhause nicht verlassen, und habe Arbeit in ihrer Branche.
Morgens gingen Berit, Louisette und ich zum Frühstücken zu "McGlutamat". Louisette traut sich nicht, in Restaurants Essen zu sich zu nehmen, weil sie glaubt, daß die anderen Leute sie beobachten und von ihr die Meinung haben, sie esse zu viel. Wahrscheinlich ißt sie tatsächlich zu viel, aber heimlich am Kühlschrank. Berit hingegen will sich nicht danach richten, was andere Leute denken.
"Als Teenager macht man sich besonders abhängig von der Meinung anderer Leute", erinnerte ich mich. "Da ist man unsicher, weil man wenig Lebenserfahrung hat und wenig Vergleichsmöglichkeiten."
"Teenager sind auch meistens die, die lästern", meinte Berit.
"Das stimmt!" bestätigte ich. "Einmal habe ich den Fehler gemacht, am Wochenende ins 'Fractal' zu gehen. Damals hatte ich schon viele Mittwoche im 'Fractal' genossen, bei guter Musik und Tanz. Als ich ausnahmsweise an einem Freitag da war, dachte ich, ich bin im falschen Film. Der Fußboden war verseucht mit drogenbetankten Teenagern, deren einzige Beschäftigung es war, über alle zu lästern, die nicht genauso bescheuert aussahen wie sie selber. Und man konnte diesem Gesindel nichts erwidern. Einem grunzenden Schwein kann man auch nichts erwidern, und auf ebendiesem Niveau bewegten die sich."
Louisette nickte; ich hatte ihr wohl ein bißchen aus der Seele gesprochen.
Auf der Rückfahrt begegnete mir in einer Sanifair-Toilettenanlage eine Reinigungskraft, die aus Herzensgrund stöhnte:
"Immer diese furchtbare Musik! Und immer dasselbe! Die Fernfahrer haben sich schon beschwert, daß das auch in der Dusche läuft, das sei sehr störend. Sie haben gefragt, ob man das nicht leiser machen kann, und ich mußte ihnen sagen, daß das nicht geht. Ich gehe schon immer in den Restaurantbereich, wenn hier nichts los ist."
"Die Sanifair-Musik ist echt immer dasselbe", bestätigte ich. "Da muß man ja blöd von werden, wenn man das die ganze Zeit hört. Die sollten hier mal wieder NDR2 laufen lassen, wie früher, da gibt es auch mal Nachrichten, und es kommt immer wieder andere Musik, nicht immer dasselbe Zeug."
Im Restaurantbereich läuft NDR2, wie früher.
Am Sonntag war ich zum Abendbrot bei Constri. Darien briet die Garnelen aus der Tiefkühltruhe. Constri gluckste und kicherte, als sie beim Essen erkannte, daß wir von den Tellern aßen, die Darien und sie für das Filmen ausgeliehen hatten.
"Die Tell... die Tell...", keuchte sie und verschluckte sich fast vor Lachen.
Darien hatte die frisch abgewaschenen Teller gedeckt:
"Fand ich witzig! Paßt doch!"
Das Mahl wurde fotografisch festgehalten.
Am heutigen Tage hatten Constri und Darien in derselben Autobahnraststätte gegessen, wo mir wenige Stunden vorher die Reinigungskraft begegnet war, die die immergleiche Sanifair-Musik so stört.
"Darien will das Drehen der Klobrillen aufnehmen und Musik daraus machen", erzählte Constri.
Wir sind uns einig, daß man wahnsinnig werden kann, wenn man in einer Sanifair-Toilettenanlage arbeitet und den ganzen Tag die Sanifair-Musik hört und dazu das Drehen der Klobrillen.
Constri und Darien zeigten mir einige Filmaufnahmen. Sie hatten unter einer Autobahn-Talbrücke gefilmt. Das imposante Mauerwerk der Arkaden bildete die Kulisse. Darien lief in meinem grauen Mantel aus der Mongolei, den ich auf der Expo gekauft habe, und dem "Antennen-Turban" durchs hohe Gras und steckte Windräder in den lockeren Boden. Auf einmal sackte er weg und watete in den Sumpf. Man hörte Constris Kichern. Sie konnte durchs Objektiv nicht sehen, wie tief er in dem schlammigen Wasser stand.
Darien suchte sich eine trockenere Stelle, um die Windräder zu verteilen. Nach dem Dreh hatte Constri die Kamera angelassen, und man sah Constri und Darien, wie sie die Windräder einsammelten.
Am gestrigen Samstag hatten Constri und Darien auf einem Acker gefilmt. Darien lief in der hellen Mönchskutte vom Kostümverleih über den Acker und steckte die Teller hinein - nicht alle hundert, aber immerhin dreißig. Der Boden war gefroren, was das Unterfangen nicht eben leichter machte. Als Darien alle Teller verteilt hatte, kam die eigentliche Filmszene, nämlich das Ernten der Teller. Dafür hatte Darien sich einen Erntesack aus Sackleinen umgehängt, den Constri und Darien in der vergangenen Nacht genäht hatten.
"Wenn ihr miteinander arbeitet, geht es voran", meinte ich. "Schon vor Jahren war ich der Meinung, daß Constris kreativer Output sich steigern läßt, wenn ihr beide zusammenarbeitet."
"Vielleicht brauchst du auch so eine Ergänzung?" überlegte Darien.
"Na ja, vor kreativen Einfällen kann ich mich kaum retten", entgegnete ich. "Mir fällt immer mehr ein, als ich umsetzen kann."
"Dann brauchst du vor allem Zeit."
"Ja, da hast du den Nagel auf den Kopf getroffen. Was mir am meisten fehlt, ist Zeit. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich viel mehr schaffen. Immerhin habe ich trotzdem 4000 Textseiten im Netz stehen und Hunderte von Bildern. Leider weiß ich nicht, wie man das effektiv vermarkten kann. Das kriege ich nicht auch noch hin."
"Man kann ja auch nicht alles", meinte Darien. "Das Vermarkten müßte jemand anderes übernehmen."
"Genau. Bisher ist mir halt noch keiner über den Weg gelaufen, der das übernommen hat. Ich habe halt auch den Anspruch an mich selbst, alles zu schaffen. Den Anspruch sollte ich aber nicht haben."
"Vielleicht solltest du einfach stolz auf dich sein."
"Richtig", nickte ich. "Das bin ich in gewisser Weise auch."
Constri und Darien spazierten am Montag im Sonnenschein durch die Schloßgärten und holten um vier Uhr nachmittags Denise von Kindergarten ab. Danach fuhr Darien wieder nach HST.
Ende Oktober fand Finjas Beerdigung statt. Finja wurde nur neun Wochen alt. Die Krankheiten, die sie mit auf die Welt brachte, waren ihr Verhängnis. Unter den Trauergästen war kaum einer, der Finja kennengelernt hat, denn wegen ihres schwachen Immunsystems durfte kaum jemand zu ihr. Sie verbrachte ihr gesamtes Leben im Krankenhaus und wurde Mitte September auf der Intensivstation getauft. Die Trauergäste umarmten die weinenden Eltern. Bertine hustete. Kurz nach dem Tod ihrer Tochter vor einer Woche hatte sie eine Bronchitis bekommen.
Der Trauergottesdienst fand in derselben Kirche statt, in der Finjas Eltern kirchlich geheiratet haben. Auf dem kleinen weißen Sarg lag eine rosa Rose. Rechts und links lagen Kränzlein mit Bändern, auf die Finjas Eltern und Bertines Mutter - die Großmutter der Kleinen - Abschiedsgrüße geschrieben hatten. Finjas Taufkerze stand dabei und brannte.
Die Musik, die gespielt wurde, stammte von Wir sind Helden - melancholische Balladen über Abschied und Verlust. Die Diakonin ließ ein Windspiel erklingen, das Finjas Leben begleitet hatte und auch zu ihrer Taufe erklungen war.
Der Pfarrer meinte, eigentlich könne man nichts sagen - Finja habe ja kaum gelebt. Doch jeder Abschied verlange, daß einige Worte gesprochen werden. In der Hochschule sei am vergangen Dienstag außer Finja noch ein anderes Kind gestorben. Tröstlich sei die Vorstellung, daß die beiden Seelen nun Hand in Hand ins Licht wandern könnten. Tröstlich sei auch, daß Bertine ihrer Tochter all ihre Liebe geschenkt habe und daß das Kind damit das Wichtigste bekommen habe, was einem Menschen zuteil werden kann.
Draußen schien die Sonne. Es war kalt, nahezu frostig. Zwei Sargträger trugen den Sarg hinüber zum Friedhof. An weißen Satinbändern wurde er ins Grab hinuntergelassen. Viele Trauergäste warfen Blumen ins Grab, auch Constri und ich. Wir hatten Asternsträuße mit rotem Herbstlaub mitgebracht. An einem Drahtpapierkorb waren bunte Luftballons befestigt, die wurden nach dem Vaterunser losgelassen und schwebten davon. Die Taufkerze war von Finjas Patentante bis ans Grab getragen worden und brannte dort noch immer. Sie verlöschte erst, als die Trauergäste wieder auf die Straße hinausgegangen waren.
Bertine und Hakon wollten zu Bertines Mutter fahren. Eine Trauerfeier hatten sie nicht geplant.
"Mir ist nach Verkriechen", sagte Bertine.
Constri und ich gingen in eine nahegelegene Bäckerei mit großem, gemütlichem Café-Bereich. Dort hielten wir einen Leichenschmaus mit Streuselkuchen und Kaffeespezialitäten.
"Irgendwie muß das sein, sonst fehlt was", waren wir einer Meinung.
Am Wochenende war Giulietta zu Besuch bei Constri. Wir frühstückten am Sonntag miteinander. Giulietta betonte, sie rufe ihre Mutter nur deshalb fast täglich an, weil sie sonst keinen habe, mit dem sie reden könne. Die Mutter sei nur genervt von ihr und wolle gar nicht, daß sie so häufig anrufe. Ihr tue es auch nicht gut, mit ihrer Mutter zu reden, doch habe sie immer die Hoffnung, daß sich das eines Tages ändere.
"Das ändert sich nie", meinte ich. "Du bist bei der Telefonseelsorge wahrscheinlich besser aufgehoben."
"Aber manchmal war es schon so, als würde sie endlich Verständnis zeigen", wandte Giulietta ein.
"Das ist doch wie bei einem Glücksspielautomaten", entgegnete Constri. "Ein Spielsüchtiger glaubt auch, wenn einmal ein bißchen Geld 'rauskommt, dann kommt auch noch viel mehr 'raus."
"Nicht umsonst verwechseln Spielsüchtige die Automaten häufig mit ihrer Mutter", meinte ich.
Wir unterhielten uns über Statistiken und ihre Verwertbarkeit. Giulietta glaubt nämlich, daß auf der Bahnstrecke zwischen HB. und OL. überzufällig viele Sehbehinderte und Analphabeten unterwegs sind, die nicht verstehen, wie die Tür der Behindertentoilette funktioniert. Das Aussehen ihrer Kommilitoninnen sei wohl auch überzufällig häufig in ihrem Studiengang vertreten, meinte Giulietta. Alle seien modisch, jedoch unauffällig gekleidet und frisiert.
"Ein typisches Mädchenchor-Mädchen trägt Jeans, einen dunkelblauen Pullover, einen dunkelblauen Lodenmantel mit Knebelknöpfen, eine Hirtentasche, Birkenstock-Gurken, Mittelscheitel, Brille und kein Makeup", erinnerten Constri und ich uns.
"Wann war das denn?" fragte Giulietta.
"1980", antwortete ich.
"Ach so", sagte Giulietta.
Constri kam mittags zu mir zum Essen, nachdem sie Giulietta zum Zug gebracht hatte.
"Giulietta will ihre Probleme gar nicht loswerden", meinte ich. "Wenn sie ihre Probleme los wäre, würde sie sich neue machen. Sie braucht Probleme, um sich wichtig zu machen."
Beim Sonntagsspaziergang in der Herbstsonne erzählte Constri, daß Denise neulich gefragt hat, ob die Figürchen überm Waschbecken echt seien.
"Natürlich, die sind echt", antwortete Constri.
"Das wollen mir mal sehen", entgegnete Denise. "Sag' mal nichts. So - Freunde! Sagt mal was!"
Die Figürchen schwiegen.
"Siehst du, die sind nicht echt", stellte Denise fest.
Quod erat demonstrandum.
Tyra erzählte am Telefon, sie habe sich in ER. nur wenig in Berenices musikalisches Projekt einbringen können. Ich empfahl ihr, mit Berenice darüber zu sprechen.
An Halloween war ich bei Onno und Endera, die eine Party gaben. Mit Onno und einigen anderen Leuten saß ich vor dem Fernseher und schaute zuerst "Corpse Bride" und dann "Matilda". Endera hatte Halloween-Kuchen gebacken, garniert mit Pfeffernüssen, die so verziert waren, daß sie Augäpfeln ähnelten. Unter den Kostümierten war die "Friedhofselfe" besonders schön anzuschauen, die tatsächlich in der Nähe eines Friedhofs wohnt. Sie hatte ihre lange Mähne wild toupiert und mit echten Efeuranken und feinem Trauerflor geschmückt. Auch Siros Kostümierung fand ich hinreißend. Er trug eine blonde Perücke mit Knotenfrisur und einen Putzkittel.
Störenfried des Abends war Leontine. Onno und Endera erzählten, seit Leontine in der Rock-Location "Stone" als Kellnerin arbeite, sei sie Alkoholikerin. Auf der Halloween-Party betrank sie sich sinnlos, warf Flaschen um, richtete Überschwemmungen an und lärmte im Treppenhaus. Onno und Endera fehlten jedoch der Mut und das Durchsetzungsvermögen, sie hinauszuwerfen. Freilich wollen sie Leontine in Zukunft nicht mehr einladen.
Neulich feierte Denises winzigster Teddy Geburtstag. Er hatte an dem Tag nicht Geburtstag, sondern feierte nach. Denise schleppte haufenweise Puppen und Stofftiere in ihr Zimmer, die alle mitfeiern sollten. Einige Tage später gab sie für die Puppen und Stofftiere eine Grillparty und deckte schön.
Zu Allerheiligen waren Constri, Denise und ich bei meinem Vater, der auf seinem Brennplatz auf einer großen Wiese Grünschnitt verbrannte. Wir fuhren hinaus zu der Waldlichtung, wo mein Kater Bisat und Constris Hund Flex begraben liegen. Auf den Waldweg geht es durch ein Tor, das immer offensteht und schon umwachsen ist von wildem Grün. Das Tor und der leicht bergan verlaufende Weg lassen an einen Friedhof denken, zu dem man einen Hügel hinaufsteigt. Die hohen Bäume, die die Lichtung umgeben, lassen an ein Kirchenschiff denken. Der Efeu, den ich auf Bisats Grab gepflanzt habe, rankt sich über den Waldboden. Für Bisat stellte ich ein weißes Grablicht auf, Flex bekam ein rotes. Constri erklärte Denise, daß die Lichter bedeuten, daß die Tiere immer noch da sind und aus dem Tierhimmel auf uns herunterschauen. Denise wollte wissen, warum Flex mit Erde zugedeckt wurde, als er bestattet wurde. Constri erklärte, daß Flex wieder zu Erde wird, wie alle, die begraben werden, wieder zu Erde werden, auch wir. Denise hatte offenbar geglaubt, daß Flex immer so bleibt, wie sie ihn zuletzt gesehen hat. Die Vorstellung, daß alles, was dahingeschieden ist, vergeht, erschütterte sie so, daß sie unaufhörlich weinte. Constri konnte sie kaum beruhigen.
Abends machten wir wieder unseren Allerheiligen-Friedhofsspaziergang. Dieses Mal waren Constri, Carl, Clarice und Quincy dabei. Wir schmückten uns mit Leuchtstäbchen, um einander in der Dunkelheit nicht zu verlieren. Constri und ich machten mit Constris Digitalkamera Gruppen-Erinnerungsfotos vor der Friedhofskapelle.
Im "Labyrinth" aßen wir mit Talis, Janice, Merle, Elaine, Gesa und Sator zu Abend. Auch sie bekamen Leuchtstäbchen. Elaine erzählte, wie sie versucht, ihrer Mutter das "Nein"-Sagen beizubringen. Sie meinte, wenn Merles Schwester Eliana ein Versprechen nicht halte, müsse sie die Konsequenzen spüren.
Wir gedachten - wie jedes Jahr zu Allerheiligen - der Toten seit dem vergangenen Allerheiligen. Unter ihnen war auch die kleine Finja. Als ich Merle erzählte, wie krank das Kind gewesen war, fragte Merle mit einfältiger Unschuld:
"Haben sie es einschläfern lassen?"
"Das ist ein Mensch und kein Haustier", sagten Gesa und ich synchron.
Gesa arbeitet zur Zeit in einem Büro, wieder nur eine befristete Stelle. Merle möchte sich zur Callcenter-Telefonistin ausbilden lassen.
Der griechische Mokka schmeckte Sator so gut, daß er zwei Päckchen davon kaufte, um zu Hause auch griechischen Mokka zubereiten zu können.
Je später der Abend, desto lustiger wurde die Runde. Constri begann ein Spiel, in dem es darum ging, Ringe aus Leuchtstäbchen über ein leeres Wasserfläschchen zu werfen. Ich machte Erinnerungsfotos.
Bis kurz vor Mitternacht plauderte der "Rest vom Fest" - das waren Constri, Sator, Carl und ich - noch vor der Tür des inzwischen längst geschlossenen "Labyrinth". Carl sah die Mitarbeiter des "Labyrinth" wegfahren und wunderte sich:
"Die fahren ja weg!"
"Du hast wohl gedacht, die wohnen hier", war Constri amüsiert. "Da oben auf dem Speicher wohnen die, ja, ganz bestimmt."
Ebenso wie Merle hat Carl zum Teil ein kindliches Weltverständnis. Beide hatten ungünstige Lebens- und Entwicklungsbedingungen in der Kindheit, das könnte eine Ursache sein.
Henk erzählte im Frisiersalon, daß seine Mutter trotz ihres Schlaganfalls wieder Auto fährt und das damit rechtfertigt, daß sie ja "nur" Schleichwege fahre. Doch wegen ihrer Orientierungsstörungen geriet sie von einem ihrer Schleichwege auf die A2 und kam zum Glück bei der übernächsten Ausfahrt wieder herunter.
"Ich weiß echt nicht, wo mir der Kopf steht", stöhnte Henk. "Mein Vater hat Prostatakrebs, und seine Frau hat Hautkrebs, und jetzt muß ich bald alle Eltern pflegen. Ich weiß echt nicht, wie ich das schaffen soll."
Auch seine zwanzigjährige Katzendame kränkelt.



In der Freitagnacht kamen Constri und ich gegen halb zwei ins "Mute". Eben begann "This shit will fuck you up!" von Combichrist, und ich beeilte mich, auf die Tanzfläche zu kommen. Kappa machte danach eine Durchsage. Er bedankte sich dafür, daß alle hier so schön tanzen würden, und wünschte uns viel Spaß mit Rafa. Rafa stand neben Kappa hinterm DJ-Pult, das wie meistens an der Seitenwand des Saals aufgebaut war. Vor dem DJ-Pult stand Peitsch-Püppi mit einem groß gewachsenen, schlanken Jungen mit langen schwarz gefärbten Haaren und Hut. Obwohl sich vor allem dieser Junge um Peitsch-Püppi kümmerte, war ich sicher, daß sie nach wie vor etwas mit Rafa hatte. Rafa stellt die Mädchen gern bei anderen Herren ab, um selber ungebunden zu wirken und mehrere Eisen im Feuer halten zu können.
Rafa trug ein enges langärmeliges Oberteil, weißgrundig, mit einem ineinandergreifenden Wellenmuster aus schwarzen Linien. Darüber trug er die schwarze Weste, die er sonst auch meistens anhat. Heute hatte er eine besonders große Sonnenbrille auf.
Ich hatte ein schwarzes Lackkleid an, daß ich neulich gekauft habe. Die Corsage hat feine Träger, das kurze Röckchen ist weit und steht von selber ab. Das Kleid ist verziert mit weißer und schwarzweißer Spitze und weißen Satinschleifchen. Zu dem Kleid trug ich die schwarzen Lack-Puffärmel und lange schwarze Abendhandschuhe, eine schwarze Strumpfhose und die spitzenbesetzten Ballerinen. In der Zöpfchenfrisur trug ich schwarze Satinschleifchen und lange dünne Bänder aus weißem und schwarzem Leder. Die Kostümierung brachte mir viele Komplimente ein, unter anderem in Form wiederholter Umarmungen.
Im Foyer unterhielt Rafa sich mit Regan. Etwas später unterhielt ich mich mit Regan und Duncan. Regan gab mir Cola aus. Ich erzählte Duncan von der QM-Kraft, die bei uns auf der Arbeit die Aufgabe hat, Abläufe zu optimieren, die stattdessen aber Abläufe behindert und überlange Besprechungen abhält, bei denen sie vor allem sich selbst in Szene setzt. "QM" ist die Abkürzung für "Qualitätsmanagement", das zu einer sogenannten "Zertifizierung" führt, die alle Betriebe im Gesundheitswesen erhalten sollen oder wollen müssen. Als ich mit meinem Chef abgesprochen hatte, daß ich einer Besprechung aus Zeitgründen fernbleiben konnte, wollte die QM-Kraft mir das erst nicht glauben, auch als ich es mehrfach wiederholte. Danach versuchte sie hinter meinem Rücken, den Chef zu manipulieren, und verkündete stolz, mein Chef wünsche, daß ich doch an der Besprechung teilnahm. Daraufhin rief ich die Sekretärin an und erzählte, welche Aktivitäten die QM-Kraft hinter meinem Rücken pflegt und daß ich diese Art und Weise nicht akzeptieren werde. Ich ging nicht zu der Besprechung. Später sah ich den Chef noch einmal unten bei der Seketärin, mit einer Kaffeetasse in der Hand und augenscheinlich guter Laune. Die QM-Kraft sah ich nicht mehr.
"Ich hätte der gar nichts gesagt und wäre einfach nicht zu der Besprechung hingegangen", meinte Duncan. "Was will die denn? Die kann dir doch nichts anhaben. Wenn sie dich darauf angesprochen hätte, hättest du antworten können, daß das mit dem Chef abgesprochen ist."
"Die Idee ist echt überlegenswert", freute ich mich. "Es ist gut, solche Vorschläge zu hören. Sie eröffnen neue Perspektiven."
Nun wollte Duncan einen Rat. Er hat eine Bekannte, die hat psychische Probleme. Sie zieht sich zurück und redet von Selbstmord. Ich meinte, vielleicht sei sie einsam und habe Angst vor Menschen, und man könne sie am ehesten erreichen, wenn man mit ihr über Angst spreche und das Gespräch auf dieses Thema fokussiere. Duncan vermutet, daß bei ihr tatsächlich Ängste im Vordergrund stehen und daß sie zwar von Selbstmord redet, sich aber nicht wirklich umbringen will.
Luca und ich unterhielten uns vorm DJ-Pult über unsere Probleme. Luca ist neulich von seiner Freundin verlassen worden, wegen eines seiner Bekannten, den er ihr noch selbst vorgestellt hatte.
"Ich habe vor allem ein Problem", erzählte ich. "Das Problem kommt gerade wieder ans DJ-Pult. Jetzt dreht es sich gerade um."
"Sag' mal, wie lange hast du das Problem eigentlich schon?" erkundigte sich Luca.
"Seit Anfang 1993", antwortete ich.
"Mensch, wann fängst du endlich an zu leben?" fragte Luca.
"Ich lebe doch schon", erwiderte ich. "Das wäre ja schlimm, wenn ich mein Leben nur von einer Partnerschaft abhängig machen würde."
"Das stimmt allerdings."
"Du sagst ja auch nicht, du bist tot, nur weil deine Freundin dich verlassen hat. - So, mein Problem kommt jetzt vom DJ-Pult herunter und auf uns zu."
Rafa kam vom DJ-Pult herunter und ging so langsam und so dicht an mir vorbei, daß ich ihm über den Arm streicheln und ihn am Rücken kraulen konnte.
Während ich mich im Foyer mit Saaras jüngerer Schwester Danielle unterhielt, ging Rafa in einiger Entfernung mit Peitsch-Püppi durchs Foyer zum Tanzsaal. Sie kamen vielleicht von der Raucher-Lounge. Rafa ließ nicht durch Gesten oder Mimik erkennen, daß er mit Peitsch-Püppi etwas hat; lediglich die Tatsache, daß er überhaupt mit ihr zu sehen war, deutete darauf hin.
"Peitsch-Püppi ist neunzehn und naiv genug, um auf Rafa hereinzufallen", sagte ich zu Danielle.
Danielle erzählte, daß Saara sich von Justin getrennt hat und sehr verliebt sein soll in ihren neuen Freund Tamino; sie hat wohl schon Heiratspläne.
Im "Mute" gab es viel Musik zum Tanzen, unter anderem "Straftanz" von Straftanz, "Straßen" von ascii.disko und "How soon is now" von The Smiths.
Peitsch-Püppi stand im dunklen Flur hinter dem DJ-Pult und schien zu warten.
"Aha", dachte ich, "Rafa hat sie hier abgestellt, damit sie auf ihn wartet."
Tatsächlich kam Rafa einige Zeit später zu ihr und ging mit ihr durch die Tür zum Backstage. Er blieb vorerst verschwunden. Peitsch-Püppi hingegen tauchte wieder auf und beschäftigte sich mit dem dünnen Jungen mit dem Hut.
Carl berichtete, daß Rafa ihn soeben in der Raucher-Lounge angesprochen hatte:
"Bist du nicht der Ex-Mitbewohner von der Hetty?"
Carl bejahte. Rafa machte Carl ein Kompliment:
"Du bist echt der schönste Mann des Abends."
Etwas später streichelte Rafa im Vorbeigehen zärtlich über Carls Schulter.
Berit erzählte, als sie ins "Mute" gekommen sei, habe Rafa sich mit einem dunkelhaarigen Mädchen unterhalten, welches aber nicht Peitsch-Püppi gewesen sei. Rafa habe Berit freundlich begrüßt mit einem lauten:
"Hallo Berit!"
Er grüße sie immer so, wenn er sie sehe.
Louis tanzte mit mir eine Mischung aus Foxtrot und Walzer. Er gab sich Mühe, mir nicht auf die Füße zu treten, und das gelang ihm auch.
Wider Erwarten kam Rafa noch einmal ans DJ-Pult zurück. Nach kurzer Zeit lief er eilig ins Backstage, und ebenso eilig lief Peitsch-Püppi hinterher.
In der Raucher-Lounge unterhielt ich mich mit Luca und schaute Rafa zu, der bei einigen Herren an der Bar stand. Rafa hatte seinen CD-Koffer bei sich. Er hatte aber nicht Peitsch-Püppi bei sich.
Es wurde Morgen, die Musik schwieg. Rafa ging an mir vorbei zum Ausgang, und so dicht, daß ich ihm wieder über den Arm streicheln konnte.
"Keine Reaktion", bemerkte Luca.
"Das heißt, es gefällt ihm", meinte ich.
"Weil er keinen Widerstand leistet", folgerte Luca.
Mit Luca ging ich zu Duncan und Regan, die vor dem Panorama-Glasfenster in der Raucher-Lounge saßen. Ich umarmte sie alle auf einmal und seufzte:
"Mit euch könnte ich mich hier noch stundenlang unterhalten. Aber die Party ist zu Ende, die schmeißen uns jetzt alle 'raus."
Rafa inszenierte seinen Abgang gekonnt. Erst marschierte er selber mit seinem CD-Koffer nach draußen, dann folgten einige Augenblicke später Peitsch-Püppi und der Junge mit dem Hut. So konnte Rafa vertuschen, daß er es war, der mit Peitsch-Püppi etwas hatte.
Berit erzählte auf der Heimfahrt, sie habe den seit acht Jahren verheirateten Kappa heute mit einer Dunkelhaarigen flirten sehen. Berit war sich freilich nicht sicher, was im Einzelnen zwischen den beiden ablief.
Am Samstag fuhr ich mit Constri nach HH. Wir waren mit Mal, Irvin, Sofie und Dagda in Mals aktueller Multimedia-Ausstellung. Sie befindet sich an einer großen Ausfallstraße in einem ehemaligen Ladenlokal, das jetzt eine Kunstgalerie mit wechselnden Ausstellungen zum Thema Straßenverkehr beheimatet. Früher war dort ein Blumengeschäft, das aus Altersgründen aufgegeben wurde. Mals Ausstellung ist eine Hommage an einen Künstler der sechziger Jahre, der Autoreifen in einem Raum verteilt hat. Mal hatte einen Haufen alter Autoreifen in die Galerie bringen lassen. Das besondere Extra war eine Videokamera, die den laufenden Verkehr auf der großen Ausfallstraße beobachtete. Diese Aufnahmen wurden an die Decke gebeamt. Ein Programm sorgte dafür, daß um jedes vorbeifahrende Auto ein roter Rahmen erschien, und je nachdem, ob es stadteinwärts oder stadtauswärts fuhr, erschien am Auto ein weißer oder ein blauer Strich. Warf man einen Autoreifen an die Wand, sorgte ein Programm dafür, daß zwischendurch ein anderes Filmchen gezeigt wurde, eine kurze Aufnahme, die mitten auf der Straße unter Lebensgefahr gemacht worden war. Warf man an einer anderen Stelle einen Autoreifen an die Wand, erschien ein anderes, ähnliches Filmchen. Für das An-die-Wand-Werfen der Autoreifen lagen Arbeitshandschuhe bereit. Der über einen Meter neunzig große Irvin hatte bei der Vernissage am vergangenen Donnerstag einen Autoreifen hoch oben an die Wand geworfen, in der ganzen Breite und so heftig, daß die Aufschrift "Goodyear" sich gut lesbar auf der Wand abgezeichnet hatte.
Im Keller gab es einen "Leseraum", wo eine Wandzeitung an den Künstler erinnerte, der vor vierzig Jahren Autoreifen in einem Raum verteilt hatte. Seine darauffolgende Ausstellung zeigte dieselben Autoreifen, aber ordentlich aufgestapelt. So wollte Mal es auch mit seinen Autoreifen machen.
Constri und ich holten von einem Bekannten von Magnus, der in HH. lebt, historisches Computerzubehör ab. Magnus' Bekannter wollte entrümpeln; er meinte, ein Bastler wie Magnus könne mit den Sachen mehr anfangen.
Bei Mal und Dedis gab es Abendbrot. Die Runde wurde vervollständigt durch Heyro und Darien. Dedis erzählte, das Blaufärben ihrer Haare sei ihr mittlerweile zu anstrengend, deshalb trage sie ihre Haare seit einiger Zeit schwarz und setze sich ihre blaue Perücke auf, wenn sie wieder einmal blaue Haare tragen wolle. Ich bat Darien und danach Heyro, sich die blaue Perücke aufzusetzen. Die Perücke sah bei den beiden so komisch aus, daß wir viele Fotos machten.
Mal zeigte uns einen Sampler aus San Francisco, auf dem nur Industrial-Musikerinnen vertreten sind. Der Sampler steckt in einer Plastikhülle, die mit einem sehr einfach gebauten elektronischen Klangerzeuger verziert ist. Man muß auf einen Kontakt drücken und mit der anderen Hand den Metallstempel in der Mitte einer bunten Plastikblüte berühren, mit zwei Fingern. Dann leuchtet ein Lämpchen auf, und ein krächzendes Geräusch erklingt. Mal erzählte, der Sampler habe eine Auflage von 1000 Stück und sei sicher schon vergriffen.
Darien hatte sich als Kostüm für die heutige "Stahlwerk"-Party einen Spielzeug-Pistolengurt umgehängt und sich mit der Wasserpistole seines Sohnes Ciaran bewaffnet. Bei "Stahlwerk" tanzte er viel und ausgelassen. Als "Full Metal Jacket" von Marita Schreck lief, schoß Darien mit Ciarans - ungeladener - Wasserpistole um sich.
Zu den musikalischen Highlights bei "Stahlwerk" gehörten ansonsten "Disco Buddha" von Monolith und "Plug and play" von Derek aka Missratener Sohn.
Sasso hatte wieder seine Gasmaske mitgebracht und trug das unbequeme Gerät meistens auf der Tanzfläche.
Sasso hat noch Kontakt zu Leon, den ich von den "Klangwerk"-Parties kenne, der Vorläufer-Partyreihe von "Stahlwerk". Sasso ist sicher, daß Leon sich nie wieder in einer Szene-Location zeigen wird. Früher ist Leon auf vielen Parties gewesen und wurde in der Wave-Elektro-Gothic-Szene dadurch bekannt, daß er Gedichte für die Kleinanzeigen-Seite eines Szene-Magazins schrieb. Inzwischen soll Leon sich völlig zurückgezogen haben, nicht arbeiten und den ganzen Tag im Bett liegen. Aller Wahrscheinlichkeit nach leidet er an einer schizophrenen Psychose. Typisch für diese Erkrankung ist der Verlust der Tagesstruktur, der Verlust der Erwerbsfähigkeit und der Verlust sozialer Bindungen. Auch der Verlust des Kritikvermögens und bizarre Wahnvorstellungen sind für die Schizophrenie typisch. Leon soll vor einiger Zeit unbekleidet über den Kiez gelaufen sein. Als Grund soll er angegeben haben, dadurch eine wie auch immer lautende gesellschaftsphilosophische Botschaft vermitteln zu wollen. Verworrene Gedankengänge und absurde Schlußfolgerungen sind für die Schizophrenie ebenfalls typisch.
Auf dem Rückweg fuhr Constri, weil ich zu müde war. Unterwegs schliefen wir zwei Stunden auf einer Raststätte und frühstückten auf der nächsten.
Constri erzählte von einer Reklame, in der das Rollenverständnis aus jahrtausendealtem Patriarchat auch bei vermeintlich modernen jungen Menschen wieder einmal gnadenlos durchbricht. In der Reklame wurde das Klischee eines "Yuppie-Pärchens" beschrieben: Sie, "intelligent, gebildet, vielleicht auch berufstätig", fährt in einem "winzigen Cabrio" durch die Stadt und besucht "ihre Freundinnen". Er, "Geschäftsmann, privat durchaus auch mal im Polohemd" anzutreffen ...
"... fährt ansonsten im Maßanzug in einem riesigen Siebener durchs Land zu seinem wichtigen Terminen und verdient die dicke Kohle", ergänzte ich das Klischee.
Die Frau stellt ihr Licht unter den Scheffel, dient als bloßes Ausstellungsstück und hat ausschließlich weibliche Freunde. Der Mann schmückt sich mit haufenweise Statussymbolen, zu denen auch seine Freundin gehört.
Die englische Sprache - und nicht nur diese - bildet die patriarchalische Rollenverteilung ab. "Mensch" heißt auf Englisch dasselbe wie "Mann", nämlich "man", eine Frau hingegen ist kein Mensch, weil kein Mann, sondern "woman". "Friend" heißt bei Männern "Freund" und bei Frauen "Freundin". Mit "boyfriend" oder "girlfriend" sind immer sexuelle Beziehungen gemeint, niemals Freundschaften. Demnach gibt es zwischen den Geschlechtern keine Freundschaften, was in unserer Gesellschaft auch so verankert ist: Männer sind Menschen, Frauen sind Besitz, und zwischen Menschen und ihrem Besitz gibt es keine Freundschaft.
Am Sonntagabend telefonierte ich mit Magnus. Wir unterhielten uns über Photonen und Quantenphysik. Magnus erzählte von einem Photon, das weiß, wo ein anderes Photon ist, ohne diesem begegnet zu sein. Solche Beobachtungen könnten zu Erklärungen für telepathische Ereignisse führen.
Magnus wollte nicht nur telepathische Ereignisse, sondern auch Emotionen auf physikalische Gesetzmäßigkeiten reduzieren. Ich entgegnete, daß das Ganze mehr sei als die Summe seiner Teile und daß Emotionen mehr seien als das, woraus sie zusammengesetzt seien. Wahrscheinlich stellten Emotionen ein so komplexes Phänomen dar, daß es nicht gelingen werde, sie jemals vollständig zu entschlüsseln. Überdies habe noch jemand anders mitzureden, der bei den Weltuntergangsinszenierungen der populärwissenschaftlichen Presse gern außer Acht gelassen werde.
"Nein, ich glaube nicht, daß Gott ein alter Mann mit langem weißen Bart ist", sagte ich, "aber irgendetwas ist da."
So ähnlich vermutet Magnus das auch.
Am Mittwoch erzählte Tyra am Telefon, daß Rafa in den letzten Tagen mehrfach versucht hat, sie über ihr Handy zu erreichen. Sie habe seine Nummer auf dem Display gesehen, aber nicht abgenommen und nicht zurückgerufen, weil ihr nicht danach gewesen sei und sie auch nicht die Zeit dafür gehabt habe.
Als ich von Rafas DJ-Set im "Mute" erzählte und von Peitsch-Püppi, die in dunklen Ecken auf Rafa wartete und sich ansonsten vorwiegend von einem langen dünnen Jungen mit Hut beschäftigen ließ, meinte Tyra, der Junge mit Hut sei bestimmt Zod gewesen.
"Das könnte hinkommen", meinte ich. "Lang, dünn, jung, gestylt ... nur eben dieses Mal nicht im Punk-Stil. Rafa hat ja die Angewohnheit, seine Geliebten bei seinen Kumpels abzugeben, damit sie sich um sie kümmern. So kann er selbst ungebunden tun und mehrere Eisen im Feuer behalten."
Am Freitag verlegte ich einen verwirrten Menschen aus WOB. nach Kingston, weil er mit seiner Rehabilitationsmaßnahme in Bad O. überfordert war und sich vor allem damit beschäftigte, elektrische Geräte auseinanderzubauen, sich selbst zu entkleiden und in fremde Patientenzimmer zu gehen, wo er gar mit entblößtem Hinterteil auf dem Bett einer verschreckten Mitpatientin Platz nahm. "Fehlhandlungen" nennt man das. Vor allem kommen Fehlhandlungen bei schizophrenen Psychosen und Demenz vor. Als ich in Kingston anrief und die Verlegung anmeldete, erfuhr ich, daß der Krankenhauskater im Zuge der Vogelgrippe-Hysterie vom zweiten Verwaltungschef aus der Zentralen Aufnahme verbannt wurde und nun auf dem Klinikgelände herumstreunt. Der zweite Verwaltungschef - Herr Wigand aka "Morbus Wigand" - hat seine eigenen Angewohnheiten. Mit Leidenschaft schreibt er Parksünder auf.
In der Freitagnacht war ich im "Roundhouse". Bis in die frühen Morgenstunden war auf der Tanzfläche etwas los. Unter anderem liefen "Medicine", ein extrem rares Stück von Dr. Nexus, und ein Stück von Polarlicht 4.1, wahrscheinlich "Überflieger 727".
Joujou berichtete, daß sie eine neue Stelle in Aussicht hat, mit geregelten Arbeitszeiten, einem kurzen Anfahrtsweg und besserer Bezahlung. Die Hauptsache sei für sie, von ihrer alten Firma weguzukommen. Die Arbeit dort habe ihr und ihrer Familie sehr geschadet.
Ninon hat einen neuen Freund, den sie durch ein Online-Rollenspiel kennengelernt hat. Er wohnt mehrere hundert Kilometer weit weg.
Am Samstag war ich mit Constri, Denise und Elaine beim Kostümbasar des Opernhauses. Für wenig Geld bekamen wir dort professionell angefertigte historische Garderobe, zierliche Ballettkleidung und mit der heißen Nadel genähte Fantasy-Kostüme, die einem Science-Fiction-Film hätten entsprungen sein können. Constri erstand ein Brautkleid im Empire-Stil, aus feiner Seide genäht, im Rücken und an den Handgelenken geknöpft und mit Schleppe. Ich erstand zwei weitere Empire-Kleider, die sind in Schwarzweiß gehalten. Die Kleider lassen sich für Constris kommende Videoprojekte verwenden. Wuchtige Umhänge und Gewänder hat Constri für Dariens Rollen besorgt. Er wird erst im Dezember wieder nach H. kommen, weil er vorher keine Zeit hat.
Beim Kostümbasar traf ich Sandro und seine Freundin. Sie halfen beim Basar. Sandro erzählte, er führe ein ruhiges, geregeltes Leben. Er geht nur noch selten aus.
Als ich von Rafa erzählte, erkundigte sich Sandro, ob er es inzwischen beruflich zu etwas gebracht habe.
"Ja, bis in den ehemaligen Vorratskeller seiner Mutter hat er es gebracht", gab ich Auskunft.
"Was, aus dem ist echt nichts geworden!" staunte Sandro mit einer gewissen Genugtuung.
"Er war eine Woche lang auf Platz 77 in den Media Control Charts", setzte ich hinzu. "Das war bisher sein größter Erfolg."
Sandro wurde 1995 von Rafa bloßgestellt, indem Rafa mit Sandros damaliger Freundin Lara ins Bett ging, bevor Sandro dazu kam, mit ihr ins Bett zu gehen. Besonders verletzend war das für Sandro, weil sowohl er als auch Lara noch unerfahren waren, als sie zusammenkamen.
Constri, Denise, Elaine und ich waren nach dem Kostüm-Einkauf in der Kakaostube. Danach brachte Constri Denise zu Derek, denn sie hatte heute "Papa-Tag". Mit Elaine machte ich einen ausgedehnten Stadtbummel. Sie erzählte, daß sie sehr gerne bummeln geht, daß ihre Mutter aber schnell ins Stöhnen kommt und genervt ist. Elaine bekam den mit Spitze und Rüschen garnierten schwarzen Rock, den sie sich für ihre Konfirmation gewünscht hat. Dazu kaufte ich ihr fingerfreie Handschuhe aus schwarzer Spitze, Straßohrringe, silbernen Lidschatten und roséfarbenen Nagellack. Für mich selbst fand ich in der Kinderabteilung auch etwas: einen langen Stufenrock aus schwarzem Feincord, Größe 176. Elaine bekam außerdem ein weißes Blüschen mit Puffärmeln, wie es die von ihr so geliebten Manga-Comic-Mädchen tragen. Sie wünscht sich, daß an ihrer Schule eine Schuluniform im Manga-Stil eingeführt wird.
Als ich mir neue Abendhandschuhe kaufte, mußte Elaine vor dem Geschäft warten, weil der Zutritt erst ab 18 Jahren erlaubt ist.
"Ich weiß sowieso, was da abläuft", erzählte sie.
Elaine kaufte von dem Geld, das Constri ihr als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk gegeben hatte, Stifte, Kreiden und ein Radiergummi für das Manga-Zeichnen. Sie meinte, sie wisse noch nicht genau, was sie werden wolle, denke aber schon viel über ihre Zukunft nach, dabei müsse sie ja noch gar nicht über ihre Zukunft nachdenken.
"Je genauer du weißt, was du willst, desto eher wirst du es erreichen", meinte ich. "Ich denke, daß es immer wichtig ist, über die Zukunft nachzudenken."
"Meine Mutter hat gesagt, über die Zukunft muß ich erst mit sechzehn oder achtzehn Jahren nachdenken."
"Das ist doch viel zu spät. Mit sechzehn mußt du doch schon wissen, was du willst, weil sich dann entscheidet, ob du weiter zur Schule gehst."
"Ich will Abitur machen, weil ich dann mehr Chancen habe."
Bei Merle tranken wir Tee. Merle erzählte, daß ihre Schwester Eliana ihr schon siebzig Euro von den geliehenen zweihundert Euro zurückgegeben hat. Elaine setzte hinzu, daß Merle Eliana gegenüber ziemlich direkt geworden sei und ihr angedroht habe, den Kontakt zu ihr abzubrechen, wenn sie ihr das Geld nicht zurückzahle.
Abends war ich bei Constri zum Essen. Wir probierten nacheinander die Kostüme an, die wir gekauft hatten.
Nachts war ich im "Radiostern". Cyra hat einen neuen Freund. Er scheint in der Beziehung den passiven Part zu spielen, wie es bei Cyra meistens ist. Und meistens scheitern die Beziehungen daran, daß der Freund sich mit seiner Rolle auf Dauer nicht zufriedengibt.
Seit Cielles Auszug lebt Cyra allein in ihrer Wohnung, fühlt sich dort aber nicht einsam.
Zu den Tanzflächen-Highlights im "Radiostern" gehörten für mich heute "Israel" von Birmingham 6 und "Living the wasted Life" von Aesthetic Perfection.
Valerien schrieb in einer E-Mail, er finde - ebenso wie ich - "echte" Kontakte wichtiger als Kontakte in Foren und sozialen Netzwerken. Dementsprechend trauere auch er dem W.E-Forum nicht allzu sehr nach.
Auf meine Frage, inwiefern er Suchtkranke beruflich kennt und was er beruflich macht, antwortete Valerien:

Ich verkaufe Bier in Supermärkten usw.
Und da lernt man viel kennen. Besonders aufschlußreich ist es z.B., wenn der Supermarkt auf der anderen Strassenseite der Entzugsklinik steht ...

Als ich erzählte, daß ich auf einer Entgiftungsstation gearbeitet habe, schrieb Valerien:

Oh ja, ich habe auch Freunde, die vor Ort in der Klinik arbeiten und mit denen man sich austauscht ... tolle Storys ... nur traurig, daß es sowas überhaupt gibt!!!

Ich schrieb:

Ja, das stimmt, daß man, wenn man Bier verkauft, live miterleben kann, was aus den Suchtkranken wird. Am unteren Ende des Geländes der Psychiatrie in Kingston gibt es einen Minigolfplatz mit einem Kiosk. Dort versammeln sich viele von denen, die gerade eine Entgiftung hinter sich haben, um erstmal einen darauf zu trinken. Ja, traurig, daß es sowas gibt.

Valerien erzählte, daß er die Musik von Depeche Mode seit 1986 kennt:

Wobei man damals (DDR-Zeit) ja nichts von ausländischen Bands kaufen konnte und sich somit alle Lieder und Informationen aus dem Radio besorgen mußte ... war lustig und aufregend und hat einem einen ganz anderen Bezug zu den Sachen gegeben ...

Ich schrieb:

Depeche Mode, das war die Band, mit der ich angefangen habe, auf Elektro zu stehen. Besonders "People are People" hat mir schon damals sehr gefallen. Ich kenne die Band seit 1984, damals liefen die Titel bei uns in jeder Disco.

Über die bisherigen W.E-Fanclubtreffen (die Rafa als "Hörerclubtreffen" oder "HCT" bezeichnet, weil er seine Fans als "Hörer" und seine Band W.E als "Radiosender" bezeichnet) erzählte Valerien:

Das erste HCT fand 1996 mit genau 70 Leuten statt, dieses Jahr waren's halt 1000, aber die kommen ja nicht wegen der Werbung usw., sondern wegen dem Flair.

Das W.E-Fanclubtreffen 2006 in H. - mit dessen Organisation er wenig zu tun hatte - fand er nicht so gelungen:

Was die Leute am meisten kritisierten:
"Das Familiäre hat gefehlt, wir wollen wieder zusammen ein Wochenende verbringen, das komplett billiger ist als ein Abend in H. und das eben mehr ist als NUR ein Konzert ..."
Das ist schön und macht auch stolz, weiß man doch, für WEN man was macht ...

Ich schrieb:

Das HCT im "Mute" in H. im September 2006 war, finde ich, in Wirklichkeit gar kein HCT, denn daran war alles so, wie es sonst bei den Parties im "Mute" auch ist. Es gab nichts, was darüber hinausging. W.E-Konzerte mit Merchandize-Stand hat es da schon öfter gegeben, das ist bei den Parties, die in H. laufen, nichts Außergewöhnliches. Das Besondere bei den HCT's, wie sie sonst stattfinden, ist ja - soweit ich gehört habe -, daß es etwas darüber hinaus gibt, einmal die längere Dauer, dann Aktionen (Raritäten werden unters Volk gebracht, es gibt T-Shirt-Sondereditionen), Computer-Ecke, Grill und dergleichen. Mir kam es eher so vor, als wenn die Umbenennung der Party mit W.E-Konzert im September 2006 in "Hörerclubtreffen" eine Verlegenheitsaktion war (mit der du ja letztlich kaum etwas zu tun hattest), weil das "eigentliche" HCT im Mai 2006 nicht stattgefunden hatte. Jedenfalls kannst du dich sicher zu Recht über den reichlichen Zulauf des diesjährigen "richtigen" HCT freuen.

Tron mailte:

Wusstest Du, daß der Cybernoid, den Du ja von der "Salix" kennst, sich hat einweisen lassen ? Er meint, er kriegt jetzt starke Beruhigungsmittel.

Ich schrieb:

Ja, der Cybernoid hat schon ein ziemlich schweres Schicksal, soweit ich das mitgekriegt habe. Da würde es mich nicht wundern, wenn er mit Depressionen zu kämpfen hat.

Tron befragte mich zu der Diagnose "ADHS". In der Schule habe er sich schlecht konzentrieren können. Er habe als Kind niemanden an sich heranlassen wollen. Er sei vorübergehend mit einem ADHS-Medikament behandelt worden, das jedoch zu keiner Veränderung geführt habe. Er könne sich auch heute noch schlecht konzentrieren. Er fühle sich wie ausgebrannt und denke, alles erlebt zu haben, was von Interesse sei.
Ich schrieb:

Ehe man von ADHS spricht, sollte man sehr genau hingucken und den Gesamtverlauf betrachten. Was bei dir tatsächlich ADHS war oder ist, läßt sich wahrscheinlich nur schwer feststellen, den manche Verhaltensauffälligkeiten können viele verschiedene Gründe haben.

Nic erzählte am Telefon lauter Katastrophen, die sich in Kingston ereignet hätten und ereignen würden. Da ich weiß, daß Nic überall Katastrophen sieht und sich von einem Kaffeeautomaten gekränkt fühlt, wenn er diesen verkehrt bedient und deshalb keinen Kaffee bekommt, betrachtete ich seine Erzählungen unter Berücksichtigung einer Korrekturvariablen. An Informationsgehalt konnte ich seinen Erzählungen entnehmen, daß die dissoziale Kollegin Wilrun von Landau endlich Kingston verlassen hat - was nicht als Katastrophe, sonders als Glücksfall zu betrachten ist. Es ist ein Jahr her, daß sie sich in B. verheiratet hat. Wie ihr jetziger Nachname lautet, kann ich mir nicht merken, und ich denke, es ist auch nicht von Bedeutung. Der Ärztliche Direktor muß zum Jahreswechsel seinen Stuhl für Amfortas räumen, was ebenfalls nicht als Katastrophe zu betrachten ist. Er will partout nicht in den Ruhestand gehen, sondern weiter "in beratender Funktion" als eine Art Graue Eminenz dem Haus erhalten bleiben. Die meisten Kollegen scheinen allerdings ganz gut auf ihn verzichten zu können. Seine Geliebte Fanny, die durch ihn als eine Art "Abschiedsgeschenk" von der Assistenzärztin direkt zur Funktionsbereichsleitung ("Chefärztin") der Gerontopsychiatrie befördert wurde, erzählt neuerdings, daß sie einen "Freund" hat. Marielle arbeitet inzwischen nicht mehr in Kingston, sondern in den neuen Bundesländern. Wim soll sich mit dem Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie überworfen haben und außerhalb des Klinikgeländes arbeiten. Herko soll sehr darauf aus gewesen sein, nach der Privatisierung der Klinik Beschäftigter des Öffentlichen Dienstes zu bleiben, was aber nur in der Forensischen Psychiatrie möglich ist, der Abteilung für psychisch kranke Straftäter, eine Mischung aus Krankenhaus und Haftanstalt. Herko arbeitet nun in dieser Abteilung. Er bleibt weiter Beschäftigter des Öffentlichen Dienstes und verdient laut Nic 500 Euro weniger als die Kollegen, die mit der Privatisierung Beschäftigte der AWO geworden sind. Zwei ärztliche Kolleginnen haben Selbstmord begangen. Bei einer von ihnen war langjährig eine Suchterkrankung bekannt.
Nic ist vorwiegend damit beschäftigt, sich mit seinen Vorgesetzten und seinen Kollegen auf der Station herumzustreiten.
Marie-Julia fragte mich einen Tag später am Telefon, ob ihr Mann Nic mir mit seinem Gejammer wieder auf die Nerven gegangen sei. Ich meinte, ich wisse ja, wie Nic sei; er erzähle im Grunde immer dasselbe, nämlich daß alles nur katastrophal sei.
"Manchmal kann man das nicht mehr hören", seufzte Marie-Julia.
"Da hat einer alles, wovon viele andere nur träumen", meinte ich, "eine reizende Familie, ein schönes Haus, einen festen Job - und ist einfach nie mit irgendwas zufrieden und nörgelt an allem herum."
Marie-Julia erwartet einen Jungen, ihr zweites Kind. Bisher läuft alles wie geplant. Ihre Tochter Hedy entwickelt sich gut. Sie soll ein sehr aufgewecktes Kind sein. Marie-Julia möchte nach der Geburt ihres zweiten Kindes für zwei Jahre zu Hause bleiben und sich ganz um ihre Kleinen kümmern.
Mitte November war Constri zum Kaffeetrinken bei Bertine. Sie war erstaunt, weil Bertine auch über andere Dinge sprechen konnte als über den Verlust ihres Kindes. Bertine erzählte, die Gespräche mit anderen trauernden Eltern hätten sie "geerdet". Man verstehe sich ohne viele Worte und spüre, man sei nicht allein.



Am Donnerstag war ich abends bei Tyra, die jetzt im Haus ihrer Mutter in der Nähe von Bad E. lebt. Drinnen ist noch Baustelle, vor allem in den Räumen, die zu Tyras Einliegerwohnung werden sollen. Tyras Stiefvater ist sehr fleißig, was den Ausbau und die Renovierung dieser Räume betrifft. Es gibt in der Tat noch viel zu tun. Mich erinnert das an die Baustelle, die Tyras Leben darstellt; sie scheint noch immer nicht zu wissen, wo sie eigentlich hingehört. Auch die Pläne mit der Einliegerwohnung wirken brüchig.
Ich hatte Schüttelfrost und wärmte mich an einem Eisenofen, der ein Brandrisiko darstellt, weil manchmal das Ofenrohr auseinanderfällt. Der Ofen soll bald ersetzt werden.
Nach einem Becher heißen Tee fuhren Tyra und ich zum "Keller", wo es heute Rippchenessen gab. Die Rippchen fand ich köstlich. Bibian erzählte, daß sie sie immer von einem hervorragenden Metzger ordert.
Mit einem Schuß Rum im Tee, den ich nicht bestellt hatte, aber sehr genoß, wurde mir wärmer.
Tyra und ich saßen in der Gaststube an einem der großen Holztische und zeichneten Entwürfe für Tyras nächstes Bühnen-Outfit. Sie möchte eine weiße Corsage mit Stäbchen tragen und weiße Hot Pants, dazu weiße Rangers mit schwarzen Schnürsenkeln, und von der Taille soll ein schleierähnliches Gebilde flattern. Sie befürchtete, das Outfit könnte zu nackt wirken. Ich empfahl, Ärmlinge oder lange Abendhandschuhe zu tragen und eine Kette oder ein Halsband. Und ich empfahl, den Schleier für die Taille in Schwarz zu halten, weil das die Proportionen unterstreicht, die "Sanduhrfigur".
Tyra erzählte, daß Berenice sich für die Bühne ein weißes Minikleid gekauft hat, dessen Rock mit schwarzer Spitze garniert ist. Hinten läuft er in einer bodenlangen Schleppe aus schwarzer Spitze aus.
Berenice trage nach Jahren des Färbens ihre natürliche Haarfarbe; sie sei von Natur aus blond, ebenso wie Tyra. Tyras dunkelblonde Haarfarbe ist künstlich, wirkt aber natürlich, weil es kein extremer Farbton ist.
Tyra erzählte, daß sie ihr Handy bei Sten vergessen hatte; sie war über ein anderes Handy erreichbar. Sie meinte, sie würde Sten sofort heiraten, wenn sie nur in ihn verliebt wäre. Mir fällt dazu ein, daß Sten vor mehr als zehn Jahren viel Geld bezahlen mußte, weil er seiner damaligen Freundin Aimée gegenüber handgreiflich geworden war.
Tyra erzählte, daß sie bei ihrem Umzug einige Möbel weggeworfen hat. Ihre Möbel aus den fünfziger Jahren habe sie nur deshalb angeschafft, weil Rafa immer von den fünfziger Jahren geschwärmt habe und sie schließlich geglaubt habe, den Stil dieses Jahrzehnts ebenfalls toll zu finden. Inzwischen sei sie sicher, diesen Stil nicht toll zu finden. Die beiden Oberschränke - darunter der mit der kaputten Tür, die immer von selber aufgeht - habe sie weggeworfen. Zwei Kommoden habe sie behalten, die könne sie noch gebrauchen. Den kleinen Tisch, die Stühle und einen Sessel habe sie Rafa vor die Tür gestellt. Was er damit gemacht habe, wisse sie nicht. Er habe nur einmal in einem Telefongespräch darauf Bezug genommen, daß sie ihm die Sachen vor die Tür gestellt habe, das sei alles.
Tyra erzählte, ihr Chef in ihrem Job bei der Zeitung sei in sie verliebt. Er sei jedoch verheiratet. Sie habe ihm mitgeteilt, daß sie als Geliebte nicht zur Verfügung stehe.
Der "Keller" ist mit alten Grabsteinen dekoriert, wie Rafa sie auch bei sich zu Hause hat. Tyra meinte, das sei nicht sehr pietätvoll.
"Die sind nicht geklaut", erzählte ich. "Die stammen von eingeebneten Gräbern, die wären sonst nur weggeworfen worden."
Gegen halb elf Uhr nachts erschien Highscore; er hatte Spätschicht gehabt. Highscore erzählte, daß bei ihm im Betrieb Personal eingespart wird. Es gebe eine Schwarze Liste, aber keiner der Beschäftigten wisse, wer darauf stehe. Jeden Morgen könne geraten werden, wer heute fehle. Auch langgediente Mitarbeiter würden mir nichts, dir nichts hinausgeworfen. Nach einem Jahr Auffanggesellschaft landeten sie in der Armut, die in der heutigen Zeit den Namen eines vorbestraften VW-Betriebsrats trägt. Retten könnte sie nur einer der wenigen Jobs, die es für Geringqualifizierte gibt. Highscore guckt bereits nach Stellenangeboten.
Viel Spaß hat Highscore bei seinem Paintball-Hobby. Er gehört zur "Orga" eines Turniers in PB. und bereitet mit Hingabe die Austragungsplätze vor.
Kurz vor elf Uhr kamen Pat, Zod, Shannon und Rafa in den "Keller". Während Pat, Zod und Shannon gleich in die Gaststube marschierten, blieb Rafa vorne im Schankraum, wo geraucht werden durfte. Er plauderte mit einem dicken Skinhead, der zwar brav gekleidet, aber wegen seiner zweifelhaften Ansichten und seines zweifelhaften Verhaltens schlecht beleumundet ist. Rafa trug ein samtiges schwarzes Sakko und seine riesige schwarze Sonnenbrille.
Ich hatte einen engen schwarzweiß melierten Pullover an mit schwarzen Lederbändern und Schnallen am U-Boot-Kragen, den schmal geschnittenen langen Rock in Navygrau und um die Hüften einen schwarzen Ledergürtel, der mit Karabinerhaken geschlossen wird. In der Zöpfchenfrisur trug ich schwarze Organzabänder.
Zod war als Punk gestylt, wie neulich in der "Spieluhr", und Shannon war passend im Punk-Look gestylt, denn sie ist jetzt mit Zod zusammen.
"Es lebe das Forum!" sagte Shannon zu mir.
Sie bedauert, daß das W.E-Forum nicht mehr existiert.
Ich erzählte Shannon, daß Wave und ich neulich telefoniert haben und daß er erzählt hat, daß er nicht im "Memento Mori" war, als Rafa dort im Oktober aufgelegt hat. Pat war dort aber, er ist wohl Rafas Fahrer gewesen. Shannon ist nur noch selten in ihrer Heimat in den neuen Bundesländern.
Zod ist berufsbedingt nach H. gezogen und damit in räumlicher Nähe zu Shannon, die in H. Tiermedizin studiert. Zod erzählte, daß er nicht mehr so oft nach SHG. kommen kann und deshalb Pat nicht mehr so oft sieht; es sei immerhin ein Kostenfaktor.
Pat erzählte von seiner Freundin Veva. Sie sei erst siebzehn Jahre alt und recht naiv. Er sei froh, sie heute nicht mitgenommen zu haben. Sie trinke sonst im selben Tempo wie er, vertrage aber nur einen Bruchteil davon.
Pat gab eine Runde aus, auch für mich. Überhaupt verhielten sich sowohl Zod als auch Pat mir gegenüber freundlich und harmlos.
Rafa monologisierte lärmend im Schankraum, sang sogar mit dem Skinhead ein Liedchen. Durch die Türöffnung war er von der Gaststube aus zu sehen. Einmal kam Rafa mit dem Skinhead in die Gaststube herüber und musterte die Anwesenden. Dann unterhielt er sich einige Zeit mit Highscore im Schankraum. Als Highscore in die Gaststube zurückging, rief er ihm hinterher:
"Highscore, ich werde dich immer lieben, ich werde dich immer verehren, ich werde dir immer loyal sein, wenn du mir das besorgst."
Sonst wohl anscheinend nicht ...
Highscore erklärte mir, daß es um Pyrotechnik ging, die er für Rafas nächstes Video bereitstellen sollte. Rafa habe davon keine Ahnung, und er, Highscore, könne das Gewünschte besorgen.
Mehr und mehr zog es die ganze Gesellschaft nach vorn in den Schankraum. Anwar erschien und hob immerhin die Hand zur Begrüßung, als unsere Blicke sich trafen. Kurz nach Mitternacht kam ein Pärchen herein, und Rafa fiel über den Mann her und ließ ihn mit lautem Gesang hochleben; er hatte nämlich vorgestern Geburtstag gehabt. Rafa forderte mit Gesten und Kommandos die Umstehenden zum Mitsingen auf. Ich hatte den Eindruck, daß es Rafa nicht in erster Linie darum ging, seinem Bekannten zum Geburtstag zu gratulieren, sondern vor allem darum, sich selbst in Szene zu setzen.
Rafa wollte als Nächstes, daß alle miteinander tranken, er verlangte jedoch:
"Aber nur, wenn ihr Hetty auch einen ausgebt."
"Die Cola ist schon ausgegeben", erklärte ich, "Pat hat mir einen ausgegeben."
"Das ist gut."
Rafa stand während seiner Monologe mitten in dem schmalen Durchgangsflur des Schankraums, und es war unvermeidlich, daß ich beim Vorbeigehen an seinem Sakko entlangstreifte. Im Übrigen schien ihn das nie zu stören.
An der Theke unterhielt Rafa sich lange mit Tyra und umarmte sie immer wieder. Als er einmal nicht bei ihr stand, wisperte ich Tyra zu:
"Er baggert schon wieder."
"Nein", entgegnete sie voller Überzeugung, "ganz bestimmt nicht."
Als Pat, Zod und Shannon aufbrachen, fragte Pat, wann Rafa nachkäme. Rafa antwortete, mit Bestimmtheit werde er in genau fünfundzwanzig Millionen Jahren bei ihm sein.
Rafa hatte es in der Tat nicht eilig. Er begann ein Gespräch mit seinem Thekennachbarn Keor. Im Laufe des Gesprächs sagte Rafa beiläufig zu mir:
"Du bist doch diejenige 'Ich weiß immer alles'."
"Ja."
"Also, dann sag' mal: Was ist Karotten-Diphtherie?"
"Karotten-Diphtherie gibt es nicht."
Keor meinte, es gebe sie doch.
"Vielleicht in deiner Phantasie", entgegnete ich.
Rafa unterhielt sich mit anderen Leuten weiter, und Keor redete weiter mit mir über die Frage, ob es Karotten-Diphtherie gibt.
Tyra erzählte mir, daß sie gleich mit Rafa zu Pat gehen werde, wo sie auch übernachte. Ich fragte sie, ob wohl irgendwer etwas dagegen hätte, wenn ich mitkäme. Sie meinte, da müsse ich schon Rafa fragen. Pat sei schließlich schon weg.
Ich wollte Rafa nicht fragen - zum einen, weil man sich nicht bei Rafa, sondern bei Pat traf, und zum anderen, weil ich mich nicht selbst irgendwo einladen wollte. Und Tyra wollte Rafa nicht fragen, ob sie mich mitnehmen konnte; das wäre ohnehin nicht Rafas Entscheidung gewesen, sondern Pats. Also ließ ich die beiden von dannen ziehen.
Keor erkundigte sich nach meinem Beruf. Er wollte wissen, was ich in meinem Beruf am liebsten mache.
"Psychiatrische Grundversorgung", erzählte ich.
Keor fragte, ob mein Beruf das sei, was mich im Inneren beschäftige. Ich erwiderte, daß mich meine Website am meisten innerlich beschäftigt. Auf seinen Wunsch schrieb ich ihm die URL auf. Keor erkundigte sich, was mich im Bereich Psychiatrie innerlich beschäftigt.
"Narzißtische Persönlichkeitsstörung", antwortete ich.
Keor meinte, Narziß sei doch der Knabe gewesen, der sich verliebt im Spiegel betrachtete. Ich erklärte, bei der Störung handele es sich um ein gestörtes Selbstwertgefühl, und die Betroffenen versuchten, sich selbst künstlich zu überhöhen, um das Selbstwertdefizit auszugleichen.
Keor wollte wissen, warum mich ausgerechnet diese Störung beschäftigt. Ich antwortete, sicher könne man es nicht sagen, aber es habe vielleicht etwas mit meiner Veranlagung zu tun. Wenn man eine Münze in den Sand drücke, dann erscheine ihr Abdruck im Sand, der sei ihr sehr ähnlich, aber irgendwie doch das Gegenteil. Nun sei ich vergleichbar mit der Münze und der narzißtisch Gestörte mit dem Abdruck, dem Negativ; gewissermaßen sei er ebenso mein Gegenteil wie mein Gegenstück.
Bibian bemerkte, Rafa sei heute besonders laut gewesen.
"Ist er sonst nicht so laut?" fragte ich nach.
"Nein, schon seit 2003 nicht mehr", erzählte Bibian, "ich habe ihn gut erzogen."
Bibians Freund Dexter wandte ein, neulich sei Rafa auch ziemlich laut gewesen - als er nämlich beim Kniffeln verloren habe. Kichernd erzählten Bibian und Dexter, wie sie versucht hätten, Rafa bei Kniffeln gewinnen zu lassen, und wie er trotz aller Bemühungen haushoch verloren habe.
Als ich Bibian erzählte, wie Rafa sich im "Mute" entblößt hat, konnte sie mit einer ähnlichen Geschichte aufwarten. Rafa kam neulich mit einem Gefolge aus mehreren Herren - Gäste einer Party - in den "Keller" und benahm sich flegelhaft. Er betitelte Bibian mit einem unschönen Ausdruck, und sie entgegnete:
"Kost' zwei Euro!"
Rafa zahlte die zwei Euro, und alles gröhlte:
"Rafa muß zahlen! Rafa muß zahlen!"
Etwas später ließ Rafa die Herren, die er mitgebracht hatte, einen Kreis bilden, und auf sein Kommando öffneten alle den Hosenstall.
"Peinlich", stöhnte Bibian bei der Erinnerung daran.
Sie findet auch Peitsch-Püppi peinlich, die in Wirklichkeit Adrienne heißt. Einmal soll Adrienne naiv-ergeben hinter Rafa in den "Keller" getrottet sein, wo er ihr eine Karnevalsperücke mit langen blonden Haaren aufsetzte. Sie kratzte sich, weil die Perücke kratzte, aber in ihrer Ergebenheit behielt sie sie auf.
Bibian konnte von Darienne ein weiteres Beispiel für Unterwürfigkeit berichten:
"Als Dari hier war, und sie wurde was gefragt, hat sie statt einer Antwort nur so geguckt - so -"
Bibian ahmte die weit aufgerissenen Augen und das aufgesetzte Grinsen nach.
"Und als sie gefragt wurde, warum sie so komisch guckt", fuhr Bibian fort, "da hat sie gesagt:
'Rafa hat gesagt, wenn ich auf eine Frage keine Antwort weiß, soll ich einfach niedlich aussehen und lächeln!'"
"Und Rafa hat es nötig, mit sowas 'rumzurennen", meinte ich, "das ist doch echt armselig."
"Tja, er wird alt!"
"Und er will es nicht wahrhaben."
Bibian erzählte von Vampirlegenden. Es störte sie, als sie auf einem Grabstein den Spruch las:

"Denn die Toten reiten schnell." Bram Stoker

Ich konnte bestätigen, daß der zitierte Satz aus der Ballade "Lenore" von Bürger stammt; Bram Stoker hat ihn in "Dracula" selber nur zitiert.
Im "Keller" soll es demnächst noch mehr Sonderveranstaltungen geben. Im Winter ist Grünkohlessen geplant.
"Du mußt auch an den Adventssonntagen herkommen", sagte Bibian, "ab 15 Uhr, weil Torte."
Für das Grünkohlessen im Dezember trug Bibian mich in die Liste ein, als "Hetty (Elektro-Betty)". Für das heutige Rippchenessen hatte sie mich als "Elektro-Betty" eingetragen. Sie erklärte den Umstehenden, weshalb ich so genannt werde:
"Weil sie so schön tanzt."
Ich meinte, es würde mich freuen, wenn es wieder eine Tanzveranstaltung im "Keller" geben würde. Dexter fragte:
"Willst du in die Orga?"
Wir vereinbarten, daß ich bei der Werbung mithalf und daß wir unsere Domains verlinkten.
Als ich mich im "Reha-Bunker" mit Schwester Sue über Rafa und das Heiraten unterhielt, meinte Sue, ein Mann, der normal sei, würde sowieso nicht zu mir passen, er würde mir viel zu langweilig sein.
"Vielleicht stimmt das", sagte ich nachdenklich. "Vielleicht kommt für mich wirklich nur einer mit Dachschaden in Frage."
Sue meinte, so außergewöhnlich, wie ich sei, könne sie sich nicht vorstellen, daß ich mit einem normalen Mann glücklich werde.
Am Freitag war ich im "Restricted Area" und traf dort Schwester Lenya, die ich aus Kingston kenne. Lenya hat von Nic denselben Eindruck wie ich - daß er an allem etwas auszusetzen hat und sich damit selber unglücklich macht.
Dina-Laura will mit ihrem Freund eine Familie gründen. Sie war "aus Versehen" schon einmal schwanger, hatte aber einen Abort. Sie hat sich dadurch nicht entmutigen lassen. Sie weiß, daß Aborte in der Frühschwangerschaft häufig vorkommen und daß fast alle Frauen danach gesunde Kinder zur Welt bringen.
Am Samstag war ich auf Quinns Likörparty. Quinn hatte überall selbstgemachte Liköre hingestellt. Und es gab ein üppiges Buffet mit Braten, Frikadellen und Salaten. Ich ließ mir Zimt-Sahne-Likör, Sangria-Likör und Kaffee-Creme-Likör schmecken und fand alle vorzüglich.
Ein Gast aus der Runde gab eine wüste Geschichte zum Besten. Sie soll sich wirklich so abgespielt haben, und zwar in SHG.: In einem Haus wurde eine Geburtstags-Überraschungsparty vorbereitet, von dem Lebensgefährten des Geburtstagskindes. Er richtete das Wohnzimmer her, versammelte die gemeinsamen Freunde um sich, nahm den Hund seiner Lebensgefährtin auf den Arm und hielt ihm die Schnauze zu, damit er nicht anschlug. Das Geburtstagskind kam schließlich nach Hause und rief:
"Fifi!"
Sie ging hinauf ins Obergeschoß, dann kann sie wieder herunter und rief mehrmals:
"Fifi!"
In die Küche ging sie auch, immer wieder rufend:
"Fifi!"
Schließlich betrat sie das Wohnzimmer. Da machten die versammelten Partygäste das Licht an, und keiner konnte sagen, wer mehr überrascht war - das Geburtstagskind oder die Gäste. Der Lebensgefährte des Geburtstagskindes hatte sich schon gewundert, warum Fifi in seinem Arm so strampelte und partout herunterwollte. Jetzt, als er seine Lebensgefährtin in ihrem Aufzug sah, wurde es ihm klar. Sie hatte sich vollständig entkleidet und untenherum mit Nutella verziert. Fifi ging es um die Nutella. Der Lebensgefährte des Geburtstagskindes war völlig perplex.
"Natürlich hat er die Alte sofort in den Wind geschossen", setzte der Erzähler hinzu. "Aber trotzdem, im Grunde war es für ihn selber am peinlichsten."
Ich erzählte von einem Flitzer, der im Raum BI. mit dem Fahrrad unterwegs ist; von dem haben mir die Schwestern bei mir auf Station erzählt. Der Flitzer soll weitgehend unbekleidet auf einem Fahrrad herumfahren, er soll nichts als Schuhe und Strümpfe tragen. Dayenne hat ihn auch schon gesehen. Sie war vor einiger Zeit in BI. und sah, wie ein Mann im Gedränge über einen Fußgängerüberweg ging, ganz geschäftig - und nackt. Sie wollte ihren Augen kaum trauen. In EMD. erzählte ihr eine Kollegin, die lange in BI. gewohnt hat, daß es sich bei dem Nackten nur um diesen einen Flitzer handeln konnte. Der sei seit Jahrzehnten nackt in BI. und Umgebung unterwegs. Man habe ihn mal eingesperrt, dann habe es eine Umfrage gegeben, und man habe ihn wieder in die Freiheit entlassen. Er errege zwar öffentliches Ärgernis, tue aber niemandem etwas, also dürfe er weiter nackt unterwegs sein. Übrigens sei er auch bei winterlichen Temperaturen nackt unterwegs.
Am Tisch wurde über das Thema "Fahrradsex" geplaudert. Ich schlug vor, diese Variante "Bizyklismus" zu nennen.
Auf der Party hatten wir auch ernstere Themen. Ein Gast erzählte, daß bei ihm auf der Arbeit bevorzugt dann Leute entlassen werden, wenn einer krank wird und die anderen diesen Engpass überwinden. Der Arbeitgeber sagt sich dann, daß es mit weniger Leuten auch geht, ist aber zu kurzsichtig, um zu begreifen, daß die Arbeitnehmer die zusätzliche Arbeit nur ausnahmsweise bewältigen und nur für begrenzte Zeit. Läßt man sie länger unter solchen Bedingungen arbeiten, ist das Ergebnis, daß auch diejenigen krank werden, die sonst über eine robuste Gesundheit verfügen. Ungefähr so ist es bei uns auf der Arbeit auch.
Tyra bekam ihr Handy wieder, Sten schickte es ihr. Sie erzählte am Telefon, es sei nach dem Abend im "Keller" noch recht lustig gewesen bei Pat. Sie habe sich viel mit Shannon unterhalten. Anwar sei auch noch dazugekommen.
Als ich erzählte, daß Bibian meinte, Rafa sei im "Keller" so laut gewesen wie schon lange nicht mehr, bestätigte Tyra:
"Stimmt, er war ziemlich euphorisch."
Wegen eines Virusinfekts ließ ich mich krankschreiben und rief Leute an, die ich schon lange mal wieder anrufen wollte.
Hakon erzählte am Telefon, daß er sich zum ersten Mal in seinem Leben krankschreiben ließ, als seine Tochter im Sterben lag. Es sei ungewohnt für ihn gewesen. Der Arzt habe jedoch volles Verständnis für ihn gehabt und ihn gleich für zwei Wochen krankgeschrieben, ihm sogar angeboten, ihn danach noch zwei Wochen krankzuschreiben. Hakon habe sich aber nicht getraut, sich weiter krankschreiben zu lassen, weil in seinem Innern das Bild vom vermeintlichen Drückeberger zu fest verankert sei. Er habe sich stattdessen zwei Wochen Urlaub genommen. Inzwischen arbeite er wieder, und wenn er sich nicht übermäßig konzentrieren müsse, komme er damit zurecht. Anspruchsvolleren Aufgaben, die demnächst anstehen, sehe er mit Bangen entgegen.
Hakon empfindet Selbsthilfegruppen für trauernde Eltern als stützend und hilfreich. Zusätzlich möchte er eine Therapie machen. Er stellte fest, daß viele Therapeuten lange Wartezeiten haben.
Hakon möchte trotz des eigenen Leids mit keinem der anderen trauernden Väter tauschen. Jedes Schicksal lastet schwer auf den Getroffenen. Besonders schlimm ergeht es den Eltern, die aufgrund der hiesigen Bürokratie ihre verstorbenen Kinder nicht beerdigen dürfen, weil sie vor oder bei der Geburt gestorben sind. Paradoxerweise dürfen jüngere Kinder, die als Frühchen zur Welt kamen, beerdigt werden, hingegen dürfen ältere Kinder, die fast den Reifungsgrad eines Neugeborenen erreicht haben, aber bei der Geburt starben, nicht beerdigt werden.
"Im Laufe der letzten hundert Jahre ist man mehr und mehr davon abgekommen, Menschen als Gegenstände zu betrachten", meinte ich, "und das hat sich auch in der Rechtsprechung niedergeschlagen. Kinder haben Rechte, die sie vor hundert Jahren nicht hatten, da waren sie nur das rechtlose Eigentum ihrer Eltern. Die Eltern wurden nur bestraft, wenn sie ihre Kinder umbrachten, ansonsten durften sie mit ihnen machen, was sie wollten. Frauen waren vor hundert Jahren auch meistens nur das Eigentum von Vätern oder Ehemännern. Auch die Frage, ab wann ein Kind als Mensch zu betrachten ist, wird man neu stellen müssen, und ich denke, angesichts der Weiterentwicklung der Frühgeborenenmedizin wird sich in der Rechtsprechung etwas tun."
Bertine erzählte am Telefon, daß ihr Mann und sie sich für eine der Selbsthilfegruppen entscheiden werden, die sie kennengelernt haben. Mit ihrer jetzigen Therapeutin sei sie sehr zufrieden. Es tue gut, mit einer Außenstehenden über das Erlebte zu sprechen.
Bertine sah sich während ihrer Schwangerschaft reichlich Vorurteilen ausgesetzt, als sie mitteilte, daß sie ein Kind mit Down-Syndrom erwartete. Eine Tante meinte, es sei gut, von dem Down-Syndrom zu wissen, denn dann sei das Risiko eines weiteren Kindes mit Down-Syndrom sehr gering. Anscheinend ging sie davon aus, daß Bertine die Schwangerschaft abbrechen lassen würde. Diskussionen gab es auch mit Bertines Mutter, die immer wieder betonte, wenn man ein Kind mit Down-Syndrom habe, gebe es für die Eltern keine Freizeit, keinen Urlaub und kein Privatleben mehr, alles werde sich ausschließlich um das Kind drehen. Als Bertine und ihr Mann sagten, sie würden gern mal wieder eine Fernreise machen, entgegnete Bertines Mutter:
"Glaubt ihr, daß ihr dafür noch Zeit habt?"
Die werdenden Eltern antworteten:
"Warum denn nicht?"
In der Down-Beratungsstelle wurde ihnen Mut gemacht. Es wurden Kinder vorgestellt, die mit Down-Syndrom ein fast normales Leben führen und die Regelschule besuchen. Was jedoch verschwiegen wurde - und das nimmt Bertine den Leuten übel -, ist, daß die genetische Veränderung schwere körperliche Erkrankungen mit sich bringen kann, die die Lebenserwartung sehr verkürzen können.
Bertine will weitere Kinder, meint aber, noch eines könne sie nicht beerdigen. Nur kann man alles, was man besitzt, auch verlieren.
"Ich denke, es war gut, daß Finja da war", meinte ich, "so konnte sie euch kennenlernen und ihr sie."
Und sie konnten sie bestatten. Sie liegt auf einer Grabstelle, die nur so viel kostet wie ein Urnengrab, aber so groß ist wie eine gewöhnliche Grabstelle. Bäume und Sträucher stehen ringsum. In einem halben Jahr wird das Grab bepflanzt, der Stein wird gesetzt. Fünfundzwanzig Jahre wird das Grab mindestens erhalten.
Was den Grabstein betrifft, gibt es rigide Bestimmungen, wie fast überall im Lande. Die Würdigung des Toten als Individuum ist kaum möglich.
Bertine erzählte, als ihr Mitte August gesagt worden sei, daß ihr Kind schwer krank sei und sofort per Kaiserschnitt geholt werden müsse, sei nichts mehr gewesen wie vorher, nichts sei mehr normal gewesen. Jede einzelne von Finjas Krankheiten hätte man beherrschen können, aber nicht alle auf einmal. Das Loch im Herzen hätte operativ verschlossen werden können, aber Finja hätte die Narkose nicht überlebt. Die Leber, die nicht richtig funktionierte, hätte durch ein Transplantat ersetzt werden können, aber das Immunsystem des Kindes hätte das nicht verkraftet, und die Narkose hätte es ohnehin nicht überlebt. Die Leukämie hätte man in den Griff bekommen können, wenn nicht die inneren Organe nach und nach ihre Funktion eingestellt hätten.
Als es Finja immer schlechter ging, entschieden sich die Eltern, alle lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden, da sie letztlich ohnehin nicht zu einem Überleben des Kindes geführt hätten, sondern nur sein Sterben verlängert hätten. Finja habe noch etwa sieben Minuten lang spontan geatmet, und in diesen Minuten habe Bertine zum ersten Mal den Eindruck gehabt, daß das Kind innerlich ruhig und entspannt gewesen sei. Finja sei friedlich eingeschlafen, der Tod sei eine Erlösung für sie gewesen. Bertine bahrte sie in einem Bettchen auf, ihr Mann und sie hielten die Totenwache. Am Morgen kam eine Schwester herein und berichtete, daß sich in der Nacht noch ein anderes Kind auf den Weg gemacht hatte. Nun könnten die beiden Seelen Hand in Hand davonschweben. Es war tröstlich für die Eltern, sich vorzustellen, daß ihre Tochter nicht allein fortging.
Constri hat gehört, daß Valeska, eine frühere Nachbarin, endlich Mutter ist, nach jahrelang unerfülltem Kinderwunsch. Den Vater des Kindes hat sie verlassen.
Am Donnerstag war ich bei Beatrice und Tagor, die in dem Anbau eines alten Bauernhauses wohnen. Beatrice hat noch immer freundschaftlichen Kontakt zu Andras. Er ist seit einer Weile arbeitlos. Über zehn Jahre lang war er bei der Post beschäftigt, als er wegrationalisiert wurde. Andras lebt im selben Ort wie Beatrice und Tagor. Er ist wegen seiner Freundin Rhea dorthin gezogen. Beatrice und Tagor leben in der ehemaligen Wohnung von Rheas Eltern, die unlängst gebaut haben.
Beatrice erzählte, Lessas Ehemann Kian sei ein früherer Schulkamerad von Andras und habe zeitweise in einem Tattoo-Studio gearbeitet. Durch Kian habe Lessa Kontakt zu der Domina Eliette bekommen. Damals habe Lessa bei Eliette einen Job als Sklavin angenommen, ebenso wie Aimée und Violet. Lessa habe mit Kian zweimal eine Beziehung gehabt und ihn beim zweiten Mal geheiratet.
Aimée, die mit Andras den Sohn Allister hat, soll inzwischen ihr drittes Kind haben und sehr zugenommen haben. Nach der Trennung von Andras und Aimée blieb Allister bei Aimée. Die jüngeren Kinder von Aimée sind nicht von Andras.
Am Freitagabend war Quinn bei mir und brachte zwei Liköre mit, die ich bei ihm bestellt hatte: Vanillelikör und Kaffee-Sahne-Likör. Quinn erzählte von seinem "Mikrounternehmen", das er parallel zu seiner Arbeit betreibt und das noch privat genug ist, um nicht dem Fiskus anheimzufallen. Durch Mundpropaganda, Probiergebinde ("Wundertüte") und Likörparties hat er einen Kundenstamm aufgebaut, der die Kapazitäten des Unternehmens weitgehend ausfüllt. Wichtig sei für ihn nicht in erster Linie das Geld, das er mit den Likören verdient, sondern die Freude, die er beim Zubereiten der Liköre hat und die er anderen mit den Erzeugnissen macht. Ein Kunde von ihm, der nur wenig Geld zum Leben hat, soll bei sich zu Hause eine Sparbüchse stehen haben mit der Aufschrift "Likörkasse für Quinn". Ein Kunde soll gesagt haben, er halte von Alkohol eigentlich gar nichts, aber Quinns Liköre seien so gut, daß er diesbezüglich eine Ausnahme mache. Ein Kunde mag Quinns Zimtlikör so sehr, daß er stets eine größere Flasche bestellt als die, in denen Quinn den Zimtlikör gewöhnlich verkauft.
"Und sowas merkt man sich", sagte Quinn.
In den Zimtlikör kommt eine echte Zimtstange, während in den Vanillelikör eine Schote echter Bourbon-Vanille kommt.
Quinn erzählte, er stelle die Liköre nur aus hochwertigen Zutaten her, süße sie mit braunem Zucker oder Honig und verwende bei den meisten Likören reinen Speisealkohol. Eine der Ausnahmen sei ein Renner im Programm, Rotweinlikör, der werde mit Weinbrand hergestellt.
Ich erzählte Quinn von Terrys Wundergebräu "Wodka Türkisch Pfeffer", den man herstellt, indem man eine Tüte Türkisch Pfeffer in eine Flasche Wodka hineinkrümelt, das Gemisch zwei Tage stehen läßt und umschüttelt. Der so entstandene nachtschwarze Lakritzwodka schmeckt so süß und aromatisch, daß man nicht merkt, daß man fast vierzigprozentigen Alkohol trinkt. Er steigt auch nicht zu Kopf.
Ich erzählte, daß ich Quinns Vanillelikör gerne in Schwarztee schütte mit Vanillepulver und Fünf-Gewürze-Pulver und daß ich Milch und etwas Schlagsahne dazugebe. Quinn meinte, er freue sich immer wieder, zu hören, was man alles womit mischen könne.
Die Gewinnspanne hat Quinn gering gehalten und die Ausgaben sorgsam kalkuliert. Er erzählte, welche Filtersysteme er verwendet und wie er das Haltbarkeitsdatum ansetzt. Manche Liköre müssen gekühlt werden und halten auch dann nur zwei Wochen. Andere halten mehrere Monate. Auf jeder Flasche steht das Herstellungsdatum, und jede Flasche ist mit einer Schleife verziert.
Würde Quinn im eigentlichen Sinne Werbung machen und eine Internetpräsenz einrichten, müßte er das Gewerbe anmelden und den gesamten Katalog der Lebensmittelverordnungen einhalten. Er ist auch so sehr vorsichtig, was seine Produkte und deren Frische angeht.
Clarice wohnt fast gegenüber von Quinn. Sie kennt Quinn bisher nur flüchtig von meiner letzten Grillparty.
Clarice erzählte, als sie vor zehn Jahren in dem Café am CITICEN gearbeitet habe, sei es ihr ähnlich ergangen wie mir jetzt. Sie habe überlange Arbeitszeiten gehabt und sei dauernd krank geworden, was sonst in ihrem Leben kaum der Fall gewesen sei. Sie ist sicher, daß überlange Arbeitszeiten durch den Dauerstreß krank machen.
An Azura mailte ich:

Weil wir so schlecht besetzt sind, haben wir durch die vielen Bereitschaftsdienste, die unter wenigen Assistenzärzten aufgeteilt werden, überlange Arbeitszeiten. Mittlerweile sind wir bei einer 60-Stunden-Woche angekommen. Dem Ärztlichen Direktor ist das völlig egal, er betrachtet diese Zustände mit überheblicher Gleichgültigkeit und meckert sogar noch 'rum, weil ihm die Assistenzärzte mit dem Briefdiktieren zu langsam sind. Das ist echt zum Weglaufen, und viele haben genau das schon getan.

Ja, und auch ich bereite mich auf den Absprung vor. Die schlechten Arbeitsbedingungen schaden meiner Gesundheit. Es kann - und wird so nicht weitergehen.
Azura beklagt den Verlust der Location "Memories" in M., die zum Jahresende schließt, weil das Gebäude abgerissen werden soll. Ich mailte:

Haben die inzwischen eine neue Location gefunden? In BI. haben sie vor einigen Jahren das "Volvox" plattgemacht, eine triste, klapprige Halle, und sind in den Ringlokschuppen umgezogen, der jetzt "Roundhouse" heißt. Viele trauern dem "Volvox" nach, aber ich nicht. Ich finde das "Roundhouse" viel schöner. Ich mag es, daß es ein bißchen an ein Museum für moderne Kunst erinnert. Und der Charme des alten Lokschuppens wurde geschont und sogar durch Strahler, die das Backsteinmauerwerk anleuchten, extra zur Geltung gebracht. Vor den hohen Fenstern hängen schwarze Vorhänge - was Romantisches.

Wenn es im Sommer morgens gegen vier Uhr langsam hell wird, beginnt jene Atmosphäre zu entstehen, die mich vor dreißig Jahren während eines Zeltlagers in eine Traumwelt entführt hat. Das Zeltlager selbst war nichts Besonderes, doch die umschichtige Nachtwache am Lagerfeuer hatte etwas Magisches. Das lag an der Morgenstimmung im angrenzenden Wald hangaufwärts. Zwischen den hohen, von Nebel umflossenen Baumstämmen schimmerte gegen vier Uhr morgens das erste Tageslicht. Dieses Bild ließ in mir die Vorstellung eines Ballsaales entstehen, mit glänzendem Parkett und dunklen Vorhängen neben den hohen Fenstern. In diesem Saal trugen die Ballgäste aufwendige, historisierende Kostüme. Waldbäume sind das Vorbild für epochale architektonische Leistungen wie die Entwicklung gotischer Kathedralen. Wenn man durch eine solche Kathedrale geht, hat man das Gefühl, durch einen Wald zu gehen - und umgekehrt. Die schattenhaften Umrisse der Bäume und die fahle Helligkeit dahinter ließen mich an einen sehr hohen, sehr weitläufigen Raum denken. Eine Kathedrale hatte ich damals noch nicht von innen gesehen, und als Erstes fiel mir ein Ballsaal ein. Allerdings ist ein fahles Halbdunkel in Ballsälen unüblich, außerdem gehen Bälle nicht bis zum Sonnenaufgang. Im "Roundhouse" hingegen wird im Halbdunkel getanzt, Nebel gibt es auch dann und wann, die Gäste machen sich außergewöhnlich zurecht- auch historisierend -, die Hallen sind hoch und weit, die Fenster hoch und schmal wie in einer Kathedrale, es gibt dunkle Vorhänge, und die Parties gehen bis zum Morgen. Parkett gibt es nicht, dafür eine glänzende Tanzfläche, die sich für Endlos-Pirouetten eignet. Die Traumwelt, nach der ich mich vor dreißig Jahren sehnte, ist also keine erfundene gewesen.
Azura mailte, daß es eine Nachfolgelocation für das "Memories" geben soll. Die bisherige Location gehört zu einem Kasernengelände, das umgenutzt wird. Wohnhäuser und ein Supermarkt sollen dort entstehen.
Ivco liest "Im Netz" weiter und hatte Ergänzungen dazu. Die arbeitete ich sogleich ein. Ivco erzählte in einer E-Mail von seiner jüngsten Nichte, die am Wochenende mit Irokesenfrisur vorbeikam und sich von Carole einen schwarzen Lippenstift auslieh. Sie fuhr mit ihren Freundinnen zum "Roundhouse". Ivco wurde wehmütig; er will gern wieder einmal ausgehen.
Hendrik erzählte am Telefon, daß er vor drei Wochen eine Bekanntschaft aus der Online-Szene-Kontaktbörse erstmals "live" getroffen hat. Er besuchte sie in B., wo sie wohnt. Er findet sie sympathisch. Am letzten Wochenende war er mit ihr auf einem Industrial-Festival in M. Ausgerechnet der Initiator des Festivals - und Label-Chef der auftretenden Bands - sei es gewesen, der dem Publikum den Spaß gründlich verdorben habe. Vor dem Headliner - In Slaughter Natives - trat er mit Brighter Death Now auf. Er ist nämlich auch Kopf und Sänger der Band Brighter Death Now. Augenscheinlich schwer betrunken kam er auf die Bühne und begann sogleich, das Publikum anzupöbeln und zu attackieren. Er warf Bierflaschen ins Publikum und teilte Tritte gegen das Publikum aus. Eine Flasche warf er gegen eine Lampe, die Flasche zerbrach, die Scherben flogen ins Publikum. Einer aus dem Publikum stieg auf die Bühne und begann mit dem Musiker eine Rauferei. Drei Saalordner waren nötig, um die beiden zu trennen. Hendrik und seine Bekanntschaft verließen angewidert das Festival und fuhren nach L. zu Hendrik.
"Es ist bemerkenswert, daß deine Bekannte weder gejammert noch sich aufgeregt hat", meinte ich. "Das zeugt von Gelassenheit und innerer Reife."
Hendrik regt sich auch nicht gerne auf; die beiden haben - wie ich finde - etwas Wichtiges gemeinsam. Sie haben verstanden, daß es keinen Sinn hat, sich über etwas aufzuregen, das man doch nicht ändern kann. Dadurch haben sie mehr Freiraum, das zu genießen, was das Leben ihnen schenkt.
An diesem Wochenende hat Hendrik drei Tonnen Steine geschleppt, um die Wege in seinem Garten zu pflastern.
Mein Vater hat aus seiner Kindheit erzählt. Seine Großmutter - Ella - hat 1936 ihren Mann durch ein damals neu auf den Markt gekommenes Narkosemittel verloren. 1944 kam ihr Sohn nicht mehr aus dem Krieg heim. Ella hatte viele Geschwister, aber nur dieses einzige Kind. Gemeinsam mit Schwiegertochter Karoline zog sie die fünf Enkel groß. Ella sagte manchmal, so viele Kinder hätten es nicht sein müssen. Als sie von ihren Enkeln gefragt wurde, ob es ihr lieber wäre, wenn sie nicht da wären, entgegnete sie, nein, so sei es auch nicht, es sei ja schön, daß sie da seien, "nur hätten es nicht ganz so viele sein müssen". Die Bedingungen, unter denen sie damals lebten, waren primitiv. In jeder Etage gab es nur einen Wasserhahn, der war in der Küche. Eine Toilettenspülung gab es nicht, man mußte mit einer Kanne spülen.
Das Zentrum von S. wurde fast völlig ausgebombt. Etliche Bomben landeten in der Umgebung, auch in der beschaulichen Hangsiedlung, wo das Haus der Familie meines Vaters steht. Es gab viele Bombentrichter droben im Wald. Das übernächste Haus neben dem Haus der Familie meines Vaters wurde zerbombt. Mein Vater - damals sieben Jahre alt - saß mit seinen Verwandten im Keller und hörte das fürchterliche Knallen. Die Wände wackelten, und die Kellertür fegte in den Keller. Die Druckwelle zerstörte die Fenster und deckte das Dach ab. Allen war klar:
"Unser Haus könnte das nächste sein."
Es blieb aber stehen und steht bis heute, während viele Nachbarhäuser, die den Krieg überstanden haben, längst der Abrißbirne zum Opfer gefallen sind und protzigen Villen weichen mußten.
Mein Vater erzählte von seinem Geschichtslehrer in der Oberstufe. Der soll ganz nett und fair gewesen sein, aber höchst zweifelhafte politische Ansichten gehabt haben. Er soll im Unterricht betont haben, die Diktatur sei die beste Staatsform. Ein Staat könne nicht funktionieren, wenn jeder eine eigene Meinung haben dürfe. Mein Vater und seine Mitschüler überlegten damals, ob sie ihn "hochgehen" lassen sollten. Sie mochten den Lehrer ganz gern, fanden seine Ansichten aber äußerst bedenklich. Am Ende unternahmen sie dann doch nichts.
Mein Vater erzählte, während er als Austauschstudent für ein Jahr in B. studierte, sei das Verhältnis zu seiner "Frau Mutter" wesentlich besser geworden. Der Abstand zur familiären Enge und Eingebundenheit habe sich ausgewirkt. Und er habe in B. die Vergnügungen des Studentenlebens kennengelernt. Erst habe er zur Untermiete gewohnt, dann sei ein neues Studentenwohnheim fertiggestellt worden, und dort sei er eingezogen.
Zu Beginn seiner Ehe - 1964 - sei er abends erst zu seiner Mutter gefahren und dann nach Hause, weil er bei seiner Mutter Zeitung lesen wollte. Selber die Zeitung zu abonnieren, war ihm zu teuer. Auf seine Frau Rücksicht zu nehmen, die selbst gerne Zeitung lesen wollte und nicht so lange allein sein wollte, kam ihm nicht in den Sinn.
Am Totensonntag war ich zum Mittagessen bei Odette. Sie erzählte von ihrem Neffen Astin, der bei ihrem Vater lebt und in LE. Maschinenbau studiert. Astin bekommt bereits jetzt, im dritten Semester, Angebote von der Industrie. Er wird als fertiger Ingenieur wahrscheinlich sehr viel verdienen, und das bereits in jungen Jahren.
Am Kantinentisch hat ein Kollege erzählt, daß viele Firmen, die die Produktion im Zuge des Billiglohn-Trends mehr und mehr ins Ausland verlagert haben - beispielsweise nach Tschechien -, feststellen mußten, daß die dort hergestellten Produkte keineswegs den hierzulande üblichen und vom Unternehmen erwarteten Qualitätsstandards entsprachen und in Deutschland nachgebessert werden mußten, wenn sie nicht völlig unbrauchbar waren. Genau das hat Highscore mir unlängst auch erzählt, und zwar in bezug auf die Firma, in der er arbeitet.
Odette hat zu Susas Kindern noch immer ein gutes Verhältnis. Vor allem Susas Tochter Louanne hat mitgelitten, als Odette vor vier Jahren eine Schwangerschaft nicht austragen konnte, und vor allem Louanne hat sich mitgefreut, als im letzten Jahr Odettes Sohn Darren zur Welt kam.
Susa und Sven sollen Susas Mann Guy endlich mitgeteilt haben, daß sie beide seit vielen Jahren ein Verhältnis haben. Vor Sven soll Susa ihren Mann bereits mit mindestens einem weiteren Mann betrogen haben. Guy soll keine Trennungsabsichten geäußert haben. Susa und Guy führen nach wie vor gemeinsam eine Gaststätte.
Odette erweitert ihre Steiff-Tier-Sammlung. Für Darren hat sie zum ersten Geburtstag einen weißen Teddybär nach historischem Vorbild gekauft und den mit Darrens Namen und Geburtsdatum besticken lassen. Der Teddybär trägt ein hellblaues Lätzchen. Darren trug heute einen hellblauen Pullover. Er setzte sich fotogen auf ein Korbstühlchen. Odette gab ihm den weißen Teddy in die Ärmchen, und ich fotografierte das Kind mit dem Bären.
Am Mittwoch unterhielt ich mich mit dem Psychotherapie-Supervisor über dem Untergang geweihte Ehen, zu denen auch "Loriot-Paare" gehören, die sich wegen alltäglicher Nichtigkeiten herumstreiten. Ich meinte, immer dann, wenn dem Partner eine Hilfs-Ich-Funktion zugewiesen wird, bedeutet dies, daß er mit Erwartungen überfrachtet wird, die er niemals erfüllen kann, und das führt zu Spannungen. Wenn man vom Partner erwartet, daß er einen glücklich macht, ist die Beziehung überfordert.
Der Supervisor meinte, kollusive Beziehungen entstehen so, daß jeder von dem fasziniert ist, was am anderen anders ist als an ihm selber, und genau das ist es später, was ihn nervt. So suchen hysterische Frauen den ruhigen "Fels in der Brandung" und finden ihn später einfach nur langweilig, und die ruhigen, eher zwanghaften Männer suchen die prickelnde Nymphe und finden später, daß sie ihnen mit ihrer Aufgeregtheit einfach nur auf die Nerven geht. Wenn jemand sich selbst nicht genug ist und die ungelebten Anteile im Partner verwirklichen will, verlangt er von ihm, einen Teil seines Ichs zu übernehmen, anstatt er selbst zu sein.
Der Supervisor meinte, es komme öfter vor, daß eine Beziehung nach außen heile wirkt, während sich das Paar in Wahrheit gar nicht wohl fühlt.
"Und es kann sein, daß andere Leute meine Beziehung einfach saumäßig finden, und ich fühle mich sauwohl damit", ergänzte ich.
"Genau."
Mir wurde wieder einmal klar, was ich nicht will und womit ich weit eher zufrieden bin, auch wenn das nicht den Konventionen entspricht.
Ende November habe ich Folgendes geträumt:

In einem Gewölbekeller, der sowohl dem "Keller" als auch der Bastei in L. ähnelte, begegnete mir Rafa. Zuerst war unsere Kommunikation sehr flüchtig. Ich ging durch den langgestreckten Keller, der recht hoch war und in dessen Mitte sich ein ebenso langgestreckter Wall befand, der mit Ziegelmauern bedeckt war, die Treppen bildeten. Als ich Rafa neben einer Theke allein vor einer Wand stehen sah, legte ich meine Arme um ihn. Er wehrte mich ab, jedoch nicht vollständig; er machte sich eher etwas umständlich. Es kamen Sätze von ihm wie:
"He, erstmal muß ich das Bier abstellen ... paß' mal auf ... so geht das. So geht das."
Schließlich ging er rückwärts ein Stück den Wall nach oben, ich folgte ihm, und nun ließ er sich von mir umarmen, ohne Widerstand zu leisten - im Gegenteil, er umarmte mich ebenfalls, und so standen wir eng umschlungen, als ich aufwachte.
Wir waren wir selber, ganz wir selber, und doch zwei Teile eines Ganzen, wie etwas, das selbstverständlich zusammengehört.

Nach außen gibt es meine Beziehung mit Rafa gar nicht. Tatsächlich findet eine Beziehung im engeren Sinne zwischen uns nicht statt, die Kommunikation beschränkt sich auf wenige Worte oder Blicke durch getöntes Plastik - seine ewige Spiegelbrille. Wo hier die Substanz sein soll, fragt man sich vergebens. Daß es sie dennoch gibt, rufen mir solche Träume in Erinnerung.
Constri hat erzählt, daß Denise "Dreamer" von Supertramp mag, und sie mag auch Kraftwerk. Constri möchte das Stück "Dreamer" gerne für Denise besorgen.
Denise übt jetzt den Buchstaben "S". Sie will ihn unbedingt können. Constri hat für Denise einige "S" auf ein Blatt Papier geschrieben, und Denise versucht, diesen Buchstaben hinzubekommen.
Elaine hat an ihrer Schule die Vorauswahl zum Vorlesewettbewerb gewonnen. Sie hat das Kapitel "Die dicke Berta schwingt Keulen" aus "Pünktchen und Anton" ausgesucht und damit die Jury begeistert. Ich will Elaine noch mehr klassische Literatur schenken, sie kann offensichtlich damit etwas anfangen. Als Nächstes soll sie "1001 Nacht" in der schön illustrierten Ausgabe von Knaur bekommen.
Am ersten Advent gab es bei mir das diesjährige Adventskränzchen. Zu den neuen Katastrophenkeksen gehören der "Ölteppich-Keks" oder "Klebender Teppich", der "Tornado-Keks" oder "Magic Twister" und der "Conterganichtsfür-Keks".
Merle erschien mit Elaine und Tanee. Die Mädchen posierten gemeinsam mit Denise für Fotos.
Constri erzählte, daß sie mit Carl gerne Ausflüge in den Deister macht und daß sie auf solchen Ausflügen schon in Buswartehäuschen gepicknickt haben.
"Da konntet ihr auch in Ruhe picknicken", meinte ich, "das war doch bestimmt am Ende der Welt, da mußtet ihr nicht befürchten, daß irgendwann ein Bus vorbeikommt."
Das Gespräch kam darauf, daß in abgelegenen Dörfern die Bushaltestellen vor allem abends von Jugendlichen als Treffpunkt zum Herumlungern verwendet werden. Layana erzählte von landschaftsarchitektonischen Seltsamkeiten: Es soll tatsächlich Firmen geben, die Häuschen herstellen, die Buswartehäuschen sehr ähneln, aber ausdrücklich als Treffpunkt für Jugendliche gedacht sind, also nicht an Bushaltestellen aufgestellt werden, sondern auf anderen öffentlichen Plätzen und Geländen, wo man die Jugendlichen hinverlagern will, um die Buswartehäuschen von ihnen freizuhalten. Da die Jugendlichen lieber "lungern" als sitzen würden, gebe es eigenartige "Lunger-Vorrichtungen" in den Unterständen, etwa Stangen oder Seile. Irgendwie erinnert mich das an Vogelkäfige.
Ted berichtete am Telefon, um Halloween sei für Blanca die Welt zusammengebrochen. Als ihr Freund Andres wieder einmal keine Lust auf sie hatte, als sie Lust auf ihn hatte, sagte sie ihm auf den Kopf zu, daß etwas nicht stimmte. Da konnte Andres nicht mehr ausweichen und gestand, daß er Blanca sei über drei Jahren betrügt. Er rechtfertigte das damit, daß Blanca nach dem Motorradunfall "dick" geworden sei. Er sei in Swinger-Clubs gegangen und habe sich Geliebte gehalten, schon mindestens zwei. Andres arbeite zu Hause. Er habe seine jetzige Geliebte empfangen, während Blanca in BO. auf der Arbeit war. Er soll geäußert haben, dieses Verhältnis sei "wirklich etwas mit Substanz".
Blanca hat Andres nach seinem Geständnis sofort verlassen und sich eine eigene Wohnung genommen, in derselben Straße zwar, doch mehr als zwanzig Häuser weiter. Andres hat sich Blancas Vertrauen verscherzt. Sie ist sicher, daß er sie nie wirklich geliebt hat.
Ted betonte, wie ungeheuerlich Andres' Verhalten sei. Er könne es einfach nicht fassen.
"Genauso ungeheuerlich wie das, was Cyan mit seiner Frau gemacht hat", gab ich zu bedenken, "und wobei du ihm unterstützt hast."
"Aber das war doch was anderes."
"Ja, insofern, als nicht du es warst, der jemanden betrogen hat, sondern Cyan. Du hast ihm nur geholfen, seine Frau zu betrügen."
"Aber mit einem Mann, Mensch, mit einem Mann."
"Ja, und? Das ist doch egal. Tatsache ist, daß Cyan seine Frau jahrelang betrogen hat. Wir sind alle keine Engel ..."
Ted mußte kichern.
"Er hat seine vorherige Freundin auch schon mit mir betrogen", erzählte er.
1991 habe das Verhältnis von Ted und Cyan begonnen.
"Und 2002 hast du Gewissensbisse gekriegt und das Verhältnis beendet", ergänzte ich, "nachdem du elf Jahre lang Cyan geholfen hast, seine Partnerinnen zu betrügen."
"Für mich war das nur Spiel", meinte Ted. "Aber Cyan, der muß wirklich ernsthaft was für mich empfunden haben, das ist mir aufgefallen, als ich in deiner Geschichte den Dialog gelesen habe, den du mit ihm geführt hast. Der war ja immer noch völlig wild auf mich, zwei Jahre, nachdem ich mich von ihm getrennt hatte. Und der hat nie zugegeben, daß er bisexuell ist. Der hat sogar noch mit was im Mund gerufen:
'Ich bin Hetero!'"
"Das ist ja reif für eine Karikatur", meinte ich. "Man könnte das noch erweitern und was dazuphantasieren. Stellen wir uns diese Szene mal vor - Cyan hat dein bestes Stück im Mund und ruft:
'Ich bin Hetero!'
Und dann stellen wir uns vor, Cyans Frau kommt 'rein und sieht das, und da ruft er:
'Liebling, es ist nicht so, wie es scheint!'
- oder die albernste aller Rechtfertigungen von untreuen Ehemännern:
'Das ist rein körperlich!'"
"Ja, für mich war das ja auch rein körperlich."
"Wir sind alle keine Engel ..."
"Jedenfalls verstehe ich jetzt, warum Cyan so eifersüchtig war, weil ich Marvin liebe."
1993 soll Cyan auf Teds Geburtstagsparty mit der damals zwanzigjährigen Blanca im Saunaraum geknutscht haben. Damals war Cyan noch nicht verheiratet, sein Verhältnis mit Ted lief aber schon.
Im Saunaraum sollen schon viele Leute viele Schäferstündchen verbracht haben.
Am Montag war ich bei Henk zum Abendbrot. Er mußte lachen, als ich erzählte, daß Cyan der Ansicht war, Oralsex sei "keine sexuelle Handlung".
Henks Katze Feline ist nicht mehr so übergewichtig wie früher, sie magert ab und wird immer klappriger. Henk muß nun für drei Gebrechliche sorgen, seine Eltern und die Katze. Nachwuchs gibt es nicht, eine Partnerschaft auch nicht. Nur einen Neffen gibt es, den Sohn von Henks verstorbenem Bruder, zu dem Henk jedoch so gut wie keinen Kontakt hat.
Carl wurde seine Promiskuität zum Verhängnis. Er mußte sich wegen einer Geschlechtskrankheit operieren lassen und bekam Nachblutungen. Anstatt sofort zum Arzt zu gehen, verschleppte er die lebensbedrohliche Komplikation. Nur weil er Kontakt aufnahm zu Freunden und Bekannten, gelangte er noch eben rechtzeitig ins Krankenhaus. Dort wurde er erneut operiert und nach wenigen Tagen entlassen. Wenige Stunden später traten neue Nachblutungen auf, und nur weil er wiederum Kontakt aufnahm zu Freunden und Bekannten, gelangte er rechtzeitig ins Krankenhaus, dieses Mal in die zuerst operierende Klinik. Dort wurde er nochmals operiert und bekam auf der Intensivstation zwei Blutkonserven. Der Hämoglobin-Wert lag nur noch bei 4,5 g/dl, was bedeutet, eine Nacht Verzögerung, und Carl hätte tot im Bett gelegen. So konnte er eben noch gerettet werden. Ich besuchte ihn zu Nikolaus, und er bekam von mir einen Nikolaus. Er erzählte, vorerst habe er auf sexuelle Begegnungen keine Lust mehr. Ihm sei klar, daß es ganz anders hätte ausgehen können. Seine Eltern hat er informiert, die reagierten auf seine schwere Erkrankung jedoch recht gleichgültig:
"Ja, ja ..."
Ähnlich gleichgültig sollen sie vor fünf Jahren Carls Tumorerkrankung zur Kenntnis genommen haben.
"Was muß passieren, ehe die sich aufregen?" fragte Carl. "Muß ich tot sein, oder regen die sich noch nicht einmal dann auf?"
Was die mitleidlose Haltung von Carls Eltern betrifft, so frage ich mich, ob Carl ihnen wirklich gleichgültig ist oder ob sie ein so schlichtes Naturell haben, daß sie die Dramatik von Carls lebensbedrohlichen Krankheiten nicht erfaßt haben.
Am Freitag war ich mit Berit und Yasmin im "Mute". Constri und Darien waren schon eher da. Constri zeigte als VJane die schon bekannten und dazu viele neue Videosequenzen. Rechts auf der Bühne stand sie an einem Tischchen, neben sich einen grün leuchtenden Weihnachtsbaum. Darien machte Fotos. Links auf der Bühne stand das DJ-Pult. Xentrix und Kappa legten auf.








Angelina lobte Constris Videos sehr. Allgemein schienen die Videos gut anzukommen.
Darien erzählte, daß er dafür sorgt, daß sein Sohn Ciaran ihn mit verläßlicher Regelmäßigkeit sieht, gewöhnlich am Mittwoch. Das Kind brauche ihn sehr.
Darien meinte, man könne in einer Familie durchaus gemeinsam einsam sein. Idyllische Ausflüge ans Wasser hätten beispielsweise so ausgesehen, daß man zwar gemeinsam hingefahren sei, daß er sich aber letztlich mit den Kindern befaßt habe, während Dera sich entfernt habe, etwa allein weggeschwommen sei.
Vico erzählte von seinem Beruf als Tontechniker. Er arbeite als Selbständiger und müsse nie nach Aufträgen suchen - im Gegenteil, er könne sich die Aufträge aussuchen, die ihm am meisten Spaß machten und am Lukrativsten seien. Desginer würden pro Stunde mehr verdienen als Tontechniker, die würden 50 Euro nehmen, ein Tontechniker könne nur 25 Euro nehmen und gehöre damit schon zu den Teureren. Er habe sich in den vergangen fünfzehn Jahren etabliert und könne von seiner Arbeit gut leben, er achte aber auch darauf, immer auf dem neuesten Stand der Technik zu sein, etwa durch Fortbildungskurse.
Die Akustik beim "Maschinenraum"-Festival sei dieses Jahr nicht so übersteuert gewesen wie letztes Jahr. Aber immer noch sei es sehr laut gewesen. Einige der Leute, die mit Ohropax die Konzerte genossen, sollen sich übrigens beschwert haben, es sei zu leise.
"Tja, wenn man immer nur mit Ohropax hingeht, das ist ja beim 'Maschinenraum'-Festival Tradition", meinte Vico.
Kitty nimmt europaweit Jobs als Assistentin im Bereich Kostümausstattung für Opern- und Theateraufführungen an und ist nur gelegentlich selbst als Designerin tätig. Sie wird finanziell durch Vico unterstützt.
Im "Mute" traf ich auch Coy. Er seufzte:
"Wo kann man denn in H. noch hingehen?"
Er hat im "Lost Sounds" Hausverbot bekommen, weil er sich mit einem Mitglied der Crew angelegt hat. Es hörte sich so an, als wenn Alkohol im Spiel war.
Revil erzählte, er habe Taidi mehrfach gebeten, sich bei mir zu melden wegen des diesjährigen Weihnachtsessens. Taidi hat eben dieses aber nicht getan. Stattdessen hat er das Weihnachtsessen ohne mich organisiert, mit der Vorgabe, dieses Jahr "nur den engsten Freundeskreis" dabeihaben zu wollen.
"Ich kann es ihm nicht verdenken, wenn er nicht immer alle einladen will", meinte ich, "man kann auch nicht alle zu allen Parties einladen. Aber ich habe Taidi immer zu allen Parties eingeladen, wir hatten noch mehr Fotosafaris vor, wir wollten mal wieder zusammen ausgehen, und er hat überhaupt nicht mehr auf meine SMS-Nachrichten reagiert. Außerdem hatte ich ihm wegen des Weihnachtsessens extra eine SMS geschickt, auf die er auch nicht geantwortet hat. Und du hast ihn noch obendrein mehrfach darauf hingewiesen, daß ich mich danach erkundigt habe. Wenn er sich dann nicht bei mir meldet, ist es nicht Schussligkeit, sondern schlicht Feigheit."
Revil behauptete, in "der Gemeinschaft" sei ich ohnehin "nicht erwünscht".
"Was für eine Gemeinschaft?" erwiderte ich. "Das Essen wurde nicht von der 'Gemeinschaft' organisiert, sondern von Taidi. Und wenn er mich nicht einlädt und auch auf meine Nachfragen nicht reagiert, muß er etwas gegen mich haben. Denn die anderen kennen mich so gut wie nicht, gestritten habe ich mich mit keinem, die haben also gar keinen Grund, etwas gegen mich zu haben."
"Melvin kennt dich."
"Ach, dann hat der also auch was gegen mich."
"Ja."
"Ach, daß der so verlogen ist, hätte ich wirklich nicht gedacht."
"Wieso verlogen?"
"Der war mir gegenüber immer voll nett, ich hatte nie eine Auseinandersetzung mit ihm", betonte ich. "Und wenn jemand immer nur nett ist und mich trotzdem nicht leiden kann, dann ist der verlogen und falsch. Echt, daß der so falsch ist, hätte ich nicht gedacht. Das überrascht mich."
"Das sind halt auch andere Leute, die stehen nicht so auf die Szene."
Das sagte mit Revil einer, der selbst seit vielen Jahren in der Gothic-Elektro-Wave-Szene unterwegs ist - ebenso, wie auch Taidi und Melvin seit vielen Jahren in dieser Szene unterwegs sind.
"Ich denke, es kommt nicht darauf an, ob jemand in der 'Szene' unterwegs ist", meinte ich, "sondern auf das Individuum. Ich bin nicht in erster Linie Gothic, sondern in erster Linie Mensch."
"Du bist die Mutter alles Gothics", sagte Revil mit einer Verbeugung.
Er war erstaunt über meine Wut auf Taidi. Ich betonte, Taidis Verhalten sei unentschuldbar und durch nichts logisch zu begründen. Nur eine plausible Erklärung könnte ich dafür finden, nämlich Taidis Freundin Siglene. Sie wird - ebenso wie Melvins Freundin, deren Klammerigkeit mir schon beim letzten Weihnachtessen aufgefallen ist - systematisch eifersüchtig sein auf jedes weibliche Wesen, das halbwegs attraktiv und ungebunden ist - ganz gleich, ob es die Absicht hat, ihr den Mann wegzunehmen, oder nicht.
Revil meinte, als Mann könne er nicht beurteilen, ob eine Frau eifersüchtig sei.
"Als Frau kann ich das schon", erwiderte ich, "und ich bin mir ziemlich sicher. Wenn aber Taidi sich durch seine eifersüchtige Freundin davon abhalten läßt, mich einzuladen, ist das ein Zeichen für Charakterlosigkeit, und auf solche Leute kann ich verzichten. Ich habe schließlich meinen Stolz und meine Würde. Es gibt Dinge, die lasse ich mir nur einmal gefallen, genau einmal."
Am Donnerstag gab es Grünkohl im "Keller". Bibian stellte mir Lison vor, eine Medizinstudentin, mit der ich mich lange unterhielt. Lison erzählte, daß sie zuerst nicht sicher war, was sie studieren wollte. Ein Praktikum im Krankenhaus in SHG. brachte Klarheit: Sie will Unfallchirurgin werden.
Am Samstag war ich mit Jas in HH. im "Freie Radikale". Unterwegs hörten wir von einer Demonstration mit Randale und Polizeieinsatz in dem Viertel, wo sich das "Freie Radikale" befindet. Als wir ankamen, war der Spuk schon vorbei, die Polizei rückte ab. Es handelte sich um die alljährliche Vorweihnachts-Randale der Linksradikalen. Jas und ich sehen in extremistischen Organisationen die stets gleichen Strukturen, egal um welche Art oder Richtung von Extremismus es sich handelt: Es wird ein Feindbild aufgebaut, das zur Rechtfertigung von Gewalt und gewalttätiger Selbstinszenierung dient. Innerhalb der Gruppierung herrschen intolerante, konservative Reglements. Kritik und freie Meinungsbildung werden nicht geduldet. Die zur Schau getragene Kameradschaft verwandelt sich in eine Kopfjagd, wenn jemand die Gruppierung verläßt.
Im "Freie Radikale" wurde Jas hinausgeworfen, weil er ein Käppi von einer Marke trug, die hier nicht akzeptiert wurde. Auf einer hohen, steilen, breiten Treppe saßen die Leute und kifften, und man kam kaum durch. Das "Freie Radikale" ist ein Gebilde, in dem sich mehrere Locations befinden. Der Saal, in dem das Konzert stattfand, das ich hier sehen wollte - die Band 13th Monkey, ein Sideproject von T.D. - war eigentlich kein Saal, sondern eine Art Kellerloch. Die Gäste drängelten sich, es war stickig, Tanzen war unmöglich. Lange hielt ich mich hier nicht auf. Als ich mich mit Jas auf den Heimweg machte, kamen wir an einer Schuttmulde vorbei, in der ein gewaltiges Feuer brannte. Polizei und Feuerwehr waren angerückt. Dieses Szenario soll später auch im Fernsehen gewesen sein.
Am Dienstagabend waren Constri und ich auf der Geburtstagsfeier von Barnet. Das liebevoll renovierte Fachwerkhäuschen, in dem er mit seiner Familie wohnt, erinnert mich an ein Märchenhäuschen. Drinnen gibt es einen Schaukasten mit Miniaturen aus Tim-Burton-Filmen. Auf der Innentreppe steht eine Schaufensterpuppe, die immer wieder anders dekoriert wird.
Heloise erzählte von ihrer Beziehung mit Barnet. Zusammengekommen seien sie in einer Discothek, als sie gemeinsam mit Bekannten in einer Runde saßen. Heloise kannte Barnet schon länger, aber eher flüchtig. Sie ergriff letztlich die Initiative und schlug vor, ihn mit nach Hause zu nehmen.
Heloise erzählte, daß Barnet und sie seit dem Beginn ihrer Beziehung eng an eng schlafen. Sie brauchen zusammen nur eine Hälfte des Ehebettes, die andere belegt der Kater. Wenn Heloise eher aufstehen muß als Barnet, freut er sich, daß wenigstens der Kater noch liegenbleibt.
Heloise ist froh, daß die Ehe schon so lange hält. Auch im Bekanntenkreis der beiden wird das als ein Wunder betrachtet.
"Trotz des Hauses und trotz der vielen Arbeit, die wir in das Haus investiert haben, würde ich nicht zögern, zu gehen, wenn Barnet mir nicht treu ist", sagte Heloise. "Ich verlasse mich auf nichts und halte nichts für ewig."
Die Beziehung der Tochter von Heloise und Barnet, Felicity, hält schon länger als ein Jahr. Felicity kennt ihren Freund aus dem Internet. Heloise bestand darauf, daß aus dem Online-Flirt ein wirklicher Kontakt wurde, damit ihre Tochter nicht in Fernkontakten hängenblieb. Felicity wird im Februar siebzehn Jahre alt. Sie ist immer noch viel mit Avataren unterwegs, kann aber lebendige Kontakte zunehmend schätzen.
Die Beziehung von Ary-Jana und ihrem Lebensgefährten Zagor soll sich in einer Dauerkrise befinden. Ary-Jana soll sich in ihren vier Wänden nicht mehr wohl fühlen; freilich soll sie ihre Wohnung weder aufräumen noch putzen. Sie soll ein verwöhntes Kind sein, nie richtig erwachsen geworden. Sie studiere mal dies, mal das, ohne konsequent verfolgtes Ziel. Inzwischen soll sie in einem Bordell an der Theke jobben.
Am Mittwoch war ich mit Maylin, ihrem Mann Kiran und ihrer Tochter Meryl, außerdem Madgalena und Highscore im "Ausspann". Magdalena erzählte, daß sie mit ihrem Neffen beim Plätzchenbacken in dem Möbelhaus war, wo ihre Mutter arbeitet. Und sie erzählte von dem Internat in HL., wo die angehenden Hörgeräteakustiker aus dem gesamten Bundesgebiet ihre Berufsschulzeit in mehrwöchigen Crash-Kursen absolvieren, ähnlich wie die Steinmetze in Kingston. Das Internat sei eine andere Welt, nahe am Campus, fast wie an einer Universität. Sie habe nie in ihrem Leben so viel Marzipan gegessen wie in HL., das für seine Marzipanspezialitäten berühmt ist. Und als wären sie davon inspiriert, bekam Magdalena von ihrer Mutter und ihrem Stiefvater noch extra Marzipan geschenkt.
Highscore erzählte von dem Untergang des Firmenstandortes, an dem er jahrzehntelang beschäftigt war. Das Arbeitamt verlange, daß er an Kursen teilnehme, unter anderem an einem Bewerbungstraining. Ihm sei klar, daß er seine Bewerbungen von jemand anderem schreiben lassen müsse - Training hin, Training her. Er könne sich noch so viel Mühe geben, gegen seine Legasthenie komme er nicht an.
Maylin erzählte, sie mache sich Sorgen, daß die zweijährige Meryl durch die Tochter einer Bekannten ungünstig beeinflußt werden könnte. Während Meryl schon deutlich und in ganzen Sätzen sprechen kann, kann das andere Kind, das einige Jahre älter ist als Meryl, sich kaum verständlich äußern. Dies sei noch das geringere Problem; mehr Sorgen mache ihr das Benehmen des anderen Kindes. Die Mutter leide an einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung, und deren Kind bewege sich in eine ähnliche Richtung. Ich meinte, Meryl habe die Phase, in der sie hätte Gefahr laufen können, eine Persönlichkeitsstörung zu entwickeln, schon hinter sich, außerdem finde sie bei ihren Eltern Stabilität und Verläßlichkeit, so daß man sich um ihre weitere Entwicklung keine allzu großen Sorgen zu machen brauche.
Meryl hielt heute bis ungefähr halb zehn durch, dann fuhren die Eltern mit ihr nach Hause.
Magdalena erzählte, daß der kriminelle Sam sich bei ihr nicht wieder gemeldet hat; anscheinend hat er anderswo Unterschlupf gefunden.
Highscore erzählte von einer Firma, in der eine neue Sekretärin gesucht wurde. Einer der Firmeninhaber wollte unbedingt eine blondierte Vollbusige einstellen, obwohl sie die Arbeitsprobe nicht bestanden hatte. Der andere Firmeninhaber warnte ihn, es half aber nichts. Die blonde Vollbusige erwies sich denn auch als Desaster; sie mußte nach wenigen Wochen gehen.
Am Freitag vor Weihnachten besuchten Constri und Carl mich zum Kaffee. Constri hatte Carl aus dem Krankenhaus abgeholt. Bei ihm wurde eine seltene, erbliche Form der Bluter-Krankheit festgestellt, der Grund für die schweren Nachblutungen, die ihn beinahe das Leben gekostet hätten. Carl hat noch einen intravenösen Zugang, über den er regelmäßig Blutbestandteile aus der Gerinnungskaskade erhält. Er freut sich über die Fürsorge, die ihm sein Kumpel Henner entgegenbringt. Er kennt Henner von seinen erotischen Streifzügen. Es wurde eine Freundschaft daraus. Henner ist Berufsmusiker und kennt auch Carls alten Freund Hinnerk, vom Schülerorchester. Carls ehemaliger Mitbewohner Soran und dessen Lebensgefährte Ghismo haben sich ebenfalls um Carl gekümmert, als er krank war.
Als Carl von Constri nach Hause gefahren wurde, trafen sie Bertine, die auf dem Weg zu mir war. Constri kam später auch noch dazu, und das Kaffeetrinken ging weiter.
Spätabends fuhr ich nach Vd., ein winziges Dorf bei SHG., wo Maylin mit ihrer Familie hingezogen ist. Das Haus, in dem die Familie vorher wohnte, wird abgerissen, weil die Bundesstraße ausgebaut wird, die dort vorbeiführt. Maylin feierte heute ihren Geburtstag mit einer winterlichen Outdoor-Party. Im Garten des Anwesens von 1912 brannte in einer Betonröhre ein Lagerfeuer. Highscore fuhr zerlegte alte Möbel in einer Schubkarre herbei. Als ein großes Brett oben auf das Feuer geworfen wurde, wetteiferten einige Herren, wer über das Brett laufen oder gar darauf stehenbleiben konnte. Die Außentemperatur lag bei fünf Grad minus. Ich hatte mich sehr warm angezogen, mit Thermostiefeln, so daß ich weit weniger fror als befürchtet. Im Partyzelt standen Heizstrahler. Es gab Glühwein und Chili. Das Chili konnte man nachschärfen. Kiran hatte höllisch scharfe "Bird's Eye"-Chilischoten in eine Pfeffermühle gesteckt.
Eine von Maylins Gästen erzählte, daß sie mich schon damals in der "Halle" gesehen hat. Ich sei überall und ein Unikat und Blickfang.
Oben im Wohnzimmer zeigte Maylin mir ihre Hochzeitsfotos. Ihr Brautkleid war ein romantisches, an die Renaissance erinnerndes Gewand in schwarzweißem Rosenmuster. Ihre Tochter Meryl trug ein Kleid aus demselben Stoff. Die Hochzeitsgäste, die auf den Fotos zu sehen waren, trugen passende romantische Garderobe. Bibian hat die Kleider genäht, die Maylin und Meryl bei der Hochzeit trugen. Bibian hat auch das Kleid genäht, das sie selbst trug.
Maylin und Kiran haben ihre Wohnung liebevoll hergerichtet, mit Labrador-Waschbecken und Schnörkelbordüren. Maylin erzählte von dem Geist, der im Hause umgehen soll. Vor einiger Zeit hörte unten Kirans Mutter zu später Stunde oben jemanden herumgehen und weinen, und sie dachte, Maylin sei das. Maylin war aber um diese Zeit nicht zu Hause und auch sonst niemand. Als Kirans Stiefvater im Sterben lag, machte jemand mit dem Handy des Stiefvaters ein Foto von ihm, wie er schlief. Dieses Foto wurde erst nach seinem Tod entdeckt. Es war so fotografiert, daß Kirans Stiefvater es nicht selbst hätte machen können, und um die Zeit, als das Foto entstanden war und auf dem Handy gespeichert worden war, war niemand in der Wohnung außer dem Stiefvater. Als Kiran und Maylin eines Nachts in ihrem Schlafzimmer im Bett lagen, hörten sie, wie im Dunkeln jemand einen Ball durchs Zimmer rollte. Sie machten Licht, und da war weder ein Ball zu sehen noch jemand, der ihn herumrollte. So kamen sie zu dem Schluß, daß in dem Haus ein Geist umgeht.
Auf dem Grundstück, in der Nähe der Straße, steht ein Bunker mit kuppelförmigem Dach, so klein, daß höchstens vier Menschen hineinpassen, nur stehend oder eng andereinandergedrängt sitzend. Statt Fenster gibt es Schlitze. In diese Schlitze hatte Kiran Leuchtstäbchen hineingesteckt, sie paßten genau dort hinein und ließen den Bunker wie einen Kopf erscheinen, der einen aus grün leuchtenden Augen anblickte. In der nebligen Winternacht sah das besonders gruselig aus.
Am Samstag ging ich mit Constri und Denise am Kanal spazieren. Denise beschäftige sich damit, das Tempo zu drosseln. Sie wirkte erst zufrieden, als wir oben bei mir Kakao tranken. Der Rauhreif, der die Stadt und die Landschaft in ein weißes Wintermärchen verwandelt hat, soll sich durch die Luftverschmutzung gebildet haben, sogenannter "Industrie-Schnee".
Constri erzählte von ihrem letzten Videodreh mit Darien. Sie trug das weißseidene Brautkleid aus dem Fundus des Opernhauses, am Ausschnitt garniert mit feiner Spitze. Über ihrem Kopf hing ein weißer Tüllschleier. Sie hatte sich mit Verbänden die Hände gebunden. Darien trug einen Fantasy-Umhang. Er hatte sich überall mit Verbänden umwickelt und die Augen verbunden. Constri meinte, diese Aufnahmen seien symbolisch zu betrachten. Sie hätten etwas mit Verbindung, aber auch mit Invalidität und Blindheit zu tun. Auf die Idee mit den Verbänden kamen Constri und Darien übrigens beide gleichzeitig.
Abends war ich wieder mit Jas in HH., dieses Mal auf einem Partyschiff. Das Schiff ankert in verschiedenen Städten, monateweise. Auf dem Schiff war auch Sasch, ein alter Bekannter aus "Elizium"-Zeiten, den es schon vor Jahren nach HH. verschlagen hat. Er trug eine knallrot gefärbte "Iro"-Frisur.
"Ou, toll siehst du aus!" sagte Sasch zu mir.
Auf seinen "Frauen-Verschleiß" sprach ich ihn nicht an.
Sasch möchte in HH. Industrial-Parties veranstalten.
Chrysa erzählte, daß sie vor einer Woche im "Zone" war, wo Rafa auflegte. Eigentlich hatte ich auch dort hinfahren wollen, jedoch hatte ich der Veranstaltung in HH. den Vorzug gegeben, wo 13th Monkey auftraten. Rafa soll im "Zone" von zehn Uhr abends bis halb zwei Uhr nachts aufgelegt haben - und nicht, wie beim vorherigen Mal, nur "alte Kamellen" gespielt haben, sondern wirklich gut aufgelegt haben. Danach soll er noch einige Male durchs "Zone" gelaufen sein und dann verschwunden sein. In weiblicher Begleitung soll er nicht gewesen sein.
Chrysa freut sich sehr über ihre Stelle in Lk. Sie sei ziemlich eingespannt, aber es sei äußerst beruhigend, daß sie nach dem Verlust ihrer vorherigen Stelle in so kurzer Zeit wieder Arbeit in ihrem Beruf gefunden habe und dann auch noch in der Nähe ihres Wohnorts HF.
Unten im Schiff liefen Klassiker wie "Planet Claire" von B52's, im Zwischendeck gab es Industrial mit Techno-Anleihen, dort war ich die meiste Zeit. Die Kostüme fand ich sehenswert. Ein Mädchen trug einen imposanten Federschmuck aus Aluminium-Blättern und dazu eine Fantasy-Rüstung aus Aluminium-Blättern. Ein Junge hatte an seiner schwarzen, teilweise netzartigen, mit Schnallen verzierten Kleidung lauter Leuchtstäbchen befestigt, und einer trug unter schwarzen Tüllhandschuhen Leuchtstäbchen, die dem Verlauf der Finger folgten und überlange Spinnenfinger suggerierten.
Unter anderem legten Davis und T.D. auf. Es liefen hinreißende Power-Electro- und Industrial-Stücke.
Die Tanzfläche war jedoch uneben und für die sehr tanzbare Musik und die vielen Leute zu klein.
Jas erzählte auf der Rückfahrt von seiner Freundin. Er wisse manchmal nicht, warum er mit ihr noch zusammen sei. Vielleicht ist es die Gewohnheit, die die beiden verbindet.
Jas erzählte, die Fassade einer heilen Ehe habe bei Kappa und Edaín bereits deutliche Risse. Vor ein oder zwei Jahren habe er Kappa mit Sanina knutschen sehen. Sanina war bereits in Kappa verliebt, als dieser Edaín noch nicht kannte. Einmal, als Kappa mit Sanina im Gespräch gewesen sei, habe Jas Kappa angesprochen und sei von ihm recht brüsk weggeschickt worden:
"Du siehst doch, daß ich mich unterhalte?"
Als er mit Kappa unterwegs gewesen sei und einen Anruf von Edaín erhalten habe, habe Kappa kurz darauf Edaín angerufen und in einem Winkel Edaín angeherrscht:
"Was fällt dir ein, meine Kumpels anzurufen?"
Einmal sei Kappa mit Steve N. etwas trinken gewesen, während Steves damaliges Bandmitglied - der zweite Mann bei And One - mit Edaín weggefahren sei. Während des Thekenbummels habe Steve Kappa gegenüber die Bemerkung gemacht:
"Na, deine Frau hast du wohl verloren?"
Das erfuhr Edaín später und erzählte es Jas, und daß sie es Jas erzählte, schien Kappa nicht zu gefallen. Er betonte, nichts dürfe über eine Beziehung nach außen dringen. Das kenne ich irgendwoher - von einem gewissen Rafa.
Jas glaubt, Edaíns Groll gegen Aces ehemalige Lebensgefährtin Lysanne habe damit zu tun, daß Edaín bei gemeinsamen Veranstaltungen die ganze Arbeit gehabt habe, während Lysanne dem Bier zugesprochen habe.
Über Kappas Co-DJ Gavin erzählte Jas, der sei das jüngste von drei Geschwistern, die sich beruflich etabliert hätten, während Nesthäkchen Gavin "von Beruf Sohn" sei. Er wohne im Wäschekeller seines Elternhauses. Der bübchenhafte Gavin mit seinem blondierten Irokesenschnitt mache vor allem auf sehr junge Mädchen Eindruck, und das nutze er aus. Als Freundinnen wähle er bevorzugt selbstunsichere, psychisch labile Mädchen. Er sei chronisch untreu. Eine seiner früheren Freundinnen, eine Diabetikerin, soll sich mit Insulin umgebracht haben, nachdem Gavin sie fallengelassen hatte.
Irgendwie erinnert mich auch das an einen gewissen Rafa.
Kappas alter Freund Cyrus soll mittlerweile von seiner Frau Deirdre getrennt leben. Cyrus soll Deirdre schon vor der Hochzeit untreu gewesen sein.
Jas ist Zeitsoldat und Reservist der Luftwaffe, Bereich Technik. Ein- oder zweimal im Jahr fährt er zu Wehrübungen in seine Heimat Ostfriesland. Er wird dafür von der Arbeit freigestellt und bekommt zusätzliches Geld. Er nutzt die Zeit auch, um alte Freunde zu treffen. Auf seine Herkunftsfamilie hat er weniger Lust, die seien sehr auf materielle Werte fixiert, das sei nicht seine Welt.
Berenice stammt wie Jas aus Ostfriesland. Ihr Vater soll drogensüchtig gewesen sein. Berenice sei als kleines Kind aus der Familie herausgenommen worden. Sie sei bei ihren Pflegeeltern in BN. aufgewachsen, die betrachte sie als ihre eigentlichen Eltern.
Jas erzählte von seiner Arbeit als Gefängniswärter. In Lhg. habe er im "Abschiebe-Knast" gearbeitet. Das Arbeitsklima sei gut gewesen. Das ganz neu eingerichtete Gefängnis, in dem er jetzt arbeite, sei vorwiegend mit ebenso perfektionistischen wie unerfahrenen Kollegen besetzt worden, die vor lauter Perfektionismus die Realität und die realistischen Verhältnisse nicht wahrnehmen könnten. Dadurch gebe es immer wieder Konflikte.
Jas erzählte vom Sommerfestival in HI. vor drei Jahren. Lysanne habe sich furchtbar betrunken, und Rafa habe Jas gebeten, sie zum Auto zu bringen. Das habe Jas getan. Als er wieder zurückgekommen sei, sei ihm das Gerücht entgegengeschlagen, er habe mit Lysanne etwas gehabt. Er wisse bis heute nicht, wer für das Gerücht verantwortlich sei.
"Das hat Rafa selber herumerzählt!" war ich sicher. "Das macht der doch immer so! Scheinheilig bittet er dich, Lysanne zum Auto zu bringen, und dann erzählt er herum, du seist mit Lysanne zum Auto geschlichen und hättest etwas mit ihr gehabt. Das paßt doch wieder mal genau. Rafa macht das mit Plan und Ziel, um anderen Menschen zu schaden, weil er seinen Spaß daran hat. Das hat er auch schon mit Tyra so gemacht. Er hat gemeint, sie braucht sich nicht extra zu stylen, als er mit ihr und ein paar Kumpels in die Stadt gehen wollte und sie noch im Bad war und sich zurechtmachen wollte. In der Stadt hat er sie dann vor allen anderen bloßgestellt:
'Wie siehst du denn aus? Deine Haare sitzen echt gar nicht!'
Das paßt echt zu Rafa, so ein Verhalten."
Einen Tag vor Heiligabend war ich mit Constri, Elaine und Merle in dem Ballett "Romeo und Julia". Constri, Elaine und mir gefiel die moderne, emotional intensive Inszenierung. Merle hätte gern mehr Schnörkel und plakativen Kitsch gehabt.
Abends waren Constri und ich bei Clarice und Quincy, die ein Waffel-Kränzchen gaben. Wir trafen unter anderem Avelina wieder, die über die Weight Watchers sagte, hätte sie sich an deren Vorgaben gehalten, hätte sie kaum noch etwas essen dürfen von dem, was sie möge, da stehe sie lieber zu ihrem Gewicht.
Die nun fast fünfjährige Denise bekam von Derek zu Weihnachten die ersehnte "Baby Born"-Kutsche. Bei diesem rosafarbenen Ungetüm handelt es sich um eine Plastikkutsche, die von einem Neugeborenen gelenkt wird. Für das Neugeborene, das "Baby Born" darstellen soll, gibt es auch ein Auto, einen Motorroller, eine Skiausrüstung, einen Reiterdreß mit Helm und ein Reitpferd. Die Widersprüchlichkeit dieses Spielzeugs erklärt Denise so:
"Es ist doch nur eine Puppe!"
"Baby Born" ist im Kindergarten schwer angesagt. Man kann prächtig damit angeben, wenn man viel Zubehör besitzt. Ich bin gespannt, wann es ein "Baby Born"-Flugzeug gibt, ein "Baby Born"-Raumschiff und ein "Baby Born"-Freeclimbing-Set mit rosafarbener Steilwand.







.

Am ersten Weihnachtstag war ich mit Magnus auf dem ehemaligen Industriegelände in DU., das heute ein Landschaftspark ist. Wir kletterten auf den Aussichts-Hochofen. Magnus erzählte, daß er früher in einem Stahlwerk gearbeitet hat. Von Beruf ist er Mechatroniker. Das Basteln mit elektronischen Bauteilen liegt ihm. Das flüssige Lesen von Texten fällt ihm hingegen schwer.
Magnus war mit mir in dem Bunker, wo sich der Raum seines Computer-Clubs befindet. Heute - ein Dienstag - war der Raum allerdings verwaist, was wohl am Datum lag. Ich unterschrieb auf dem Gästeposter, das die Funktion eines Gästebuchs innehat. Rafa und Berenice haben darauf auch unterschrieben, das ist aber mehr als drei Jahre her.
Magnus packte das historische Computerzubehör aus, das ich ihm aus HH. mitgebracht hatte. Es handelte sich um ein besonders hochgerüstetes Diskettenlaufwerk für den C64 und eine besondere Ausgabe des C64, die als Profi-Rechner eingesetzt wurde. Magnus freute sich, denn einen solchen Rechner hatten sie im Computer-Club bisher noch nicht, und das Diskettenlaufwerk konnte er zu Hause gut gebrauchen.
Magnus führte mir ein Band mit Laufschrift vor, das mit einem C64 programmiert worden war, obwohl ein C64 für eine solche Aufgabe eigentlich nicht ausreicht. Magnus erklärte, die kreative Aufgabe - auch "Hack" genannt - bestehe darin, mit einem C64 Dinge zu tun und zu erschaffen, für die er eigentlich nicht ausgerichtet sei.
Nachts waren Magnus und ich im "Ferrum". Dort traf ich Saphira und Aramis. Sie erzählten, daß sie nie mehr mit dem Menschen zum Pfingstfestival fahren wollen, mit dessen Wohnmobil sie dieses Jahr dort waren. Der Mensch soll pro Tag - das rechneten wir aus - täglich einen Liter reinen Alkohol zu sich genommen haben. Er soll sauer gewesen sein, weil die anderen nicht versuchten, seinen Pegel zu erreichen. Einen soll es dort gegeben haben, der hinterließ Exkremente aller Art in dem Wohnmobil. Auch auf so etwas haben Saphira und Aramis keine Lust mehr.
"Heute ist alles wie gewohnt", meinte Aramis. "Rafa legt auf, Darienne sitzt daneben, das ist alles."
Rafa legte in der hinteren Area auf, wie am Ostersonntag. Er stand auf der Bühne am DJ-Pult. Darienne saß drei Schritte entfernt mit starrer Miene auf einem Barhocker und rührte sich nicht. Ich sah sie nie auf der Tanzfläche. Sie saß meistens allein und schien sich nicht gerade zu amüsieren. Gelegentlich sah ich Rafa mit ihr sprechen, wobei er eher geschäftsmäßig wirkte. Einige Male stand er in Gebieterpose vor ihr und schüttelte die Arme aus, als wenn er versuchte, ihr einen Befehl zu erklären, und sie nicht recht verstand, was sie meinte.
Magnus begrüßte Rafa und Darienne kurz nach unserer Ankunft. Er berichtete mir, Rafa habe angemerkt, hier sei ja "die halbe 'Salix'". Darienne habe erfreut gelächelt, als Magnus sich ihr zuwandte.
Rafa spielte unter anderem "Hypnotic Tango" von My Mine, "Video killed the Radio Star" von den Buggles, "Verschwende deine Jugend" von DAF und "Straßen" von Ascii.Disko. Als Rafa das Lied spielte, in dem Darienne "Ich bin aus Plastik!" piepst, ging ich aus dem Saal. In der vorderen, großen Area lief immerhin "Main Frame" von Sonar, ansonsten aber viel Düster-Kitsch à la "Du schwarze Katze, mach' mit mir, was du willst".
Als ich in der hinteren Area rechts von der Bühne vor einem Heizkörper stand und Rafa beim Auflegen und beim Darienne-Maßregeln zusah, begrüßte mich Denever, der mich noch vom letzten Mal kennt. Er ist in meinem Alter, von kräftiger Statur und trägt einen kurzen Irokesenschnitt.
"Ich verstehe nicht, wie eine hübsche Frau hier so alleine stehen kann", meinte er.
Ich erwiderte, mal sei ich in Gesellschaft und mal allein, wie ich gerade Lust hätte.
Wir unterhielten uns über Beziehungen und moralische Werte. Denever sagte, er übernehme nur für seinen Sohn und für sich selbst Verantwortung, das Wohlergehen seiner übrigen Mitmenschen sei ihm gleichgültig. Ich entgegnete, aus meiner Sicht sei man in gewisser Weise immer auch für den Rest der Menschheit mitverantwortlich, wenngleich dies situationsabhängig sei.
Darienne konnte mich an meinem Platz vor dem Heizkörper nicht sehen, ein Vorhang schirmte mich ab. Rafa hingegen konnte sowohl Denever als auch mich gut sehen. Weil Rafa seine Sonnenbrille trug, konnte man nicht sagen, wohin er blickte.
Nur einmal verließ Rafa das DJ-Pult, für wenige Minuten. Auf der Tanzfläche sah ich ihn nie.
Morgens holte ich mir einen Milchkaffee aus der Lounge, danach gingen Magnus und ich weg. Als wir den Saal verließen, beugte Rafa sich über die CD's und wandte uns den Rücken zu. So verhält Rafa sich fast immer, wenn ich mich zum Aufbruch rüste.
Magnus wohnt in einer Dachkammer. Dort richtete er mir das Gästesofa, und ich schlief bis zehn Uhr. Immer wieder gingen CB-Funksprüche ein, meist stark rauschend. Der erste, dessen Wortlaut ich verstand, kam von Magnus' Mutter, die verkündete, daß bald das Mittagessen fertig sei. Magnus führt keinen kompletten Haushalt in der Dachkammer, er geht fast immer zum Essen zu seiner Mutter.



Am zweiten Weihnachtstag war ich mit Gesa im "Mute". Es gab ein Weihnachts-Festival mit Unheilig als Headliner, das gut besucht war. Ich kam ins "Mute", nachdem der Opener gespielt hatte. Als Nächstes sollte Rafa auftreten und danach Unheilig. Rafa und seine Bandmitglieder schienen im Backstage oder beim Aufbauen zu sein. Am Merchandize-Stand traf ich Ivco. Er berichtete, Carole habe ihm "freigegeben". Bibian und Dexter kamen herzu. Ivco sagte ihnen, er könne Mitte Februar im "Keller" auflegen, falls er dann noch nicht im Winterurlaub sei. Bibian machte mit Dexter und ihren Mitarbeitern Roxy und Priscus hier im "Mute" den "Weihnachts-Betriebsausflug".
Als Ivco und ich uns über Beziehungen unterhielten, merkte ich an, Treue komme allgemein eher selten vor, Seitensprünge seien eher der Alltag.
"Ou Mann, bin ich naiv", sagte Ivco eins um andere Mal.
Ich fragte ihn, weshalb er sich als naiv bezeichnet. Er erklärte, er glaube wohl zu sehr an das Gute in den Menschen. Beispielsweise habe er jahrelang geglaubt, Rafa sei Berenice treu gewesen, bis er schließlich eines Besseren belehrt worden sei.
Ivco hatte im Dezember mit seinem Rücken zu tun und mußte deshalb ins MRT. Man warnte ihn, der Lärm in der engen Röhre sei schrecklich. Er habe einen Kopfhörer mit bescheuerter Musik aufbekommen, und die Musik habe ihn mehr gestört als der Lärm im MRT. Den Lärm habe er als interessante Geräuschkulisse empfunden, ähnlich wie eine Darbietung moderner Musik.
"Da ist doch ein Industrial-Fan in dir", meinte ich.
Am Merchandize-Stand traf ich auch Lilly, Sanri und Xenon. Sanri hatte ihre beiden Söhne mitgebracht. Der jüngere ist elf Jahre alt und - wie Sanri betonte - "absolut partyfest". Er wirkte ruhig und selbstbewußt und schien den Trubel zu genießen. Es gab noch einen anderen Gast, der ein Kind an der Hand führte, ein etwa neunjähriges Mädchen.
Lilly meinte, sie sei froh, wenn Weihnachten vorbei sei. Sie kenne nur ein Weihnachtslied, das ihr gefalle, und das sei ein Hardrock-Lied. Ivco findet Weihnachten schön, er versteht die "Weihnachts-Hasser" nicht.
Isis erschien mit ihrem Lebensgefährten Aeneas im Partnerlook. Beide trugen ausrasierte, gegelte und schwarz gefärbte Haare, orangefarbene Hemden, schwarze Binder und Sakkos. Isis erzählte, daß sie nur noch selten in H. ist. Sie lebt jetzt mit Aeneas in der Nähe von AC. Ihr Sohn Gahan besucht zur Zeit eine Sonderschule für Verhaltensauffällige; demnächst soll er auf eine Regelschule wechseln. Er lebt bei seinem Vater Kiron, dem geschiedenen Ehemann von Isis. Kiron will nicht, daß das Kind Kontakt zu Isis hat. Isis hat sich um ein Besuchsrecht bemüht, die Erfolgsaussichten sollen gut sein.
Rafas Konzert war so, wie ich es kannte - mit einem herumhampelnden Rafa am Mikrophon und marionettenhafter Staffage. Das Konzert sah ich nur von Ferne durch die offene Saaltür und nur teilweise. Beim letzten Stück, "Alle Jahre wieder", trugen die Bandfrauen Weihnachtsminikleider, rot mit weißem Kunstpelzbesatz. Sie verteilten Schokoladen-Nikoläuse im Publikum - aber nicht, wie vor zehn Jahren, so flächendeckend, daß der Boden davon verunreinigt wurde, sondern einzeln und damit sauber.
Nach dem Konzert kam als Erstes Lucy herunter und gab Autogramme. Sie trug noch die strenge Knotenfrisur, die Rafa ihr vorschreibt, ansonsten ein kurzes helles Kleidchen. Rafa kam etwas später, ohne Sonnenbrille; abgesehen von seinem Konzert trug er seine Sonnenbrille heute fast gar nicht. Ich stand mitten im Foyer mit Gesa, als Rafa vorbeikam. Er ging so dicht an mir vorbei, daß ich ihn am Arm streicheln konnte.
Am Merchandize-Stand ließ Rafa sich von seinen Fans beweihräuchern und gab mit leutseligem Lächeln Autogramme. Mit mehreren, vor allem weiblichen Fans posierte er auf deren Wunsch für Fotos, dabei umarmte er die Fans und reckte einen Daumen in die Höhe.
Ich stand mit Gesa in der Nähe und betrachtete die Szene. Rafa stand dicht vor mir und geriet manchmal direkt an mich heran.
Nach etwa einer Viertelstunde kam Darienne hinzu, mit Brille, offenen Haaren, rosa Blüschen und schwarzer Röhrenhose. Die Spaghettiträger gaben teilweise den Blick frei auf das verschlungene Gekrickel, das Darienne sich auf den Rücken hat tätowieren lassen. Darienne ließ sich als Star feiern und gab Autogramme. Rafa überließ ihr das Feld mit der Ankündigung, er werde sich jetzt das Konzert des Headliners Unheilig ansehen. Neben dem Tisch, an dem er Autogramme gegeben hatte, führt eine Treppe hinauf zur Empore, über die verschwand er. Ich folgte ihm nach einigen Augenblicken so unauffällig wie möglich. Oben auf der Empore sah ich Rafa nicht, dafür schaute mir ein hübscher blonder Junge mit Pferdeschwanz entgegen, der sagte, er heiße Gardar, und ich sollte mich zu ihm auf die Treppenstufe stellen, von da aus könne man gut sehen. Unten spielten Unheilig mit vielen Kerzen auf der Bühne. Ich verabredete mich mit Gardar für den "Radiostern" im Januar. Er kommt aus BS. und kennt die Parties dort. Ich prägte mir ein, daß er am linken Ohr vier Ohrringe hat und einen am rechten. Gardar hat dasselbe Problem wie ich - er kann sich keine Gesichter merken. Ich sagte, ich würde versuchen, im Januar etwas eher im "Radiostern" zu sein als sonst üblich - nicht erst um halb drei, sondern schon gegen ein Uhr nachts.
Auf der anderen Seite der Empore geht es in die Raucher-Lounge, und dort fand ich Rafa.
"Da hat er Darienne ein schönes Märchen erzählt", dachte ich. "Er läßt sie in dem Glauben, daß er sich das Konzert ansieht, dabei will er sich einfach nur ohne sie in der Raucher-Lounge amüsieren."
Rafa stand mit Sonnenbrille an der Rundtheke mit Zod, Shannon und zwei Herren, die ich nicht kannte. Ich stellte mich an die Rundtheke zu Coy und seiner Freundin, die er mir als sein "geliebtes Weib" vorstellte. Sie ist schlank und zierlich und trägt lange schwarz gefärbte Haare. Sie hatte ein romantisches langes Kleid im Gothic-Stil an.
Coy zeigte auf die punkig gestylte Shannon, die das Rauchen als "harmlos" verteidigte. Coy erklärte, er kümmere sich gerne um die kommenden Generationen. Shannon betonte, man könne auch als Raucher hundert Jahre alt werden, sogar weit eher, als wenn man nicht rauche.
Rafa setzte sich mit Zod an den Tisch, wo Bibian, Roxy und Priscus saßen. Shannon ging auch dorthin.
"Ihr seid derselbe Jahrgang", sagte Coy zu seiner Freundin und zu mir. "Und ihr könnt sicher bestätigen, daß eure Generation ihre ganz eigenen Werte hat. Die Leute, die in den Sechzigern geboren sind, legen besonderen Wert auf Vergnügen und Genuß."
"Dem kann ich zustimmen", sagte ich. "Ich suche immer nach dem Vergnügen, ich will immer feiern und genießen."
Coy meinte, hieraus ergebe sich, daß die Generation, die in den sechziger Jahren zur Welt gekommen sei, weniger Nachwuchs habe.
"Bei mir ist das etwas anders", erklärte ich. "Obwohl ich nach dem Vergnügen strebe, will ich auch Verantwortung übernehmen. Daß ich immer noch keine Familie habe, liegt daran, daß das Subjekt mit der Sonnenbrille, das da vorne am Tisch sitzt, einen Knall hat."
Zod und Shannon hatten sich entfernt. Ich kündigte Coy und seiner Freundin an, daß Rafa flüchten werde, sobald ich mich dem Tisch näherte.
"Wie ich's gesagt habe!" rief ich, als ich neben Bibian am Tisch stand und Rafa davonlief. "Kaum bin ich da, rennt er weg."
Ich setzte mich zu Bibian. Rafa stand mit Zod und seiner Begleitung an der Rundtheke. Immer wieder blickte Rafa zu mir herüber. Die Sonnenbrille hatte er abgesetzt. Näher und näher kam er an den Tisch, immer wie zufällig. Bibian suchte nach Dexter, und ich blieb mit Roxy und Priscus am Tisch sitzen.
"Er traut sich nicht, mich anzusprechen!" rief ich, als Rafa dem Tisch wieder einmal ziemlich nahe gekommen war.
"Hast du Gehirn?" fragte Rafa und beugte sich ein Stück zu mir herüber.
"Du hast dein Gehirn doch bei Ebay verkauft", entgegnete ich. "Du funktionierst aber noch ganz gut ohne."
"Ja, ich habe meinen Pimmel bei Ebay verkauft", sagte Rafa.
"Oh, wird's jetzt privat?" fragte Priscus.
"Dein Gehirn ist im Pimmel, deshalb hast du beides auf einmal verkauft", erklärte ich Rafa. "Du funktionierst aber noch ganz gut ohne Gehirn."
"Stimmt, das ist privat", stellte Priscus fest.
"Wenn du nicht so eine vertrocknete Pflaume wärst, hätte ich dich längst gebumst", beleidigte Rafa mich mit freundlichem Lächeln und strebte von dannen.
Kappa kam in die Raucher-Lounge. Er knuddelte Rafa und setzte sich neben mich.
"Rafa klagt", erzählte Kappa. "Er will das nicht."
Was die Kontakte von Rafa und mir betraf, hatte ich mit Rafa kein Mitleid.
Kappa meinte, er könne nicht verstehen, wie man es immer nur auf einen einzigen Menschen absehen könne.
"Du bist intelligent, du siehst hübsch aus, du hast einen guten Job", sagte Kappa, "es kann doch nicht schwer sein, einen anderen Mann zu finden."
"Es kann schon sein, daß es noch einen oder zwei andere Männer gibt, die zu mir passen", meinte ich, "aber es ist logistisch unmöglich, die gesamte Milliarde heiratsfähiger Männer kennenzulernen, um die zu finden. Wenn ich so einen finden würde, würde ich Rafa abservieren, weil er mich nicht wert ist. Er verhält sich mir gegenüber so mies, daß er mich nicht verdient."
"Hey, ich habe jede von meinen Ex-Freundinnen betrogen", erzählte Kappa.
"Das ist bekannt", entgegnete ich, "das weiß man."
Kappa rechtfertigte sein Verhalten damit, daß es darauf ankomme, was man seiner Partnerin verspreche. Und Treue habe er bisher keiner seiner Partnerinnen versprochen.
"Gehört denn das Treueversprechen heute noch zur Eheschließung dazu?" erkundigte ich mich - wohl wissend, daß Kappa in der Kirche seiner Frau Edaín rein gar nichts versprochen hat - nicht einmal "ja" hat er gesagt - und in dem vorgefertigten Text, zu dem er "ja" hätte sagen sollen, war auch nicht von Treue die Rede.
Kappa erklärte, er habe "aus Liebe" geheiratet. Um Treue gehe es nicht beim Heiraten.
Kappa beklagte, in meinem Online-Roman "Im Netz" hätte ich sehr verquere Ansichten geäußert, die mit der Realität wenig in Einklang zu bringen seien, auch in bezug auf ihn selbst. In der Geschichte stehe vieles, was die Leute über ihn erzählten und was meistens nicht stimme:
"Wenn ich Geldprobleme hatte, hieß es, ich hätte Drogenprobleme, wenn ich Drogenprobleme hatte, hieß es, ich hätte Probleme in meiner Beziehung und so weiter und so weiter ..."
Ich meinte, fremde Meinungen seien mir wichtig, weil sie die Geschichte objektiver machen. Kappa meinte, er wolle die Irrtümer nicht korrigieren, lieber wolle er sein eigenes Buch schreiben. Ich meinte, das würde ich sehr begrüßen.
Weil Kappa sich so aufregte über das, was die Leute sagen, meinte ich, ihm gehe es in gewisser Hinsicht wie mir - wir seien beide gut geeignet als Zielscheibe für Projektionen.
Kappa ging ins Backstage; er wollte Getränke holen und dann wiederkommen, blieb aber verschwunden.
Rafa hielt sich noch länger in der Raucher-Lounge auf und redete mit verschiedenen Leuten, unter anderem mit Regan. Als Darienne heraufkam, hielt Rafa Abstand zu ihr und machte sich wenig später davon.
Bibian kam wieder an den Tisch. Sie erklärte Priscus und Roxy, ich würde mit Rafa eine "Fern-Ehe" führen. Sie meinte, man müßte Rafa und mich mal für achtundvierzig Stunden miteinander einsperren. Man dürfe aber den Toaster und das Toastbrot nicht vergessen.
"Das Gespräch, das Rafa und ich führen würden, würde Literaturgeschichte schreiben", meinte ich. "Es wird nur anstrengend, sich alles zu merken und alles aufzuschreiben."
"Du darfst nicht vergessen, daß wir erst die Kamera einschalten und euch dann einsperren", ergänzte Bibian.
"Toll, dann muß ich mir ja gar nicht alles von Hand merken", freute ich mich. "Dann brauche ich nur vom Film abzupinnen."
Als ich Bibian erzählte, wie Darienne im "Ferrum" reglos und mit starrer Miene auf einem Barhocker gesessen hatte, meinte Bibian:
"Vielleicht war die Batterie leer."
Bibian erzählte von den jungen Mädchen, die in den "Keller" kommen und gierig fragen:
"War heute schon der Sänger von W.E hier?"
"Welcher von den beiden?" pflegt Bibian zurückzufragen.
"Na, der Gutaussehende!" antworten die Mädchen.
"Welcher denn?" neckt Bibian die Mädchen. "Meint ihr meinen Bruder?"
Die Mädchen sind dann verwirrt, und Bibian schlägt vor, ihnen ein Kleenex hinzulegen, sie würden ja schon auf die Theke sabbern vor Gier.
"So oft, wie ich mit Rafa im Bett gelegen habe, habe ich mit keinem meiner Männer im Bett gelegen", erzählte mir Bibian. "Rafa ist mein kleiner Bruder."
Bibian erzählte, sie möge Dexter eigentlich gar nicht, doch sie liebe ihn. Er sei eines Abends in den "Keller" gekommen und habe sie gefragt, ob sie zufällig solo sei. Sie bejahte, und seitdem sind die beiden ein Paar.
In der Raucher-Lounge traf ich Kitty und Vico. Kitty erzählte, sie schlage sich mit Handlanger-Jobs durch und wäre viel lieber selbst kreativ, doch solche Gelegenheiten bekomme sie nur selten. Sie gehört zu den vielen Designern, die es schwer haben, ihre kreative Begabung zu Geld zu machen. Es scheint die Regel zu sein, daß Kunst brotlos ist, und die Ausnahme, daß sie Geld bringt.
Regan traf im "Mute" einen ehemaligen Schüler wieder. Regan ist Studienrat, er unterrichtet Politik und Erdkunde.
Cyra legte nach den Konzerten auf, gemeinsam mit den Resident-DJ's. Sie hatte sich und ihren Freund im Cyberdog-Stil gekleidet. Der Freund - knabenhaft und mit ausrasierten Haaren - trug ein aufwendig bedrucktes und verziertes T-Shirt, Cyra trug eine aufwendig gestaltete Jacke.
Zu den musikalischen Highlights gehörten heute "Evildoer" von Suicide Commando und "Hang him higher" von :wumpscut:.
Auf der Treppe zum Bad und zur Raucher-Lounge begegnete mir ein Pärchen in rotem Schottenkaro. Er, kahlköpfig und leicht sächselnd, staunte mich an:
"Korrekt! Mit Lace ... und das Korsett ist wahrscheinlich nur leicht geschnürt ... so soll das sein ... ou ... und die Haare, da stimmt alles von oben bis unten ... korrekt!"
Mein Outfit war heute das, was ich als "Fake" bezeichne, ein Mogel-Outfit. Wegen eines unverträglichen Deodorants konnte ich nichts Schulterfreies tragen, sondern mußte ein Baumwoll-T-Shirt anziehen. Um das enge graue Baumwoll-T-Shirt sinnlicher zu machen, zog ich ein schwarzes Spitzenoberteil in denselben Abmessungen darüber und schnürte mich mit einem spitzenbesetzten schwarzen Korsett, das nur deshalb nicht alles zeigte, weil ich etwas darunter trug, das nicht alles zeigte. Über die langen Ärmel zog ich die Lack-Puffärmel, um den Hals kam das Lack-Halsband mit den Straß-Steinchen, und ich zog drei Röcke übereinander an, alle schwarz, weit und aus Tüll und Spitze. Um die Taille kam eine rüschenbesetzte Chiffon-Schärpe. Die kurzen schwarzen Spitzenhandschuhe wurden ebenso bewundert wie die spitzenbesetzten schwarzen Ballerina-Schuhe. Im Haarteil trug ich als japanische Knotennadeln pinkfarbene Leuchtstäbchen.
Während der schottisch Karierte mit Staunen beschäftigt war, wisperte ich seiner Freundin zu:
"Was sagen wir dazu? 'Männer'?"
"Kein Kommentar", wisperte sie.
In der Freitagnacht war ich frühmorgens im "Roundhouse". Joujou und Marvel klagten über ihre Beziehungsprobleme. Joujou erzählte, daß sie im Rahmen ihrer Streits mit Marvel ihr eigenes Handy zerbrochen habe. Sie hoffe, daß die Krise nun allmählich überwunden sei.
Joujou berichtete, Mitte September habe sie im "Zone" nach langer Zeit Darienne wiedergesehen. Darienne habe sie erst gegen Morgen erkannt und angesprochen:
"Bist du Joujou?"
Sie habe jedoch nicht erkannt werden wollen und geantwortet:
"Nee."
Joujou berichtete außerdem, als Rafa Mitte Dezember im "Zone" aufgelegt habe, sei Darienne nicht dabeigewesen. Joujou sei auf Rafa zugegangen, als er am DJ-Pult stand, und habe zu ihm gesagt:
"Schön, daß du da bist! Ich soll dich ganz lieb von Hetty grüßen!"
"Du bist Joujou?" fragte er.
Sie wollte nicht erkannt werden und antwortete:
"Nee."
Während Rafa auflegte, soll die Tanzfläche fast leer gewesen sein. Als "Das Modell" von Kraftwerk lief, war Joujou auf der Tanzfläche. Rafa sprach sie an:
"Schön, daß du dazu tanzt."
"Das sagst du zu der Falschen."
"Warum?" fragte er, der sie sehr wohl erkannt zu haben schien. "Weil du so eine Industrial-Tusse bist?"
"Ich kenne mich nicht gut aus mit Musik, ich tanze nur zu dem, was mir gefällt", erwiderte Joujou. "Ich weiß, du magst Hetty nicht, und du magst mich nicht, aber ich sage dir, wenn du weiter so auflegst, ist deine Karriere zu Ende."
Rafa soll nur etwa vier Stücke gespielt haben. Er soll von etwa dreiundzwanzig Uhr bis ein Uhr im "Zone" gewesen sein.
Im "Roundhouse" war die Musik heute wieder mitreißend.
Am Samstagmittag fuhr ich mit Constri nach Hessen. Wir suchten ein Grundstück, das unserer Familie einst gehört hat. Es befindet sich hinter dem Dorf Ndz. auf einer Bergkuppe, mit Rundum-Panoramablick. Wir hatten eine Flurkarte dabei, auf der unser Vater das Grundstück markiert hatte. Es war nicht einfach, unter den Landstraßen am Ortsrand von Ndz. die richtige zu finden. Wir gerieten oberhalb des Dorfes auf ein steiles, vereistes Sträßchen und waren uns bald einig, daß wir falsch abgebogen waren. Um auf die Durchfahrtstraße am Ortsrand zurückzukommen und das Auto von der vereisten Piste ohne Schaden herunterzubekommen, entschied ich, die Autofenster vollständig zu öffnen und Constri ans Steuer zu lassen, während ich nebenher ging und sie lotste, so daß das Auto mit den linken Rädern in der Böschung fuhr, wo es mehr Halt gab, und dann sehr langsam aus der Gefahrenzone rollte.
Nach erfolgreicher Auto-Rettung fanden wir die richtige Straße und das Grundstück, eine Wiese. Allerdings war es schon fast dunkel geworden. Wir beschlossen, am nächsten Tag wiederzukommen, und fuhren nach HU. zum Hotel. In einem thailändischen Restaurant aßen wir traditionelle thailändische Suppen und tranken Lychee-Wein. Am Sonntagvormittag besuchten wir die katholische Messe in der Kirche in Gwh., dem Dorf am Main, wo wir von 1968 bis 1972 gewohnt haben. Die Kirche in dem mainfränkischen Dorf war voll. Für die Menschen dort scheint die Kirche etwas sehr Wichtiges zu sein, nicht nur für die älteren. Vier ökumenische Lieder wurden gesungen. Der Pfarrer äußerte sich entsetzt über die Kindesmißhandlungen durch katholische Geistliche, von denen Woche für Woche in den Medien berichtet wird, und empfahl einen Wertewandel in der Gesellschaft. Nicht jedes Kind müsse einen eigenen Fernseher mit Playstation im Zimmer haben. Es gehe darum, den Wert der einfachen Dinge wieder zu schätzen, etwa ein Brettspiel, das man gemeinsam in der Familie spielt.
Nach der Messe suchten der Pfarrer und der Küster gemeinsam mit uns nach dem Opferstock, den wir in unserer Kindheit so liebgewonnen haben. Es ist das Kirchlein mit der Madonnenfigur drinnen, dessen Flügeltor sich zu den Klängen einer Spieluhr öffnet, wenn man Geld in ein Kästchen wirft. Dann geht in dem Kirchlein das Licht an, und die Madonna kommt auf einer gekrümmten Schiene herausgefahren, während drinnen ein Engelein die Glocken läutet. Draußen vor dem Kirchlein fließt ein Brunnen, indem sich ein verdrillter Glasstrahl dreht. Die Madonna steht ein Weilchen draußen, dann fährt sie in das Kirchlein zurück, die Torflügel schließen sich mit einem "fft", alles steht wieder still, das Licht verlöscht.








Dieses Wunderwerk war aber weder auf dem Dachboden noch im Kirchenkeller wiederzufinden. Es soll irgendwann kaputtgegangen sein und dann weggeräumt worden sein.
Was noch immer in der Kirche zu finden ist, alljährlich zur Weihnachtszeit - also auch jetzt -, ist die Weihnachtskrippe mit handgeschnitzten Figuren, dieselben wie vor fünfunddreißig Jahren. Die Krippe wird liebevoll dekoriert mit Moos und Tannengrün. Birkenholz umrahmt den Stall. Vorne stehen unter den Krippenfiguren zwei Schwarze, einer auf einem Kamel, einer mit einem Kind im Arm. Wenn man Geld in ein Kästchen wirft, nicken die beiden, und dann gehen die Lichter an, die die Krippe beleuchten. Dieses Schauspiel durften wir filmen.
Die Kinder sind heute wie damals von der Krippe begeistert. Und heute wie damals drücken die Eltern ihnen Münzen in die Hand, damit sie die Krippe zum Leuchten bringen können.
Auch der Opferstock mit der Madonna soll bei den Kindern sehr beliebt gewesen sein, was wir aus unserer eigenen Erfahrung bestätigen können.
Die Häuser haben sich in Gwh. kaum verändert, nur die Fassaden sind nachgestrichen worden - mit Ausnahme des Stromturms, an dem wir vorbeikamen auf dem Weg zu unserem Kindergarten. Überland-Leitungen gibt es hier nicht mehr, so daß der Stromturm überflüssig wurde. Das Haus, in dem wir gewohnt haben, sieht noch fast so aus wie damals. Ein Stück Zaun fehlt, um die Einfahrt großzügiger zu machen, und dort liegen neue Betonplatten, sonst liegen noch die alten Gehwegplatten, die nun über vierzig Jahre alt sind. Schräg gegenüber wohnt immer noch eine Familie, die früher schon dort gewohnt hat. Der Kindergarten - früher Grau in Grau - hat Farbe bekommen. Auch der Zaun ist bunt gestrichen worden. In Gwh. gibt es viele schmiedeeiserne Zäune, Geländer und Hauseingänge aus den fünfziger Jahren, alle sorgsam gepflegt. Einen Haussockel gibt es, der ist verziert mit einem Beton, in den bunte Glassplitter hineingemischt wurden.








Diese "Splitterwand" hat uns schon als Kinder begeistert. Damals haben wir den Sockel als Wand wahrgenommen, weil wir so klein waren.








Nie habe ich woanders etwas Vergleichbares gesehen.








An einigen älteren Fassaden schaut eine Madonnenfigur aus einer Nische herunter. Diese Häuser könnten aus den zwanziger Jahren stammen, der Zeit, in der die Kirche gebaut wurde. Sie stehen - wie die Kirche - entlang des Mains, von diesem nur getrennt durch einen Gürtel aus Kleingärten.
Im Dorfkrug aßen wir zu Mittag. Die Gaststätte führt jetzt ein Kroate, der sie ein Stück weit in die Gegenwart hinübergeführt hat, unter Erhalt der Traditionen und der blindgeschliffenen Zierglasfenster aus den fünfziger Jahren. Eine Festtagsgesellschaft ließ sich mehrere Gänge auftischen, während Constri und ich Pfannkuchensuppe und Gulaschsuppe aßen und uns ein Wiener Schnitzel teilten, denn mehr schafften wir beim besten Willen nicht.
Im letzten Licht des Nachmittags kamen wir zu dem Grundstück in Ndz., das früher unserer Familie gehörte. Das Wetter war naßkalt. In Gummistiefeln marschierten wir über das Grundstück, das heute als Heuwiese genutzt wird. Es liegt auf einer Anhöhe, leicht abschüssig zum vorderen und zum hinteren Ende. Ringsum hat man einen Panoramablick über das hügelige Land.








Der löchrige Unterstand, den es hier einmal gab, steht seit über dreißig Jahren nicht mehr. Als Feriengrundstück ist es schon deshalb nicht geeignet, weil man hier keine Baugenehmigung mehr erwarten kann. Auch fehlt der Anschluß an die Kanalisation und ans Stromnetz.
Terry mailte einen Tag vor Silvester:

Wir werden morgen gerne vorbei kommen. Sollen wir wieder das Lakritzgesöff mitbringen? Oder etwas anderes?

Ja. Sie sollten wieder das "Lakritzgesöff" mitbringen. Liebevoll stopft Terry "Türkisch Pfeffer"-Lakritzbonbons in eine Wodkaflasche, so daß sich der Wodka in eine undurchdringlich schwarze Flüssigkeit verwandelt - hochprozentig und sündig lecker.

Am Silvestermorgen träumte ich, Rafa würde sich von mir verabschieden mit den Worten:
"Wir sehen uns am 11.01. bei mir!"

Zu Silvester gab es bei mir Käsefondue im kleinen Kreis. Terry, Linus, Giulietta, Constri, Carl und Gesa waren da. Terry brachte ihre begehrte Spezialität mit, gleich zwei Flaschen "Wodka Türkisch Pfeffer". Eine dieser Flaschen wurde alle, außerdem eine Flasche Prosecco und eine Flasche Sekt, und es gab eine Runde Sambuca mit Kaffeebohnen und blau flackerndem Feuerchen im Glas.
Carl betonte, auf ein Leben wie das vor seiner Krankheit habe er keine Lust mehr. Er wünsche sich eine Aufgabe, er wolle etwas Sinnvolles tun. Ich empfahl ihm eine ehrenamtliche Tätigkeit. So etwas hat Carl auch schon in Erwägung gezogen.
Terry erzählte, daß sie zu Clara noch Kontakt hat, allerdings eher locker. Sie hat den Eindruck, daß Clara kaum noch Freunde oder Bekannte hat und sich letztlich selber einsam macht. Mit ihrem Studium ist Clara noch nicht fertig.
Terry arbeitet in einer Firma, die Mitarbeitern kündigt, wenn sie zu oft krank sind, die zugleich aber reichlich Überstunden und Akkordarbeit verlangt. Terry konnte der Akkordarbeit schon entfliehen und ist jetzt im Einkauf.
Kurz nach dem Anstoßen um Mitternacht sahen wir vom Balkon aus dem Feuerwerk zu. Weil ich dieses Jahr keine Lust gehabt hatte, etwas zum Knallen zu kaufen, holte ich einige Chinaböller vom letzten Jahr aus dem Schrank und warf sie mit brennender Lunte vom Balkon. Unten war in diesem Bereich niemand, nicht einmal ein Auto, so daß ich sie gefahrlos auf Freiflächen schleudern konnte. Constri brannte Wunderkerzen vom letzten Jahr ab. Um halb eins legte ich mich aufs Bett und schlief ein, während die Gäste weiterfeierten.
Das neue Jahr begann für mich mit einem weiteren grippalen Infekt. Es wird höchste Zeit, daß ich aus Bad O. verschwinde. Morgenlicht schimmerte aus einer Stellenanzeige im Ärzteblatt. Die psychiatrische Klinik in Lk. sucht Mitarbeiter. Lk. ist nicht weit weg von Bad O., daher kann ich meine ambulanten Psychotherapie-Patienten auch dorthin einbestellen. Die Lösung lag vor mir. Kurz darauf hatte ich die Stelle in Lk. Wegen der Kündigungsfrist wird es erst im Mai dort losgehen.
Wenn ich krank werde, melde ich mich konsequent krank. Ich sorge dafür, daß meine Gesundheit stabil genug bleibt für die neue Stelle. Meinen Katzen gefällt es, wenn ich zu Hause im Bett liege. Sie müssen mich wegen meiner überlangen Arbeitszeiten oft genug entbehren. An Shara mailte ich:

Meine Katzen liegen auf dem Bett und schlafen mit ineinander verschränkten weißen Vorderbeinen (beide haben weiße Vorderbeine, und da weiß man manchmal nicht, welches Bein zu welcher Katze gehört).

Azura ist gern kreativ. Sie verziert T-Shirts. Ich mailte:

Ich würde gerne noch viel mehr Kreatives machen, wenn ich mich nur nicht so müde fühlen würde.

Über die Reise Ende Dezember mailte ich an Azura und Berenice:

Das Haus, wo wir gewohnt haben, hat sich kaum verändert, wie auch das ganze Dorf sich kaum verändert hat, nur die Fassaden wurden nachgestrichen.
Constri und ich waren auch auf einem Grundstück, das uns mal gehört hat, mitten im Land auf einer Anhöhe, irgendwie abstrakt, fast unwirklich. Das liegt wohl auch daran, daß Constri und ich damals im Kindergartenalter waren und daß uns schon solche einfachen Dinge wie eine Wiese auf einer Anhöhe mit Panoramablick - damals mit vielen Sommer-Sonnenuntergängen - zu allerlei Bildern und Geschichten inspiriert haben. Die Macht dieser Inspiration ist - gerade, was dieses Grundstück betrifft - nie abgerissen. Wir haben es multipliziert und multipliziert und eine fraktale, unendliche Welt daraus inszeniert.

Ein Filmprojekt ist geplant, das sich mit dieser fraktalen, unendlichen Welt befaßt. Es hat aber noch keine konkreten Formen angenommen.
Mit Len habe ich das Gelände entdeckt, auf dem Constri und ich im Juni gefilmt haben: Lost Places an einer Bahnstrecke in BTF. Zwischen den Wildblumen steckten Windräder im Boden, die wir mitgebracht hatten. Über die Fotos, die ich während des Drehs gemacht habe, mailte ich an Len:

Da ist es Mai, alles grünt und blüht, auch die Windräder blühen. Als diese Aufnahmen entstanden, hatte ich Rheuma, die Gelenke knirschten, einfach entsetzlich, zum Glück half Ibuprofen. Aber Rheuma ist eine Allgemeinerkrankung, da tun nicht nur die Gelenke weh, sondern der gesamte Mensch ist krank, man ist kaum belastbar und schauerlich müde.

Einen ähnlichen Kontrast bilden die finsteren Backsteingebäude in BTF. mit der blühenden Natur ringsherum.
An Len mailte ich den Link zu meiner neuen Kurzgeschichte Egoshooter, der von einer "Blaubart"-Gestalt in Türkis handelt.
Azura schrieb über die Fotos aus BTF.:

Die Bilder mit den Windrädern gefallen mir total gut, sie strahlen so etwas Rührendes, Ruhiges und Idyllisches aus, und ich mag Eure Bilder und Stilleben mit Industrieruinen sowieso so gern.

Azura erzählte, als sie einen Job gehabt habe, in dem sie sich nicht wohl fühlte, sei sie auch andauernd krank gewesen.
Von Evan bekam ich Neujahrsgrüße, Genesungswünsche und Dank für die Katastrophen-Kekse, die ich ihm geschickt habe.
Tyra hat am Telefon erzählt, daß sie vermutet, daß Rafa sie immer noch alle paar Tage anruft, denn sie bekommt öfters Anrufe ohne Nummernangabe, und sie nimmt an, daß sie von Rafa sind. Seit sie in der Vorweihnachtszeit mit Rafa Streit hatte, nimmt sie seine Anrufe nicht mehr entgegen. Damals war sie mit Sten und dessen Freundin Gemma bei Rafa, und als sie in H. einkaufen gehen wollten, trug Rafa Tyra auf, ihm einen bestimmten Weihnachtsschmuck mitzubringen. Sie suchte nach diesem Schmuck, fand ihn aber nicht, und als sie Rafa anrief und ihm das erzählte, soll er wüst geschimpft und gepöbelt haben, und als Tyra ihn fragte:
"Was ist los, hast du nicht ausgeschlafen?"
- da erwiderte Rafa:
"Hab' noch gar nicht geschlafen!"
"Und das läßt du an mir aus?" tadelte Tyra. "So verstehen wir uns aber nicht. Kommunikation beendet."
Rafa soll ihr bislang keine neue Freundin vorgestellt haben, demnach also wahrscheinlich noch immer ohne Freundin sein - wenn man von seinen zahlreichen Geliebten einmal absieht. Was das Foto betrifft, das Peitsch-Püppi über ihren Ausflug mit Rafa im Wisentgehege online gestellt hat, konnte Tyra ergänzen, daß dieser Ausflug im Spätsommer dieses Jahres stattfand und daß Rafa Tyra bat, auch mitzukommen. Sie hatte damals aber keine Zeit, also fuhr er mit Peitsch-Püppi allein. Er soll, als er Tyra bat, mitzukommen, auch erwähnt haben, daß mit Darienne Schluß sei.
Tyras Mutter hat Sten und Rafa zum Essen eingeladen, am zweiten Samstag im Januar. Sten sagte zu, Rafa jedoch sagte ab mit der Begründung, er habe einen Tag zuvor Geburtstag. Rafa habe Tyra nicht zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen. Tyra erzählte, sie habe keine Lust, Rafa an seinem Geburtstag zu besuchen. Sie bekomme an Rafas Geburtstag Besuch von einer Freundin aus BI.
Constri war Anfang Januar für zwei Tage in HB. und machte mit Giulietta Fotos für ein Multimedia-Projekt unter dem Motto "Winterreise". Sie fotografierten mit Folter in der verfallenen Kleingartensiedlung, wo im letzten Sommer das Video für Derek entstanden ist. Giulietta war es nun, die das Brautkleid im Empire-Stil anzog, das wir beim Kostümbasar im Opernhaus gekauft haben.
Am ersten Samstag im Januar war ich bei "Stahlwerk". Abends gab es zunächst ein Treffen bei Mal und Dedis. Darien erschien dort auch, außerdem Heyro, Samantha, Irvin, Dagda und Sofie. Ich grüßte alle von Constri und betonte, daß sie sehr gern auch dabei gewesen wäre, doch sie müsse sich um ihr Kind kümmern. Darien gab sich ausgelassen und wirkte auf mich etwas unsicher.
Mal und Dedis hatten noch ihren Weihnachtsbaum stehen, einen aufblasbaren Weihnachtsbaum mit aufblasbaren Christbaumkugeln, einer Lichterkette und Christbaumhängern aus einem Kinder-Überraschungskalender.
Die drei Schwestern Dedis, Sofie und Nana waren Heiligabend bei ihren Eltern gewesen. Unterm Tannenbaum hatten sie mit verteilten Rollen ein Theaterstück vorgelesen.
Marlon hat Sofie für eine andere verlassen. Er soll Sofie mit der Begründung verlassen haben, daß er mit ihr keine Kinder haben könne. Sofie simste:
"Happy Reproduction ... oder bist du schon dabei?"
Marlon simste:
"Es war nicht geplant, aber paßt schon. Es kommt im Juli."
Sofie erinnerte sich mit sektgeheizten Tränen an ihre Zeit mit Rega. Das sei die schönste Zeit in ihrem Leben gewesen. Das gemeinsame Kind hätten beide nicht gewollt, trotzdem habe sie geweint, als sie die Schwangerschaft abbrechen ließ.
Daß Sofie die Schwangerschaft dann tatsächlich abbrechen ließ, ist für mich nicht nachvollziehbar, das behielt ich jedoch für mich. Meiner Ansicht nach sollte eine Schwangerschaft nur bei ernsten gesundheitlichen Problemen von Mutter oder Kind abgebrochen werden. Und die gab es, soweit ich weiß, weder bei Sofie noch bei dem Kind.
Sofie erzählte, Rega lebe mittlerweile in F.
Es gab Neues von Stainless. Seine Freundin soll schwer an MS erkrankt sein, so daß sie im Rollstuhl sitzen muß. Sie traut sich entweder nicht mehr, nachts auszugehen, oder sie hat dazu keine Lust mehr. Jedenfalls bleibt Stainless mit ihr zu Hause und geht so gut wie gar nicht mehr unter Menschen.
Sofie erzählte von einem Künstler, der zu ihrem ferneren Bekanntenkreis gehört und ein selbstgemaltes Bild für eine halbe Million Euro an einen Hollywood-Star verkauft hat; wenn ich mich recht erinnere, war es George Clooney. Kunst ist meistens brotlos, und Ausnahmen bestätigen die Regel.
Mal erzählte von einem Künstler in HH., der sei nicht besonders begabt, setze sich aber gekonnt in Szene und biedere sich bei namhaften Künstlern an, und das begründe seinen Erfolg. Vor allem in HH. komme es darauf an, sich bei den "richtigen" Leuten anzubiedern.
Mal hat ein Buch über Kraftwerk, in dem vor allem die Konflikte innerhalb der Band beschrieben werden. Es sei um Rechte und Vorrechte gegangen und um Machtkämpfe.
Irvin erzählte von seinem neuen Job. Er arbeitet für eine Internet-Pornofilm-Agentur. Er muß alle eingereichten Videos sichten und die untauglichen aussortieren. Tauchen Kinder in den Videos auf, wird die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.
"Sind die wirklich so doof, daß die Videos mit Kindern einreichen?" staunte Samantha.
"Es gibt nichts Doofes, was nicht schon jemand gemacht hätte", meinte ich. "Es gibt Überwachungsvideos von Leuten, die eine Tankstelle überfallen haben und sich einen 20-den-Strumpf übers Gesicht gezogen haben oder eine durchsichtige Plastiktüte. Es gibt Leute, die eine Tankstelle überfallen und sich erst an der Kasse einen Strumpf übers Gesicht ziehen. Es gibt Leute, die steigen in einen Supermarkt ein und geben sich am Spirituosenregal die Kante, bis sie einschlafen und morgens von der Polizei geweckt werden. Es gibt Leute, die in eine Villa einsteigen und in der Badewanne einschlafen."
Das Kostüm, das ich heute bei "Stahlwerk" am lustigsten fand, war ein stachelbewehrtes Kopfgeschirr mit integrierter Gasmaske.
"Das ist aber noch gar nichts gegen den mit der Gasmaske", meinte Barnet. "Wo ist der heute eigentlich?"
Sasso war beruflich verhindert, wie ich wußte.
Endlich hatte ich Platz zum Tanzen, denn es gab eine eigene Area für die Fans des Old School EBM - Electronic Body Music der Achtziger und Neunziger -, also waren die Industrial-Fans unter sich. EBM mag ich auch sehr, doch Industrial ist mir zum Tanzen noch wichtiger. Die Luft war frisch, denn es gibt inzwischen eine Raucher-Lounge, weil das Nichtraucherschutzgesetz nunmehr auch in HH. angekommen ist.
Tana - die ich öfters im "Radiostern" treffe - erzählte, ihre Freunde hätten sie wegen der EBM-Area zum Mitkommen überreden können. Tana studiert in H. Lehramt und wird in etwa zwei Jahren fertig sein. Dann dürfte auch die Zeit der Armut und der Jobs für sie vorbei sein. Bislang muß sie sich noch durchschlagen. Sie jobbte eine Zeitlang in der Leergutannahme eines Supermarkts und jobbt seit Neuestem in einem Fitness-Studio. Dort gefällt es ihr immerhin besser als in der Leergutannahme.
Darien erzählte, er habe im Hafen von HST. Silvester gefeiert. Von einer weiblichen Begleitung erzählte er nichts.
Morgens fuhr ich Dagda nach Hause, die Magenkrämpfe hatte. Ich gab ihr 1000 mg Novaminsulfon und konnte aus Erfahrung sagen, daß die Beschwerden voraussichtlich nach einer Dreiviertelstunde weg sein würden. Sie solle jedenfalls auf Kaffee verzichten.
Dagda mailte einige Tage später:

Hallo Hetty,
ich wollte mich nochmal für deine Hilfe am Samstag bedankenen: du warst meine Rettung!
Keiner sonst hat so richtig erkannt, daß es mir wirklich schlecht ging, und du hast sofort energisch für mich gehandelt.
Vielen vielen Dank dafür. Die Tabletten haben, wie du es angekündigt hattest, innerhalb einer Dreiviertelstunde geholfen.
Irvin hat mir mein Nachtlager bereitet, und ich war zu nichts anderem mehr fähig, als mich unverzüglich in die Horizontale zu begeben. Mein Bauch hat sich bis zum Aufstehen wieder vollständig beruhigt, und ich habe das Frühstück ganz vernünftig mit einem Fencheltee eingeleitet :-) Bisher haben sich auch keine "Nachwehen" bemerkbar gemacht.

Dagda erzählte von lohnenden Fotozielen mit Lost Places im Ruhrgebiet. Einige kenne ich bereits, andere möchte ich kennenlernen. Dagda würde gerne einen Fotourlaub mit Lost Places machen, zu mehreren:

Das war schon immer ein Traum von mir, der wahrscheinlich auch einer bleiben wird, weil so unrealistisch, mehrere Leute zeitlich und räumlich unter einen Hut zu bringen. Richtig toll wäre das Ganze mit anschließendem Festivalbesuch in KR. oder anderswo ... Man sollte das Träumen nie verlernen, oder?

Ich mailte:

Schön, daß es dir wieder besser geht und die Tabletten geholfen haben.
Wir fahren in der Regel an irgendeinem Samstag zur Ruinensafari in den Ruhrpott und besuchen dabei unseren Kumpel Ted in Ht. Eine ganze Woche schaffen wir nie, das geht mehr häppchenweise. Wenn du willst, kannst du zu unserer nächsten Ruinensafari mitkommen.

Im "Reha-Bunker" hat sich der humorliebende Pfleger Tom eine Decke unter den Kasak geschoben und sich damit einen Bauch gemacht. Ein Streifen Leukosilk am Kinn symbolisierte einen Bart. Er ahmte den Ehemann einer Patientin nach, der alles besser wissen will als das Personal und ein bißchen so aussieht wie ein Waldschrat.
Eine Geschichte aus der DDR wurde am Frühstückstisch zum Besten gegeben. Eine Tante bekam im kleinen Grenzverkehr öfters Pakete aus dem Westen. Sie wickelte eines der Geschenke aus und sächselte:
"Oh, eine Banane!"
Dann wickelte sie das nächste aus und sächselte:
"Oh, eine Orange!"
Dann wickelte sie das nächste aus und staunte:
"Oh, eine Kartoffel mit Haaren!"
Sie hatte in ihrem Leben noch keine Kiwi gesehen und fand ihre eigene Erklärung für das unbekannte Etwas. Die Geschichte soll ihr bis heute nachhängen.
Am Kantinentisch erzählte ein Kollege vom Bücherschmuggel im kleinen Grenzverkehr der DDR. Wegen einer Kontrolle habe er seine Tasche voller Bücher weggeworfen und sei durch die Gassen geflüchtet. Stunden später, schon bei Dunkelheit, sei er unweit der Stelle wieder vorbeigekommen und über eine Brücke gegangen, da kam ihm einer entgegen, der seine Tasche trug.
"Oh, meine Tasche!" freute er sich.
Der Fremde schien davon so überrumpelt zu sein, daß er ihm sofort und ohne weitere Fragen die Tasche gab, mit allen Büchern darin.
Wave hat nach der Trennung von Shannon wieder eine Freundin. Er mailte:

Ich habe bei W.E ins Gästebuch geschrieben ... Diesmal wurde der Eintrag sogar freigegeben.
Meiner Freundin wurde gesagt (von Rafa), dass ich immer noch ein gern gesehener Gast bin und jederzeit willkommen. Wer's glaubt?!
Um mal das Thema Peitsch-Püppi anzuschneiden: Das is ne Bitch ... Mehr als ne Bitch sein kann die auch nicht und wird die nie können. Rafa und die scheinen ja viel zu unternehmen.




Spätabends am 11. Januar fuhr ich nach Westen; meine erste Station war SHG. Um das Haus, in dem Rafa wohnt, war Stille. Am der Haustür klebte ein Zettel, auf den hatte Rafa in Rot geschrieben:

Wir sind in der Kartbahn.
Bitte nachkommen!
Rafa

Die Kartbahn hatte allerdings längst geschlossen.
Bibian erzählte im "Keller", daß Rafa in seinem Geburtstag hineingefeiert hatte. Sie sei dabeigewesen. Die Party habe bis sechs Uhr morgens gedauert. Da mitzufeiern, wäre für mich kaum möglich gewesen, weil ich heute ja frühmorgens zur Arbeit mußte.
Ich beschloß, den Zettel von Rafas Tür abzunehmen, der die Leute, die noch zu ihm kamen, in die Irre führte. Der Zettel wäre außerdem für mich eine Art Souvenir gewesen. Er war aber nicht mehr da, und im Treppenhaus brannte Licht. Die Haustür stammt aus der Zeit des Jugendstils, als das Haus gebaut wurde; sie kann etwa hundert Jahre alt sein. Sie hat ein großes Fenster aus klar durchsichtigem, nicht angeschliffenem Einfachglas. Davor befindet sich ein schwarzes feinschnörkeliges schmiedeeisernes Gitter. Rafa kam aus dem Keller hoch und ging dicht vor dem Türfenster vorbei.
"Ich haue gleich wieder ab", sagte ich durch die Scheibe zu ihm, "ich fahre nach BI. Ich wollte dir nur gratulieren. Wir sehen uns am Donnerstag!"
Rafa ging mit einem abfälligen:
"Ach, verschwinde bloß!"
die Treppe hinauf zum ersten Stock, wo er sein Kinderzimmer hat.
"Bis Donnerstag", sagte ich.
Im "Roundhouse" erzählte Joujou, daß sie jetzt bei einem Medienkonzern in GT. arbeitet, wo sie im Callcenter für Microsoft-Kunden tätig ist. Sie wirkte erleichtert und entlastet.
Max erzählte von dem Flitzer von BI. Jeder, der in BI. wohne, habe ihn irgendwann schon gesehen. Auf dem Gelände der Schule, wo Max war, habe der Flitzer sich auch gezeigt; er habe auf dem Schulhof Liegestütze gemacht, vollkommen nackt; es sei Sommer gewesen. Die Polizei habe ihn mitgenommen wegen Entblößung vor Minderjährigen.
Im Winter habe der Flitzer mehr an. Auf dem Weihnachtsmarkt in BI. sei er herumgelaufen mit Schuhen und Strümpfen und einer Socke über dem "besten Stück".
Rafa schrieb in seinem jetzigen Profil bei der Online-Szene-Kontaktbörse:

Ich hasse Frauen in genau dem gleichen Ausmaß, wie ich sie liebe ... Und ich liebe sie wie nichts anderes auf dieser Welt!

Hierzu postete ich am Samstag in Rafas Gästebuch auf seinem Profil:

Daß du die Frauen haßt, mag sein, daß du sie liebst, stimmt nicht. Du hast da vielleicht Fast Food Sex mit Liebe verwechselt. Um Liebe geht es dir nicht, du kannst mit Liebe nichts anfangen. Du solltest besser nicht über Dinge reden, zu denen du selbst keinen Bezug hast. Es wirkt unpassend.

Rafa löschte den Eintrag sogleich, verzichtete dieses Mal aber auf Beleidigungen gegen mich in seinem Profil; sie hätten ihm wahrscheinlich ohnehin nur wieder die Sperrung des Profils eingebracht.
In der Samstagnacht war ich mit Constri im "Radiostern". Cyras Freundin Ginger meinte, sie hätte sich gleich gedacht, daß Constri und ich Schwestern sind. Viele Leute finden, daß wir uns ähnlich sind, dabei finden wir selber das gar nicht so unbedingt.
Ginger ist verheiratet und hat ein Kind. Sie war heute mit ihrem Mann im "Radiostern". Sie erzählte, wegen des Kindes könne sie nur noch selten ausgehen.
Gardar traf ich auch in "Radiostern". Er war mit seiner Freundin und zwei Freunden da. Einer der Freunde erzählte von einer Location in GS., dem "Abyss". Es ist beliebt wegen seiner familiären "Jeder kennt jeden"-Atmosphäre, ähnlich wie der "Keller".
Reesli kündigte an, er werde zu meiner Geburtstagsfeier erscheinen, und zwar als Geschenk, mit umgebundener Schleife. Dafür wünsche er sich, daß ich zu seiner Geburtstagsparty auch als Geschenk erscheine.
Tayo erzählte, wenn er einmal Kinder habe, wolle er für die Mädchen viersilbige Namen, die finde er besonders charmant.
"Die werden eh zu zweisilbigen abgekürzt", meinte ich. "Wenn du deine Tochter Katharina nennst, wird daraus Katha oder Nina oder Kathy ..."
Am Sonntag war ich bei Henk zum Haareschneiden. Er war sehr gestreßt, weil er jeden Abend zu seiner Mutter fährt, um ihre Medikamente zu stellen und nach dem Rechten zu sehen.
"Wenn meine Eltern mal nicht mehr sind, ziehe ich weg", sagte er immer wieder. "H. ist nichts für mich."
Er will zurück nach B.







.

Am Donnerstag war ich im "Keller" beim Rippchenessen. Von einem Bekannten von Highscore hörte ich, daß Ceno bereits mehrfach am Steuer seines Lkw eingeschlafen sei; ein Unfall sei wie durch ein Wunder noch nicht passiert. Ceno sei neulich im Schlaflabor gewesen, und man habe in einer Nacht 260 Atemaussetzer beobachtet, was einem Schlaf-Apnoe-Syndrom entspricht. Ich erklärte, daß Ceno nachts eine Maske tragen muß, damit er gesund schläft und tagsüber nicht schläfrig wird.
Im Tischgespräch ging es um Autos, die man fürs Stoppelfeldrennen herrichten kann. Auch Highscore fährt dort mit.
Highscore erzählte außerdem vom Schießsport, den er mittlerweile zusätzlich zum Paintball betreibt. Er ist dabei, den Waffenschein zu machen.
Pat und seine Freundin erschienen und begrüßten Highscore.
"Die kenne ich ja auch", sagte Pat und kam auf mich zu, um mich zu begrüßen.
Er stellte mir seine Freundin Veva vor, ein junges Mädchen mit rotgefärbter Mähne. Außerdem lernte ich Lucerna und ihren Mann Ork kennen. Lucerna ist deutlich jünger als Ork, schlank, mit langen Haaren. Ork wirkt neben ihr wie ein Troll neben einer Elfe. Lucerna legt gerne Karten, das macht sie auf Mittelalter-Märkten auch gewerblich. Sie erzählte, daß sie jemandem die Karten gelegt hat, der wissen wollte, ob er einmal Kinder haben wird. Sie entnahm den Karten, daß tatsächlich Kinder da sein würden.
"Ich bin unfruchtbar", erzählte der Kunde, der das Kartenlegen als Hokuspokus entlarven wollte.
Zweieinhalb Jahre später begegnete Lucerna ihm wieder. Seine Freundin hatte ein Kind zur Welt gebracht, und er wollte nicht glauben, daß er der Vater war. Ein Vaterschaftstest wies ihn jedoch als Vater nach.
Lucerna erzählte von einer Kartenlegerin, die ihren Kunden immer nur Gutes voraussagt. Lucerna findet das verantwortungslos.
Bibian machte auf die Flyer für die nächste Tanzveranstaltung im "Keller" aufmerksam, die auf den Tischen lagen. Lucerna las durch, was für Musik angekündigt wird, und fragte:
"Was, bitte schön, ist 'Horror-Punk'?"
Sie las, daß "Honey" auflegen soll.
"Oh!" stöhnte sie. "Ist das etwa der von W.E?"
"Ja", antwortete Ork.
"Dann kann ich mir vorstellen, was mit 'Horror-Punk' gemeint ist", sagte Lucerna. "Oh nein, wenn der da ist, bin ich nicht da."
"Der ist unschädlich, der steht hinterm DJ-Pult", gab ich zu bedenken.
"Unschädlich, wenn der hinterm DJ-Pult steht?" zweifelte Lucerna. "Wenn ich an die Musik denke, die der auflegt ..."
Highscore erinnerte sich, daß Rafa im Dezember im "Zone" nicht viele Leute auf die Tanzfläche locken konnte.
Die Gäste am Tisch amüsierten sich über das Sweatshirt, das Highscore heute trug. Highscore erzählte, daß er es über der Heizung getrocknet und anschließend nicht gebügelt hatte.
Die meisten Gäste gingen vor Mitternacht heim, auch Lucerna und Ork. Der angetrunkene Hobbyphilosoph Lemmy blieb noch, mit seinem Hund Diogenes. Auch der kahlgeschorene Jeansboy Aldo war noch da, mit seiner Freundin Rixelda.
Es war gegen halb eins, als Roxy sich hinter der Theke duckte und fragte:
"Wohin soll ich jetzt verschwinden?"
Ich erkundigte mich, was los sei, und sie antwortete:
"Rafa ist da."
"Ich geh' dann mal", sagte Highscore und verabschiedete sich.
Im vorderen Teil des Schankraums, nahe der offenstehenden Außentür, stand Rafa mit Anwar, und bei ihnen standen Pat und Veva. Rafa hatte kein Mädchen mitgebracht, und hier war auch keines mehr, das als "Opfer" für ihn in Frage gekommen wäre.
"Er kommt erst jetzt, weil ich ihm schon gesagt hatte, daß ich heute hier sein werde", erzählte ich am Tisch, "und er hat sich nicht eher hergetraut, weil er mir nicht begegnen wollte, denn ich gehöre zu den Leuten, die morgens zur Arbeit müssen - im Gegensatz zu ihm -, weil sie einer geregelten Arbeit nachgehen - im Gegensatz zu ihm."
Roxy, Bibian, Lemmy und der Soldat Mervin kamen bei diesem Satzgebilde nicht mit.
"Ist eh alles Unsinn", winkte ich ab. "Jedenfalls habe ich genau den richtigen Beruf gewählt. Psychiatrie ist genau das Richtige für mich. Ich mache eine Longitudinalstudie mit einem Objekt."
Rafa trug das graue Sakko, dessen Aufschläge mit schwarzen Schnörkeln gemustert sind; das hatte er an seinem Geburtstag auch an. Zu dem Sakko trug er eine Hose mit schwarzen und weißen Längsstreifen, die dazu eigentlich nicht paßte. Eine Brille hatte er nicht auf.
Ich hatte einen engen schwarzen Rollkragenpullover an mit einem sehr kurzen dunkelgrauen Pullover darüber und dazu einen langen schwarzen Rock aus Feincord mit einer Nadelstreifen-Rüsche am Saum. Ich trug die Uhr mit den silbernen Zier-Hängern, darunter Kreuz, Herz und Anker.
Rafa hielt vor seinem Publikum an der Theke seine Reden, lebhaft gestikulierend und schon etwas angetrunken. Anwar sagte zu Rafa:
"He, ich denke, wir wollen 'rumziehen und Frauen klarmachen?"
Offenbar hatten sie ihr Thema.
"Schätzelein!" rief Bibian zu Rafa hinüber. "Komm' doch mal her!"
"Nein", erwiderte Rafa, "in der Ecke ist es mir zu gefährlich."
Ich setzte mich in der Ecke, in der es Rafa "zu gefährlich" war, zwischen Aldo und Lemmy an einen Tisch. Kurz darauf kam Rafa eben dorthin, stellte neben den Tisch einen Barhocker auf und rief:
"Hier hat jemand Geburtstag! Jetzt komm' ... wie heißt du überhaupt?"
Er meinte Aldos Freundin. Bibian sagte Rafa, daß das Mädchen Rixelda heißt.
"Also komm' ... Rixelda!" posaunte Rafa.
Rixelda mußte sich auf den Barhocker setzen, und Rafa ordnete Anwar, Pat, Mervin und sich selbst darum herum. Auf Rafas Kommando sangen alle "Hoch soll sie leben", hoben das Mädchen bei "... hoch ... hoch ... hoch!" mitsamt dem Stuhl dreimal in die Höhe und sangen den Rest des Liedes hinterher. Dann gab Rafa das Kommando, daß alle Anwesenden klatschen sollten. Ich klatschte nicht mit, sondern sagte "Ouuu ..." in mich hinein.
Als Rafa mit der Zeremonie fertig war, ging er mit seinen Begleitern wieder nach vorn, und Rixelda setzte sich zu Aldo. Sie wirkte etwas verwundert über die Zeremonie; sie schien Rafa entweder noch nicht zu kennen oder noch nicht besonders gut zu kennen.
"Es gibt Zeremonien, die vordergründig um eines Menschen willen inszeniert werden, die in Wirklichkeit aber der Selbstinszenierung eines ganz anderen Menschen dienen sollen", merkte ich an.
"Bist du wirklich intelligent oder ... ich meine, weil du so einen Sprachfall hast", erkundigte sich Aldo.
"Du meinst, ob ich intelligent bin oder ob ich nur so tue?" fragte ich nach.
"Ja."
"Das kannst du dir selbst aussuchen."
Aldo betrachtete mich und überlegte, wie ich wohl sei.
"Du bist sehr feminin ...", sagte er schließlich.
Das bejahte ich.
Wir redeten ein bißchen über Gott und die Welt. Lemmy redete mit uns gemeinsam über Gott und die Welt und auch über den Weltuntergang. Der inzwischen deutlich betrunkene Lemmy wurde in seinen Formulierungen etwas lockerer, und als das Wort "f..." fiel, kam Bibian lächelnd mit einem hölzernen Kästlein, das aussieht wie ein Opferstock. Lemmy wußte, was nun dran war, und warf ein Geldstück in das Kästlein.
Rafa kam an das Ende der Bar, wo es hinüber in den Saal geht und wo es ihm eigentlich "zu gefährlich" war. Er zeigte Bibian ein Feuerzeug und erzählte:
"Hier, das habe ich von einem Fan gekriegt."
"Laß' mich raten", sagte Bibian, "der Fan ist weiblich und achtzehn."
"Zwanzig."
"Na, aber gerade so eben!"
Bibian flachste mit Rafa herum. Sie umarmte ihn von vorne und von hinten. Er ließ sich das gefallen, fast als wollte er demonstrieren:
"Die darf das."
Als Rafa wieder nach vorn gegangen war, setzte Bibian sich neben mich und zeigte mir Fotos, die im "Keller" aufgenommen worden waren und bei Bibian zu Hause. Hunde waren zu sehen, unter anderem Pixie, die Hündin, die Bibian von Ceno übernommen hat. Gäste des "Keller" waren zu sehen, unter anderem Rafa in einer seiner üblichen Posen, meistens mit Sonnenbrille, gerne Grimassen schneidend oder mit triumphierendem Grinsen.
Bibian erzählte, besondere Freude habe ihr heute gemacht, daß so viele sehr junge Leute zum Rippchenessen erschienen seien, die ihre Eltern mitbrachten, um ihnen zu zeigen:
"Schaut mal, das ist der Laden, wo wir immer am Wochenende hingehen!"
"Der 'Keller' ist wirklich kult", meinte ich, "allein die Grabsteine überall ..."
Bibian mag besonders den Stein, auf dem der Spruch steht:
"Müh und Arbeit war sein Leben!"
Die verstorbene Emilie, deren Stein hinter dem Tisch in einer Nische steht, nennt sie "Tante Emilie".
Bibian erinnerte sich mit Schrecken an zwei Überfälle durch Rechtsradikale. Die hätten den "Keller" demoliert und Maylin verletzt, und sie hätten sogar Kiran angegriffen, obwohl der bekannterweise "nicht der Linkste ist".
Bibian erzählte, daß sie ihren Geburtstag - Ende Mai - vergessen will und deshalb mit einer Tanzparty im "Keller" hineinfeiern wird. Bibian ist im selben Jahr wie ich geboren, nur knapp vier Monate später.
Hinter der Theke schnitten Bibian und Roxy Kärtchen aus, das waren Eintrittskarten für die Tanzparty Anfang März. Jeder, der jetzt schon eine Karte kaufte, zahlte zwei Euro statt drei und wurde in eine Liste eingetragen. Mervin trug sich auch ein, und ich tat ein Gleiches.
Pat schien Rafas schlechtes Benehmen nachahmen zu wollen. Erst noch mäßig höflich, zeigte Pat sich zu vorgerückter Stunde flegelhaft und läppisch. Als ich bei Bibian im Gang stand, drängelte er sich mit einem "Los, verschwinde hier!" an mir vorbei.
Auffallend war, daß Veva mir gegenüber unverändert höflich und freundlich blieb. Sie schien mit Pats Verhalten nicht einig zu sein.
Als Veva und Pat fort waren, ließ Rafa Mervin und Anwar vorübergehend allein an der Theke und beschäftigte sich im Saal mit den Rippchen. Ich ging zu Mervin, der eine Bundeswehrhose trug, und erkundigte mich nach seinen Berufsplänen. Er erzählte, daß er noch fünf Monate dienen wird und dann eine kaufmännische Ausbildung beginnen will. Ich fragte ihn, ob man als Soldat uniformiert im Alltag herumlaufen darf. Mervin erzählte, daß man durchaus in Uniform in den Supermarkt gehen dürfe oder spazierengehen dürfe, daß es aber nicht gern gesehen werde, wenn man sich in voller Uniform in einer Kneipe aufhalte. Wenn es aber nur die Hose sei, das sei erlaubt, die enthalte keine Dienstgrad-Kennzeichnungen und dergleichen, außerdem bekomme man die Hosen in jedem Armee-Shop.
Rafa kam zu uns und machte Sprüche über Frauen.
"Seine Schwester", sagte er über die Theke hinweg zu Roxy und zeigte auf Mervin, "der muß man nur mal den Hintern versohlen und die ein bißchen eingrooven ... dann ist die richtig. Dann kann die tolle Fotos von sich machen lassen und ein bißchen 'rumstalken ... wie alt ist die eigentlich?"
"Zweiundzwanzig."
"Und wie alt bist du?"
"Ich bin dreiundzwanzig", antwortete Mervin.
"'rumstalken" scheint für Rafa ein sehr unscharfer Begriff zu sein. Ihm scheint selbst nicht klar zu sein, was er damit sagen will.
Auch das, was er mit Mervins Schwester vorhat, scheint er nicht eindeutig beschreiben zu können oder zu wollen. Man kann nur aus seinem üblichen Verhalten schließen, daß er versuchen will, das Mädchen zu verführen.
Mervin nahm Bezug darauf, daß ich vorhin erzählte hatte, daß ich in der Psychiatrie arbeite. Er erkundigte sich, was ich in der Psychiatrie genau mache. Ich erzählte von meinem Beruf und meinen weiteren Plänen. Das fand Anwar interessant. Er stellte auch Fragen und ließ sich das eine oder andere erzählen - von überlangen Arbeitszeiten, verbesserungswürdiger Bezahlung und dem Klientel, das ich zur Zeit betreue. Er verhielt sich, als hätte es seine Anfeindungen gegen mich nie gegeben. Ebenso wie Pat und Zod ist er ein Mensch, der Rafas Verhalten annimmt, wie ein Stoff in der Waschmaschine die Farbe eines anderen Stoffes annimmt, und diese Farbe kann sich mit der Zeit wieder auswaschen.
Rafa kam zu uns und führte mit Mervin einen Kartentrick vor. Mervin legte neun Karten auf die Theke, geordnet zu einem Viereck. Rafa ging in die Toilette, und Roxy mußte eine Karte auswählen. Danach kam Rafa zurück und erriet die Karte, die Roxy ausgewählt hatte. Zweimal klappte das. Es klappte aber nicht mehr, als Roxy zwei Karten auswählte statt einer. Da konnte Rafa nur die erste der beiden erraten.
Als Rafa behauptete, eine bestimmte Sauce nicht zu kennen, sagte ich zu Anwar, das könne eigentlich nicht sein; Rafa kenne bestimmt das ganze Saucenregal im Supermarkt. Das bestätigte Anwar.
"Und die Speisekarte von 'McGlutamat' kennt er bestimmt auch auswendig", setzte ich hinzu.
Das bestätigte Anwar ebenfalls.
Wir unterhielten uns über die Schädlichkeit der Gerichte bei "McGlutamat", von der auch der Film "Supersize me" von Morgan Spurlock handelt.
Rafa, der mit Bibian, Roxy und Lemmy herumalberte, zog unvermittelt sein Sakko aus und sein Hemd, behielt aber sein schwarzes T-Shirt an, dessen Aufdruck von den Achtzigern handelt, und seine schwarzen Handschuhe. Er kam auf Anwar, Mervin und mich zu und fragte:
"Wer will meinen Achselgeruch riechen?"
"Jawoll, mach' einen Striptease!" rief ich.
Rafa ging weg und zog sich wieder vollständig an. Nach einer Weile rief er:
"Anwar!"
"Der Chef hat gerufen", sagte Anwar und ging folgsam zu Rafa.
Rixelda versuchte, Aldo zu wecken. Der hatte seinen Pegel erreicht und war am Tisch eingeschlafen.
Ich stand bei Bibian an dem Ende der Bar, wo es zum Saal geht und wo auch der Tisch steht, an dem ich mit Lemmy und Aldo gesessen hatte. Bibian zeigte mir noch mehr Fotos. Rafa stand im Durchgang zum Saal und hielt Volksreden. Als es vier Uhr wurde und Anwar nach Hause wollte, entschied Rafa:
"Ich komme mit!"
Er verabschiedete sich umständlich von allen Anwesenden, nur nicht von mir. Als Rafa an mir vorbeiging, legte ich von hinten die Arme um ihn. Er zischte nach Art der Sängerin Tessa:
"Kannst du vielleicht mal damit aufhören, mich anzufassen?"
Die Antwort konnte er sich selbst geben.
Einer der Gäste im "Keller", der Taxifahrer ist, brachte Rafa und Anwar nach Hause.
Bibian, Lemmy und Mervin machten schlüpfrige Sprüche über USB-Sticks und USB-Hubs. Ich meinte, eine besonders dämliche Anmache könnte lauten:
"Darf ich meinen Stick in deinen Hub stecken?"
Lemmy sagte zu Bibian:
"Mein Stick ist zu schnell für deinen Hub."
Roxy machte Seifenblasen, die nicht so recht etwas wurden.
"Du schaffst es nicht, zärtlich zu blasen", stellte Mervin fest.
Dann erst wurde ihm die zweite Bedeutung klar, und er hatte es eilig, zu erklären:
"Ich meinte aber nicht das! Ich meine einfach nur Blasen!"
Da hatte er die Lacher auf seiner Seite.

.
.