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Am Ostermontag war ich als "sara-h" in Rafas Chatroom. Dort begegnete ich vielen Chattern, darunter einige, die ich aus früheren Chats kannte.

⟨sara-h⟩: ey tron, danke fuer deine mail
⟨sara-h⟩: hab mich ueber die fotos gefreut
⟨Tron⟩: kein problem, ich habe mich über deine anwesenheit gefreut
⟨sara-h⟩: ich mich auch ueber deine
⟨Hellhound⟩: so müsst ich auch ma lügen könn
⟨sara-h⟩: wieso luegen
⟨Hellhound⟩: [20:50] ⟨sara-h⟩ ich mich auch ueber deine
⟨sara-h⟩: ach stimmt doch
⟨Hellhound⟩: niemand freut sich über trons anwesenheit
⟨Hellhound⟩: hrhr
⟨sara-h⟩: nette leute treffen ist immer schoen
⟨Hellhound⟩: und genau da liegt die lüge
⟨Hellhound⟩: tron und nett
⟨sara-h⟩: wieso luege?
⟨Hellhound⟩: thats not possible
⟨sara-h⟩: wieso nich
⟨sara-h⟩: is doch nett
⟨Tron⟩: kennst du die band "file not found", hetty?
⟨sara-h⟩: nein noch nicht
⟨Tron⟩: ich lad dir mal was hoch
⟨sara-h⟩: schoen
⟨Tron⟩: kannste von ausgehen, dass, wenn rafa mal wieder auflegen sollte und ich anwesend bin, er dieses stück spielen MUSS ;)
⟨sara-h⟩: und wie heisst es?
⟨Xenon⟩: hehe
⟨Tron⟩: no nothing never
⟨sara-h⟩: klingt interessant
⟨Tron⟩: schöne melodie, casio vl tone und vocodergesang
⟨Tron⟩: klingt ein bischen nach den second decay sachen

Tron erzählte, daß es eine Verballhornung von Rafas Stück "Monoton & Minimal" gibt, die einer von Trons Bekannten vor fünf Jahren gemacht und im "Byzanz" zum Besten gegeben hat. Gavin habe diesen Auftritt gefilmt, wolle jedoch das Material nicht an Tron weitergeben. Das Video sollen nur Gavin, Rafa und Trons Bekannter besitzen.

⟨sara-h⟩: und wer rueckts am ehesten raus?
⟨Tron⟩: rafa ;)
⟨sara-h⟩: echt, der?
⟨sara-h⟩: dann knete ihn, dass ers rausrueckt
⟨Tron⟩: ich habe nicht gesagt, DASS ers rausrückt hehe
⟨Tron⟩: kannst du ja machen
⟨sara-h⟩: na er is eh launisch
⟨Tron⟩: lohnt sich aber nicht unbedingt

Tron erzählte, daß Rafa von allen seinen Tracks C64-Versionen anfertigt und die gesondert ins Internet stellt. Alle Musiker, die Musik mit dem C64 machen, täten das. So seien 3000 Tracks allein in Rafas SID-Bereich zusammengekommen.
Tron kam noch einmal auf Second Decay zurück und erzählte von einem Konzert, bei dem sich der Sänger trotz kaputter Heizung fürs Publikum auszog.

⟨sara-h⟩: ganz aus?
⟨Tron⟩: na ja, bis auf die hose ;)
⟨sara-h⟩: ach so
⟨Tron⟩: hose machen ja andere ;)
⟨sara-h⟩: chippendales
⟨sara-h⟩: und rafa
⟨Tron⟩: trikottausch mit kappa gabs auch noch :)
⟨sara-h⟩: kappa hat rafa mal zum sieger einer wet t-shirt wahl gekuert
⟨Tron⟩: wie ist er denn zu DER ehre gekommen?
⟨sara-h⟩: weil die damen keine lust hatten, musste rafa sich mit wasser ueberkippen lassen, das war 1998 in der "halle"
⟨sara-h⟩: ich war leider nich dabei

Tron berichtete, er habe nach Rafas gestrigem Konzert im "Reentry" zwei W.E-Plakate umsonst bekommen.

⟨Tron⟩: wollten die wegschmeissen, da meinte ich, gebts mir, bevor ihrs wegwerft
⟨sara-h⟩: ja ist recht
⟨Tron⟩: hat mir gut gefallen gestern, aber die akustik war nicht so gut
⟨Xenon⟩: sch... sound
⟨Tron⟩: ja, rafa hat sich ja auch bitterlich beklagt
⟨Xenon⟩: und sch... anlage
⟨Tron⟩: die ist 40 jahre alt hehe
⟨Xenon⟩: hehe
⟨sara-h⟩: ach so alt is das "reentry"?
⟨Tron⟩: aber mir ist sch... anlage und gute location lieber als umgekehrt
⟨sara-h⟩: ja
⟨Tron⟩: hetty, das "nachtstrom" in hb. ist genauso, wird jetzt wohl fast nur noch industrial gespielt, hat man mir gestern gesagt
⟨sara-h⟩: und wie gross ist die tanzflaeche?
⟨Tron⟩: wie im "reentry"
⟨Tron⟩: definitiv e-betty-geeignet ;)

Im Internet suchten wir nach Terminen, an denen im "Nachtstrom" Industrial gespielt wurde; gegenwärtig waren aber keine zu finden.
Der Chat handelte nun von DJ's und Parties in verschiedenen Locations. Ich erkundigte mich, ob im "Nachtstrom" auch Sonar, Monolith, MS Gentur und Xotox gespielt wurden.

⟨Cydat⟩: doch doch
⟨sara-h⟩: ich steh auch sehr auf combichrist
⟨Cydat⟩: genau der mainstream, sag ich doch *G*
⟨Tron⟩: hehe
⟨Tron⟩: du kannst sara-h nicht als mainstream bezeichnen ;)
⟨Cydat⟩: die bands, die se aufgelistet hat, aber teilweise schon *G*
⟨Tron⟩: die frau lebt die musik!
⟨sara-h⟩: ja, ich lieb die musik
⟨Tron⟩: reine musik im körper
⟨Tron⟩: die fliegt nur so über die tanzfläche
⟨sara-h⟩: seit wann is sonar mainstream?
⟨Cydat⟩: seit se n seitenprojekt von the klinik sind? *G*

Tron erinnerte sich an eine Party in der "Neuen Sachlichkeit". Kappa und Steve N. sollen damals um die Wette getrunken haben.

⟨sara-h⟩: wer hat gewonnen?
⟨Tron⟩: ich glaub kappa ;)
⟨Tron⟩: steve lag nur noch auf der treppe zum vip bereich und jammerte
⟨sara-h⟩: kappa kann viel vertragen
⟨sara-h⟩: na ja, vertragen ...
⟨Tron⟩: hat aber auch grenzen
⟨Tron⟩: wir haben den mal mit brei abgefüttert, bis er nicht mehr konnte ...
⟨sara-h⟩: milupa?
⟨Tron⟩: nee, guter selbstgemachter griessbrei
⟨sara-h⟩: das is lecker!!
⟨Tron⟩: na ja, er rannte dann weg und hat sich übergeben
⟨Tron⟩: nahm er uns aber nicht krumm
⟨sara-h⟩: also, griessbrei is so lecker, macht aber schnell satt
⟨Tron⟩: kappa ist für jeden spass zu haben
⟨sara-h⟩: ja
⟨Tron⟩: nur auflegen tut er öhm
⟨sara-h⟩: aber er is sehr amuesant und hat zT gute Co-DJs
⟨sara-h⟩: rafa legt gut auf, wenn er gut auflegen will
⟨sara-h⟩: dann kann er es sogar sehr gut
⟨Tron⟩: ja, und er ist immer überraschend
⟨sara-h⟩: er hat 1994 mal industrial im "nachtlicht" aufgelegt, geil
⟨Tron⟩: die wissen hier alle nicht, wie gut rafa als dj is ;)
⟨Tron⟩: obwohl, cydat war dabei in ol.
⟨Tron⟩: da hat er gut aufgelegt
⟨Cydat⟩: lang ists her
⟨sara-h⟩: rafa hat auch teilweise schon ziemlich lasch aufgelegt
⟨sara-h⟩: und dann wieder sehr gut

Artemis und W.O.L.F. wollten sich auf einem W.E-Konzert in GC. treffen. Artemis befürchtete, W.O.L.F. könnte sie übersehen, weil sie so klein sei.

⟨Artemis⟩: Rafa hätte mich in GR. auch beinahe übern Haufen geschubbst Oo
⟨Artemis⟩: Ich hab ihm auffe Schulter geklopft,er dreht sich schwungvoll um, un isch stand da halt :D
⟨Tron⟩: lol
⟨Artemis⟩: Aber ich glaub, Rafa hätte mehr Pech gehabt, wennsch ni zurückgetreten wär ... er wär ja über meine Füße gestolpert :D
⟨Tron⟩: hättest ihn sanft auffangen koennen ;)
⟨sara-h⟩: haettst du ihn halten koennen?
⟨W.O.L.F.⟩: genau, hättest ihn dann in den arm nehmen können
⟨Artemis⟩: Jaaa ...dann hätts mich auch noch umgehaun :D
⟨W.O.L.F.⟩: und dann hättest ihm gesagt, dass du sein lebensretter wärst :)
⟨sara-h⟩: wieviel wiegt der? 90?
⟨Artemis⟩: *ggg*
⟨Artemis⟩: Ich hätt mich auch gleich drunterwerfen können
⟨W.O.L.F.⟩: tzzzz wer weiss, wie das dann manche leude ausgelegt hätten
⟨Artemis⟩: Dass ich mich mutig hingeworfen hätte, um einen möglichen Auftrittsausfall zu vermeiden
⟨sara-h⟩: ich hab probiert, ihn hochzuheben, und ich hab ihn paar zentimeter vom boden gekriegt

Artemis erzählte von einem W.E-Plakat, auf dem ihr nur noch ein Autogramm von Lucy fehlte. Dann ging es um die Titel, die die Chatter gerade zu Hause hörten - unter anderem "Tanz eiskalt" von Rafa.

⟨ Tron ⟩ spielt tanz eiskalt
⟨sara-h⟩: ich hoer dark trance
⟨W.O.L.F.⟩ hört schon das sandmännchen
⟨sara-h⟩: ronski speed
⟨Platinum⟩: tanz eiskalt habe ich gestern vermisst ...
⟨sara-h⟩: den text davon mag ich
⟨Tron⟩: ja, hatten wir gestern, den text "... ich dreh mich um und seh dich ... nicht ..."
⟨sara-h⟩: genau!!!
⟨sara-h⟩: rafa beschreibt darin nicht nur sich, sondern auch diese besondere beziehung
⟨Tron⟩: ja, starker text
⟨sara-h⟩: die geschichte von der mauer
⟨sara-h⟩: es gibt das wieder, die widerspruechlichkeit
⟨sara-h⟩: die angst, von der er so oft erzaehlt
⟨Tron⟩: frag doch mal, ob er (da berenice ja jetzt weg ist) mit dir zusammen das lied neu aufnimmt ...
⟨Tron⟩: hinrichtung is lange her

"Hinrichtung" ist das Stück, das Rafa und ich 1993 gemeinsam aufgenommen haben.

⟨sara-h⟩: ach, waer das schoen!!
⟨Tron⟩: ich hau ihn mal drauf an hehe
⟨sara-h⟩: das waer so schoen
⟨sara-h⟩: das wuerd ich so gern mit ihm machen
⟨Tron⟩: nimm den part doch auf kassette auf und schicks ihm
⟨sara-h⟩: nein, wenn, dann richtig mit ihm gemeinsam
⟨sara-h⟩: jedenfalls faend ichs unendlich cool, wenn du rafa davon ueberzeugen koenntest, dass dieses stueck "tanz eiskalt" von denen gesungen wird, um dies darin geht, also von rafa und mir
⟨sara-h⟩: werden sollte, mein ich
⟨Tron⟩: hehe
⟨Tron⟩: unwahrscheinlich, dass das was bringt ;)
⟨sara-h⟩: du meinst, er traut sich nich?
⟨Tron⟩: denke, da kannst nur du ihn überzeugen
⟨sara-h⟩: ausgerechnet ich? nein, ich glaub nicht, denn ich bins doch, vor der er angst hat
⟨Tron⟩: wär ja dann sozuagen ne rein geschäftliche basis ;)
⟨Tron⟩: versteh nicht, dass man vor dir angst haben kann tztz
⟨sara-h⟩: das ist erstaunlich, ja
⟨sara-h⟩: aber er hat
⟨sara-h⟩: und ausser mir nur vorm fliegen
⟨sara-h⟩: ich wunder mich auch
⟨Tron⟩: rotwild und ich finden, dass du eine enorm positve ausstrahlung hast
⟨Tron⟩: dachte bis gestern, ja, er übertreibt mal wieder ;)
⟨sara-h⟩: das freut mich sehr
⟨Tron⟩: ist immer bei menschen, die so viel musik in sich tragen
⟨sara-h⟩: wer ist denn der mysterioese rotwild?
⟨Tron⟩: der war im "keller", glaub ich, dabei
⟨Tron⟩: glaube, euch hat ivco kurz vorgestellt
⟨sara-h⟩: ach, der kann sich mir gern vorstellen
⟨sara-h⟩: dann lern ich noch mehr leute kennen
⟨Tron⟩: also, vom sehen müsstest ihr euch kennen
⟨Tron⟩: er war ganz hin und weg
⟨W.O.L.F.⟩: So ihrZ! Ich wünsch euch was. Bin dann wech
⟨sara-h⟩: n8

Das Gespräch kam auf Arbeit und Beruf.

⟨sara-h⟩: zur zeit hab ich eine unbefristete stelle in neuro, aber da werd ich nicht fuer immer bleiben
⟨sara-h⟩: weil ich die psychiatrie lieber mag
⟨pik7⟩: ich wuerde gern ueberhaupt mal arbeiten
⟨Platinum⟩: hehe ich nicht
⟨Platinum⟩: na ja, ich arbeite schon
⟨Platinum⟩: an mir
⟨sara-h⟩: arbeiten finde ich extremst wichtig
⟨Platinum⟩: hm, wenn man darin aufgeht, klar
⟨Platinum⟩: aber wenn man nicht mal weiss, was man eigentlich arbeiten soll, ist das schon schwer ...
⟨sara-h⟩: ja, was man will, das muss man rausfinden, sicher
⟨Platinum⟩: ja
⟨sara-h⟩: ich wusste mit 16, was ich werden wollte
⟨sara-h⟩: zumindest war ich mir da dann sicher
⟨Tron⟩: habe der lehrerin in der ersten klasse sofort gesagt, was ich werden will ;)
⟨sara-h⟩: und das war?
⟨Tron⟩: elektriker, hab immer alles auseinandergenommen
⟨pik7⟩: ich hab der kuh in der ersten klasse gesagt, dass ich kein bock auf schule habe und schon gar net arbeiten will
⟨sara-h⟩: ich denk, jeder will etwas sinnvolles tun, eigentlich
⟨Tron⟩: als ich viel, viel stress auf der arbeit hatte, merkte ich, welche streiche einem der geist spielen kann
⟨sara-h⟩: und was fuer streiche?
⟨Tron⟩: hmmm herzrasen, schwäche, lähmung usw.

Tron schilderte eine Mischung aus Panik, Benommenheit und Sprachstörungen. Es sei wie ein Alptraum gewesen.

⟨Tron⟩: gefühle dieser art waren mir bis dato fremd - hielt mich quasi für unsterblich
⟨sara-h⟩: ach? ich hatt schon mit elf traeume vom tod
⟨Tron⟩: mein unterbewusstsein war wohl anderer meinung
⟨Platinum⟩: die menschen sterben nur, weil sie glauben, dass wir sterben MUESSEN

Im Gespräch stellte sich heraus, daß Platinum gestern bei Rafas Konzert im "Reentry" neben mir gestanden hatte.

⟨Tron⟩: hetty, platinum war die technotussi neben dir beim konzert hehe
⟨sara-h⟩: die blonde?
⟨Platinum⟩: ich bin doch keine tussi!
⟨sara-h⟩: ach, und das ist Platinum, die blonde mit den kurzen haaren?
⟨Platinum⟩: JA, ICH BIN ES WIRKLICH

Artemis erzählte von einer Begegnung mit Rafa auf einem Festival.

⟨Artemis⟩: Wir sind wie gestört dem Rafa hinterhergerannt ...
⟨sara-h⟩: warum seid ihr hinter ihm hergerannt?
⟨Artemis⟩: Weil er an uns vorbei is, wo mer grad rumgeloofn sind ...
⟨sara-h⟩: und?
⟨Artemis⟩: Und da dachten wir nur noch ... Gott, das is Rafa ... und sind hinterher :D
⟨sara-h⟩: und?
⟨Artemis⟩: Aber wie gestört ... er hat dann so über de Schulter geguggt un uns angegrinst *gg*
⟨sara-h⟩: ach, der hat sich bestimmt gefreut
⟨Artemis⟩: Natürlich hat er das :D
⟨Artemis⟩: @Titan Habsch dir von dem Fast-Zusammenprall erzählt?
⟨Artemis⟩: Mein Männchen beinah gegen Rafa geprallt?
⟨Titan⟩: aehm ich meine, ja *gruebel* die details sind mir allerdings entfallen
⟨Artemis⟩: Das musste so sein :D
⟨Artemis⟩: Zum Fast-Zusammenprall zwischen meim Männchen un Rafa
⟨Tron⟩ meint, nur wenn Rafa mit E-Betty zusammenstösst, erschreckt ihn das :)
⟨sara-h⟩: warum?
⟨Artemis⟩: Un in GR. nen Fast-Aneinanderrempler zwischen mir un Rafa
⟨Artemis⟩: Was ja auch geil war ...
⟨Artemis⟩: Neben dem Warenverkaufsstand stand so ne komische große Pflanze
⟨Artemis⟩: Un Dolf stand kurzzeitig hinter / neben der Pflanze
⟨Artemis⟩: Den hat mer schon fast nich mehr gesehn *hrhr*
⟨Titan⟩: glaub ich
⟨Artemis⟩: (Die Pflanze war übrigens höher als Dolf :D)
⟨Titan⟩: er war halt inkognito
⟨Artemis⟩: *gg*
⟨Artemis⟩: Rafa hat aber verdammt lang zum Auto einräumen gebraucht ... tzz ...
⟨sara-h⟩: jedenfalls, tron, dieser text "und ich sehe dich .... nicht" passt zu dem gestrigen abend wirklich, und mich beschaeftigt das so, dass ich was kreatives draus machen will, und es gibt dafuer nichts idealeres, als "tanz eiskalt" mit rafa einzusingen
⟨Tron⟩: an mir solls nicht liegen ;)
⟨sara-h⟩: cool, dann ueberzeug ihn
⟨Tron⟩: und finds eh ein wenig unpassend, es mit berenice einzusingen
⟨Tron⟩: da das lied ja viel besser passt auf euch bezogen
⟨sara-h⟩: jawoll
⟨sara-h⟩: das passt so genau
⟨Tron⟩: ich reiss mein herz aus mir heraus - und mein gefühl, das schalt ich AUS!
⟨sara-h⟩: genau
⟨Tron⟩: GENAU!
⟨Assel⟩: ??
⟨Platinum⟩: :)
⟨sara-h⟩: er wollt mir weismachen, es sei gut, wenn ich meine gefuehle verleugnen wuerde
⟨sara-h⟩: und ich hab ihm gesagt, meine gefuehle sind mir wichtig, ich achte und ehre die
⟨Tron⟩: wann hat er das denn gesagt
⟨sara-h⟩: 04.03.05
⟨Tron⟩: im "keller"?
⟨sara-h⟩: in ivcos partykeller

Rafa betrat den Chatroom, als "Honey".

⟨sara-h⟩: cool
⟨sara-h⟩: bist du doch noch da
⟨Artemis⟩: Guten Abend, Honey : )
⟨Tron⟩: Guten Abend, Honey!
⟨Honey⟩: guten abend *mal kurz reinschau*
⟨Assel⟩: Hallo Honey
⟨sara-h⟩: endlich mal
⟨sara-h⟩: weil, du hast mich in bs. nicht gegruesst
⟨Tron⟩: coole location gestern, aber schrecklicher sound seitens der musikanlage
⟨sara-h⟩: hast mich aber gesehn
⟨Titan⟩: moin Honey
⟨sara-h⟩: und nicht gegruesst
⟨Icon⟩: und ich wollte gerade ins Bett ;)
⟨sara-h⟩: und ich muss immer dran denken
⟨Honey⟩: @icon: hast wirklich was verpasst in gr. ...
⟨Icon⟩: @Honey: Das dachte ich mir :(
⟨Platinum⟩: nabend, herr honey
⟨Honey⟩: hallo platinum!
⟨Platinum⟩: :)
⟨Artemis⟩: Aber Honey ...
⟨sara-h⟩: tron und ich haben uns schon drueber unterhalten
⟨Artemis⟩: Dass ihr dieses scheußliche Bier getrunken habt ... also, wirklich
⟨Artemis⟩: *schimpf* :P
⟨Honey⟩: wenn wir schon mal da sind, müssen wir das doch auch mal probieren
⟨Icon⟩: @Honey: immerhin wird mich nächste Woche Eraserhead mit nach Ld. nehmen
⟨Eraserhead⟩: !!
⟨Honey⟩: @icon: dann sehen wir uns nächste woche
⟨Icon⟩: ja
⟨Icon⟩: ich nehm den Atari mit
⟨Icon⟩: ich hoffe, ihr habt genug platz ;)
⟨Assel⟩: ich werd' auch anwesend sein ...
⟨Artemis⟩: *muss nur bis freitag warten*
⟨sara-h⟩: was ich fragen wollte, rafa, warum hast du mir denn nicht guten tag gesagt?
⟨sara-h⟩: in bs. im "reentry"
⟨sara-h⟩: gestern
⟨Honey⟩: ; )
⟨sara-h⟩: und, warum nicht?
⟨Platinum⟩: hey, uns auch nicht ^^
⟨Tron⟩: Dolf hat mir Guten Tag gesagt, seit 5 Jahren das erste Mal, dass er 5 Minuten Zeit hatte, hihi

Rafa nannte Tron eine URL, über die er Neues von einer Computer-Party erfahren konnte. Tron erzählte von einem gemeinsamen Bekannten aus der Computer-Szene, der sich etwas unfreundlich benommen hatte.

⟨Honey⟩: hmm ... was hat er denn gesagt, kann ich mir selbst kaum vorstellen
⟨Tron⟩: er meinte, ich hab ne klatsche, weil ich c64-musik im auto höre ;)
⟨Tron⟩: na ja, er ist eher sammler und ich benutzer
⟨Honey⟩: reden wir vom gleichen????
⟨Tron⟩: jo
⟨Honey⟩: komisch??????
⟨Tron⟩: ja
⟨sara-h⟩: nun frag ich nochmal, rafa ... warum hast du mir denn im "reentry" gestern nicht guten tag gesagt?
⟨Honey⟩: und ich antworte schon wieder nicht ... frechheit!
⟨Artemis⟩: Böööser Honey
⟨sara-h⟩: du bist ein schatzi
⟨sara-h2⟩: na ja, wenn du nicht antworten willst, willst du eben nicht, ok
⟨sara-h2⟩: das respektier ich

Während des Chats sprang ich zwischen zwei Chatprogrammen hin und her, weil beide nicht richtig funktionierten. Ich erklärte den Chattern, warum ich mal als "sara-h" und mal als "sara-h2" auftauchte.

⟨sara-h2⟩: jedenfalls bin ich mit diesen channels irgendwie durcheinandergekommen
⟨sara-h2⟩: und heisse jetzt sara-h2 statt sara-h
⟨Platinum⟩: na sowas ^^
⟨Honey⟩: ;)
⟨Titan⟩: so ein spass *g*
⟨sara-h2⟩: ja
⟨Artemis⟩: Davon geht die Welt nicht unter
⟨Artemis⟩: *gg*
⟨sara-h2⟩: jedenfalls hatte tron vorhin eine extrem coole idee, aber die erzaehl ich jetzt noch nicht
⟨Tron⟩: nicht ;)
⟨sara-h2⟩: immer wenn ich mit irgendwas nicht fertigwerde, muss ich das kreativ verarbeiten
⟨Platinum⟩: malst du, sara-h?
⟨sara-h2⟩: ja
⟨Platinum⟩: schoen ... das koennte ich nie
⟨sara-h2⟩: ich will auch wieder mehr zeichnen
⟨Platinum⟩: was fuer bilder denn und was fuer techniken?
⟨Artemis⟩: <-- malt nich,schreibt aber ;)
⟨sara-h2⟩: bleistift, gouache, aquarellfarbe, kreiden ...
⟨Platinum⟩: ich konnte mal sehr gut zeichnen ... aber wie ich aus der pubertaet raus war, war's damit vorbei ^^
⟨sara-h2⟩: aquarellstifte ...
⟨Platinum⟩: schoen, schoen ... kann man die bilder im netz ansehen?
⟨sara-h2⟩: aber wenn ich die url verrate, unter der meine bilder zu sehen sind, sollte rafa das ok dazu geben
⟨sara-h2⟩: fairer
⟨sara-h2⟩: netter
⟨Tron⟩: lasses lieber
⟨sara-h2⟩: ich will ihn nicht noch mehr ...
⟨sara-h2⟩: ich koennt im forum welche posten
⟨sara-h2⟩: zB
⟨Tron⟩: das wär wohl besser
⟨Platinum⟩: ach so ... hast du herrn rafa gemalt?
⟨sara-h2⟩: ja, und zwar, ehe ich ihn kannte, 1989
⟨sara-h2⟩: hab ich ihn gezeichnet
⟨Platinum⟩: ehe = seit?
⟨sara-h2⟩: bevor ich ihn kannte, hab ich ihn gezeichnet
⟨Platinum⟩: aha .... interessant
⟨Platinum⟩: wie geht das denn?
⟨sara-h2⟩: und zwar so, wie er sich damals selbst gemalt hat, ohne haare und im weissen hemd
⟨sara-h2⟩: das ist uebersinnlich
⟨Platinum⟩: aha
⟨Platinum⟩: ohne haare?
⟨sara-h2⟩: auf dem bild ist er kahlgeschoren, so ziemlich
⟨Platinum⟩: aha
⟨sara-h2⟩: als look
⟨sara-h2⟩: als style
⟨Platinum⟩: ja

Artemis hörte die ganze Zeit Musik von Rafa. Sie zitierte eine Textzeile:

⟨Artemis⟩: "Ich liebe dich ... nicht!"
⟨Platinum⟩: wie passend ^^
⟨sara-h2⟩: das passt gut zu dem, was ich vorher mit tron besprochen habe

Artemis schwärmte von Rafas Musik und erzählte, daß sie bei seinen Auftritten die Texte mitschreit. Sie sei dann völlig außer sich, ähnlich wie ein Teenager bei dem Konzert einer Boygroup.

⟨Tron⟩: @Honey - Sara-h will mit Dir "Tanz eiskalt" neu einsingen ;)
⟨sara-h2⟩: ja
⟨sara-h2⟩: das stimmt
⟨sara-h2⟩: weils passt
⟨sara-h2⟩: wir koennen auch "Ich bin du" von oomph covern
⟨sara-h2⟩: das passt auch
⟨sara-h2⟩: ich mag nur das eine stueck von oomph
⟨sara-h2⟩: "ich bin du"

Rafa entzog sich einer Antwort, indem er ohne weitere Äußerung den Chatroom verließ.

⟨Platinum⟩: jetzt hast du ihn vergrault, sara-h
⟨Artemis⟩: <-- hat sich nett mit dem Honey unterhalten :)
⟨sara-h2⟩: er ist gefluechtet
⟨sara-h2⟩: er laeuft vor mir weg, ja, leider
⟨Tron⟩: glaub ich nicht
⟨Platinum⟩: fluechtet er immer vor dir, sara-h?
⟨sara-h2⟩: ja
⟨Platinum⟩: warum?
⟨Platinum⟩: was hast du ihm getan?
⟨sara-h2⟩: er hat angst vor mir
⟨Platinum⟩: ooh
⟨Platinum⟩: bist du gefaehrlich?
⟨sara-h2⟩: er sagt, wenn er sich auf mich einlaesst, ist er nach 3 min tot
⟨Titan⟩: lol
⟨Titan⟩: nich sein ernst, oder? ^^
⟨Tron⟩: kannst du herz-lungen-wiederbelebung?
⟨sara-h2⟩: er sagt, er hat nur vor mir und vorm fliegen angst
⟨sara-h2⟩: und reanimieren kann ich bisschen
⟨sara-h2⟩: aber vor allem muss er aufhoeren, zu rauchen
⟨sara-h2⟩: sonst stirbt er am herzinfarkt
⟨Tron⟩: hat gestern gar nicht, glaub ich
⟨Tron⟩: jedenfalls nicht so viel wie früher
⟨sara-h2⟩: rafa hat geraucht
⟨sara-h2⟩: auch gestern
⟨Platinum⟩ hats auch gesehen ^^
⟨sara-h2⟩: jedenfalls ist er vor mir weggelaufen, eben und auch gestern
⟨Platinum⟩: warum rennst du ihm denn hinterher?
⟨sara-h2⟩: sagen wir mal so, ich bin mir gar nicht mal so sicher, ob das Hinterherrennen ist
⟨Platinum⟩: was dann?
⟨sara-h2⟩: es war eher so, dass ich ihn gerne begruesst haette, er hat aber durch mich durchgeguckt, und ich habs dabei bewenden lassen
⟨Platinum⟩: hm
⟨Platinum⟩: und das macht er nur mit dir?
⟨Tron⟩ kann das bestätigen
⟨sara-h2⟩: wir hatten uns am 04.03. stundenlang unterhalten, rafa und ich
⟨sara-h2⟩: und er hat immer wieder gesagt, er hat so angst vor mir
⟨Platinum⟩: aha
⟨sara-h2⟩: er kennt mich seit anfang 1993
⟨sara-h2⟩: und vom sehen noch laenger
⟨Platinum⟩: woher kennt ihr euch denn?
⟨sara-h2⟩: vom "elizium"
⟨sara-h2⟩: er wollte mich damals kennenlernen
⟨sara-h2⟩: und stand vor mir und streckte mir die hand hin
⟨sara-h2⟩: bis ich sie nahm
⟨sara-h2⟩: so war das
⟨Artemis⟩ :)
⟨Tron⟩: romantisch
⟨sara-h2⟩: eben eine unendliche geschichte
⟨sara-h2⟩: und sehr romantisch
⟨Platinum⟩: was ist denn noch passiert?
⟨sara-h2⟩: das ist soo eine lange geschichte
⟨Platinum⟩: ich hab zeit ^^
⟨sara-h2⟩: 3000 seiten bis jetzt
⟨Platinum⟩: oha, hast du alles aufgeschrieben??
⟨Platinum⟩: ist ja wahnsinn ...
⟨sara-h2⟩: ich schreib alles mit
⟨Platinum⟩: jeden tag?
⟨sara-h2⟩: ja, alles, was zwischen uns passiert und das drumherum
⟨Platinum⟩: aha
⟨sara-h2⟩: und er regt sich drueber auf
⟨Platinum⟩: warum?
⟨sara-h2⟩: ach, das ist noch eine lange geschichte
⟨Platinum⟩: ich hab alle zeit der welt ^^
⟨sara-h2⟩: also, tron hab ich hier ein bisschen als waechter der guten sitte, der kennt die url
⟨Platinum⟩: richtig
⟨Icon⟩: zeigen *G*
⟨sara-h⟩: das is so, tron weiss, wie sehr rafa sich ueber die url aufregt
⟨sara-h⟩: und ich ueberlege, wie ich das so hinkriege, dass rafa nichts mehr gegen diese seite hat
⟨Tron⟩: wär nicht gut, wenn rafa annehmen muss, dass jeder im w.e-chat die url kennt, dann kommt er vielleicht nie mehr hierher
⟨sara-h⟩: eben
⟨sara-h⟩: und ich will ihn ein bisschen schonen, denn irgendwann kriegt eh jeder diese url raus
⟨Titan⟩: wow
⟨Icon⟩: dann gib sie mir *G*
⟨Tron⟩: ivco hat sie mir damals verraten ;)
⟨Icon⟩ gibt sie auch niemanden weiter :)
⟨Artemis⟩: XD

Für die Chatter postete ich meine E-Mail-Adresse und empfahl, daß sie mir mailten. Dann wollte ich ihnen die URL meiner Domain senden, wo sie den Online-Roman "Im Netz" lesen konnten, die Geschichte von Rafa und mir.

⟨sara-h⟩: jedenfalls bin ich schon ein bisschen beruhigt, weil 1. rafa weiss, dass ich mit ihm "tanz eiskalt" einspielen will, und weil 2. ich ueberhaupt mit ihm bisschen reden konnte
⟨Platinum⟩: will er das denn auch mit dir einspielen?
⟨sara-h⟩: ich glaube, das traut er sich nicht, denn du siehst ja, er ist aus dem chat gefluechtet bei dem thema
⟨Icon⟩: na ja
⟨Tron⟩: einfach nicht locker lassen
⟨Icon⟩: er ist mit einem "ping timeout" raus
⟨Icon⟩: wenn man mit absicht rausgeht, dann sieht das anders aus
⟨sara-h⟩: was bedeutet "ping timeout"?
⟨Platinum⟩: zeitueberschreitung
⟨sara-h⟩: ach, und wie kommt es zu einer zeitueberschreitung?
⟨Icon⟩: Dann hat sein Rechner nicht mehr auf Anfragen vom Server reagiert. Nach *glaub* 240 Sekunden geht der Server dann davon aus, dass der Rechner nicht mehr da ist, und die Person fliegt raus.
⟨Platinum⟩: kannst du gut singen?
⟨sara-h⟩: ja, singen kann ich
⟨Tron⟩: ich habe ein stück von ihr!!!!
⟨sara-h⟩: ja, "hinrichtung"
⟨Tron⟩: das haben rafa und sie gemeinsam aufgenommen!
⟨sara-h⟩: am 01.02.1993
⟨Platinum⟩: kann man "hinrichtung" zu hoeren kriegen?
⟨sara-h⟩: ja, ich hab das auf cd
⟨sara-h⟩: und tron hats auch
⟨sara-h⟩: am besten, ihr besorgts euch von tron
⟨Tron⟩: ja, ich habs auch :)
⟨sara-h⟩: weil er das schneller hochladen kann
⟨Platinum⟩: das waere super ...
⟨sara-h⟩: tron, du kannst das ja mal als url zurechtbasteln
⟨Tron⟩: bin dabei
⟨Platinum⟩: super

Mir fällt hierzu ein, daß es für Rafa allenfalls in zweiter Linie um die Frage geht, ob jemand singen kann. Wichtig ist für ihn vor allem, daß die Frauen, die er für sich singen läßt, alles mitmachen, was er ihnen vorschreibt. Von mir kann er das nicht erwarten.
Rafa geht es augenscheinlich nicht um Kunst, sondern um sein Ego; vielleicht kann ich deshalb seine Auftritte nicht ernstnehmen.

⟨sara-h⟩: rafa hatte vor einiger zeit die ueberlegung angestellt, mich umzubringen
⟨sara-h⟩: und ich hab gemeint, das kann er, aber meine seite bleibt online
⟨Tron⟩: das soll er man lassen!
⟨sara-h⟩: na ja, des menschen wille ist sein himmelreich

Tron postete eine URL, über die die Chatter "Hinrichtung" herunterladen konnten.

⟨sara-h⟩: so, das stueck kriegt ihr schon mal
⟨Tron⟩: ja, aber nur als vorgeschmack
⟨sara-h⟩: auf?
⟨Tron⟩: tanz eiskalt ;)
⟨sara-h⟩: beten wir, dass das zustande kommt
&langIcon;⟩ sieht, wie der traffic auf seinem Server kurzzeitig hochgeschossen ist
⟨Tron⟩: was das wieder kostet
⟨Platinum⟩: hehe
⟨Icon⟩: ja du bist daran schuld, dass ich mir keine Fruehstuecksflocken mehr leisten kann ;)
⟨Platinum⟩: ^^
⟨sara-h⟩: ich hoer grad abgefahrenen trance
⟨Platinum⟩: was ist abgefahrener trance?
⟨sara-h⟩: so zeug, was blank & jones im radio spielen
⟨sara-h⟩: das ist abgedreht
⟨Platinum⟩: das ist ja wirklich abgefahren ... sara-h, da musz ich dir zustimmen
⟨sara-h⟩: ich mag gerne das melancholische "urban hymn" von blank & jones
⟨sara-h⟩: und tiesto und sowas mag ich und chris liebing

Wir unterhielten uns über Trance, Techno Body Music und die Achtziger.

⟨Platinum⟩: meine platten koennen nicht sterben ...
⟨sara-h⟩: ich hab noch platten wie "beating the retreat" von test dept. von 1981
⟨sara-h⟩: sehr avantgardistisch

Wir unterhielten uns über einige von Rafas Stücken, darunter "Der strahlende Held". Tron vermutete, daß Rafa die Melodie gecovert hat, weil es so untypisch klingt. Ich meinte, das Stück wirke so untypisch, weil es authentisch sei. Rafa habe in dem Stück den Tod seines Vaters verarbeitet.
Tron meinte, er wolle gern zu meiner nächsten Geburtstagsfeier erscheinen. Ich meinte, es werde ihm wohl nicht gelingen, Rafa mitzunehmen, denn der traue sich nicht mehr zu meinen Parties.

⟨sara-h⟩: er hat bei meinem 30. versucht, eine meiner ahnungslosen freundinnen zu verfuehren und schaemt sich wohl noch heute
⟨sara-h⟩: jedenfalls ist ihm das wohl immer noch unangenehm
⟨Titan⟩: lol
⟨Titan⟩: "... ahnungslosen ..."
⟨Platinum⟩: hehehe
⟨sara-h⟩: und er hatte so angst vor der party, meine freundin saara hat er gebeten, sie soll auf ihn aufpassen
⟨sara-h⟩: ja, die clarice, die er verfuehren wollte, die wusste nichts von rafa und mir
⟨sara-h⟩: das hat er ausgenutzt

Artemis erzählte, sie höre gerade "Das muß Liebe sein" von Rafa. Sie zitierte ihn:

⟨Artemis⟩: "Es ist soweit, wir sterben heut ... unter Schmerzen nur, doch das muss Liebe sein ..."
⟨sara-h⟩: ich frag mich, was rafa in dem text meint, woran er sterben muss
⟨Tron⟩: an kummer, weil ihn keiner versteht?
⟨sara-h⟩: na, ich versteh ihn, und er ist bitter wuetend auf mich
⟨Tron⟩: manchmal will man etwas und verfluchts zugleich
⟨sara-h⟩: er sagte, wenn er durchschaut wird, nimmt er sich einen strick
⟨Tron⟩: manchmal hasst man das, was man so liebt
⟨sara-h⟩: ja, so hasst er mich
⟨Tron⟩: über sieben brücken müsst ihr gehn
⟨sara-h⟩: hoffentlich nur sieben
⟨sara-h⟩: vielleicht sinds eben auch siebenhundert
⟨Platinum⟩: es sind sieben ...
⟨Tron⟩: also, ich weiss nur von 7
⟨Platinum⟩: und dann ist man unsterblich
⟨sara-h⟩: mal sehn, weil, es heisst, 7 dunkle jahre, die sind aber fast 2 x um
⟨sara-h⟩: rafa sagte mal, er will unsterblich sein, und wenn man frueh stirbt, wird man frueh unsterblich
⟨Tron⟩: na ja, man will selber sterben, wenn man einen verlusst hatte, wirklich wollen tut man das nicht, glaub ich
⟨sara-h⟩: rafa hat kuerzlich gesagt, er denkt manchmal, er will nur sterben
⟨sara-h⟩: und er raucht so viel, dass er damit sein leben verkuerzt
⟨Platinum⟩: nicht jeder, der raucht, verkuerzt sein leben damit
⟨sara-h⟩: kommt darauf an, wieviel man raucht
⟨Tron⟩: an was starb rafas vater?
⟨sara-h⟩: wahrscheinlich herzinfarkt infolge uebermaessigen nikotin- und alkoholgenusses
⟨Platinum⟩: wann starb sein vater?
⟨sara-h⟩: hat rafas bruder gesagt; der vater starb 1984

Tron schwärmte von dem Film "Wizard of Oz" und dem Filmsong "Over the rainbow", den Marusha gecovert hat:

⟨Tron⟩: irgendwo hinterm regenbogen ist der himmel blau, ein land, von dem ich hörte, einst in einem wiegenlied
⟨Tron⟩: SÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄUUUUUUUUUUUUUUUFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFZZZZZZZZZZZ

Er wollte mir den Film brennen.

⟨sara-h⟩: leider muss ich langsam jetzt zu bett, ich hab nur noch wenig zeit zum schlafen ...
⟨Titan⟩: warst ja nich das letzte mal hier ^^
⟨Tron⟩: schade, schau öfters mal rein :)
⟨Tron⟩: immer gern gesehen hier!
⟨sara-h⟩: wir mailen, und ich schau wieder rein
⟨sara-h⟩: cool und n8 alle

Platinum mailte am Dienstag:

Hi Sara-h,
du hast gesagt, ich soll dir eine mail schicken wegen der url fuer dein 3000-seiten-log :)
ich wuerde deine geschichte gerne lesen, weil ich mich fuer dein schicksal interessiere.
lieben gruß,
platinum

Ich schickte Platinum die URL. Icon fragte ebenfalls danach:

Subject: psst ;)
Hi,
wie lautet denn die URL zu deiner Seite?
Ich werde nichts davon weitersagen oder die URL weitergeben, das verspreche ich ...
Gruß
Icon

Ich schickte ihm die URL und setzte hinzu:

Die Seite ist eine Art Lebenswerk von mir, ich arbeite sehr gern daran.
Was sich daraus entwickelt, kann man nie sagen, aber vielleicht ist gerade das das Spannende.
Greetinx
Hetty alias sara-h alias fractal alias E-Betty alias ......

Icon mailte:

Hi Hetty!
Danke für die E-Mail und die URL!
Ist ja wirklich eine sehr umfangreiche Seite, das war bisher bestimmt wahnsinnig viel Arbeit, oder?
Ich wollte heute morgen ja eigentlich nur kurz auf die Seite schauen, aber ich hab mich bis jetzt umgesehen und gelesen. *g* Bin jetzt mit Kapitel 3 von "Im Netz" fertig. Mh, also hab ich das richtig verstanden, dass Rafa etwas gegen die Seite hat? Irgendwo wohl etwas verständlich. Also soweit ich das gelesen habe, hat er bisher nicht wirklich gut "abgeschnitten". ;) Es würde ihm bestimmt auch nicht gefallen, wenn zig W.E-Fans das lesen würden, denn irgendwie bröckelt da wohl auch die Fassade von W.E ... Nein, ich glaub, die Fassade wäre einfach gar nicht mehr vorhanden. Aber darüber habt ihr bestimmt auch schon gesprochen. ;)
Ich hoffe, man liest bald wieder von sich!
Gruß
Icon

Ich antwortete:

Ja, das ist viel Arbeit, meine Internetseite, ähnlich wie wenn jemand eine komplizierte Modelleisenbahn im Keller aufbaut. Da kommt eines zum anderen, überall wird die Seite erweitert und ergänzt. Ich arbeite sehr gerne daran, die Seite ist mir äußerst wichtig.
Ja, Rafa regt sich viel über die Seite auf, freilich beruft er sich dabei überwiegend auf die Fremdinformation, daß dort etwas über ihn steht, und er hat die Geschichte bisher noch fast gar nicht gelesen. Also kann er im Grunde nicht zuverlässig bewerten, wie recht oder unrecht ihm die Seite ist.
Ja, Rafa und ich haben sehr viel über seine Fassade gesprochen, man findet das Thema auch in vielen seiner Texte, darunter "Tanz eiskalt!" und "Traum der Einsamkeit". Und in dem "Nachtrag" zu "Die Computer verlassen die Welt" - zu finden auf der W.E-Website - taucht das Thema ebenfalls auf.
Es geht immer darum, daß er sich hinter einer Mauer versteckt, und er äußert die Ansicht, daß ich mich hinter einer ebensolchen Mauer verstecke, und deshalb, meint er, würde ich auf ihn so künstlich wirken. Ich bin dann damit beschäftigt, ihm zu versichern, daß ich das, was ich sage und tue, wirklich so meine und daß alles echt ist, und er betont, mir nicht zu glauben:
"Eines Tages werde ich dir glauben, und dann werde ich mich dir hingeben, aber - paß' auf - drei Minuten später werde ich tot sein. Denk dran, three minutes left."
Wenn ich ihm versichere, daß er daran nicht sterben wird, sagt er:
"Warum habe ich vor dir solche Angst? Warum? Warum nur?"
So geschehen Anfang März in einem Partykeller.
Die Mauer, hinter der Rafa sich versteckt, ist das, was ich als meinen eigentlichen Feind betrachte. Die Frauen, die Rafa zwischen ihn und mich stellt, werden nur als "Mauersteine" verwendet, ohne selbst eine aktive Rolle zu übernehmen. Alle seine Freundinnen haben gemeinsam, daß sie seine Fassade nicht hinterfragen. Ihnen ist die Fassade wichtiger als der Mensch dahinter, zumindest ist das mein Eindruck.
Die Geschichte "Im Netz" soll das hervorheben und wertschätzen, was sich hinter der Fassade verbirgt. Inwiefern eine solche Geschichte zu weitergehenden Veränderungen führen kann, kann ich nicht vorhersagen.
Meine Annahme ist ja, daß die Beliebtheit eines Künstlers mit seiner Authentizität steigt. Vielleicht mögen es einige W.E-Fans nicht, daß Rafa mehr ist als nur eine Puppe auf der Bühne. Andere jedoch werden Rafa vielleicht umso mehr mögen, je mehr ihnen bewußt wird, daß da ein Mensch steht und keine Puppe.

Ivco mailte:

Manchmal habe ich das Gefühl, Du verstehst alles, was von Rafa kommt, falsch. Du schriebst, dass er Dir diverse normalerweise verdeckte Körperteile präsentiere - das macht er aber bei anderen auch und meiner Meinung nach nur deshalb, um zu beobachten, wie die Leute reagieren. Keinesfalls, um sie anzumachen! Auch wenn Eure Gespräche schnell zum Thema "Sex" kommen: Ich denke, er will Dich nur hochnehmen, Deine Reaktion beobachten. Auch liebt er allgemein Diskussionen und Wortwechsel, den Schlagabtausch mit Argumenten, Streitgespräche. Rhetorik ist ihm wichtig, und daran feilt er oft. Na ja, und Du bist ja wohl eine von den besseren Gesprächspartnerinnen, mit der er diverse Themen auf einem anderen Niveau anreißen kann als allgemein möglich. Vielleicht reizt ihn das, und daher sucht er das Gespräch mit Dir. Und, nicht zu vergessen, er ist höflich. Wenn Du ihn ansprichst, wird er Dich sicherlich nicht einfach stehenlassen. Auch für seine Angst, die er wegen Dir hat, habe ich eine einfache Vermutung: Deine bedingungslose Konsequenz, dass Du nur ihn haben willst und keinen anderen, ist schon sehr unheimlich!

Ich antwortete:

Rafa ist zwar höflich, aber nur vordergründig. Sonst wäre es nicht schon so oft vorgekommen, daß er mir begegnet ist und so getan hat, als würde er mich nicht kennen. Er läßt mich eben doch einfach stehen, wenn er die entsprechende Laune hat.
Was mich wundert, ist, daß Rafa trotz seiner Angst vor mir schon so oft mit mir ins Bett wollte. Na, sicher meinst du, das sei auch alles nur Show gewesen.
Zeigt Rafa öfters auf privaten Feiern sein bestes Stück herum? Wie lange macht er das denn schon?
Die Angst vor mir hatte Rafa schon Anfang 1993. Damals wußte er noch nicht, daß ich ihn liebe, und er wußte auch noch nicht, daß er der Einzige für mich ist. Das kann also auf keinen Fall der Grund für seine Angst sein.
Es wirkt eben seltsam auf viele, wenn man einen Menschen liebt. Das ist für viele schwer zu verstehen. Das wußte ich früher nicht; ich hielt es für selbstverständlich, daß man demjenigen, den man liebt, treu ist bis in den Tod. Das ist aber für die meisten nicht selbstverständlich. Und das habe ich erst im Laufe der Jahre festgestellt.
Das Einzige, was die Menschen davon abhalten kann, jemanden nur seiner Liebe wegen für verrückt zu erklären, ist der objektive Erfolg (Heirat).
Umgekehrt fallen die Menschen in großen Scharen auf den objektiven Erfolg (Heirat) herein und neigen sehr dazu, zu glauben, daß die, die einander heiraten, einander auch lieben.
Das heißt: Wenn ich einem Mann vorspielen würde, ihn zu lieben, und ihn heiraten würde, würde alle Welt wahrscheinlich glauben, wir seien glücklich miteinander. Und es wäre doch alles gelogen.

An Berenice mailte ich:

Es gibt viel Seltsames, was in den letzten Wochen zwischen Rafa und mir passiert ist, man kann es aber nicht etikettieren mit "Erfolg" oder "Mißerfolg". "Bewegend" ... vielleicht.
Wahrscheinlich gibt es Aufgaben, die man mit Hilfe des analytischen Verstandes nicht bewältigen kann, sondern nur mit Hilfe von Intuition und Kreativität. Es gibt so vieles, das nicht berechenbar ist und dem man wohl auch nicht beikommt, wenn man es zu berechnen versucht.

Ich erzählte, daß ich Tron in BS. getroffen habe und daß er mir von Berenices musikalischen Projekten erzählt hat, die sie unter anderem mit Seraf und Morgan aka Eo Ipso plant. Berenice mailte:

Tron ist ein lieber Freund von mir.
Wie Du vielleicht weißt, engagiere ich mich sehr für den Tierschutz und habe W.E dazu benutzt, eine große Menschenmenge anzusprechen. Dies fällt ja jetzt leider in dem Maße weg, habe nur Lucy gebeten, die Unterschriftenlisten weiterzuführen auf den Konzerten - ich denke, sie macht das auch gut. Bei W.E habe ich es auch leider nie durchbekommen, dass wir mal in Richtung Tier-, Naturschutz musikalisch etwas machen - dies und mein Spaß am Singen haben mich dann Anfang Januar dazu bewogen, eine eigene "Band" zu gründen. Kitty habe ich als 2. Sängerin geworben ;) und die Songs erstellen verschiedene Bands. Z. B. eben Eo Ipso ... Was draus wird, weiß ich noch nicht, aber wir sind alle hochmotiviert und haben viel Spaß. Ach ja, und ich singe als Gast bei einer dänischen Band mit, ist zumindest geplant, und ich hoffe, es klappt auch - sieht jedenfalls danach aus :)

Im Glück mailte Cennet:

Ich habe Mitte Februar eine wunderbare Frau kennengelernt. Sie heisst Arndis, hat mein Alter, ist klug und hübsch und einmalig sowieso. Es ist sonderbar, aber es ist mir sehr ernst mit ihr. Du wirst sie bestimmt demnächst mal kennenlernen. Seit einer Woche macht sie mit ihrer Schwester einen seit Langem geplanten Rucksackurlaub in Vietnam. Der dauert gut vier Wochen und endet am 25.04. in Hongkong. Vorletzte Woche haben wir die Planung kurzentschlossen etwas verändert, und nun werde ich am 24.04. nach Hongkong fliegen, mich dort mit Arndis treffen und mit ihr noch etwas China bereisen.
Du ahnst gar nicht, wie ich mich darauf schon freue :-)

Ich mailte:

Da drück ich dir die Daumen, daß das mit dir und Arndis für die Dauer was wird.

Arndis tat mir leid, weil sie so ein Ungetüm von einem Vornamen tragen mußte. Vielleicht hatte sie auch einen Rufnamen.
Ende März war ich bei Henk zu Besuch, der Torte gebacken hatte. Dafür hatte sein Geld noch gereicht, mehr hatte er nicht. Seine Mutter hatte ihm in den letzten Monaten die Miete bezahlt, und was er sonst zum Leben brauchte, hatte er durch private Kunden verdient. Freilich wollte Henk auch in der größten Not nicht auf Zigaretten verzichten. Seiner Mutter ist es schon vor Jahren gelungen, mit dem Rauchen aufzuhören.
Was es bei Henk außer Zigaretten und Alkohol auch immer gibt, ist Cannabis.
"Bei mir liegt das Gras mitten auf dem Couchtisch", sagte Henk. "Ich verstecke das nicht."
Henk hat deshalb kaum Geld, weil er selbst seine Stelle gekündigt hat und vom Arbeitsamt nichts bekommt. Ihm sei es aber recht so, denn er hätte keinen Tag länger in dem Job bleiben wollen. Die Chefin, zu der er versetzt worden war, habe ihn schikaniert, indem sie einen Kurzzeitwecker auf die Konsole gestellt habe, damit er schneller arbeite.
"Da bleibt die Qualität natürlich auf der Strecke", meinte ich.
"Denen geht's auch nicht um Qualität", erzählte Henk. "Die wollen nur möglichst günstig Haarschnitte anbieten, wie so ein Billig-Discounter, und wie das nachher aussieht, kümmert keinen."
"Daß das kein Ort für dich ist, kann ich mir denken. Ich wäre auch nicht richtig in einem Krankenhaus, wo die Qualität der Patientenversorgung weniger wichtig ist als das Portemonnaie vom Chefarzt."
Lisa hat mir eine Schachtel selbstgebackene Springerle und Honigkekse geschickt, beschriftet im Stil einer Lebkuchenfirma. Lisa und Chandra haben sich für ein drittes Kind entschieden. Lisa hatte diesen Wunsch schon länger, und sie sieht der neuen Aufgabe mit freudiger Erwartung entgegen.
Anfang April fuhren Gesa und ich nach HB., wo Constri und Giulietta im Rahmen einer Kunstausstellung einige ihrer Filme zeigten. Für die Übergänge hatten sie kleine Sequenzen gedreht, in denen man Constri und Giulietta in Rot gekleidet auf einem in Rot gehüllten Sofa sitzen sieht. Die beiden verhalten sich so, wie sie es tun, wenn sie an einem kreativen Projekt arbeiten. Constri studiert ihr Storyboard, Giulietta seufzt bei dem Gedanken an bestimmte Männer, Constri jammert, weil ihr kalt ist, Giulietta jammert, weil ihr warm ist.
Auf der Ausstellung traf ich Marianna. Sie ist jetzt mit Dag zusammen, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Vielleicht begegnet er mir einmal wieder, wenn Marianna ihn mitnimmt zu einer Party bei Rufus.
Nach der Veranstaltung waren wir zu mehreren bei Giulietta, die für uns Abendbrot machte. Giulietta erzählte, daß sie, ebenso wie Rikka, eine stationäre Psychotherapie machen will. Sie befürchte, daß sie sich sonst umbringen werde. Sie erzählte von einer Selbstmörderin, die über ihre Todessehnsucht ein Buch geschrieben hat. Giulietta hat mit grünem Stift todessehnsüchtige Sprüche an die Wände ihres Badezimmers geschrieben, darunter:
"Who wants to die with me?"
Ein bißchen fühlte ich mich wie in einer Operntragödie. Passend dazu hing in Giuliettas Schlafzimmer ein historisches Kostüm, ein blaßgrünes Kleid im Stil der Renaissance.
Ebenso wie das Kleid sind die Wände in Giuliettas Schlafzimmer in einem gedämpften Grün gehalten. Die Kulisse verwendete ich, um mich von Constri mit Gesa und einem von Giuliettas Bekannten fotografieren zu lassen. Der hatte sich eine weiße Maske aufgesetzt und wirkte, als sei er einem modernen Theaterstück entsprungen.
Eine Woche später war ich wieder in HB., in derselben Kunstausstellung. Dieses Mal fand im Flur eine Modenschau statt. An den Wänden standen Bänke, dort konnte man sich setzen und zuschauen. Der grüne Läufer, der als Catwalk diente, war gesäumt mit den Blüten von Osterglocken, drunten im Treppenhaus waren die Stufen gesäumt mit vielerlei Frühlingsblumen, und jeder Gast erhielt beim Eintreten eine Osterglocke. Giulietta gehörte zu den Mannequins. Ihr gelang es, graziös und mit unbeteiligtem Gesicht einherzustolzieren, trotz ihrer Angst, einen Lachanfall zu bekommen. Constri war es, die beinahe einen Lachanfall bekam, sich aber noch beherrschen konnte. Zu ungewohnt war es für Constri, die verspielte Giulietta in der Rolle eines unterkühlten Mannequins zu erleben.
Die beiden Modeschöpferinnen, die die Modelle entworfen hatten, zeigten alle vorgeführten Kleidungsstücke nach der Modenschau auf großen Ständern. Eine zierliche Strickjacke in einem warmen Rot, die mit handgehäkelter Spitze gesäumt ist und am Gürtel ein kleines Täschchen hat, stand Constri so gut, daß sie sie gleich anließ. Sie bekam die Jacke von mir geschenkt, unter der Voraussetzung, daß sie lange in Schubladen vergrabene Filmprojekte innerhalb dieses Jahres fertigstellt. Constri hat für die Modeschöpferin, die die Strickmode anbietet, eine Werbepostkarte gestaltet, und zum Dank bekommt sie von ihr einen Nierenwärmer. Das ist etwas Hilfreiches für die ewig frierende Constri.
Gegen Abend waren wir bei Giulietta zum Tee. Giulietta erzählte von Selbstmördern und ihren Versuchen, sich durch Selbstverletzungen zu bestrafen. Für die Modenschau hatte sie die Schnittverletzungen an den Armen, die sie sich zugefügt hatte, mit Ärmlingen kaschiert.
"Ich versuche schon deshalb nicht, mich umzubringen, weil das bei meinem Pech bestimmt auch schiefgeht", erklärte Giulietta. "Ich bin dann bestimmt nicht tot, sondern nur auf eine grausliche Art behindert, und so behindert, daß ich mich gar nicht mehr umbringen könnte, wenn ich es wollte."
Giulietta macht sich unentwegt Vorwürfe. Ihr gelinge es nicht, den richtigen Mann zu finden, deswegen fühle sie sich wertlos. In Wahrheit, denke ich, fühlt sie sich von vornherein wertlos, nicht nur wegen des fehlenden geeigneten Mannes, und dadurch steht sie sich immer wieder selbst im Weg. Giulietta hofft, daß ihr die Psychotherapie helfen wird. Rikka ist mittlerweile in Kingston und macht eine Psychotherapie für depressiv Erkrankte. Am Telefon hat Rikka erzählt, es gefalle ihr dort, auch die begleitenden Therapien machen ihr Spaß, darunter ist Qi Gong. Sie fühle sich nicht so isoliert, verlassen und trüben Gedanken ausgeliefert wie zu Hause.
Nachts war ich im "Mute". Rafa konnte nicht anwesend sein, da er sich über das gesamte Wochenende auf Konzertreise befand. Darienne hatte er nicht mitgenommen, die war mit Herrn Lehmann im "Mute". Herr Lehmann trug zu seiner Irokesen-Frisur seine Lederjacke, auf deren Rücken zu lesen ist:
"Ich bin (k)ein Fehler der Natur."
Dieser Satz spielt auf Rafas Stück "W.O.L.F." an.
Darienne schaute zu mir herüber, sprach mich aber nicht an. Sie schien erwartet zu haben, daß ich mich aufgrund ihres feindseligen Verhaltens nicht mit ihr befassen wollte.
Als Darienne gerade nicht in Herrn Lehmanns Nähe war, begrüßten er und ich uns wie gewohnt mit Umarmung. Herr Lehmann meinte, er halte von Das P. rein gar nichts, deren Musik habe er nie gemocht, die Bühnenshow finde er auch nicht überragend, daher bedauere er nicht, daß die Band zerbrochen sei. Er habe Rafa Vorschläge gemacht, die Show interessanter zu gestalten, indem beispielsweise eine Defibrillations-Szene darin vorkomme. Rafa habe abgewunken mit der Begründung, das sei zu teuer. Als ich mich erkundigte, ob ein gemeinsames musikalisches Projekt von Rafa und Herrn Lehmann geplant sei, meinte Herr Lehmann, das sei geheim.
Herr Lehmann überlegt, dieses Jahr zum Pfingstfestival nach L. zu fahren. Eine Unterkunft bekomme er in jedem Fall, da ihm gestattet sei, mit W.E im Hotelzimmer zu übernachten.
"Das würdest du auch gerne, nicht?" fragte er.
"Wenn, dann nur mit Rafa allein in einem Zimmer", erklärte ich.
"Das geht ja nicht", erwiderte Herr Lehmann. "Denk' mal darüber nach."
Er wollte mir Rafa ausreden und sagte mehrmals "Denk' mal darüber nach", ohne jedoch zu beschreiben, was er damit meinte. Ich vermute, Herr Lehmann ist überzeugt, daß Rafa ernsthaft in Darienne verliebt ist.
Gavin meinte, er glaube nicht, daß es ihm gelingen werde, Rafa und Darius zu versöhnen. Darius habe am Telefon geschildert, wie seine Auseinandersetzung mit Rafa abgelaufen sei, die an jenem Donnerstag im Januar stattgefunden hat, als die beiden zusammen Musik machen wollten und deshalb nicht in der "Spieluhr" waren. Einst habe Rafa Darius dabei helfen wollen, seine musikalischen Ideen zu verwirklichen. Als sich daraus im Laufe von Jahren ein erfolgversprechendes Projekt entwickelte, habe Rafa die Führung mehr und mehr an sich reißen wollen und sei im Zuge dessen mit Darius aneinandergeraten. Der Streit sei sehr heftig geworden. Rafa habe schließlich gedroht:
"Wenn ich dir das nächste Mal begegne, schlage ich dir in die Fresse!"
Daraufhin habe Darius den Kontakt zu Rafa abgebrochen. Als Darius Gavin diese Geschichte erzählt hatte, rief Gavin Rafa an und hielt ihm vor, es sei nicht in Ordnung, einem Freund eine solche Drohung an den Kopf zu werfen.
"Da war ich betrunken", lautete Rafas Erklärung. "Da weiß ich nicht, was ich tue."
"Das ist ein Ausrede", hielt Gavin dagegen. "Damit kannst du dich nicht entschuldigen."
Rafa wiederholte mehrfach, er sei betrunken gewesen und könne für sein Verhalten nichts. Als Gavin dabei blieb, daß Betrunkenheit keine Entschuldigung für derartige Drohungen sei, sagte Rafa schließlich:
"Ich glaube, wie hören besser auf."
- und beendete das Telefonat.
Gavin meinte, er wolle sich nicht allzu sehr mit der Angelegenheit zwischen Rafa und Darius befassen. Rafa sei für ihn nur ein Bekannter, wohingegen Kappa für ihn ein Freund sei. Es gebe nur zwei Menschen, die er als Freunde bezeichnen könne, alle anderen seien Bekannte.
Über Rafa und mich soll Kappa gesagt haben:
"Das ist eine Haßliebe. Auf Hettys Seite ist Liebe, auf Rafas Seite ist Haß. Und wenn das mal knallt, braucht sich niemand zu wundern."
Ich fragte Gavin, ob er sich erklären könne, weshalb Rafa Angst vor mir habe.
"Rafa hat immer Angst vor Gefühlen", meinte er.
Gavins Freundin kam heran, und Gavin stellte uns einander vor. Sie heißt Katlyn und erinnerte sich, daß sie und ich uns vor einiger Zeit im "Read Only Memory" unterhalten haben, als sie bei Gavin hinterm DJ-Pult saß. Katlyn unterhielt sich heute viel mit Darienne, schien mir gegenüber jedoch unvoreingenommen zu sein.
Sanina traf ich auch im "Mute". Ich erzählte ihr, daß Berenice auf mich zugegangen ist und daß wir E-Mails austauschen.
"Liebst du ihn noch?" fragte Sanina im Hinblick auf Rafa.
"Ja, sicher", antwortete ich. "Das war auch nie anders."
Greta stand in der Nähe. Sanina schien vermeiden zu wollen, daß Greta mitbekam, worüber wir sprachen. Greta hat ihre eigenen Erfahrungen mit Rafa; vor neun Jahren war sie mit ihm zusammen, für wenige Wochen.
Ein Bekannter von Ivco war im "Mute", den ich im Februar im "Keller" getroffen habe. Er erkundigte sich, ob ich nach dem Tanz im "Keller" noch bei Ivco gewesen sei. Ich erzählte, daß ich mit Tyra bei Ivco gefrühstückt habe und daß Ivco staunend die "psychologischen Gespräche" verfolgte, die Tyra und ich miteinander führten.
Berit und ich frühstückten im "Nachtbarhaus". Dort saßen auch Gavin, Herr Lehmann und andere "Nachtfalter". Darienne war nicht mehr mitgekommen ins "Nachtbarhaus". Zuletzt hatte ich sie im Foyer des "Mute" mit ihrem Handy vor einer Theke sitzen sehen, geschäftig tippend, vornübergeneigt, das Gesicht halb unter den Haaren versteckt.
Ivco schickte mir per E-Mail einige Fotos, die Darienne im Februar im "Keller" und im März auf Ivcos Geburtstagsfeier gemacht hat. Auf den meisten Bildern ist Rafa zu sehen. Einige wirken auf mich sehr natürlich, andere wieder gestellt, je nachdem, ob Rafa mitbekam, daß er fotografiert wurde. Auf einem Foto sieht man Ivco als Geburtstagskind auf einem Stuhl sitzen, vor seiner Haustür. Um ihn herum stehen die Leute, die ihn hochleben ließen. Darunter sind auch Rafa und ich. Eines der Fotos hat Rafa gemacht; er fotografierte Darienne, sich selbst, Carole, Ivco und mich. Darienne schmiegte ihre Wange an die von Rafa und zeigte ein triumphierendes Grinsen. Rafa drehte seine Augäpfel in Dariennes Richtung. Unterhalb von ihnen, vorn im Bild, bin ich zu sehen, neben mir Ivco und am rechten Bildrand Carole.
Ivco schrieb in seiner E-Mail:

Deine Gefühle für Rafa sind mir schon klar, wir haben uns ja oft darüber unterhalten. Was ich sagen wollte, ist, dass diese starken Gefühle halt auf andere übertrieben wirken und sogar Angstgefühle auslösen können.
Seit wann Rafa unter die Exhibitionisten gegangen ist? Keine Ahnung. Vor so zwei bis drei Jahren hat er mir 'mal gezeigt, dass er unter seinem Männerrock nichts weiter trägt. Das war aber nur ein klitzekleiner Augenblick. Von seinen Poentblößungen habe ich erst in den vergangenen Wochen gehört. Beliebt sind bei ihm solche Spielchen wie Flaschendrehen mit der Ablage jeweils eines Kleidungsstücks oder dass der Verlierer eines Spiels seinen Po blankziehen muss.

Zum W.E-Forum mailte Ivco:

Du schreibst im Forum öfters den Namen "Rafa", anstatt sein Pseudonym "Honey" zu benutzen. Kannst Du das bitte editieren? Oder machst Du das absichtlich? Das fände ich nicht so gut.

Zu Dariennes Verhalten in seinem Partykeller meinte Ivco:

Darienne kenne ich nicht sehr gut, aber was ich schon erlebt habe, ist, dass sie sehr schnell in ihrer Stimmung schwanken kann. Einen Moment ist sie noch gut drauf, lacht und plappert lustig drauf los, und in der nächsten Sekunde ist sie stocksauer und sagt keinen Ton mehr. Vielleicht sind ihre heftigen Äußerungen Dir gegenüber in einer solchen Situation gefallen.

Zu dem Gerücht, Rafa und Darienne würden sich schon seit zwei Jahren näher kennen, schrieb Ivco:

Dass Darienne schon seit zwei Jahren mit Rafa etwas unternimmt, kann ich nicht bestätigen. Ihr bester Freund, Herr Lehmann, macht viel mit Rafa seit diesem Zeitraum, gerade dienstags, und da hat sie sich seit ca. einem halben Jahr mit eingeklinkt. Aber vorher haben sich Darienne und Rafa eher zufällig getroffen, wenn Herr Lehmann sozusagen Bindeglied war.

Ich antwortete:

Ja, das stimmt, privat und im Internet nenne ich Rafa immer bei seinem richtigen Namen. Das hat mit meiner Abneigung gegen sein maskenhaftes Gehabe zu tun, das er so deutlich formuliert in dem Text von "Traum der Einsamkeit":
"Hinter der Maske bin ich sicher vor dir."
Weshalb bist du denn skeptisch, wenn ich Rafa nicht "Honey" nenne, sondern bei seinem richtigen Namen? Meinst du, ihm schadet das? Und wenn, weshalb?
Ja, daß ich Rafa liebe, kann andere Leute irritieren, das glaube ich dir gern. Nur erklärt es nicht Rafas Angst vor mir. Die bleibt für mich ein Rätsel. Es ist doch ein Leichtes für ihn, mich zu vergessen, indem er mit anderen Frauen ins Bett geht. Sofort rücke ich für ihn weit weg, und er kommt bestens ohne mich aus. Frauen wie Darienne, Alkohol und Zigaretten sind für ihn ein hilfreiches Mittel, um Gefühle wegzuschieben. Angst hat etwas mit Bedrängnis zu tun, mit Not, mit Qual. Rafa kann solche Gefühle aber wunderbar abstreifen, sonst wäre sein konsequent unveränderter Lebenswandel nicht erklärbar. Also bleibt seine Angst vor mir für mich ein Paradoxon.
Ach, unter seinem Rock (den ich sehr schick finde!) trägt Rafa gar nichts? Ist ja interessant.

Ivco mailte:

Zu Rafas Namen "Honey" im Forum: Er nennt sich so, man kann ihm keine PN schicken. Auf Fragen nach seinen Namen oder Adresse reagiert er nicht, andere Forenmitglieder, die ihn kennen, geben diese Infos auch nicht preis. Ich schließe daraus (nur eine Vermutung), dass er eine gewisse Anonymität wahren will, was in solchen öffentlichen Foren nie verkehrt sein kann (daher haben wir ja alle Spitznamen) und gerade für ihn noch mehr gelten muss, da er ja nun in gewisser Weise eine bekannte Persönlichkeit ist. Wenn Du ihn nun mit seinem richtigen Namen benennst, erhöhst Du die Gefahr, dass andere ihn leichter identifizieren und ausfindig machen können. Ich denke da an überdrehte Anhänger, die ihn belästigen könnten, und auch an Leute, die mit seiner Musik gar nichts zu tun haben, sondern allgemein im Internetz auf der Jagd nach verwertbaren persönlichen Daten sind.
Ob Rafa unter seinem Rock immer nichts trägt, kann ich nicht sagen ...

Als ich Victoire von den Ereignissen der vergangenen Wochen mailte, schrieb sie:

Das hoert sich ja wieder sehr chaotisch an mit Rafa und dir! Mit der kleinen eifersuechtigen Gespielin als Sahnehaeubchen. Aber immerhin habt ihr wieder Kontakt und das ziemlich intensiv - zumindest was Gefuehlsausbrueche angeht.
Shara und ich schreiben uns gerade wieder ein bisschen - aber nichts Tiefgehendes. Kennst Du seine neue Freundin schon? Scheint ganz nett zu sein.
Vor 2 Wochen war ich im Ruhrgebiet unterwegs - in der "Unterwelt". Das war echt klasse, Ted war auch da. Es war echt schoen, ihn mal wieder zu sehen.

Isis schrieb über Darienne:

plastik ... hihi ... yoo, mal gesehn, also ich hätte angst, dass mir das make up abbröckelt *lach* das is ja n osterei *gacker* nein, schönheit hin und her, aber die is in meinen augen bloss ne schaufensterpuppe ... alles nur fassade ... und irgendwann muss renoviert werden (oh mann, bin ich wieder sarkastisch) *gg*
nein, mal ehrlich, es gibt schöne menschen mit ausstrahlung, und es gibt schöne menschen, die nix aussagen ... und ich wette, bei so ner menge fassade (ich nenne es mal so) ist nicht viel an einer seele, die etwas gibt ... also deswegen der sarkasmus ...

Mit Evan tauschte ich in E-Mails neue Ideen für Katastrophen-Kekse aus. Evan schlug vor, nicht nur zu Weihnachten Katastrophen in Süßwaren zu verwandeln, sondern auch zu Ostern, zum Beispiel als Katastrophen-Ostereier.
Ich mailte:

Ja, Katastrophen-Ostereier, das wär was!
Jetzt habe ich mir noch was ausgedacht, außer den Atomkraftwerk-Keksen auch den Strahlenden Engel, einen Mürbekeks in Engelform, und mit Speisefarbe wird ein Radioaktivitäts-Piktogramm draufgemalt. Und "Fall-out", das sind Streusel, wie man sie sonst auf den Obstkuchen legt.
Man könnte sich auch Atombomben-Kekse ausdenken. Oder Atombomben-Ostereier, die werden grau gefärbt, und an denen werden aus Pappe diese Flossen befestigt, die Bomben haben, und auf die Eier wird das Radioaktivitäts-Piktogramm gemalt.

Evan mailte:

Jetzt wird es aber langsam Zeit, dass wir unsere Bäckerei eröffnen! Schließlich müssen wir diese ganzen schönen Katastrophen doch unter die Leute bringen. Fällt Dir vielleicht ein cooler Name für unsere Bäckerei ein?

Ich mailte:

Ja, wir können schon langsam eine Bäckerei eröffnen, besser aber noch wäre es, eine Bäckerei mit den schrillen Leckereien zu beauftragen und nur das "Geschäftliche" zu machen, und zwar einen Internetversand für Katastrophen-Backwerk und -Snacks. Das heißt dann "keks-online" oder so.

Am Samstag war ich mit Constri und Denise in einer Ausstellung über die Nacht im wissenschaftlichen und kulturhistorischen Sinn. Für diese Ausstellung hatten Layana und ihr Freund Levin uns einen Gutschein geschenkt. Besonders gefiel mir an der Ausstellung, daß dort, wo es um das Thema "Vampire" ging, ein Holzkästchen an der Wand befestigt war, in dem sich prachtvolle Fotografien vom Pfingstfestival in L. befanden. Zuvorderst steckte ein Zettel in dem Kasten, auf dem unter der Überschrift "Moderne Vampire?" beschrieben war, daß die Schwarze Szene ihre Wurzeln im Punk habe, sich aber von deren Protesthaltung abgrenze und edlere Outfits bevorzuge. Die Gothics würden sich mit Symbolen des Vampirimus, des Todes und der Trauer schmücken, was jedoch nicht heiße, daß sie dem Leben abgeneigt seien. Vielmehr akzeptierten sie den Tod als Teil des Lebens. Religionen würden von ihnen kritisch betrachtet, so daß auch der Satan als Gegenteil der christlichen Religiosität in ihrer Symbolik vorkomme. Die bedeute jedoch keineswegs, daß es sich um Satanisten handle. Satanismus komme bei ihnen nur selten vor, satanische Symbole seien eher als Provokation zu betrachten. Und erst recht nicht müsse man befürchten, von Gothics ausgesaugt zu werden. Ihre erotische, mit viel Lack, Leder und Latex gestaltete Garderobe passe jedoch gut zu der morbiden Erotik, die Bram Stokers "Dracula"-Roman so anziehend mache, und sei Ausdruck von Lebens- und Sinnenfreude. Nirgendwo anders inszeniere man sich selbst und den eigenen Körper so unbefangen und lustvoll wie in der Schwarzen Szene. Das alljährliche Pfingstfestival in L. sei mit über 20.000 Besuchern das weltweit größte seiner Art.
Die Fotos in dem Kasten waren einzeln auf Passepartouts geklebt. Sie zeigten besonders aufwendige Kostüme, darunter ein rotes Lack-Korsett mit schwarzer Schnürung, kombiniert mit Ärmlingen aus rotem und schwarzem Netzmaterial und einer Frisur im Manga-Stil mit langen, hochangesetzten Kunsthaarzöpfen in Rot und Schwarz, tiefe Decolletés, die geschmückt waren mit breiten, filigran gearbeiteten schwarzen Perlencolliers, glitzernde Stirnkettchen - Tiaras -, wallende schwarze Schleier und weit ausgestellte Reifröcke. Eine weiß blondierte Mutter sah man in einem solchen Reifrock-Kleid auf dem Boden sitzen. Sie hielt einen Teddybären, der ein schwarzes T-Shirt trug, und lockte damit ihr Kind, das ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Hose anhatte, worauf, passend zur Körperregion, die Knochen eines Skeletts aufgedruckt waren; dieses Outfit konnte aus der Karnevals- oder Halloween-Abteilung stammen.
Denise gefielen an der Ausstellung besonders die Dias von Planeten und Monden, die in wiederkehrender Reihenfolge auf Glasplatten projiziert wurden. Im Hintergrund wurden vom Tonband poetische Texte zu den Himmelskörpern vorgelesen, darunter auch "Der Mond ist aufgegangen".
"Der Mond autgange, die vielen Mond autgange", sang Denise.
Denise sagt nun zu Autos nicht mehr "Brumm", sondern "Auto". Die Ausnahme bildet Constris Auto, das immer noch als "Nana Brumm", also "Neues Auto" bezeichnet wird. Als Denise es am Straßenrand parken sah, sagte sie:
"Da de da nana Brumm."
Das sollte heißen:
"Da steht das neue Auto."
Nachts war ich im "Radiostern". Ein Mädchen namens Fleury sagte zu mir, sie habe mich schon so oft im "Radiostern" gesehen und sich immer gefragt, ob ich Ballerina sei. Ich erzählte, daß ich als Teenager einige Jahre Ballettunterricht hatte, allerdings nur auf dem Niveau eines Hobbys. Fleury meinte, man sehe mir an, daß es mir in Fleisch und Blut übergegangen sei. Wie ich tanze, habe Stil und sei wirklich etwas Außergewöhnliches, allein die Kondition sei schon bemerkenswert. Ich erzählte, daß ich Techno auch gerne mag, und Fleury erzählte von einer Goa-Party, die sie begeistert habe. Wendelin schwärmt auch immer von Goa-Parties. Vielleicht sollte ich wieder einmal zu einer Goa-Party gehen.
Solvar und Haymo erzählten von Ruinen in und um BS., die sich zum Fotografieren eignen. Darunter ist ein ehemaliger Badeteich, wo Solvar als Kind oft gespielt hat. Einmal sei er mit Freunden in eine ehemalige Bunkeranlage geklettert, die sich in dessen Nähe unter der Erde befinde. Die damit verbundene Gefahr der Verschüttung sei ihnen nicht bewußt gewesen.

Am Sonntag habe ich geträumt, daß Rafa seinen Kopf in meinen Schoß kuschelte. Ich umarmte und streichelte Rafa. Er rührte sich nicht und sagte nichts. Nach einer Weile stand er auf und ging wieder zu den Frauen, mit denen er gerade ein Verhältnis hatte. Mein Kater Bisat kam zu mir und ließ sich streicheln.

Am Montag habe ich geträumt von einer Kleingartensiedlung, an dessen Ende ein Weg durch eine sumpfige, morastige Gegend führte. Ich hatte eine schwierige Aufgabe zu bewältigen, und dafür mußte ich durch den verlassenen Sumpf gehen. Bei Tag war ich schon mit einigen Vertrauten dort gewesen, um Dreharbeiten zu machen. Nun war ich allein, und es war Nacht. Der Weg in den Sumpf führte durch eine Lücke in einem Drahtzaun. In der Lücke waren, wie bei Spinnweben, zwei feine, leuchtend rote Klebestreifen zu einem großen "X" ausgespannt. Ich kletterte zwischen den Klebestreifen hindurch, ohne das "X" zu zerreißen. Der Weg war steinig und führte an einem Bach entlang. Nach wenigen Schritten kam ich an ein schmales Gittertor, das öffnete ich und schloß es hinter mir wieder. Hier draußen war der Weg am Rand des Baches noch schmaler und mit Gras überwachsen, deshalb auch rutschig. Ich hielt mich an dem Zaun, der den Weg auf einer Seite begrenzte, und kam so vorwärts. Ich hatte schon Sorge, in der Dunkelheit nicht zu wissen, wohin ich treten sollte, da zog das erste Morgenlicht herauf mit bläulichem Schein. Ich konnte den Weg vor mir nun gut erkennen.

In einer E-Mail fragte ich Tron, ob er dieses Jahr zum W.E-Fanclubtreffen fahren wollte. Er antwortete:

Hmmm, ich werd wohl nicht, war letztes Jahr da und hmm, weiss nicht, ist mir zuviel Stress.
Das Konzert war saulang, so um die 4 Stunden, eine davon war ich im Computerraum und hab mich unterhalten. Rafa kann ich auch unter weniger stressigen Gelegenheiten treffen.

Ich mailte:

Ja, das kann ich mir denken, daß das Fanclubtreffen eine stressige Veranstaltung ist. Und ich kann mir vorstellen, daß man Rafa bei dieser Veranstaltung überwiegend nur umringt von Fans zu Gesicht bekommen wird oder eben auf der Bühne, wo er auch unerreichbar ist. Ich denke, für Privates ist da kaum Platz. Und 4 Stunden Rafa auf der Bühne angucken, ohne echten Blickkontakt, ohne die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen, das stelle ich mir ausgesprochen stressig vor. Da bin ich ihm ja schon "näher", wenn ich ihm im Chatraum begegne.

Tron mailte:

Hmmm, neee, ja, das könnte man denken, ist aber nicht so, fiel mir nicht auf, dass Rafa von Fans umringt gewesen wäre. Rafa läuft vor dem Konzert ja meist doch eher sehr privat rum bzw. treibt sich bei den Computern rum, und dann ist ja das lange Konzert. Viele erkennen ihn nicht bzw. halten lieber Abstand. Berenice und Lucy haben fast die ganze Zeit im Auto gesessen ...

Ich mailte:

Das ist ja seltsam, daß Berenice und Lucy während eines W.E-Fanclubtreffens die ganze Zeit im Auto gesessen haben. Warum nur? Eigentlich müßte das doch schrecklich langweilig sein. Und ich denke, die Fans hätten mit denen auch gern mehr geredet.

Tron mailte:

Na ja, W.E ist ein Ein-Mann-Unternehmen, und das Fanclubtreffen wird von Valerien organisiert, dann gibt es den "Fan Nummer Eins" Pixel - da dachten Berenice ud Lucy vielleicht, es wäre kein Platz mehr frei für sie. Ich habe mich mit Berenice auch mal über ihre Rolle unterhalten, sie stellt sich gerne etwas zurück und überlässt Rafa die Fans.

Ich mailte:

Ja, W.E ist ein Ein-Mann-Projekt. Rafa scheint die kreative Auseinandersetzung mit anderen Künstlern zu fürchten, denn das könnte bedeuten, daß er seine eigenen künstlerischen Konzepte hinterfragen muß - und weiter, daß er sogar sein Lebenskonzept hinterfragen muß. Gegenüber Altersgleichen tritt Rafa beruflich auf der Stelle. Nach und nach haben die Altersgenossen beruflich Halt gefunden, haben (halbwegs) geregelte Einkommen, teilweise sogar Familie (wie Ivco). Rafa dagegen wohnt bei seiner Mutter und hat kein verläßliches Einkommen. Früher hat er wesentlich häufiger neue Tonträger herausgebracht. Das letzte Full Length Album liegt 3 Jahre zurück!!
Rafa könnte keine Familie ernähren. Er hat noch immer keine eigene Wohnung. Und ich denke, es ist ihm bewußt, daß er hierdurch gegen seine Altersgenossen abschlägt. Er ist nur für seine Fans der Star, der Gott. Das ist schöner Schein.
Darius scheint nicht bemerkt zu haben, wie egozentrisch Rafa arbeitet. Darius scheint geglaubt zu haben, daß Rafa zu einer gleichberechtigten Zusammenarbeit fähig ist.

Tron mailte:

Rafa ist es gewohnt, alles zu bestimmen, vielleicht ist das das Problem. Darius muss erst lernen, und Rafa weiss (oder meint), dass er schon alles weiss. Das passt in meinen Augen nicht zusammen, vielleicht sollte es einfach so enden.
Sehen wir uns die Sache doch von einer anderen Seite mal an, das Paar Dolf + Rafa funktioniert einigermaßen seit Jahren, was unterscheidet Darius also von Dolf?

Ich mailte:

Ich denke, mit Rafa und Dolf funktioniert das nur so lange, wie Dolf Rafa die uneingeschränkte Führung überläßt. Ist das mal nicht mehr der Fall, wird es Krach geben. Privat hatten Rafa und Dolf früher sehr viel Kontakt, inzwischen ist das deutlich weniger geworden.

Tron mailte:

Hm ja, hat mir Berenice ähnlich geschildert, muss also wohl was dran sein.

Ich mailte:

Rafa hätte mich wahrscheinlich nie dazu überreden können, mich unter zwei Dreiecke aus Leuchtröhren zu stellen und diese zu drehen etc. In die Rolle seiner "Bühnenmarionetten" würde ich nicht hineinpassen. Ich könnte nur als eigenes Geschöpf neben ihm in Erscheinung treten, nicht als "sein" Geschöpf.

Tron mailte, bei W.E gebe es sowieso keine Geschöpfe, sondern nur "Musikarbeiter" und "Schaufensterpuppen". Dennoch arbeite Rafa auch mit Menschen zusammen, die mächtig was auf dem Kasten hätten. Ich mailte:

Diejenigen, die mit Rafa künstlerisch zusammenarbeiten, haben alle ein Problem: entweder sie machen ausschließlich das, was er will (und bringen ihre eigenen Vorstellungen nicht in das Konzept ein), oder sie werden von ihm abgeschmettert, wenn sie ihre eigenen Vorstellungen einbringen wollen, und haben dann nur die Wahl, Dolf zu werden oder sich von Rafa abzuwenden.

Zu Rafas Bühnen-Fassade mailte Tron, die Leute wollten nicht den Menschen auf der Bühne sehen, sondern den Star. Ich mailte:

Authentizität kommt an! Nur trauen sich viele Musiker das nicht, weil sie glauben, daß die Leute sie nicht mögen, wenn sie zeigen, daß sie einfach nur Menschen sind.

Tron meinte dazu, Authentizität könne auch eine Fassade sein.
Als ich daran zweifelte, daß Berenice auch unabhängig von Rafa ein Interesse an der Arbeit mit Commodore-Rechnern hat, mailte Tron:

Wenn Du mich nach Frauen fragen würdest in dieser Szene, die nicht einfach nur von ihren Freunden dahin geschleppt wurden, dann würde ich Dir Berenice nennen. Voll und ganz akzeptiert und geachtet. Teilweise ist es sogar so gewesen, dass Rafa alleine vielleicht einige Leute gar nicht kennengelernt hätte ohne sie als Vermittler. Ich sag mal, diese Szene-Leute haben Frauen gegenüber teilweise ziemlich altmodische Vorstellungen, es spricht also sehr für Berenice, dass man sie voll und ganz akzeptiert hat.

Mit "Szene" war in diesem Fall die Szene der Computerfreaks gemeint, die männerdominiert ist.
Über Darienne mailte Tron:

Ich weiss nur, dass Darienne kein Ersatz für Berenice ist und sein kann. Für mich sieht Darienne ein wenig aufgedonnert aus. Wenig Persönlichkeit? Kommt das hin?

Ich mailte:

Darienne scheint eine oberflächliche, egozentrische Persönlichkeit zu haben. An der Seite solcher Frauen braucht Rafa nicht über sich nachzudenken. Das bedeutet aber auch, daß sich in ihm nichts weiterentwickelt. Er fühlt sich trotz Partnerin innerlich einsam. Gegen Frust wählt er Sucht als Mittel, rauschhaftes Erleben von Verehrung, Konsum von Frauen, Alkohol und Nikotin.

Berenice hatte mir erzählt, daß sie Rafa während ihrer Zeit bei W.E nie davon überzeugen konnte, Lieder für den Tierschutz zu machen. Ich mailte ihr:

Seltsam, daß Rafa nicht dafür war, Lieder über Tierschutz zu machen. Er hatte 1994 sogar eine Band mit diesem Motto.
Was deine musikalischen Projekte angeht, bin ich einfach gespannt, was dabei herauskommt.

Berenice erzählte, daß sie von Rafas damaliger Band weiß. Über ihre jetzige musikalische Arbeit mailte sie:

Ich bin kein Teenager, der es nötig hat, auf der Bühne rumzuhüpfen. Solange ich noch an meinem Doktor arbeite, habe ich die Freiheit, so etwas zu machen - später werde ich andere Wege beschreiten, um für das zu kämpfen, was mir wichtig ist...

Ich schilderte Berenice meine letzten Begegnungen mit Rafa und die Erinnerungen, die in mir hochkommen, wenn ich ihn auf der Bühne sehe. Einer der wenigen Auftritte von Rafa, die mir gefallen haben, fand 1996 in der "Halle" statt; damals verkleidete er sich als Frau, und ich erkannte ihn zuerst nicht. Berenice mailte:

Lustig!!! Ich kannte damals Rafa vom Sehen und bei mir Getränke bestellen und habe an dem Abend auch in der "Halle" gearbeitet. Ich allerdings habe ihn sofort erkannt - und fand den Auftritt genauso furchtbar, wie ich ihn furchtbar fand (ich mochte ihn zu dem Zeitpunkt nicht).

Berenice mailte, ihr gefalle Tessas Stimme, und sie bedauere, Tessa nie kennengelernt zu haben. Ich mailte:

Ja, Tessa, die mich im "Elizium" die Treppe 'runterwerfen wollte ... eigentlich ist sie eher zu bemitleiden, sie soll ziemlich verlebt, abgestumpft und verwahrlost sein, wohl auch suchtkrank, das hat Ivco erzählt, der sie zuletzt vor 2,5 Jahren im "Zone" gesehen hat. Ivco stand früher auf sie und fand sie nun so verändert, sie war wohl auch recht abweisend.
Na ja, daß ich Tessas Stimme überhaupt nicht mag (hart, schrill, starr, leer), kann man sich denken, aber nun ja, wenn man es so sieht, war Tessa eben besonders hart und schrill. Aber das ist natürlich subjektiv. Und vor allem für mich, denn wer läßt sich schon gerne Treppen 'runterwerfen.
Musik zu machen, um eine Botschaft zu transportieren, finde ich sinnvoll und wichtig. Rafa will mit seiner Musik auch eine Botschaft transportieren, allerdings ist diese nicht stimmig. Es gibt x Widersprüche darin, ich könnte eine -zigseitige Abhandlung darüber schreiben, auch über die möglichen Hintergründe hinter den Hintergründen.

Berenice mailte:

Zu Tessa: als Ivco sie im "Zone" sah, waren Rafa und ich auch dort. Ich habe Tessa damals das erste und einzige Mal gesehen und kann Ivcos Aussage nur bestätigen. Sie hat mir leid getan.

Berenice bedauert, daß Musik häufig als Vehikel zur Selbstdarstellung benutzt wird:

Viel zu viele Menschen leben nur in ihrer kleinen egoistischen Welt bzw. wollen "ein Star" werden :(

Ivco mailte:

Dolf, Rafa, Darienne und Herrn Lehmann habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Rafa und Darienne kamen 'mal an einem Sonntagnachmittag auf einen Spontanbesuch bei uns vorbei, das war's auch schon. Fand ich übrigens bemerkenswert, das war das erste Mal, dass Rafa so etwas gemacht hat bei mir.

Tron hatte den Eindruck gewonnen, daß ich Rafa hasse und vorhabe, ihm zu schaden. Ich gab mir Mühe, zu erklären, daß ich Rafa liebe und zugleich kritisiere.
Rafa wettert im W.E-Forum gegen "denkende" Preisschildchen, die eine Überwachung des Kaufverhaltens ermöglichen. Er sieht - wieder einmal - ein totalitäres System entstehen, wenn nicht gar ein bereits vorhandenes sich verschlimmern. Eine mögliche Rettung vor den düsteren Wolken sieht Rafa darin, den Forum-Thread zu einer "kompletten Internetz-Seite" auszubauen:

Das ist meiner Meinung nach genau der richtige Anfang vom Anfang!
Weiter so!!
Kleine Tips und Tricks, mit denen man das Monster in den Hintern beißen kann. Davon sollte man noch viel mehr sammeln, um sie dann alle gleichzeitig anzuwenden.

Da ist es wieder, das "Monster", Rafas Feindbild. Rafa ist für Orwellsche Schreckensvisionen vielleicht deshalb so empfänglich, weil er zu paranoiden Ängsten neigt. Diese Ängste sehe ich vor allem darin begründet, daß Rafa im Laufe seines Daseins vielen Menschen viel angetan hat und sich davor fürchtet, etwas davon zurückzubekommen. Das vielbeschworene Monster ist eigentlich Rafa selbst oder - genauer gesagt - das Böse in ihm.
Im Forum warnt Rafa umfangreich vor "denkenden" Preisschildchen und erklärt, warum er in ihnen eine Gefahr sieht. Er verbreitet gern allerlei Wissen, das nichts mit seiner Persönlichkeit zu tun hat - vielleicht auch, damit niemand auf die Idee kommt, nach ihm selbst zu fragen. Auch seinen langjährigen Freunden und Bekannten erzählt Rafa wenig über sich. Und er betont, sich selbst nie begegnen zu wollen. Einen Kontrast zu diesem abgeschirmten Privatleben bildet Rafas geradezu öffentliches Paarungsverhalten. Er geht mit Frauen ins Bett, die er kaum kennt. Er betrügt seine Freundinnen mit kurzlebigen Verhältnissen. Es kommt vor, daß er zwei Freundinnen gleichzeitig hat. Er empfiehlt, Gefühle von der eigenen Person abzukoppeln und wahllos mit Fremden etwas anzufangen. In gewisser Weise stellt er seine Intimsphäre einer anonymen Öffentlichkeit zur Verfügung.
Rafa scheint seinen Körper nicht seinem versteckten und abgeschirmten Innenleben zuzuordnen. Er scheint ihn vielmehr als Teil seiner der Öffentlichkeit vorgeführten Fassade zu betrachten. Diese Annahme paßt zu Caroles Beschreibung von Rafa als "gespaltene Persönlichkeit".
Am Donnerstag war ich auf der Geburtstagsfeier von Marie-Julia. Im Wohnzimmer flackterte ein Kaminfeuer. Marie-Julia servierte Waldmeisterbrause, ein Ost-Fabrikat und Kultgetränk. Jay-Elle erzählte, sie müsse mich von vielen Kollegen in Kingston grüßen; alle würden darauf warten, daß ich endlich dorthin zurückkehre.
Jay-Elles Schwester Dessie hat wieder einen Freund, der gemeinsam mit Dessie als Szene-Fotomodell arbeitet, wie es auch Darius getan hat. Dessie und Darius sollen unterschiedliche Erwartungen an eine Beziehung gehabt haben, so daß ihre Beziehung nicht halten konnte. Durch ihre Tätigkeit als Fotomodell hat Dessie Darienne kennengelernt, die ihr von dem Ende der Band Das P. berichtet hat. Dessie findet Darienne "voll nett", hat aber schon seit einiger Zeit kaum noch Kontakt zu ihr. Jay-Elle meinte, sie habe mit Darienne nicht warm werden können. Darienne sei auf Dessies Geburtstagsfeier gewesen, ohne ihr aufwendiges Makeup. Ungeschminkt wirke Darienne durchschnittlich und unscheinbar. Dessie hingegen sei als Mensch etwas Besonderes und könne auch noch begeistern, wenn sie kein Makeup aufgelegt habe. Darienne erwerbe alles Besondere und Auffallende nur durch ihr Styling, nicht durch ihre Persönlichkeit.
Mitte April heirateten Talis und Janice. Sie feierten in einem Gemeindehaus. Janice trug ein dunkelrotes Kleid mit Spaghettiträgern; es hatte eine kurze Schleppe mit aufgenähten Stoffrosen. Über dem Kleid trug Janice ein zierliches Spitzenblüschen in derselben Farbe. Ihr Haar hatte sie zusammengebunden und ein Haarteil hineingeknotet; es war das mit den vielen Kordelzöpfchen, was auch ich habe, nur in Blond, Janices Haarfarbe. Die Frisur war verziert mit einer dunkelroten Stoffblüte und dunkelroten Perlenschnüren. Anstelle von Handschuhen trug Janice Armbänder aus derselben Spitze wie die Bluse. Talis hatte zu seinem schwarzen Anzug ein dunkelrotes Hemd angezogen. Die Brautleute trugen schwere Stiefel, die einen frechen Kontrast zum eleganten Outfit bildeten. Für ihren Hochzeitstanz wählten sie "Figurehead" von Covenant.
Virginia ist schwanger. Sie weiß noch nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Sie war mit Pascal auf der Hochzeitsfeier, den sie im Juli heiraten wird. Zu ihrem schwarzen Samtkleid trug sie ein leuchtend orangefarbenes Tuch, passend zu ihren leuchtend orange gefärbten Haaren. Viele Gäste hatten sich in Rottönen gekleidet.
Pascal und Virginia sind zusammengezogen und leben jetzt beide in H. Pascal hat jahrelang in Ostwestfalen gearbeitet und bekam vor Kurzem die Möglichkeit, in H. zu arbeiten.
Helena erzählte, daß sie Sasch keine Träne nachweint. Sie ist mit ihrem jetzigen Freund seit über vier Jahren zusammen. Er sei ehrlich, er enttäusche sie nicht - im Gegensatz zu Sasch.
Helena arbeitet an ihrem Diplom im Studiengang Farbdesign. Ihre Diplomarbeit besteht darin, die Fassaden einer Kleinstadt neu zu gestalten. Was sie entwickelt, soll in die Tat umgesetzt werden, das ist mit der Stadtverwaltung besprochen.
Onno hatte Endera häufig im Arm und knuddelte sie, ohne daß ihm das recht bewußt zu sein schien; er machte es wie von selber, fast wie im Schlaf. Endera schien das zu genießen, ebenso unbewußt. Ich empfahl Onno, Endera zu heiraten. Onno scheint sich bisher nicht zu trauen.
Am Samstag ging ich mit Carl in der Frühlingssonne am Kanal spazieren. Carl erzählte, daß er es zur Zeit nicht darauf anlegt, Saverio wiederzusehen. Am Telefon habe Saverio immer so noch gewirkt wie damals, in seinem Leben habe sich nichts Wesentliches verändert, und das scheine ihm recht zu sein. Vor zehn Jahren hat Saverio bereits zufrieden verkündet:
"Ich habe eine Frau und einen süßen roten Bass, was will ich mehr?"
Heute hat er immer noch eine Frau, wenn auch nicht mehr Edna, sondern Gracia, und er ist nach wie vor in der Musikwelt tätig, wenn auch nicht mehr als Musiker, sondern als DJ, und er scheint damit zufrieden zu sein. Ein Coming out kündigt sich nicht an. Carl macht sich keine Hoffnungen, daß sich zu seinen Gunsten etwas entwickeln könnte.
Abends war ich in MD. im "XXL", dort traten VNV Nation auf. Als ich mich mit Timon und Loulou unterhielt, stand ein Junge dabei, der ein T-Shirt mit dem Schriftzug "FabrikC" trug. Es handelte sich um Torvil, den Musiker, der hinter dem Elektro-Projekt FabrikC steht. Einen Clubhit hat er schon herausgebracht, "Der zweite Tod". Torvil erzählte von seiner Internetseite, die alles enthält, was ein Fanherz begehrt, vom Gästebuch übers Forum bis zum Mailorder-Service.
Torvil und Timon wollen sich gegenseitig auf der Bühne unterstützen, wenn sie Anfang Mai im "Restricted Area" auftreten, im Rahmen eines Festivals mit Sonar.
Als ich zu Torvil sagte, mich kenne er wahrscheinlich längst, bestätigte er dies:
"Du bist bekannt wie ein bunter Fisch. Du bist bekannter als ich."
"Das ist E-Betty", sagte Timon, "oder einfach die Hetty."
Hal und sein Bandkollege begannen eine Stunde nach ihrem Auftritt, durch den Saal zu wandern und Leute zu begrüßen. Vor allem Hal kannte viele Leute im "XXL". Wir knuddelten uns auch.
Verglichen mit Hal, der in etwa die Beschaffenheit eines Teddybärs hat, ist der schrille Avalon, den ich aus dem "Radiostern" kenne, so ziemlich das Gegenteil. Die Umarmung mit Avalon war nicht ungefährlich; er trug ein Halsband mit gewaltigen Stahlstacheln. Wie immer ging er androgyn, heute mit einem langen Pferdeschwanz aus Kunsthaar. Avalon hatte seine große, dünne Gestalt in Lackdessous gehüllt. Er meinte, ich sei eigentlich sein Vorbild, was Styling betreffe. Er wolle sich auch gerne im Ballett-Stil kleiden. Ich meinte, das sei nicht schwierig, da kurze, ausgestellte Röckchen inzwischen in allen Underground-Modegeschäften zu bekommen seien.
Wie sich herausstellte, ist Avalon in der Online-Szene-Kontaktbörse registriert und hat dort Darienne kennengelernt. Ihre Fotos gefielen ihm über die Maßen, in den Messages fand er sie nett, und er verliebte sich in sie. Als sie bekanntgab, daß sie einen neuen Freund hatte, sah Avalon alle Hoffnungen schwinden. Ich erzählte ihm, daß Rafa der neue Freund von Darienne ist.
Cyra traf ich im "XXL" und ihren früheren Freund Denny, der sich immer noch gut mit Cyra versteht. Er ist so ziemlich der einzige "Ehemalige", mit dem Cyra einen freundschaftlichen Kontakt behalten hat.
Dariennes Profil in der Online-Szene-Kontaktbörse enthält fast nichts außer posierten Fotos von ihr selbst und Angaben von Lieblingsbands, wobei W.E nicht fehlen darf. In ihrem Profil steht nicht, wonach sie in der Kontaktbörse sucht. Als Beruf nennt die Schülerin Darienne "Kodak Whore / Barbie", also "Kodak-Nutte / Barbie". Vielleicht will sie sich als Prostituierte darstellen, die ihren "Beruf" nur als Fotomodell ausübt. Das ist allerdings nicht stimmig, denn sie zeigt lediglich Pin-up-Bilder, keine pornografischen Fotos.
Auf der letzten Seite ihres Profils hat Darienne ein Bild von sich selbst ersetzt durch ein Bild, das Rafa im Arztkittel bei einem Auftritt von Das P. zeigt. Daneben ist zu lesen:

... --> hopelessly in love / to the moon and back!!!

Ich frage mich, ob Darienne diese Seite verändern wird, wenn sie herausbekommt, daß Rafa sie ebenso betrügt wie alle Freundinnen vor ihr.
An Berenice mailte ich Erinnerungen aus der Zeit, als Rafa und ich uns kennenlernten und er gleichzeitig mit Tessa etwas anfing. Für dieses "mehrgleisige" Verhalten war Rafa vorher schon bekannt, und er setzte es bis heute fort.
Mit Ivco besprach ich, daß ich das 1. Kapitel von "Im Netz" - das ich Rafa zuliebe gekürzt hatte - wieder in der (inzwischen noch erweiterten) Originalfassung online stellte; er könne Rafa mitteilen, daß er gerne Kritik daran üben könne, diese jedoch konkret formulieren möge. Rafa hatte nun die Möglichkeit, sich zu dem Kapitel zu äußern, und wenn er dies nicht tat, wertete ich es als Einverständnis, das Kapitel an seinem Platz zu lassen.
Ivco ergänzte die Berichte zu dem Bruch von Das P.:

Nach dem, was Rafa erzählte, hat sich das definitiv erledigt. Er erklärte mir auch sehr genau, was zwischen ihm und Darius vorgefallen ist.
Rafa ist ein Treiber und Macher, Darius eher der, der getreten werden muss und der schwer allein etwas auf die Reihe bekommt. Bei "Das P." nun hat Rafa vieles an Aufgaben Darius überlassen, was dieser aber nicht erledigt hat. Nach wiederholtem und vergeblichem Ermahnen wurde es Rafa schließlich zu lang - in rechtlicher Hinsicht, was Texte und Melodie betrifft, muss ja einiges beachtet werden - und er machte es selbst. Das wiederum gefiel Darius nicht, er warf Rafa vor, alles alleine und nur für sich zu machen. Rafa verstand die Welt nicht mehr, versuchte ein letztes Mal, ihm alles zu erklären, was nichts brachte, worauf er keine Möglichkeit mehr zu einer Weiterarbeit sah. Rafa erzählte mir das alles sehr genau, sehr sachlich, brachte sein Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass Darius sich nicht um Fristen und Rechte kümmerte, auch, dass er es bedauere, dass es soweit kam. Aber er stellte auch klar, dass er soviel Geduld mit Darius gehabt habe, was nichts gebracht hätte, und nun sei es halt "aus".

Ich mailte:

Ja, was Rafa über Das P. erzählt hat, klingt stimmig. Ich versuche mir aus dem, was von Rafas Seite kommt, und dem, was von Darius' Seite kommt, ein möglichst objektives Bild zu machen. Daß Rafa eher ein Macher ist und Darius eher einer, der den Dingen ihren Lauf läßt, kann ich mir durchaus vorstellen. Ich kann mir auch gut vorstellen, daß Rafa Darius gegenüber herrisch aufgetreten ist, und ich kann mir auch vorstellen, daß Rafa laut geschimpft hat. Ich denke, beide haben sich auf irgendeine Art ungeschickt verhalten. Rafa ist kein einfacher Mensch, und man braucht Diplomatie, um mit ihm umgehen zu können, wenn man nicht bereit ist, eigene Vorstellungen und Wünsche zu verleugnen.

Ivco erinnerte sich an die Anfänge von W.E. Bei Rafas Konzert im "Wegkreuz" im Februar 1993 - das ich nicht gesehen habe - seien sowohl er als auch Tessa gewesen. Ivco merkte dazu an:

Letztens erzählte Rafa, dass er genau an diesem Abend Tessa angesprochen habe, ob sie nicht als Sängerin mitmachen wolle. Und wer brachte sie mit zum Konzert? Ich!

Ich mailte:

Ich finde es erstaunlich, daß Rafa Tessa gefragt hat, ob sie bei ihm singen will, ohne zu überprüfen, ob sie singen kann. Das scheint ihm wohl egal gewesen zu sein.

Vielleicht fand Rafa Tessa interessant, weil Ivco ebenfalls an Tessa interessiert war. Als Rafa Tessa eroberte, konnte er sich als Gewinner fühlen.
Mit Darienne scheint es ähnlich zu sein. Ivco findet Darienne sehr attraktiv. Das kann Rafa bewogen haben, sich auch für Darienne zu interessieren, weil sie durch die Konkurrenz seinen Jagdtrieb weckte.
Ivco mailte, daß Rafa mit Darienne schon vor längerer Zeit ein Verhältnis begonnen hat; es könnte kurz nach Rafas Geburtstag gewesen sein.
Im W.E-Forum haben sich Streitereien entwickelt. Tron hat sein Amt als Moderator aufgegeben. Ich erkundigte mich bei Tron, wie das zustandekam:

Erzähl doch mal in Zusammenfassung, daß man da durchsteigt. Irgendwie verschwindet ihr Moderatoren jetzt alle ... und dafür taucht Tenebris wieder auf ... steig da einer noch durch. Hat da einer mit dem Streit angefangen, oder hat sich das so nach und nach hochgeschaukelt?

Ich merkte an, es sei seltsam, daß Rafa sich kaum noch im Forum äußere.
Tron mailte:

Warum Tenebris auftaucht: Er steht nur noch für Rückfragen zur Verfügung. Im Moment ist er der Einzige, der sich mit der Foren-Software auskennt, richtig Moderator ist er nicht mehr.
Mit W.E und Rafa hat das Forum so gut wie nichts mehr zu tun.
Es reicht, zu wissen, dass ein Moderator (Doom) absolut NICHTS mit der Szene an sich zu tun hat. Sein einziges Hobby ist, alte Computer und alte (man staune!) Handys zu sammeln. Der hat sicherlich nicht viele Freunde und ist ein extremes männliches Mauerblümchen. Jedenfalls hat er sich Dinge erlaubt, die einfach gegenüber anderen Moderatoren und den Usern nicht mehr fair sind, und da er an seinem Stuhl klebt, kündigt man dann halt, weil es unmöglich ist, mit sowas zusammenzuarbeiten.
Ich für meinen Teil habe erstmal die Notbremse gezogen.

Ich mailte:

Kann man sich das so vorstellen, daß Doom sozusagen Rafas Forum mehr oder weniger zu seiner eigenen Plattform gemacht hat?

Tron mailte:

Ich schätze Doom so ein, dass er im Forum ausleben kann, was ihm im Privatleben nicht vergönnt ist.

Am Sonntag war Constri in Kingston und besuchte Rikka. Ihr gefielen die weitläufigen Parkanlagen und der Altbau, in dem sich die Psychotherapiestation für depressiv Erkrankte befindet. Rikka erzählte, daß sie sich dort wohlfühlt und daß ihr die Gespräche mit anderen Patienten und die gemeinsamen Aktivitäten helfen. In einer Therapiegruppe wurde ein Rollenspiel zum Thema "Frühling" gestaltet, um nach vielen negativen Themen auch einmal etwas Positives darzustellen.
Constri hatte den Eindruck, daß Rikka sich sehr über ihren Besuch freute. Ich rief Rikka an, um einen Termin zu vereinbaren, an dem Constri und ich sie gemeinsam besuchen. Sie erzählte, daß die Therapie sie schon ein Stück weitergebracht habe. Constri und ich hoffen, daß sie endgültig von ihren Selbstmordgedanken Abstand nehmen kann.
Am Sonntagnachmittag rief Ted mich über sein Handy an und fragte mich, ob ich raten könne, wo er gerade sei.
"Ich bin in DO. auf einem Hochofen", berichtete er, "und gleich klettere ich noch auf zwei weitere! Das ist echt die reinste Spielwiese hier! Da müßt ihr unbedingt hinkommen!"
Wir beschlossen, in den nächsten Monaten dorthin zu fahren und Aufnahmen zu machen.
An Victoire mailte ich:

Das ist ja schön, daß du Ted in der "Unterwelt" getroffen hast! Er hat mich kürzlich über sein Handy angerufen, er war gerade auf einen stillgelegten Hochofen geklettert und meinte, er klettere gleich auf noch zwei weitere Hochöfen, und das müsse ich mir unbedingt ansehen, das sei der reinste Spielplatz. Ja, da müssen wir auch noch fotografieren.
Ja, mit Rafa ist es chaotisch, sein nächstes Album soll "Chaos total" heißen, mit dem Apfelmännchen auf dem Cover. Das Apfelmännchen kennst du bestimmt, das ist ein Motiv aus dem Fraktal "Mandelbrot-Menge", das sieht geheimnisvoll aus. Ich stehe auf Fraktale, mein Foren-Pseudonym ist ja auch "fractal".

Shara schwärmte von dem verlassenen Irrenhaus, das es in der Schweiz geben soll. Er zeigte mir im Internet einige Fotos. Ich mailte, die Bilder seien sehr schön; leider sei die Ruine weit weg. Shara erzählte, von EM. aus fahre man etwa vier Stunden bis dorthin.
Sharas jetzige Freundin lebt inzwischen bei ihm im Haus, in der Mansarde.
Ted mailte Fotos von den Hochöfen in DO., die er erklettert hat.
Darien mailte aus HST.:

Ob es mit "Stahlwerk" was wird, weiss ich leider noch nicht. Mein Opa ist vor kurzen gestorben und soll hier vor Rügen seebestattet werden. Das war aber nicht der alleinige Grund für eine Mail. Wie Du vielleicht weisst, bin ich begeisteter Buchsammler, d. h. lesen tue ich sie dann doch (noch) nicht, aber verwalten.
Mein Themenspektrum umfasst Philosophie, Kunsttheorie, Kognitionswissenschaften und Psychologie. Bei Letzten versuche ich doch tiefer in die Materie einzusteigen, eine Idee war, vielleicht Kunsttherapeut zu werden, dann erst Kunstprofessor *G*.
Kannst Du mir, was das betrifft, vielleicht einen Tip geben?

Darien erzählte, welche psychologischen Fachbücher er bereits hat - unter anderem welche von C. G. Jung und Eric Berne -, bezweifelte aber, daß Lesen ausreicht, um sich psychologisches Wissen anzueignen.
Darien fügte seiner E-Mail ein prachtvolles Bild der Abenddämmerung bei, wie man sie von seinem Balkon aus bestaunen konnte.
Ich mailte an Darien:

Herzliches Beileid zum Tod deines Opas.
Die Bücher, die du schon gelesen hast über Psychologie, enthalten z. T. wichtige Grundlagen.
Was mein Wissen im Bereich Psychologie angeht, so habe ich dieses vor allem aus den Märchen der Brüder Grimm und zigtausend Klatschgeschichten, die ich gehört, erzählt oder selber erlebt habe. Buchwissen: marginal. Ein Buch über Narzißmus habe ich mal gelesen (schlag mich tot, daß mir der Autor wieder einfällt), da stand viel Wahres drin! Und im Kurs, den ich letzten Sommer gemacht habe, war ein Satz:
"Wo die Angst ist, ist der Weg."
(Da mußte ich daran denken, daß Rafa nur vorm Fliegen und vor mir Angst hat.)
Und:
"Wenn du Tee trinkst, trinke Tee."
(TAO-Weg zur Erleuchtung)
Aus der Bibel stammt der Satz:
"Mein ist die Rache, spricht der Herr."
(Feindseligkeit ist unnötig, kann man delegieren.)
Von Lethal Aggression stammt der Satz:
"Life is hard but that's no excuse at all."
(Man soll sich nicht hinter Rechtfertigungen verstecken und sich von ihnen lahmlegen lassen.)
Dies ganze Zeug habe ich gehört, irgendwie zusammengekramt. Wissen entsteht bei mir immer chaotisch.
Das Bild vom Sonnenuntergang, das du mir gemailt hast, ist super!

Zum Thema "Chaos" nannte ich eine URL, unter der Darien Bilder vom "Apfelmännchen" - der Mandelbrot-Menge - anschauen konnte.
In einer E-Mail erzählte ich Evan von meiner Begeisterung für die Mandelbrot-Menge und von meiner Idee, ein Apfelmännchen-Mandelbrot zu backen, eine klassische Apfeltorte mit vielen Mandeln darin und einer Dekoration in Gestalt eines Apfelmännchens. Das wäre ein Backwerk, das nichts mit Katastrophen zu tun hat, sondern mit der Chaostheorie. Ich erzählte Evan, daß ich am liebsten Gardinen, Geschirr, Bettwäsche und andere Gegenstände im Mandelbrot-Dekor hätte.
Auf einer Fotoseite zum Auftritt von VNV Nation im "XXL" steht auch ein Bild online, das Linux von Loulou und mir gemacht hat. Jemand kommentierte:
"Betty!!!"
und setzte winkende Smilies daneben.
Barnet erzählte, daß Rafa im "Zone" war, während ich bei dem Konzert von VNV Nation war. Barnet hat keine Frau an Rafas Seite gesehen. Darius war auch im "Zone". Als er Rafa entdeckte, sagte er zu Barnet:
"Dem wollte ich nicht unbedingt begegnen. Damit ist das Wochenende schon wieder gelaufen."
Rafa und Darius sollen sich sogar mit Anwälten bekriegen.
Auf der neuen Homepage für Das P. schildert Darius, wie die Band entstanden ist. Er habe als Kind mehr Zeit in Wartezimmern als in der Schule verbracht, und so habe sich nach und nach die Idee eines musikalischen Projekts mit medizinischem Dekor entwickelt.
Am Freitag war ich mit Evelyn im "Roundhouse", am Samstag war ich im "Zone". Dort traf ich endlich Les wieder. Er legte in einer kleinen, neu eingerichteten Area auf, die wie eine Grotte gestaltet ist und mit schmiedeeisernen Geländern und großflächigen Bildwerken im Stil des ausgehenden Mittelalters geschmückt ist. In höhergelegenen Nischen stehen Polstermöbel. Ich freute mich darüber, daß es noch immer auf den Theken die Obstschalen gibt, aus denen man sich kostenlos etwas nehmen kann.
Les erzählte von seiner Arbeit in der Modeabteilung eines Kaufhauses und von seiner Mutter, die an Alzheimer erkrankt ist. Zenza und Vittorio sollen in London leben, ohne Telefon. Man müsse dort lange auf einen Anschluß warten.
Les wußte, daß Rafa mit Darienne "'rummacht". Seit Anfang des Jahres hat er Rafa zweimal im "Zone" gesehen. Vor einer Woche, als Rafa im "Zone" war, war Les aber nicht da.
Ein Junge in langem schwarzem Rock und weißem Hemd sprach mich an, als ich an einem Geländer stand. Er stellte sich vor als Lucien. Wir hatten eine Art Kaffeeklatsch. Lucien erzählte von seiner Freundin Lyara und von einer Frau namens Masha, die eigentlich die Frau seines Lebens sei, an die er sich aber nicht heranwage, weil er befürchte, ihr nicht gerecht werden zu können.
Ich erzählte von Rafa und dessen Untreue. Lucien meinte, er selbst sei der Schlimmste unter den Männern. Die Angst, die Rafa vor einer Beziehung mit mir hat, kann nach Luciens Ansicht damit zusammenhängen, daß Rafa befürchtet, mir nicht gerecht zu werden, auch im Bett nicht.
Als ich erzählte, daß Rafa anspruchslose, naive Frauen bevorzugt und sich wahrscheinlich schon deshalb nie für mich entscheiden wird, erwähnte ich auch, daß Rafa noch bei seiner Mutter wohnt und kein eigenes Badezimmer hat, wodurch ein Privatleben unmöglich gemacht wird, auch hinsichtlich einer Beziehung. Rafas anspruchslose Freundinnen nehmen das hin.
Lucien erzählte zum Thema "Privatleben" und "Wohnen bei den Eltern":
"Wenn ich überlege, kürzlich, als ich mit Lyara in ihrem Zimmer war, habe ich sie auf links gedreht, und wir waren wohl ein bißchen lauter ... und am nächsten Morgen hat ihre Mutter gefragt, ob wir nächstes Mal nicht ein bißchen leiser sein könnten ... da wurde mir schon komisch ... so richtig Privatleben ist das da auch nicht."
Lucien hat eine Wohnung, aber keine eigene. Er lebt mit zwei WG-Genossen zusammen, einem Jugendlichen und einem bettelarmen Punk. An jedem Wochenende kommen dreißig bis vierzig Gäste, um zu feiern, und sie verwandeln die Wohnung in ein Schlachtfeld, sofern sie das nicht vorher schon war.
"Das hat auch nicht viel mit Privatleben zu tun", überlegte Lucien.
Ich meinte, Rafa befürchte vielleicht auch deshalb, mir nicht gerecht werden zu können, weil sein Lebensstil nicht dem eines Erwachsenen entspricht, und das betreffe auch seinen beruflichen Werdegang. Lucien erzählte, er sei mit dreiundzwanzig Jahren aus seinem Beruf als Maler / Lackierer ausgestiegen und lebe von Gelegenheitsjobs. Ich erzählte, daß Rafa ebenfalls mit dreiundzwanzig Jahren aus seinem Beruf als Maler / Lackierer ausgestiegen ist und von Gelegenheitsjobs lebt, neben dem, was er mit seiner Musik verdient.
Lucien staunte über die Parallelen zwischen Rafa und ihm und zwischen mir und ihm. Wir unterhielten uns über Musik, und Lucien konnte feststellen, daß ich die Techno-Band Push! kenne und deren Stück "Strange world" sehr mag. Lucien erzählte, dieses Stück höre er häufig im Auto.
Als ich mit Lucien darüber sprach, wie gern ich mit Rafa Kinder hätte, meinte er, Kinder seien das Wichtigste, was es gebe.
"Das hat auch Rafa schon gesagt", erzählte ich.
Lucien hat eine kleine Tochter, die aber nicht bei ihm lebt.
Als ich Lucien erzählte, daß ich mich mit Rafa schon über das Thema "Selbstmord" auseinandergesetzt habe, zeigte er mir sein rechtes Handgelenk, an dessen Innenseite sich eine längsverlaufende Narbe befindet. Er meinte, das habe er mal gemacht, als eine Beziehung zerbrochen sei. Er habe nicht tief geschnitten und von allein wieder mit seinem Versuch aufgehört.
Lucien erzählte, er sei als Teenager für wenige Wochen mit einer Mitschülerin zusammengewesen, die später einen Mann heiratete, mit dem sie gemeinsam einen ihrer Bekannten ermordete. Dieses Verbrechen ging als "Satanistenmord" in die Mediengeschichte ein, und weil das Ehepaar sich im Stil der Schwarzen Szene kleidete, wurde das Image der schon immer als friedliebend bekannten Szene beschädigt. Vorurteile gegen Schwarzgekleidete bekamen neue Nahrung, und die Jounalisten der Szene kämpften mit ihren Titelblättern und Artikeln gegen die der Massenmedien.
Als Lucien nach seiner Freundin Lyara schaute, klärte sie ihn darüber auf, daß es sich bei Rafa um den Rafa von W.E handelt. Lyara ist Stammgast im "Zone" und kennt daher die Geschichte von Rafa und seinen Untaten.
"Das ist einer meiner Mitbewohner", sagte Lucien und zeigte mir einen großen, schlanken Jugendlichen. "Das ist der absolute W.E-Fan. Immer bevor er weggeht, hört er W.E."
Lucien kam aus dem Staunen nicht heraus, als ich ihm sagte, daß ich die Musik, die Rafa macht, zum großen Teil gar nicht mag. Er scheint sich nicht vorstellen zu können, daß man jemanden lieben kann, ohne ihn zu verehren und alles gut zu finden, was er herstellt.
"Ach, Rafas Bühnen-Outfit finde ich so schrecklich, das Sakko und die blaue Brille", seufzte ich.
"Am schlimmsten finde ich die Leinwände mit den Frauen dahinter", meinte Lyara zu Rafas Konzerten.
Lyara erzählte von ihrem Privatleben. Sie ist fünfundzwanzig Jahre alt und lebt vorübergehend wieder bei ihren Eltern, weil sie sich kürzlich von einem Freund getrennt hat, mit dem sie zusammenlebte. Sie möchte sich wieder eine eigene Wohnung nehmen, wenn sie ihr Auto abbezahlt hat. Als sie zwei Jahre alt war, kehrte ihr Vater für zehn Jahre in die Türkei zurück und kam dann wieder nach Deutschland. Lyara hat den Eindruck, er habe zehn Jahre übersehen und nehme sie als Fünfzehnjährige wahr. Er halte sich an der Vorstellung fest, seine Tochter sei Jungfrau, und er behandele sie wie einen Teenager, auf den man aufpassen müsse.
Gegen sechs Uhr früh schlief Lucien auf einer großen gepolsterten Sitzfläche. Lyara weckte ihn, damit er mit ihr, seinen WG-Mitbewohnern, Les und mehreren anderen Leuten zum Frühstücken ging. Die Nachtschwärmer, die vom "Zone" übriggeblieben waren, ließen sich im ersten Licht des Tages bei "McGlutamat" nieder. Zwei Mädchen waren dabei, die Les gut kennen, eines in schwarzer Hose und eines im Reifrock.
Lyara nahm ihre langen Kunsthaarzöpfe ab und steckte sie in ihren Rucksack.
"Wenn man sie so lange drinhat, werden sie ganz schön schwer", meinte sie.
Wir unterhielten uns über Travestie, und es stellte sich heraus, daß das Mädchen mit der schwarzen Hose auch schon die "Carmen"-Performance der Drag Queen Carla bewundern konnte, nicht wie ich im "Alcantara", sondern in HH. in einem bekannten Travestie-Lokal.
Ich erzählte von Rafas Beziehung mit Darienne:
"Darienne hört nur andächtig zu, wenn Rafa redet, da sie selbst nichts zu sagen hat. Nie konnte ich ein Gespräch mit ihr anfangen, das diese Bezeichnung verdient hätte. Mit der konnte ich einfach nicht reden, da kam nie mehr als wenige Worte."
"Das mit dem Reden stimmt", sagte das Mädchen im Reifrock. "Mit Darienne kann man wirklich kein Gespräch anfangen."
"Die ist ein kunstvoll bemalter Hohlkörper", beschrieb ich Darienne. "Die besteht nur aus ihrer Fassade, drinnen ist gähnende Leere."
"Kommt hin."
"Und mich haßt sie inzwischen wie nichts Gutes."
"Warum das denn?"
"Weil sie mitgekriegt hat, was zwischen Rafa und mir abgeht."
"Ach, ja ..."
"Sie wollte mir ihren Cocktail ins Gesicht schütten ..."
"Ach, das traut die sich doch nicht", meinte das Mädchen, "niemals!"
"Im Internet hetzt sie über mich 'rum ..."
"Ja, das kann sie gut", bestätigte das Mädchen, "übers Internet."
"Du meinst, es fällt ihr leichter, sowas über das Internet zu verbreiten, als es den Leuten ins Gesicht zu sagen?"
"Auf jeden Fall. Aber viel weiß ich über sie nicht, ich kenne sie nur flüchtig und lege auch keinen Wert darauf, sie näher kennenzulernen."
Wir unterhielten uns über Das P. Ich meinte, wenn man mit Rafa künstlerisch zusammenarbeite, komme es darauf an, Grenzen zu setzen:
"Absprachen bringen aber nichts, denn Rafa hält sich nicht an Absprachen. Es geht darum, ihm in der jeweiligen Situation Grenzen zu setzen, 'bis hierher und nicht weiter'."
Da Gavin es nicht geschafft hat, Das P. wieder zusammenzubringen, will Les Rafa nun mit W.E im "Zone" auftreten lassen. Das Konzert soll im Herbst stattfinden.
Les erzählte, wenn er in der "Unterwelt" auflege, spiele er jedesmal "Plug and play" von Derek aka Missratener Sohn, aber hochgepitcht, so daß es noch schneller und krachiger wird. Das Stück soll dort ein echter Clubhit sein.
Am Freitag war ich mit Magenta im "Byzanz". Toro erzählte, daß er kürzlich auf einer Homepage gelandet ist, wo ich vor einer Industrieruine zu sehen bin, im Hintergrund ein Typ, der in die andere Richtung schaut.
"Mensch, das ist ja Betty!" habe er gestaunt.
Ich erklärte, er sei auf Constris Homepage gewesen, und das Bild, das er gesehen habe, sei auf dem Gelände eines im Abriß befindlichen Stahlwerks in Ht. entstanden. Der Mann im Hintergrund - Ted - sei ein guter Freund von mir.
Auraleen war mit einem Stand im "Byzanz". Sie bietet Szene-Garderobe in einer hohen Qualität an. Sie meinte, viele Kunden scheuten die Preise, die naturgemäß höher liegen als die Preise für Szene-Garderobe von Herstellern, die weniger hochwertige Mode anbieten.
"Das Beste ist, wenn sie dann mit den kaputten Klamotten zu mir kommen und fragen, ob man das noch richten kann", erzählte Auraleen. "Dann gucke ich, was ich retten kann, und sage:
'Hättest du gleich hier bestellt, hättest du den Ärger nicht.'
Aber sie bestellen doch wieder bei den billigen Anbietern."
Im "Byzanz" gab es auch einen Tattoo-Stand. Claudius und ich unterhielten uns über Tätowierungen. Ich erzählte, daß mir Tattoos höchstens dann gefallen, wenn es sich um zierliche schwarze Tribals handelt, an "klassischen" Stellen, nicht an "peinlichen" Stellen. Als Beispiel nannte ich Magentas Tribal, das sie an der rechten Schulter hat. Ich meinte, die meisten Tattoos engten bei der Auswahl der Garderobe so ein, daß das, was die Leute anziehen, im seltensten Fall mit den Tattoos harmoniere. Das Outfit sehe meistens inkonsequent oder sogar schlampig aus.
Claudius erzählte, daß er mit achtzehn Jahren sein Leben verändern wollte. Ein Symbol dafür war ein kleines schwarzes Tribal-Tattoo am rechten Knöchel. Es sei ihm gelungen, sein Leben zu verändern.
Leander war ohne Clarice im "Byzanz". Er hatte das schmale, halb durchsichtige Kleid an, das er vor zwei Jahren in L. gekauft hat. Er berichtete, daß ein neues Kleid für ihn in Arbeit sei, violett und an den Seiten offen. Fürs Pfingstfestival reiche dieses Jahr sein Geld nicht, Clarice jedoch könne es sich leisten. Sie fahre mit einer Freundin dorthin. Da sie kein Zimmer gefunden hätten, würden sie zelten.
Pattex - mit dem ich Ende Februar eine Bergtour gemacht habe - wollte mich dazu überreden, noch einmal mit ihm zu verreisen. Er zeigte sich dabei so haftend, daß ich auf eine Verabredung mit ihm verzichtete.
Sarolyn erzählte mir einen Traum:

Sie saß mit Clarice auf einer Bank, und Clarice sagte zu ihr, sie habe doch recht gehabt, es sei nicht gut, eine Ehe zu dritt zu führen.

Am Samstag war ich mit Magenta im "Zone". Barnet erzählte, im vergangenen Herbst habe es eine Krise zwischen Rafa und Dolf gegeben. Dolf habe angedroht, die Band W.E zu verlassen, und Rafa habe erwidert:
"Dann geh' halt, dann besorge ich mir eben einen anderen."
Ich erzählte, daß das vermutlich nicht die erste Krise zwischen Rafa und Dolf war. Vor einigen Jahren habe Dolf bereits geplant, ein eigenes Projekt ins Leben zu rufen. Damals soll Rafa kaum noch Ideen gehabt haben, und wenn Dolf ihm Vorschläge machte, soll Rafa sie abgeschmettert haben.
Les stellt mir immer gern Leute vor, so daß ich im "Zone" selbst dann nicht allein bin, wenn ich dorthin komme, ohne außer Les jemanden zu kennen. Dieses Mal stellte Les mir ein Mädchen namens Laurina vor.
"Hallo Legende", begrüßte sie mich. "Hallo Elektro-Betty."
Am Sonntag waren Constri und ich in Kingston und besuchten Rikka. Sie zeigte uns eine Tonskulptur, die sie gemacht hat, kunstvoll bemalt in dramatischem Rot und dunklem Grünbraun. Die amorphe Skulptur soll ihr Herz darstellen, zum Teil heile, glatt und rot, zum Teil zerlöchert, zerfranst und dunkel verfärbt. Constri wog die Skulptur in der Hand und meinte, die sei ganz schön schwer, das könne man sinnbildlich betrachten. Im Sonnenschein fotografierte ich die Skulptur, in Rikkas Hand, mit grauem Asphalt im Hintergrund.
Es war sehr warm. Wir fotografierten uns gegenseitig vor einem Wasserfall im "Zaubergärtchen" neben dem Dom und vor der Außenwand des Doms. Constri und Rikka wollten posierte Fotos, also machten wir überwiegend posierte Scherz-Bilder. Ich erzählte von den Glühwürmchen, die ich vor vier Jahren nachts im "Zaubergärtchen" gesehen habe, und Constri meinte, das sei doch ein Grund, hier Patient zu werden, dann könne man Glühwürmchen beobachten.
Wir machten einen Waldspaziergang und kehrten danach im Domcafé ein. Wir saßen im Freien, neben den Jagdreliefs am Chor des Domes.
Rikka erzählte von ihrem Freund. Als sie ihm mitteilte, daß sie eine stationäre Psychotherapie machen werde, beschwerte er sich, daß sie sich zu wenig um ihm kümmere. Ihr Befinden schien ihn auch nicht eben viel zu kümmern.
Nach unserem Treffen mit Rikka gingen Constri und ich auf die Station, wo ich in Kingston in den letzten Jahren eingesetzt war. Die Station ist im Zuge der Renovierungsarbeiten verlegt worden. Heute, am Sonntag, hatten zwei Schwestern Spätdienst, mit denen ich lange zusammengearbeitet habe, Tamara und Sanja. Wir tranken Kaffee miteinander. Tamara erzählte, daß ihre schwerkranke Tochter inzwischen gestorben ist, Ende August des vergangenen Jahres. Es sei so gewesen, wie ich vorausgesagt hatte: einerseits sei sie traurig, weil die Tochter nicht mehr da sei, andererseits sei sie froh, weil die Tochter nun erlöst sei.
Tamaras Tochter liegt auf dem Friedhof schräg gegenüber von dem Sohn eines Kollegen von Tamara, der bei einem Autounfall starb; es wird vermutet, daß der junge Mann die Absicht hatte, auf diese Weise zu sterben. Sicher ist man sich allerdings nicht.
Ich erzählte von der Reha-Klinik in Bad O., wo ich vor allem ältere Menschen behandle, die einen Schlaganfall hatten. Ich sei bemüht, brav zu wirken, um auf die älteren Leute einen guten Eindruck zu machen. Und ich würde es begrüßen, wenn es mir gelingen könnte, möglichst wenig aufzufallen.
"Das schaffst du nie!" sagten Sanja und Tamara im Chor. "Du fällst immer auf."
"Unser Papillon", sagte Tamara.
Am Donnerstag war ich im "Restricted Area" bei dem Festival mit Sonar, wo auch Timon und Torvil mit ihren Elektro-Projekten auftraten. Als ich hereinkam, war Dirk I. schon da, hinter mir, und tippte mir an die Schulter. Wir knuddelten uns zur Begrüßung.
"Hey, wie geht's?" fragte ich ihn. "How are you?"
"Fine."
"Sonar wird bestimmt wieder geil", sagte ich. "I'm looking forward."
Am Merchandize-Stand traf ich Peter und bekam die "drei belgischen Bussis". Er fragte mich, wie es mir gehe.
"Like always", meinte ich.
"Crazy", folgerte er.
Als ich erzählte, daß ich meine Lebensgeschichte als Roman ins Internet stelle, meinte er, der Begriff "crazy" treffe jedenfalls auf mich zu, allerdings nicht im Sinne von "geisteskrank".
"Not crazy like a madman but like an artist", faßte ich zusammen.
"Yes!" nickte Peter.
Die Sonar-Musiker Dirk I. und Eric van W. hielten sich, ebenso wie die anderen Musiker, kaum im Backstage auf; sie standen zwischen den Leuten im Publikum, wie sie es gewohnt sind. Dirk erzählte, daß er mit Marc V. wieder als "Klinik" auftreten wird, und zwar beim nächsten Sommerfestival in HI. Ich wandte ein, daß es dort desaströse Toilettenverhältnisse gebe und daß man nur zweierlei Wetter erwarten könne - entweder sengende Hitze oder strömenden Regen. Dirk wandte ein, daß Marc und er im Hangar spielen werden, wo man vor dem Regen geschützt ist. Ich wandte ein, daß dort ein ziemliches Gedränge herrschen werde und daß man dort sicher keinen Platz zum Tanzen finden werde.
Zur Aftershow-Party konnte ich nicht mehr im "Restricted Area" bleiben, weil ich am Morgen arbeiten mußte.
Am Freitag war ich im "Mute". Herr Lehmann und Darienne waren da, Rafa nicht. Darienne hielt sich meistens nebenan im "Maximum Volume" auf; ich sah sie kaum. Herr Lehmann wanderte zwischen den Locations hin und her. Er meinte, die Musik gefalle ihm heute nicht. Mir gefiel sie sehr. Es gab rhythmusbetonte und auch härtere elektronische Musik, darunter "We come in peace" von VSB, "Achtung" von Terrorfakt und "Schwarzer Mann" von Terminal Choice.
Timon war auch im "Mute". Er schwärmte er von der Aftershow-Party im "Restricted Area".
"Dirk I. ist sechsundvierzig Jahre alt und sieht so knusprig aus", meinte ich.
"Nimm' doch Dirk, der ist doch allemal besser als so ein Rafa", riet Timon. "Ach, Dirk ist doch verheiratet, nicht?"
"Ja, erstens ist der verheiratet, und zweitens geht es mir nicht um Eigenschaften, sondern um ein Individuum", erklärte ich. "Ich finde Dirk süß, aber ich würde ihn nicht heiraten. Es gibt viele, die ich süß finde, aber ob man jemanden liebt, steht auf einem anderen Blatt."
Cyra erzählte, die Party im "Restricted Area" sei vor allem zu vorgerückter Stunde sehr lustig gewesen. Mit allen Belgiern - Peter, Eric und Dirk - war Cyra auf der Tanzfläche.
"Wenn der Pegel steigt, kann man Dirks Belgisch-Englisch immer schlechter verstehen", hat Cyra festgestellt. "Dann ist es besser, mit ihm zu tanzen, dabei braucht man nicht zu reden."
Andras war heute auch im "Mute" und erzählte, daß seine Freundin wenig Verständnis dafür habe, daß er an Depressionen leidet und dagegen etwas einnimmt. Dabei schütze ihn das antidepressive Medikament vor dem Impuls, alles kurz und klein zu schlagen.
Sasa war in einem ausgeschnittenen schwarzen Hängerkleidchen im "Mute". Sie hatte einen Begleiter, der verlebt wirkte, wie ein langjähriger Trinker. Sasa war ein Jahr lang in Australien. Was sie jetzt beruflich machen will, weiß sie noch nicht. Ich erzählte von meiner Internetseite.
"Mach' ein Buch", bat Sasa.
"Das geht nicht", meinte ich. "Das ist so umfangreich, das wäre in der Herstellung zu teuer, das könnte sich keiner kaufen. Außerdem würde kein Verlag sowas drucken, denn das ist nicht trendy."
"Oh doch!"
"Für die Kunden, für die ist das trendy, aber nicht für die Verlage. Die Verlage wollen nur entweder Genreliteratur oder Elfenbeinturm. Und ich passe weder in das eine noch das andere, ich erzähle einfach nur. Es ist eigentlich eine Klatschgeschichte."
Als Kappa sich erkundigte, wie es mir gehe und was ich so mache, erzählte ich, ich hätte mit meiner Langzeitstudie zu tun.
"Ach, ich weiß", nickte Kappa.
Ich berichtete, daß "Im Netz" - meine "Langzeitstudie" über Rafa - im Internet viel besucht wird.
"Angel macht auch gut Werbung", erzählte Kappa. "Ace und Zara, Cyrus und seine Frau, die lesen das alle. Zum Vatertag waren sie bei uns, da waren wir alle versammelt, ohne die Kinder, nur die Alten."
Kappa meinte, vorwiegend würden die Frauen die Geschichte lesen und ihren Männern erzählen, was darin stehe. Vieles, was ich über ihn selbst geschrieben hätte, stimme freilich nicht. Ich bat ihn, mir die Fehler mitzuteilen; ich wolle die gern berichtigen. Kappa betonte, daß er nicht mit Rafa im Bett gewesen sei. Ich sagte ihm, das hätte ich schon erwähnt, daß das nicht der Fall gewesen sei. Rafa erzähle viel, wenn der Tag lang sei.
Kappa bewohnt mit seiner Familie jetzt das gesamte Haus seiner verstorbenen Großmutter. Vorher hatten sie in der Mansarde gelebt. Sie haben noch eine Belastung abzuzahlen, die in etwa einer Miete gleichkommt.
Kappa erzählte, daß Edaín mit der Planung ihrer beruflichen Zukunft beschäftigt ist. Sie ist früh zu Hause ausgezogen, ähnlich wie Sheryl, und da ging es vor allem ums Überleben und Geldverdienen. So blieb die Ausbildung vorerst auf der Strecke.
Ähnlich erging es Evelyn. Auch sie zog früh zu Hause aus und legt noch heute das Gewicht aufs tägliche Überleben.
Von Ace wußte Kappa zu berichten, daß er inzwischen wieder eine Radiosendung moderiert. Der Verlust seiner früheren Stelle als Moderator liegt acht Jahre zurück.
Am Samstag feierten Siro und Dane gemeinsam in Siros Wohnung ihre Geburtstage. Die Parties bei Siro sind immer gut besucht, ich treffe dort viele Bekannte. Dieses Mal war auch Isis da, der es gelungen war, ihren Mann zum Mitkommen zu bewegen.
Nachts fuhr ich zum "Byzanz" und nahm Corey mit, einen Bekannten von Brandon. Corey erzählte, ihm falle es schwer, Beziehungen zu führen, ohne daß es zermürbende Streitereien gebe. In seiner Herkunftsfamilie habe er sich immer verteidigen müssen und glaube nun, sich auch in einer Beziehung immer verteidigen zu müssen. Er neige dazu, der jeweiligen Freundin vorzuwerfen, ihn einzuengen, auch wenn das nicht der Fall sei.
Als Corey und ich ins "Byzanz" kamen, meinte Cyra, ich würde gerade zur rechten Zeit erscheinen, jetzt wolle sie eine Runde Krach spielen.
Auf der Tanzfläche begrüßte mich Cisco, den ich aus dem "Keller" kenne. Er fragte mich, weshalb ich nicht beim W.E-Fanclub-Treffen sei. Ich antwortete, das Treffen finde weit weg von H. statt, die Fahrt sei beschwerlich. Dies konnte Cisco bestätigen. Ich setzte hinzu, ich sei ohnehin nicht sicher, ob Rafa mich bei dem Treffen sehen wolle.
"Rafa will keinen Menschen an seiner Seite, sondern ein Objekt", meinte ich. "Er will nur Freundinnen, die ihn anhimmeln und sonst nichts zu sagen haben."
"Dazu fällt mir Berenice ein", sagte Cisco. "Aber die hatte wohl auch die Schnauze voll."
"Ja, die hatte die Schnauze voll."
Gegen Morgen saß Corey mit einem Mädchen namens Marla an der Bar. Marla fragte mich, ob ich ihr einen Rat geben könne:
"Was macht man dagegen, daß man immer wieder mit den falschen Männern zusammenkommt?"
"Am wichtigsten ist, daß man sich selbst mag", meinte ich. "Daß man sich selbst wirklich annimmt, wie man nun einmal ist."
"Ja, eben das ist das Problem."
"Wenn man sich sagen kann, so wie ich bin, bin ich richtig, strahlt man ein ganz anderes Selbstwertgefühl und Selbstbewußtsein aus, als wenn man glaubt, ach, ich bin so klein und dumm und häßlich, mich mag doch sowieso keiner."
"Du sprichst mir aus der Seele."
"Und wenn man mehr Selbstbewußtsein ausstrahlt, zieht man auch andere Männer an. Wer wenig Selbstbewußtsein hat, zieht oft Männer an, die auf einen herabsehen."
Darienne präsentiert sich in ihrem Profil bei der Online-Szene-Kontaktbörse auf einem Foto mit Rafa im Regen auf einer Kanalfähre. Sie kommentiert das Bild schwärmerisch:

... to the moon and back ...!!!
irgendwo zwischen dover und calais ... :)

Das Bild scheint von drinnen nach draußen durch eine Fensterscheibe aufgenommen worden zu sein. Rafa posiert neben Darienne seltsam unbeteiligt, sie hingegen strahlt voller Stolz.
In ihrem Profil beantwortet Darienne die Frage "Was ist Dir im Leben am wichtigsten?" wie folgt:

... dieser eine, der mich so furchtbar glücklich macht :) - Musik - Plastik - eingeschränkte Unabhängigkeit - und vor allem L-E-B-E ...

Ob sie "Lebe" oder "Liebe" meint, ist fraglich. Was sie mit "eingeschränkte Unabhängigkeit" meint, ist ebenfalls fraglich.
Darienne scheint sich in einem Märchenschloß zu wähnen, geküßt vom Glück. Diese Illusion zu erzeugen ist für Rafa ebenso Routine wie das Aquirieren und Fallenlassen von Bettgespielinnen.
Die Dreiecksbeziehung von Clarice, ihrem Mann Leander und dessen Geliebter Kendra ist mittlerweile zerbrochen. Kendra hat mit Leander Schluß gemacht. Daraufhin verließ Leander Clarice, mit der Begründung, durch seine Liaison mit Kendra habe er festgestellt, daß er Clarice nur wie eine gute Freundin liebe, nicht wie eine Ehefrau. Leander wohnt noch bei Clarice, sie will ihn aber in der nächsten Zeit hinauswerfen.
Wir hatten Besuch aus S. Bei meiner Mutter gab es ein Kaffeetrinken, an dem unter anderem Lisa mit ihren Kindern und Lana mit ihrer Tochter Raya teilnahmen. Ida und Raya fuhren Crash-Wettrennen mit einem Bobby-Car und einem Laufrad. Sie stießen immer wieder frontal zusammen und lachten über ihre Blessuren. Denise gab ihnen noch zusätzlich Schwung.
Die zweijährige Denise kann sich schon recht gut verständlich machen. Wenn sie ein Gummibärchen haben will, kommt sie mit ihrem Gesicht nah an Constris heran, streckt ihr mit großen, bittenden Augen die Hände entgegen, legt die Spitzen der Zeigefinger aneinander, nickt erwartungsvoll mit dem Kopf und sagt:
"Ein Gummibede, dann it alle."
Das soll heißen:
"Gib mir nur ein Gummibärchen, dann will ich auch kein weiteres."
Sie unterstreicht:
"Nit piele ham. Nur ein Gummibede, dann it alle."
Das soll heißen:
"Ich will nicht viele haben. Nur ein Gummibärchen, dann will ich auch kein weiteres."
Wenn sie das Gummibärchen bekommen hat, sagt sie:
"Mal ein, dann alle."
Das soll heißen:
"Gib mir nochmal ein Gummibärchen, dann will ich auch kein weiteres."
Wenn Derek ihr Bonbons gegeben hat und ihr schließlich mitteilt, daß die Bonbons alle sind, weiß Denise gleich, was zu tun ist:
"Nane kaude, Tanke gehn."
Das soll heißen:
"Zur Tankstelle gehen, neue kaufen."
Ähnlich geht Denise vor, wenn sie mit den winzigen Schühchen spielen will, die zu den Barbie- und Shelley-Puppen gehören. Constri weiß, wie schnell solche Schuhe verloren gehen können, deshalb gibt sie sie ihrer Tochter nur manchmal kurz zum Spielen und sammelt sie rasch wieder ein. Denise reicht das meistens nicht, und sie kommt dann mit ihrem Gesicht immer näher an Constris heran und flüstert:
"Nur eimal kurt ham, dann it alle. Nur eimal kurt ham. So mattet. O.k.?"
Das soll heißen:
"Nur einmal kurz haben, dann ist es genug. Nur einmal kurz haben. So machst du es. O.k.?"
Denise behandelt ihre Puppen wie Familienmitglieder und geht sehr fürsorglich mit ihnen um. Kürzlich hat sie sich selbst und ihre Sandmännchen-Puppe im Flur mit dem Fußabtreter zugedeckt und der Puppe Schlaflieder vorgesungen.



Das Pfingstfestival in L. kam heran und damit einige Unklarheiten. Weil Sarolyns Mann Victor kurz von dem Festival krank wurde und Sarolyn nicht wußte, ob sie dorthin fahren würden, gab sie mir Ray mit und einen roten Umschlag, den ich Ray nicht zeigen sollte. Ray und ich kamen spätabends im Hotel an. Morgens trafen wir Sarolyn, Victor und Cindia beim Frühstück. Wir unterhielten uns über die Festival-Karten, die dieses Jahr die Form einer Statue haben und reliefartig gestaltet sind. Entwertet werden die Karten, indem der Statue der Kopf abgerissen wird. Ich meinte, man könnte als Eintrittskarten auch Billig-Barbies für 99 Cent nehmen und sie zum Entwerten guillotinieren. Sarolyn meinte, in den Hals der Puppen könnte man eine Blutkapsel einbauen.
"Victor hat ja früher seine Legomännchen guillotiniert", erinnerte ich und neckte ihn:
"Er hat schon geübt für seinen heutigen Beruf als Henker, den er mit Begeisterung ausübt. Sein Hobby ist Rasenmähen, er fällt aber auch ganz gerne mal einen Baum oder beschneidet Obstgehölze. Und er hackt auch gerne Holz."
Weil Sarolyn und Victor nun doch beim Festival waren, gab ich Sarolyn den roten Umschlag wieder, freilich ohne ihn Ray zu zeigen. Wie Sarolyn mir später verriet, enthielt er eine Notrücklage für Ray. Er sollte davon nichts wissen, damit er das Geld nicht leichtfertig ausgab.
Wie immer waren die Kostüme eines der Highlights auf dem Festival. In der Messehalle mit den Verkaufsständen gab es einen wahren Jahrmarkt der Eitelkeiten. Dort flanierten die Leute, um zu sehen und gesehen zu werden, und sie führten ihre kunstvoll gestalteten Schöpfungen vor. Einer hatte um seinen Hals einen Strick baumeln, als wäre er vom Galgen geschnitten worden.
An einem Stand gab es industriell gestylten Schmuck aus Stahl und Aluminium. Ich kaufte ein Halsband aus Aluminium, das mit Drahtseilen und einer Schraube verziert ist. Es gab sogar ein Korsett aus Stahl. Das ist freilich zum Tanzen ungeeignet, wegen mangelnder Bewegungsfreiheit.
Cyra traf ich auch in der Messehalle, sie verkaufte an dem Stand eines Musikvertriebs CD's und Merchandize-Artikel. Ihr machte dieser Job viel Spaß, weshalb es ihr nicht so schwer fiel, auf die Konzerte zu verzichten, die sie deshalb nicht mitbekam.
Nachmittags tranken Cindia, Ray und ich Kaffee und Tee im Frühstücksraum des Hotels. Das Wetter war ungemütlich, und wir konnten uns mit den Heißgetränken gut aufwärmen.
Abends traf ich in der Messehalle Diddo und ihre Freundin Lone. Sie waren aufwendig gestylt, mit blauen Kunsthaaren, in die Plastikschnüre und Moosgummistreifen eingearbeitet waren. Ein Mädchen kam dazu, das trug ein Outfit in Lila und zierlich geflochtene, mit vielen Plastikbändern und Kunsthaaren verschönerte Zöpfe in verschiedenen Lila-Tönen, die oben auf dem Kopf von zwei Spangen zusammengehalten wurden; das waren Nietenarmbänder, die mit lila Fleece bezogen waren. Ihr Minikleid war ebenfalls aus lila Fleece gearbeitet, unten am Saum hatte es zur Zierde schwarze Klick-Schließen aus Plastik. Kleid und Haarspangen hatte die Oma gemacht, die ist Schneiderin. Ein weiteres Mädchen kam dazu, das hatte sich ein schrilles rotweißes Outfit im Krankenschwestern-Look gebastelt.
Zu meinem silbrigen langen Rock trug ich die Sachen, die ich am Vortag in der Messehalle gekauft hatte: ein Korsett aus weichem Denim in rotschwarzem Schnörkel-Dekor, mit Lackeinfassung und Straß-Reißverschluß, dazu ein filigranes Collier aus glitzernden anthrazitfarbenen Plastikperlen und lange schwarze Abendhandschuhe.
Zu uns gesellten sich noch mehr Gestylte, und wir wurden viel fotografiert, auch von einem Mädchen namens Azura, das uns das Foto schicken wollte. In unserer Nähe versammelten sich Leute in historischen Kostümen, darunter mehrere Mädchen in kunstvoll bestickten Kleidern im Stile von Elizabeth I. mit Reifröcken, steifen Halskrausen, doppelten Puffärmeln, perlenverzierten Hauben und Tüllschleiern. Vor allem sie waren begehrte Objekte der Fotografen.
An einem Stand, wo es CD's gab, fragte ich, wie sich Missratener Sohn verkaufe. Ich erfuhr, daß sich die CD's von Derek recht gut verkaufen, kürzlich soll sogar ein Regalfach leer geworden sein.
Lone sagte zu mir, meine Internetseite sei kalt, aber schön. Vor allem von den Fotos sei sie begeistert. Als sie angefangen habe, den Roman "Im Netz" zu lesen, habe sie den Eindruck gehabt, der höre gar nicht mehr auf, da sei immer mehr und mehr Text.
"Das sind ja auch schon 3000 Seiten", sagte ich. "Es erleichtert mich, wenn die Geschichte nicht langweilig ist."
"Das ist sie bestimmt nicht."
Das Mitternachts-Special in der großen Konzert-Area der Messehalle waren Visage. Während ihres Auftritts bemängelten viele Gäste, daß der Sänger Steve Strange betrunken war und daß die Band playback spielte. Bei Steve Strange soll ein Alkoholproblem bekannt sein.
Ein modisches Highlight begegnete mir im Publikum bei diesem Konzert. Es war ein Gürtel, den ein Junge um die Hüften trug. Der Gürtel war ein Schriftband, wie man es als Leuchtreklame kennt, mit vorbeilaufenden rot leuchtenden Buchstaben, auf das Sprüche oder Ankündigungen geschrieben werden. Auf dem Gürtel lief immerzu der rot leuchtende Spruch vorbei:

ONE OF GOD'S OWN PROTOTYPES NEVER INTENDED FOR MASS PRODUCTION

Ich fragte den Jungen, wo er den Gürtel herhatte. Der Junge lebt in den USA und hatte den Gürtel online bei einem Hip Hop Shop bestellt. Die Gürtel können mit jedem Spruch geliefert werden, den man sich wünscht. Sie kosten etwa 50 Dollar.
Victoire traf ich ebenfalls auf dem Konzert. Sie und ihre Begleiter wurden danach von mir mitgenommen und vor dem Hotel abgesetzt, wo sie wohnten. Von ihnen konnte mir auch keiner sagen, weshalb Rafa vor mir Angst haben kann, obwohl ich ihn nicht beeinflussen kann und nichts an seinem Lebensstil verändern kann.
"Rafa könnte den Engel der Seligkeit haben", meinte Ray, den ich auch mit im Auto hatte, "und er wählt immer wieder den Teufel."
"Der Teufel wäre dann aber nicht Darienne", meinte ich, "sondern das Destruktive in seinem Verhalten."
Am Sonntag gab es im "Blendwerk" Konzerte von Industrial-Bands, die ich alle mag, nur ist die Halle, wo sie auftraten, nicht groß genug, um zu der Musik tanzen zu können. Industrial-Konzerte werden immer beliebter, und die Leute drängten sich vorm "Blendwerk". Wäre ich nicht so zeitig dort gewesen, hätte ich in einer langen Schlange warten müssen oder wäre gar nicht mehr eingelassen worden.
Im "Blendwerk" traf ich Barnet, Heloise und Felicity, die vierzehnjährige Tochter der beiden. Felicity trug ein Lackröckchen mit lila Plüschborte, und ich fand, daß sie sehr süß darin aussah.
Eine Gruppe von Leuten bestaunte ich, die trugen Outfits in beigefarben schimmerndem Kunstleder, verziert mit goldenen Ornamenten. Unter dem Manga-Röckchen eines der Mädchen schaute neongrüner Tüll hervor. Die Haare hatten die Leute durch grüne Kunsthaare ergänzt, und grüne Plastikschnüre waren hineingebunden. Passend zu der Farbkombination war das Makeup in Gold und Grün gehalten.
Auch Diddo und Lone traf ich im "Blendwerk". Diddo trug ein weißes Outfit, das heißt, sowohl die Haare als auch Garderobe und Schuhe waren in Weiß gehalten, aus unterschiedlichen Materialien und mit unterschiedlichen Verzierungen.
Ein Junge aus San Francisco, der seit Kurzem in Deutschland lebt, bewunderte mein Abendkleid mit der glitzernd bestickten Corsage und der Spitzenpelerine. Ihm gefiel auch meine Frisur. Ich hatte wie sonst in diesen Tagen meine Haare zu einem Knoten zusammengerafft und das Haarteil mit den langen Kordelzöpfchen daran befestigt und ein Ziergummi mit blütenblattähnlich darangeknoteten Organzabändern. An den Knoten hatte ich Spitzenbänder und Satinbänder gesteckt.
Mit dem Jungen unterhielt ich mich über die räumliche Enge im "Blendwerk", die es unmöglich machte, so zu tanzen, wie ich gerne tanze. Er meinte, für ihn sei genug Platz, mit einer Schrittweite komme er aus.
Beim Konzert von MS Gentur wurde es mir endgültig zu voll im Saal. Ich ging in den Hof, wo ein Grill aufgebaut war, und wärmte mich an der Glut. Clarice begrüßte mich, verwegen gekleidet mit gelben Techno-Smilies auf schwarzem Grund. Sie erzählte, daß sie Leander eine Schonfrist gegeben hatte bis nach dem Festival. Danach müsse er sehen, wo er bleibe. Sie wolle nur noch zahlende Mitbewohner haben. Wenn es Leander gelänge, in Lohn und Brot zu kommen, würde er dieses Kriterium erfüllen.
Zuerst sei sie sehr verletzt gewesen, als Leander sich von ihr getrennt habe. Inzwischen jedoch fühle sie sich befreit. Sie müsse niemanden mehr durchfüttern, der es ihr nicht lohne.
Clarice und ich aßen am Grill Abendbrot. Ich holte mir Steak, Bratwurst und Afri-Cola. Als Xotox auftraten, ging ich wieder nach drinnen.
Xotox warfen Leuchtstäbchen ins Publikum. Ein Junge gab mir seines, als ich es bewunderte. Ich steckte es mir ins Haar.
Nach dem Konzert von Xotox fuhr ich zur "Bühne im Park", wo Rafa auftrat. Die erste Hälfte seines Konzerts war schon vorbei, als ich anlangte. Ein Mädchen stand grell geschminkt und grell gestylt in der ersten Reihe und ruderte so heftig mit dem Armen, daß es einem Boygroup-Fan alle Ehre gemacht hätte. Ich mische mich ungern unter die allzu begeisterten Fans.
Nach dem Konzert half Rafa beim Abbauen, mit getönter Brille. Er hatte sein langärmeliges blaugraues Batik-T-Shirt an und darüber eine schwarze Weste. Weil die Saalordner die Location schlossen und ein Absperrband zogen, konnte ich Rafa nur aus der Ferne betrachten. Ob er mich gesehen hat, ist sehr fraglich.
Vorm "Blendwerk" war die Schlange inzwischen so lang, daß ich nicht mehr hineingehen wollte. Ich verzichtete auf das Konzert von Dive, fuhr zur Messehalle und bummelte zwischen den Ständen. Dort traf ich Ray, Onno, Endera und Revil, und wir plauderten und zogen gemeinsam herum.
Human League traten nach Mitternacht in der Konzert-Area der Messehalle auf und spielten ihre beliebtesten Stücke. Ich traf Victoire. Wie ich hatte sie auf das Konzert von Dive verzichtet, weil es ihr im "Blendwerk" zu voll gewesen war. Ich schlug vor, sie könne als Trost ein wenig mit Dirk I. plaudern, da er anwesend sei und ich wisse, wo man ihn finde. Victoire gefiel der Vorschlag, und ich stellte ihr Dirk vor. Die beiden unterhielten sich eine Weile. Eric zupfte mich an der Schulter, als Human League "Sound of the crowd" spielten, für ihn wie für mich ein Lieblingslied von Human League, und wir tanzten, gemeinsam mit Peter, der ebenfalls ein alter Fan von Human League ist. Wir tanzten nach dem Stück weiter, bis das Konzert zuende war. Das Publikum war voller Begeisterung. Ich mag vor allem die Nostalgie in der Musik.
Am Pfingstmontag hatte Sarolyn Geburtstag. Zum Frühstück brachte ich ihr das Geschenk von Ray, Cindia und mir, den "Pfingstboten", das kunstvoll gebundene und gestaltete Buch zum Festival.
Im Frühstücksraum traf ich Tamina, die schon längere Zeit von Hagan getrennt ist, aber noch immer Ärger mit ihm hat. Er soll ihr gegenüber Morddrohungen äußern. Anscheinend nimmt er Tamina als sein Eigentum wahr, als Sache, die nicht das Recht hat, sich von ihm abzuwenden.
In der Morgensonne machten Sarolyn, Victor, Ray und ich Fotos in einer Ruine im Innenhof des Hotels. Wir hatten uns alle schon zum Feiern angekleidet. Ich trug das neue Korsett. Sarolyn trug eine schwarze Satinjacke mit feiner roter Stickerei, Zweige und Blüten. Dazu trug sie einen langen schwarzen Rock, der an einer Seite einen Banddurchzug hat. Victor und Ray waren in martialischem Schwarz gekleidet. Ich glaube, so verwegene Fotos habe ich von ihnen selten gemacht.
Um die Mittagszeit besuchte ich Hendrik, der in einem Dorf in der Nähe von L. einen ehemaligen Gasthof restauriert und für sich zu einem Wohnhaus umbaut. Viel Arbeit ist schon getan. Das Obergeschoß hat Hendrik abgerissen und durch ein Ziertürmchen ersetzt, das als Wetterfahne die Rune der Tüchtigkeit trägt. Den alten Tanzsaal hat Hendrik ebenfalls abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, wo sich ein großzügiges Wohnzimmer über zwei Etagen befindet. Einen Kaminofen gibt es dort und eine Treppe ohne Geländer, die gesäumt ist von Teelichthaltern. Vor dem Hauseingang hat Hendrik die Tüchtigkeits-Rune als Mosaik auf den zuführenden Weg durch den Vorgarten gepflastert. Hinterm Haus gibt es eine Terrasse, dort setzten wir uns, und Hendrik servierte Cappuccino. Wir knuddelten Hendriks Kater, der ihm zugelaufen ist und den er "SARS" genannt hat. Hendrik erzählte von seiner russischen Freundin Aglaia. Er hatte überlegt, sie zu heiraten, ist sich aber nie sicher gewesen, ob ein solcher Entschluß der richtige wäre. Aglaia verlasse sich sehr auf seine Möglichkeiten, sie zu versorgen, und unternehme wenig, um in Deutschland beruflich Fuß fassen zu können. In den vergangenen Tagen habe er während eines Kurzurlaubs in Polen eine Frau kennengelernt, die ganz anders geartet sei; sie führe ein kleines Unternehmen und sei eine "Frau der Tat". Ob die ihn nun aber als Ehemann wolle und ob man sich trotz großer räumlicher Entfernung über ein Zusammenleben einigen könne, sei noch völlig ungewiß.
Auch Hendrik stellte ich die Frage, wie Rafa Angst vor mir haben könne, obwohl er mich meiden könne, wenn immer er wolle.
Hendrik meinte, es könne sein, daß Rafa eigentlich vor sich selbst davonlaufen wolle. Und es könne sein, daß Rafa etwas verdrängt.
Rafa lebe in seiner eigenen Welt, man könne sie als Traumwelt oder als "inneres Universum" bezeichnen. Auch ich hätte mein "Universum", und Rafa fürchte sich vor dem Kontakt zu diesem Universum, weil dadurch sein eigenes infrage gestellt werden könne.
Rafas Furcht vor mir könne, so überlegte Hendrik, damit zusammenhängen, daß ich in seiner eigenen Welt eine bestimmte Rolle spielen würde, die Rolle des "Feindes".
Nachmittags waren Hendrik und ich beim Mittelalter-Markt auf der historischen Bastei im Stadtzentrum. Wir setzten uns an einen Tisch - mit Crêpes, Met und Holunderblüten-Federweißer - und beobachteten die Vorbeiziehenden. Unter ihnen waren Scilla und Jeremy, die ich aus dem "Zone" kenne. Sie erzählten, daß sie mit ihrem Hund aus einer Wohnung ausgezogen sind, wo Hunde nicht erlaubt waren, und sie seien mit ihrer jetzigen Wohnung sehr zufrieden.
Auf dem Weg zurück kamen Hendrik und ich an einer Baustelle vorbei, wo vor einem Gebäude eine tiefe Grube ausgeschachtet war, die die unterirdischen Stockwerke freilegte. Ich betrachtete die grauweißen Betonwände dort unten und lauschte den dumpfen Beats, die aus der Tiefe heraufdrangen.
"Rafa macht Soundcheck", sagte ich zu Hendrik und ging in die Bastei hinunter, um nachzuschauen, ob es stimmte. In dem hinteren der beiden Innenhöfe fand ich eine Glasscheibe, durch die sah ich in den Kellerraum, wo sich die Bühne befand. Ich hörte Rafas Stimme, sah ihn aber nirgends. Dolf stand allein auf der Bühne, hinter ihm war eine Leinwand.
Abends war ich wieder in der Bastei. Sarolyn gab anläßlich ihres Geburtstags eine Runde aus. Wir aßen in der Bastei zu Abend, denn dort gibt es abwechslungsreiche mediterrane Gerichte, die wenig kosten. Nach dem Abendessen wollte ich in den Kellerraum hinübergehen, wo Rafa auftreten wollte und wo vor ihm einige andere Bands aufgetreten waren. Der Weg dorthin war versperrt durch eine mehrreihige Schlange, die durch das gesamte Kellergeschoß der Bastei lief, Hunderte von Leuten konnten es sein. Die Konzert-Location bot so wenig Platz, daß die Leute unmöglich dort hineinpaßten. Ich ging durch die beiden Innenhöfe und kam auf diesem Umweg an den Anfang der Schlange. Die Türsteher ließen nach und nach einige Leute durch die Tür, und so gelangte ich auch in den Kellerraum. Ich stellte mich links vor die Bühne, ganz vorn, und schaute Rafa zu, wie er Kabel einsteckte. Er trug eine getönte Brille, die er während der Nacht nicht mehr absetzte. Ein Austausch von Blicken war nicht möglich; Rafa verhinderte es auch dadurch, daß er nur nach unten oder vom Publikum wegsah.
Zu Beginn des Konzerts verschwand Rafa. Dolf stand mit dem C64 in der Mitte der Bühne, rechts und links standen Tyra und Lucy. Vor einer großen Leinwand war eine Videokamera aufgestellt, die ins Publikum gerichtet war, allerdings befand ich mich nicht im Blickfeld der Kamera. Rafa zeigte sich nur auf der Leinwand und sang live, aber übertragen von einem anderen Raum. Die Kamera ermöglichte ihm, das Publikum zu beobachten, mich freilich ausgenommen.
Angedeutet klatschte ich zu "Tanz eiskalt", weil dieses Stück die Beziehung zwischen Rafa und mir beschreibt und weil ich darin eine gewisse Aufrichtigkeit finde. Ansonsten verzichtete ich auf Beifall, weil ich denke, daß Rafas Verhalten keinen Beifall verdient. Außerdem gibt es genug Leute, die ihm zujubeln. Heute gab es mehrere Stagediver.
Rafa nahm per Ton- und Bildübertragung Kontakt zum Publikum auf, als würde er davorstehen. Er bedankte sich dafür, daß die Leute sich das angetan hätten, sich hier zusammenzuquetschen.
Die Idee mit der indirekten Performance fand ich interessant, jedoch für mich war sie ein Nachteil, weil ich dadurch noch weniger Gelegenheit hatte, mit Rafa Blickkontakt aufzunehmen, als es sonst bei Live-Konzerten der Fall ist.
Als "Starfighter F-104G" gespielt wurde, segelten weiße Papierflieger ins Publikum. Ich stand regungslos vor der Bühne und kümmerte mich nicht um sie. Von hinten stieß ein Flieger an meinen Kopf, flog über mich hinweg und blieb in meiner halb geöffneten Faust stecken.
"Nun gut, dann habe ich jetzt auch einen", dachte ich mit einem Seufzen.
Immer wenn Rafa bei seinen Konzerten "Starfighter F-104G" vorträgt, läßt er Papierflieger ins Publikum werfen. Viele Fans versuchen, einen dieser Flieger zu erhaschen, sie gelten als begehrte Trophäen.
Nach "Starfighter F-104G" kam Rafa endlich auf die Bühne und erklärte, eigentlich habe er gar nicht vorgehabt, einen der Titel zu spielen, die er schon am Vortag gespielt habe. Das konnte nicht stimmen, denn beim Soundcheck am Nachmittag hatte er auch den Soundcheck für "Starfighter F-104G" gemacht, und die Papierflieger waren zu Beginn des Konzerts von Tyra hinten auf die Bühne gelegt worden.
Rafa blieb vorne und trug noch einige W.E-Stücke vor. Wenn er mir das Gesicht zuwandte, konnte ich nie sicher sagen, ob er mich wahrnahm.
Nach dem Konzert half Rafa beim Abbauen. Immer noch schaute er durch mich hindurch und tat so, als sei ich nicht da. Einmal beugte er sich zu einem Pärchen, das ihn über seine Video-Show befragte, und erklärte ihnen auf englisch, daß er in einem Nebenraum gesungen hatte und über einen Monitor das Publikum betrachten konnte, auf das die Videokamera auf der Bühne gerichtet war:
"I could see you."
Während Rafa mit dem Pärchen sprach, stand ich in der Nähe; Rafa tat aber so, als würde er mich nicht bemerken.
Als ich mich links von der Bühne auf eine Bank setzte, saß neben mir einer, der erkundigte sich, ob ich darauf wartete, von Rafa ein Autogramm auf den Papierflieger zu bekommen.
"Nein, Autogramme habe ich genug", antwortete ich. "Ich kenne ihn seit zwölf Jahren."
Ich erzählte, daß es vorkommt, daß Rafa und ich uns unterhalten und daß es auch vorkommt, daß er so tut, als würde er mich nicht kennen.
"Und was für eine Phase ist jetzt?" fragte der Fremde, der aus der Schweiz kommt.
"Er guckt durch mich hindurch", sagte ich. "Dabei weiß er genau, daß ich hier bin."
Ich schilderte, wie Rafa und ich uns kennengelernt haben, unabhängig von seinem Dasein als Musiker. Rafa habe sich damals in mich verliebt.
"Und wie war das von deiner Seite aus?" erkundigte sich der Schweizer.
"Das war immer gegenseitig", antwortete ich, "nur - ich komme damit klar und er nicht."
Als ich den Schweizer fragte, warum Rafa Angst vor mir haben könnte und warum Rafa glauben könnte, sterben zu müssen, wenn er sich mir aussetzt, meinte er, daß es für Rafa eine Veränderung darstelle, wenn er sich mit mir befasse, und die bedeute in Rafas Wahrnehmung dasselbe wie den Tod, im Grunde also den Tod seines bisherigen Images, den Tod seines bisherigen Wertsystems und seiner Lebenseinstellung.
In der Bastei gab es für beinahe jeden Musikstil der Szene einen Saal. In der Location, wo die Konzerte stattgefunden hatten, wurde Industrial-Techno aufgelegt. Mit einigen Leuten tanzte ich vorm DJ-Pult auf der Bühne. Das machte mir viel Spaß, vor allem weil ich dort oben etwas mehr Platz hatte als auf der Tanzfläche. Unter anderem liefen "Disco Buddha" und "Labyrinth" von Monolith, "Hostage" von Sonar, "Another kind of being" von Asche und "We have explosive" von The future sound of London. Nach etwa zwei Stunden verließ ich den Saal, um mir etwas zu trinken zu holen. Dafür mußte ich durch das obere Foyer gehen, wo es Nischen gibt mit Tischen und Bänken. Mitten im oberen Foyer befindet sich eine Tanzfläche. Der Weg durchs Foyer ist uneben und verläuft treppauf und treppab. Gerade lief "Eisbär" von Grauzone, und viele Gäste tanzten auf den Tischen. Als ich im Gedränge treppauf ging, schob sich eine Gestalt in Lederjacke langsam an mir vorbei, Berührung wurde von der Gestalt in Kauf genommen und fand statt. Bei der Gestalt handelte es sich um Rafa. Als er sich ein Stück in meine Richtung umdrehte, weil jemand, den er wohl kannte, auf ihn zuging, legte ich meine Arme um Rafa und begrüßte ihn:
"Hey, das ist ja schön, dich endlich mal wiederzusehen."
Rafa wand sich hastig aus der Umarmung und sagte ebenso hastig:
"Nerv' mich jetzt bloß nicht, hau' bloß ab."
Ich setzte meinen Weg fort. Nachdem ich ein großes Glas Wasser getrunken hatte und mich im Bad nachgestylt hatte, ging ich wieder in das Foyer. Als ich auf dem Weg durchs Foyer eine der Treppen hinunterstieg, stand Anwar vor mir und reichte mir den Arm, um mich zu geleiten. Ich fragte nach, ob er wirklich Anwar sei und ich ihn richtig erkannt hätte. Er bestätigte dies.
"Schön, dich mal wiederzutreffen", sagte ich.
"Dabei will ich dir nur die Hand reichen, um dich die Treppe 'runterzuführen, weil ich den Eindruck habe, daß du da nicht mehr so gut 'runterkommst", erklärte Anwar.
"Das stimmt", nickte ich, "und ich nehme das Angebot gerne an."
Nach den zwei Stunden, die ich getanzte hatte, konnte ich kaum noch laufen.
"Schöne Grüße von Ivco", sagte Anwar, während er mich die Treppe hinunterführte. "Er wollte auch gerne hier sein."
"Ach, Ivco! Der hatte mir noch eine Mail geschickt."
"Wie geht's dir?" fragte Anwar am Fuße der Treppe.
"Ach, ich habe das übliche große Problem", erzählte ich.
Kitty sah ich vorbeigehen und kurz darauf Vico.
"He, den kenne ich doch auch", sagte Anwar und zeigte auf Vico.
Vico wandte sich ihm zu und gab ihm die Hand, danach gab er auch mir die Hand und grüßte freundlich.
"Wer war das nochmal?" fragte mich Anwar, als Vico weitergegangen war.
"Das war Vico", erklärte ich.
"Ach ja, Vico!" fiel es ihm wieder ein. "Ob der Rafa schon gesehen hat?"
"Ich habe Rafa schon gesehen."
"Wie bist du denn hier?"
"Mit dem Auto."
"Und wann fährst du? Morgen?"
"Morgen - also heute - früh."
"Bist du irgendwie in einem Hotel oder so?"
"Ich war es. Heute übernachte ich bei einem Bekannten, der hat ein Haus."
"Weil, ich suche nämlich für jemanden nach einer Fahrgelegenheit."
"Ja, den kann ich mitnehmen."
"Ach ... laß' lieber ... das ist zu kompliziert."
"Warum ist das denn zu kompliziert?"
"Ich darf dich nicht mit Rafa zusammenführen."
"Hat er dir das verboten?"
"Nein."
"Warum darfst du es denn nicht?"
"Mein gesunder Menschenverstand sagt das."
"Das ist ja eine spannende Geschichte", meinte ich. "Das ist so spannend ... das ist so furchtbar spannend ..."
Anwar reichte mir den Arm und ging mit mir weiter durchs Foyer. Die Tanzfläche lag auf dem Weg.
"Es kann sein, daß wir uns jetzt im Gedränge verlieren", sagte Anwar voraus.
"Warum sollten wir uns im Gedränge verlieren?" fragte ich.
Anwar marschierte zwischen den Tanzenden hindurch, und ich folgte ihm ohne Schwierigkeiten. Anwar bog um eine Ecke in eine Nische, wo Tische und Bänke standen. Auf einer Bank vor einer Wand saß Rafa an einem der Tische, umgeben von Bekannten. Auf der Bank gegenüber von Rafa war am Ende noch Platz, dorthin setzte sich Anwar, und ich setzte mich neben ihn ans äußerste Ende der Bank und sagte zu Anwar:
"Guck', ich bin immer noch da."
Anwar sagte wie entschuldigend zu Rafa:
"Ich habe jemanden mitgebracht."
Anwar hatte wohl gehofft, Rafa gegenüber vertuschen zu können, daß er sich mit mir unterhalten hatte, und er befürchtete nun, in Rafas Augen nicht mehr loyal zu wirken.
Links von Rafa saß Tyra. Über den Tisch hinweg grüßte ich sie:
"Tyra!"
"Hallo", grüßte sie.
Ich machte es mir auf dem letzten Ende der Bank so bequem wie möglich und freute mich, Rafa ins Gesicht schauen zu können. Er schien mich durch seine getönte Brille ebenfalls anzuschauen, aber wahrscheinlich nur in sehr kurzen, flüchtigen Blicken. Er tat so, als sei ich nicht da, und setzte seinen Redefluß ungebremst fort. Das Thema, über das er sprach, war höchstens zu erahnen; es schien Rafa vor allem darum zu gehen, möglichst viel Sachbezogenes von sich zu geben, das nichts mit zwischenmenschlichen Beziehungen und Gefühlen zu tun hatte.
Anwar stellte mir eine historisch kostümierte Dame namens Zerbinetta vor, die rechts von Rafa etwas abseits auf der Bank saß und nicht zu seinem Bekanntenkreis zu gehören schien. Nachdem ich einige Worte mit ihr gewechselt hatte, sprang Rafa mitsamt seinem "Gefolge" auf und entfernte sich.
"Wir müssen weg", sagte Anwar.
Ich glaubte ihm nicht, sagte ihm das aber nicht. Mir schien, daß es Rafa darum ging, vor mir zu flüchten. Ich sagte zu Zerbinetta, daß ich noch etwas zu Industrial tanzen wollte. Rafa ging mit seinen Begleitern ins Backstage. Ich ging zurück auf die Bühne und gesellte mich zu den Leuten, die dort gerade tanzten. Als ich müde war, ging ich wieder in das obere Foyer. Während ich die erste der Treppen hinunterstieg, die zu dem Weg durch das Foyer gehören, kam Rafa mir entgegen, ein zusammengerolltes Poster in der Rechten. Ich strahlte ihn an. Er lächelte mir zu. Ich faßte ihn im Vorbeigehen am Arm, er wich zurück und klopfte mir mit dem zusammengerollten Poster an die Schulter.
Rafa hatte auch diese letzte Möglichkeit ungenutzt gelassen, mich um eine Mitfahrgelegenheit zu bitten. Es war halb vier Uhr morgens, und ich mußte fort, weil ich mittags schon wieder arbeiten mußte.
Wie im Internet zu erfahren war, hat Rafa nach dem Ende seiner Zusammenarbeit mit Darius ein Sideproject gegründet mit dem Namen "H.F.", Untertitel: "Die Zeit des neuen Menschen beginnt jetzt". Zum Füllen der Band verwendete Rafa, was gerade greifbar war: Darienne und Herrn Lehmann.
Rafa scheint wieder einmal große Veränderungen der Weltgeschichte anzukündigen, die sich letztlich darin erschöpfen, daß alles beim Alten bleibt: Rafa wohnt bei seiner Mutter, spielt mit dem C64, verführt junge Mädchen, betrügt seine Freundinnen und raucht sich langsam zu Tode. Gott ist er nur in den Köpfen einiger Fans, denen er sich zum Verehren angeboten hat.
Auf der neu eingerichteten Website von "H.F." schreibt Rafa:
"Hier entsteht die Internetzpräsents von H.F."
Bisweilen stellt sich mir die Frage, inwiefern Rafa die deutsche Rechtschreibung tatsächlich nicht beherrscht und inwiefern er sie nach seinem Gutdünken verändert.
Fotos auf der neuen Internetseite zeigen Rafa und Herrn Lehmann mit Mundschutz; Darienne trägt ihr gewohntes Outfit, schwarz und rosa.
Der "Mediziner-Look" scheint Rafa auch nach dem Ausstieg bei Das P. zu gefallen.
Darienne macht im W.E-Forum und in ihrem Profil bei der Online-Szene-Kontaktbörse Werbung für H.F. Ihre Äußerungen im Internet sind im Telegrammstil gehalten, mit vielen Smilies, Abkürzungen und Rechtschreibfehlern durchsetzt und hinsichtlich ihrer Inhalte leichtgewichtig.
Berenice erzählt auf ihrer Homepage von ihrem neu gegründeten musikalischen Projekt, das sie gemeinsam mit Kitty ins Leben gerufen hat. Die Band arbeitet mit verschiedenen Musikern zusammen.
Als ich Isis in einer E-Mail von den Ereignissen auf dem Pfingstfestival erzählte, antwortete sie:

Ich denke mal, das Verhalten von Rafa ist so dermassen zickig gewesen, weil er mal wieder ein Problem mit irgendjemandem wegen irgendetwas hatte und seine schlechte Laune an Dir auslassen musste, denn so, wusste er genau, trifft er eine Person mit seinem Verhalten. In dem Moment seines Frustes wollte er einfach nur irgendwen richtig tief verletzen, und da kamst du ihm sehr gelegen.
*lach*, vielleicht hat die Aktion ja sein verkorkstes Ego angehoben!!!
Dass Rafa irgendwann mit so ner Papierrolle grinsend auf deine Schulter klopfte, war wohl seine Art und Weise, zu sagen: "Tut mir leid, weisst ja, wie ich bin, aber schau, ich lächel dich an. Mir gehts wieder besser, mein Frust ist weg, und Du warst trotzdem so mutig, in meine Nähe zu kommen."

Darien mailte:

Um Deine Mail zu lesen, musste ich ein paar Mal unterbrechen, jetzt bin ich aber durch und hingerissen. Das ist ja ein tolle "Liebesgeschichte", aber sicherlich auch ein hartes Los. Deine Gewissheit ist schon gespenstisch, aber auch bewundernstwert. Auch ich habe so meine verschlungenen Wege der heimlichen Leidenschaften bzw. Verbundenheiten. Soll meinen - einmal geliebt ist immer. Leider ohne einen Ausschluß des erneuten Verliebens, was aber nicht vom Kopf kommt bzw. nicht von ihm ausgeschlossen werden kann oder will. Es ist wie ein wildes Tier; es zu zähmen heisst, es zu töten. Es ist aber überhaupt nicht so leicht damit, es ist eher wie ein ewig andauernder Schmerz, der mal mehr, mal weniger stark ist. Hin und wieder gewinnt er, reist die Fesseln durch. Doch zurück bleibt das Leiden, vielleicht auch die Hoffnung, sicherlich aber die Sehnsucht, die Sehnsucht nach Frieden, nach Liebe, nach (Un)endlichkeit. Fast wie eine Todessehnsucht, der Wunsch nach Auflösung. Soviel also zu "Stahlwerk", dem Gefühlsleben und den Ruinen.

Ich mailte:

Es freut mich sehr, daß dir die Story, die das Leben schrieb, gefallen hat!
Ja, Industrial (und "Stahlwerk") bringt einen mit den archaischen Wurzeln des Daseins in Kontakt, ähnlich wie afrikanische Trommeln bei rituellen Tänzen. Das Tanzen zu Industrial läßt einen fühlen, daß man lebendig ist. Man schöpft Kraft daraus.

Evan mailte:

Als Innungsobermeister für radioaktive Backspezialitäten möchte ich Dich ab 16.07.2005 ganz herzlich in KI. willkommen heißen. Falls Du magst, könnten wir an diesem Tag das "All Nights reserved" besuchen.
Ich habe eine Armbanduhr mit einem Mandelbrot-Ziffernblatt.
Unsere Bäckerei wird folgendermaßen heißen:
"Mandelbrot - The nuclear choice for a beamy world"
Schließlich möchten wir unsere Kunden zum Strahlen bringen, gell!

Ich mailte an Evan:

Hi Innungsobermeister!
Jetzt haben wir endlich einen Namen für die Bäckerei. Eine strahlende Welt!
Und eine Uhr mit Mandelbrot-Ziffernblatt hätt ich auch gern, wo kriegt man sowas?

Evan mailte, daß die Uhr vor Jahren über einen wissenschaftlichen Verlag bestellt werden konnte.
Azura mailte mir das Foto vom Pfingstfestival, auf dem Diddo, Lone und ich und ein als Cyber-Krankenschwester verkleidetes Mädchen zu sehen sind. Sie schrieb, sie erinnere sich, daß ich neben ihr in der Bastei auf der Bühne getanzt habe, bei der Abschlußparty. Ich bestätigte, daß ich es war, daß ich Azura nur nicht erkannt habe, weil ich mir Gesichter schlecht merken kann. Ich erkundigte mich, auf welchen Parties und Festivals sie zu treffen war und wo sie wohnte. Sie erzählte, sie wohne in M. Außer beim Pfingstfestival sei sie selten auf Festivals anzutreffen. Ich erzählte, daß ich in M. das beste Konzert meines Lebens besucht habe, Test Department im Jahre 1990. Azura erzählte von ihren Lieblings-Locations in M.
Diddo bekam von mir das Foto vom Pfingstfestival gemailt. Evan schenkte mir die Uhr mit dem Mandelbrot-Ziffernblatt.

In einem Traum rief mein Chef mich an und sagte mir, in einem der oberen Stockwerke eines stählernen Gebäudes habe er etwas für mich hinterlegt. Ich ging hinauf in dieses Stockwerk und fand Blumen und den Hinweis, weiter unten liege noch etwas für mich, und in einem der unteren Stockwerke fand ich einen Schreibtisch, dort lag ein aufwendig verpacktes Geschenk. Es war ein Blumenübertopf, verziert mit Flittergold und Ornamenten. Der Zierat war handgearbeitet von dem Chef. Eine Kindergärtnerin sah den Übertopf, den ich auspackte, und sie meinte, die Verzierungen seien dilettantisch gearbeitet, das könne sie aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz beurteilen. Ich entgegnete, daß mir die Verzierungen gefielen, ob sie ihr nun dilettantisch erschienen oder nicht. Darüber hinaus haben persönliche Geschenke - selbstgemacht und aufwendig - für mich einen besonders hohen Stellenwert.

Am Samstag war ich mit Constri und Derek bei "Stahlwerk". Darien war tatsächlich dort. Constri hatte für VJ Ethereal endlich einen kurzen Zusammenschnitt ihrer Filmaufnahmen gemacht, die im vergangenen Herbst bei "Stahlwerk" entstanden sind. Constri braucht zum Schneiden eines Films manchmal Jahre.
Bei "Stahlwerk" liefen unter anderem "Bacchus" von Zymosiz, "Abducted" von Pierrepoint und "Keine Schellen" von Derek. Rega hat dieses Stück bei Derek für die Initiative "Keine Schellen" in Auftrag gegeben, eine Scherz-Initiative, die sich gegen die Leute richtet, die Schellen an ihren Kleidern befestigen oder Schellenbänder als Fußketten tragen und mit dem Gebimmel anderen Leuten auf die Nerven gehen.
Sirio machte Erinnerungsfotos. Er filmte Constri und mich auf der Tanzfläche vor der Leinwand mit bunten, flirrenden Bildern als Back-Projektion.
Constri und Darien unterhielten sich über ihre Berufe und Berufungen, und sie meinten beide, es sei schade, daß sie so weit voneinander entfernt wohnen, sonst könnten sie sich künstlerisch mehr austauschen und sich auch mehr über Kindererziehung unterhalten.
Mit Darien unterhielt ich mich über die Möglichkeiten zum Erwerb von psychologischem Wissen. Ich erzählte - wie schon in meiner E-Mail -, daß ich mein jetziges Wissen zum großen Teil durch Erfahrung erworben habe.
"Die vielen Kontakte zu vielen Menschen sind es", meinte ich, "nicht nur beruflich, auch privat. Es bringt einen weiter, wenn man offen ist und sich den Menschen zuwendet. Ich interessiere mich für die Geschichten, die die Leute zu erzählen haben."
Darien meinte, er habe sich häufig zurückgezogen.
"Du wirkst offener, lebensfroher und entspannter auf mich als noch vor drei Jahren", sagte ich, "trotz der Krankheit, das muß man mal bedenken."
"Ja, trotz der Krankheit, das ist schon erstaunlich."
Darien fand, die Psychotherapie helfe ihm nach wie vor. Auch in seinem Familienleben habe er wichtige Ankerpunkte gefunden.

In einem Traum zog sich ein Kahlgeschorener von seinen Kollegen zurück und druckte seine Gedanken in Booklets, unterlegt mit abstrakten Aquarellen in düsteren Farben. Eines der Booklets bekam den Titel "Brief" und enthielt Selbstmordgedanken. Der Kahlgeschorene wurde von diesen Gedanken weggelenkt, als ein Kollege ihm nachging, ihn in seiner finsteren Stimmung fand und ihn fröhlich und freundlich ansprach und mit ihm über alltägliche Dinge redete.

Ähnlich mag es Darien gegangen sein, als Rega ihn nach dem Ausbruch seiner Krankheit anrief und ihn daran erinnerte, daß es Menschen gab, die ihn mochten und sich um ihn kümmern wollten.
Am Sonntag war ich bei Henk zu Besuch, um mit ihm seinen Geburtstag nachzufeiern. Eine Woche zuvor, am Pfingstsonntag, war er vierzig geworden, und ich hatte ihn aus L. angerufen, um ihm zu gratulieren und mich mit ihm zu verabreden.
Henk freute sich über das T-Shirt, das ich ihm mitbrachte. Er hatte sich ein sehr weites hellblaues T-Shirt mit einem möglichst schrillen Aufdruck gewünscht. Ich schenkte ihm eines, auf dem sich Toilettenpiktogramme befinden, allerdings etwas abgewandelt: das Weibchen hat dem Männchen den Kopf abgeschlagen. Darunter hatte ich ein Zitat von Lethal Aggression drucken lassen:
"Life is hard - but that's no excuse at all!"
Henk hat wieder Arbeit, in Awb. Henk ist nun nicht mehr bei einer Friseurkette beschäftigt, sondern er arbeitet in einem kleinen Salon, wie er es früher schon getan hat. In einer Anzeige im Gemeindeblatt ist sein Foto zu sehen mit dem Hinweis:
"Henk ist wieder in Awb.!"
Das richtet sich an die Kunden, die ihn von dem Ketten-Salon in Awb. her kennen.
Am Montag feierte Constri mit Derek und Denise den dritten Hochzeitstag. Sie gingen im Sonnenschein durch den Tiergarten und suchten die Tiere, fanden aber nicht viele. Zu Hause bestellten sie sich etwas vom Bringdienst.
"Ein Hochzeitstag für Arme", beschrieb Constri, "aber ich fand den Tag schön."
Am Samstag besuchte ich Saara im Handy-Laden, wo sie jobbt, zusätzlich zu ihrer kaufmännischen Vollzeit-Tätigkeit bei einer Wäscheservice-Firma. Saara verdient gut und müßte nicht zusätzlich arbeiten, doch mit ihrer Vollzeit-Stelle fühlt sie sich nicht ausgelastet, und der Job im Handy-Laden macht ihr Spaß.
Saara erzählte von der Hochzeit ihrer Schwester Danielle, die vor Kurzem stattgefunden hat. Danielle soll süß ausgesehen haben in ihrem klassischen Brautkleid mit Reifrock. Sie trug aufgestecktes Haar und einen Schleier. Ihre Tochter Gwyneth streute Blumen. Gwyneth wird im Juni vier Jahre alt.
Saara hat mir bei ihrem letzten Besuch ein Dossier dagelassen, einen Computerausdruck, in dem ihr Vater über seinen Schlaganfall berichtet. Er schildert darin sehr offen, wie der Schlaganfall zu einem Knick in seinem Leben geführt hat und er daraufhin über alles nachdachte, was in seinem Leben bisher passiert ist und wann er glaubt, sich übernommen zu haben. Es beeindruckt mich, wenn Menschen - vor allem Männer - offen ihre Empfindungen mitteilen können und sich selbstkritisch betrachten.
Evan erzählte am Telefon, sein Freund Mika habe ihm erklärt, daß Rafa der "Honey" von W.E sei. Ich hatte Evan das Foto gemailt, das Isis im "Read Only Memory" gemacht hat und auf dem Rafa und ich beide zu sehen sind. Evan meinte, der Rafa, den er auf dem Foto gesehen habe, sei so ganz anders als der gestylte Rafa auf den offiziellen Bandfotos von W.E. Auf dem Foto, das Isis gemacht hat, wirke Rafa zurückhaltend und eher schüchtern.
"Rafa ist doch irgendwie zweigespalten, oder?" vermutete Evan.
Das konnte ich bestätigen.
Evan hat den Eindruck, auf gewisse Weise sei ich Rafa überlegen.
"Das kann sein, daß ich ihm überlegen bin", meinte ich, "aber das hilft mir nichts, denn ich kann dadurch nichts verändern. Überlegenheit bedeutet nicht, daß man Macht hat."
Evan nimmt an, daß Rafa vor allem dann Angst vor mir hat, wenn ich in seiner Nähe bin. Solange er mir nicht begegne, könne er verdrängen, daß es mich gibt. Wenn er mir aber begegne, würde meine Anwesenheit ihn an das erinnern, was er nicht wahrhaben wolle. Im Grunde sei es wohl so, daß Rafa nicht vor mir Angst hat, sondern vor dem, was ich in ihm auslöse oder aufwecke.
Evan meinte, an diesem Zustand könne ich nichts ändern, da Rafa zu mir keine neutrale Beziehung habe. Ändern könne nur eine neutrale, eine "dritte Person" etwas. Und das könne auch nur gelingen, wenn Rafa eine Veränderung zulassen könne.
"Und genau das ist das Problem", meinte ich. "Genau darin besteht ja sein Problem, daß er Veränderungen nicht zulassen kann."
Evan berichtete, daß er Ende Mai im W.E-Chatraum war. Einem "Honey" oder "W-E" oder "Funkhaus" begegnete er nicht, aber einem "W.O.L.F.", der ein begeisterter Fan von Rafa ist und glaubt, die Hälfte aller rund 20.000 Besucher des Pfingstfestivals in L. seien rasende W.E-Fans. Das konnte Evan nicht so recht glauben. Ich meinte, das könne ich mir auch nicht vorstellen, denn Rafas Konzert auf der "Bühne im Park" sei zwar gut besucht gewesen, doch keinesfalls überfüllt, und daß Rafas Konzert in der Bastei überfüllt gewesen sei, werde vor allem an der geringen Größe der Location gelegen haben und daran, daß viele Gäste die Bastei vor allem wegen der Abschlußparty besucht hätten und nebenbei noch das Konzert sehen wollten, das zum Begleitprogramm gehörte. Im W.E-Forum äußerte jemand die Vermutung, daß 40 % der Besucher dieses Konzerts auch darauf hätten verzichten können.
W.O.L.F. erzählte, daß er für Rafa technische Arbeiten ausführt und sich viel mit Elektronik beschäftigt.
Evan erkundigte sich im Forum nach den Damen in der Band. W.O.L.F. lobte Berenice sehr und erzählte, daß Lucy eine ehemalige Kommilitonin von Berenice ist. Nach dem Weggang von Berenice sei Tyra in die Band gekommen. Die sei eher komisch und abweisend, mit der werde er nicht recht warm.
Evan schaute sich die Homepage von Berenice an. Interessant fand er, daß sie sich kritisch über W.E äußert. Sie bemängelt, daß sie sich bei W.E in ihrer Rolle als Hintergrundsängerin unterfordert fühlte. Und sie kritisiert die Neigung von Rafa und Dolf, "McGlutamat"-Filialen aufzusuchen. Ich erzählte, daß Berenice solche Kritik erst übt, seit sie von Rafa getrennt ist. Während ihrer Beziehung mit Rafa habe sie darauf geachtet, den Eindruck der Harmonie zu wahren, zumindest offiziell.
Evan erzählte von Mika, den er aus seiner Zeit in H. kennt, als er dort sein Abitur nachholte, von 1992 bis 1995. Mika kennt ein Mädchen namens Annjay, deren Klassenkameradin war einst mit Rafa zusammen und soll eine sehr schlechte Meinung von ihm haben. Auch Annjay soll vor allem Schlechtes über Rafa erzählt haben.
Evan erzählte von seiner Herkunftsfamilie. Die Scheidung seiner Eltern sei voller Zank und quälender Auseinandersetzungen gewesen. Er sei nach der Bundeswehrzeit in HH. zu Panasonic gekommen und habe gehofft, dort eine Art "Ersatzfamilie" zu finden:
"Mein Zuhause war Panasonic."
Er spürte jedoch im Laufe der Jahre, daß er bei Panasonic für sein Engagement nicht die Anerkennung fand, die er sich gewünscht hatte. Er entschloß sich, ein Studium zu beginnen; sein Wunschfach wäre "Internet-Vertragsrecht" gewesen, doch das konnte man nirgends studieren. Er begann ein Jurastudium in Österreich, wo jedoch nicht das vermittelt wurde, wofür er sich interessierte, und so begann er einen Multimedia-Studiengang in KI. Inzwischen steht er kurz von dem "Bachelor"-Abschluß und überlegt, ob er bis zum "Master" weiterstudiert oder in die Firma eines Freundes in HH. einsteigt.
In all der Zeit habe sich nie eine längere Partnerschaft ergeben. Er sei nicht der Mensch, der nach schnellen Gelegenheiten suche, und die einzige feste Liaison sei zerbrochen, weil seine Freundin zu ihrem ehemaligen Freund zurückgekehrt sei.
"Dann hättest du mit der wohl nicht viel gewonnen", vermutete ich.
Das meinte auch Evan. Ein Trost sei das aber nicht; er habe mehr und mehr die Befürchtung, nie "anzukommen" in einer Beziehung, die Geborgenheit schafft.
"Rafa weiß überhaupt nicht mehr, mit wievielen Frauen er schon im Bett war", erzählte ich, "und darauf ist er stolz. Und ich sage dir: Du bist glücklicher als er. Du kannst dir ins Gesicht sehen, er nicht. Er muß sich tagtäglich etwas vormachen, du nicht. Er glaubt, daß er andauernd irgendwelche Frauen umdrehen muß, die er nicht liebt, weil er sonst nichts wert ist. Sowas hast du nicht nötig. Rafa ist ein Süchtiger, ein Getriebener. Du bist allemal glücklicher als er. Du hast viel bessere Chancen als er, ein erfülltes Leben zu führen. Du ist eben nur noch nicht der Richtigen begegnet. Gehe halt unter Menschen, lerne viele Leute unbefangen kennen."
Anfang Juni war Clarice bei mir zu Besuch und erzählte, wie sie nach ihrer Trennung von Leander ein neues Glück gefunden hat. Schon vor eineinhalb Jahren lernte sie Angus kennen, der ihr in OS. von Gart am Bäckertresen vorgestellt wurde, wo Clarice bediente. Angus gefiel ihr so gut, daß sie nach dieser Begegnung zu einer Kollegin sagte:
"Ich glaube, ich habe den falschen Mann geheiratet."
Angus war schon damals Clarices "optischer Traummann". Wie Leander ist er schlank, langhaarig und androgyn. Während aber Leander dunkelblond ist, ist Angus ein keltischer Typ mit roten Haaren, heller Haut und Sommersprossen.
Mit Leander wurde Clarice im Bett nie ganz glücklich. Ihm falle es schwer, Leidenschaft zu zeigen, und er habe auch nicht sehr viel Engagement in die Beziehung eingebracht. Clarice gewann den Eindruck, daß sie in seinem Leben nicht so viel Bedeutung hatte, wie sie es sich wünschte.
Leanders passives Verhalten war Clarice zunächst sehr recht gewesen. Ihr erster Freund Séan war vereinnahmend und herrisch, und nach ihm wollte sie nur noch Männer haben, die sie nicht einengten und eher zurückhaltend waren. Sie sieht Séan gelegentlich noch. Diese seltenen, aber regelmäßigen Kontakte sind ihr wichtig, weil sie ihre Beziehung mit Séan als Teil ihres Lebens betrachtet, so unglücklich sie auch war.
Clarice und Angus trafen sich dieses Jahr auf dem Pfingstfestival in L. auf dem Zeltplatz und tauschten ihre Adressen aus. Seither telefonieren sie häufig miteinander.
Gart hat sich fast zur selben Zeit verheiratet wie Clarice, im September 2002, und im selben Standesamt, der historischen Stadtwaage in OS. Garts Ehe zerbrach noch schneller als die von Clarice. Er fing danach mit seiner vorherigen Verlobten wieder etwas an, doch das hielt auch nicht.
Anfang April dieses Jahres hatte Gart mir in OS. eine neue Eroberung vorgestellt. Clarice berichtete, daß diese Beziehung schon Ende April zerbrochen ist. Clarice meinte dazu, Gart lerne es nicht; er begreife nicht, worauf es in einer Beziehung ankomme. Er bevorzuge Frauen mit Übergewicht, die wenig Selbstbewußtsein haben, doch gerade die neigten dazu, an ihm zu klammern und eine krankhafte Eifersucht zu entwickeln. Dadurch komme es jedesmal zu Konflikten und schließlich zur Trennung.
Clarice vermutet, daß Rafa deshalb so großen Wert darauf legt, oberflächliche Beziehungen zu haben, weil er dann das Gefühl bekommt, sich von sich selbst zu entfernen. Er verschwinde gewisssermaßen, er verlasse sich selbst.
Am Freitag traf ich Clarice und Angus im "Lost Sounds", sie saßen eng umschlungen. Clarice wisperte mir zu, daß sie mit ihm schon im Bett war, und alles werde gut.
Leander war ebenfalls im "Lost Sounds". Er berichtete, daß er noch bei Clarice wohnt und versucht, Arbeit zu finden, um die von Clarice geforderte Miete bezahlen zu können.
Afra erzählte von dem Ende ihrer Beziehung mit Simon. Er trinke viel und werde dann aggressiv. Er habe Gegenstände zerstört, auch ihre, und er habe ihr Vorhaltungen gemacht, auch erfundene. Simon sei überzeugt, daß sie ihn betrogen habe, was jedoch nicht der Fall sei. Er habe gedroht, er werde den Mann umbringen, mit dem sie ihn betrogen habe. Damit habe Simon erpressen wollen, daß sie bei ihm blieb. Sie habe das Gefühl gehabt, nicht mehr sie selbst zu sein, weil sie gegen ihre Wünsche gehandelt habe. Simon habe ihr sogar Vorschriften gemacht, was sie anziehen sollte. Inzwischen habe sie den Schlußstrich gezogen. Simon tue nun so, als würde er sie nicht kennen, wenn er ihr begegne.
Afra erzählte vom Tod von Simons Mutter. Sie wurde im Sommer 1997 tot in ihrer Wohnung gefunden, nachdem sie schon mehrere Tage dort gelegen hatte. Simon war der einzige Angehörige, der eine Obduktion wollte, alle anderen waren dagegen, und so wurde sie ohne Obduktion eingeäschert. Sie ist auf einem anonymen Gräberfeld beigesetzt, so daß es für Simon keinen Ort gibt, an dem er trauern kann.
Xentrix zeigte mir ein Foto seiner Tochter Julie. Er war nicht beim Pfingstfestival und ärgerte sich, weil er das Konzert von Human League nicht gesehen hatte.
"Übrigens - du bist überführt", meinte Xentrix. "In einem Video von Human League von 1981 sieht man eine Frau mit weitem Rock und Handschuhen bis über die Ellenbogen, die tanzt genau wie du."
"Das Video kenne ich gar nicht", erzählte ich. "Also kann ich es daher nicht haben."
Am Samstag war ich im "Byzanz" und traf dort Fani, der an einem Tisch stand mit Marla, die Anfang Mai mit Corey im "Byzanz" an der Bar gewesen ist. Fani und ich redeten über frühere Zeiten in der Elektro- und Wave-Szene. Marla ist vierundzwanzig Jahre alt und konnte viele Events und Locations dieser Szene, die es immerhin seit fünfundzwanzig Jahren gibt, gar nicht mehr kennen. Fani erzählte, daß er zur Zeit kein Internet hat, weil er ein Reihenhaus abzahlen muß und es sich nicht leisten kann, online zu sein. Erst wenn er wieder eine Freundin habe, habe er wieder Internet. Ich schlug ihm vor, in der Online-Szene-Kontaktbörse ein Profil zu gestalten, worin steht:
"Ich suche eine Frau, die mir hilft, mein Reihenhaus abzuzahlen."
Fani und Marla hatten sich eine Riesenpizza bestellt, von der sie mir etwas abgaben. Ich hatte es nicht geschafft, Abendbrot zu essen, weil ich die Konzerte nicht verpassen wollte, die es heute im "Byzanz" gab.
FabrikC und Shnarph! konnten sich über ein begeistert tanzendes Publikum freuen. Evelyn sagte nach den Konzerten, sie habe Fotos gemacht, aber ich müsse langsamer tanzen, sonst bekomme sie mich nicht aufs Bild. Torvil erzählte, daß er mit seinem Projekt FabrikC auch auf dem diesjährigen Sommerfestival im "Read Only Memory" zu sehen sein wird.
Mit Tana, Syre und einem rot und schwarz gekleideten Mädchen mit roten und schwarzen Kunsthaarzöpfchen stieß ich auf das Gelingen des Abends an.
Tana erzählte, daß von ihr und ihren Geschwistern eine möglichst frühe Selbständigkeit erwartet wurde. Alle seien sehr früh ausgezogen, jedoch seien sie mit dem Alleinleben schnell überfordert gewesen und ins Elternhaus zurückgekehrt. Ich erzählte, meine Schwester und ich hätten keine Wahl gehabt. Meine Mutter habe uns hinausgeworfen, weil wir ihrem zweiten Mann ein Dorn im Auge gewesen seien. Immerhin seien wir damals, mit neunzehn und zwanzig Jahren, schon in der Lage gewesen, ein selbständiges Leben zu organisieren.
Cyra erschien erst nach Mitternacht im "Byzanz", denn sie hatte am Abend in HH. Billy Idol live gesehen.
"Wie der noch aussieht!" schwärmte sie von dem Junggebliebenen.
Cyra verlieh dem etwas träge daherstapfenden DJ-Programm mehr Vielfalt und Leichtigkeit, so daß Sarolyn und Magenta, die nach einem Ausflug ins "Verlies" enttäuscht ins "Byzanz" zurückkehrten, endlich auch auf ihre Kosten kamen.
Magenta erzählte, daß sie vor vier Jahren für vier Jahre mit Melvin zusammen war, einem Freund von Taidi und Revil. Melvin trennte sich von ihr, nachdem er mit einer ihrer Freundinnen etwas angefangen hatte. Diese neue Beziehung hielt nur kurz; nach ihrem Ende blieb Melvin vorerst allein. Gelegentlich wollte er bei Magenta Boden gutmachen und einen Neuanfang erreichen, doch sie lehnte das ab wegen der Erfahrungen, die sie schon mit Melvin gemacht hatte.
Dessie erkundigte sich, wie es mit Rafa weitergegangen sei. Ich erzählte von seiner Liaison mit Darienne, die ihn anhimmelt und sonst nichts zu sagen hat - und die diese Rolle anscheinend als das größte Glück empfindet, das ihr zuteil werden kann. Ich fragte Dessie, weshalb Rafa Angst vor mir haben könnte, obwohl er vor mir weglaufen kann, so weit er will und wann immer er will. Dessie meinte, ich würde etwas in ihm wachrufen, das ihn zu überwältigen drohe. Er habe Gefühle in sich, die er zurückhalten könne, solange er sich meinem Einfluß entzieht. Bin ich aber in seiner Nähe, befällt ihn die Angst, die Kontrolle über seine Gefühle zu verlieren. Genaugenommen habe er also nicht vor mir Angst, sondern vor etwas in ihm selbst.
Ich erzählte, daß Rafa vor allem dann Angst vor mir äußert, wenn wir uns besonders nahe kommen und ich ihn umarme und streichle.
"Eigentlich wärt ihr das perfekte Paar", meinte Dessie. "Ihr wärt sehr glücklich miteinander. Und damit kommt er nicht klar. Ihr paßt zu gut zusammen. Es gibt Männer, die können es nicht ertragen, glücklich zu sein."
"Aber warum nicht?"
"Weil sie zu große Angst davor haben, dieses Glück wieder zu verlieren. Sie kommen mit der Enttäuschung nicht zurecht."
"Wenn das so ist, müßte Rafa ziemlich starke Gefühle für mich haben."
Dessie bestätigte das.
"Er verliert aber nie die Kontrolle", seufzte ich. "Er schafft es immer, seine Gefühle zu verdrängen. Sie überwältigen ihn nie."
"Steter Tropfen höhlt den Stein", sagte Dessie.
Tricky erzählte mir, er habe Dolf verärgert. Er sei im vergangenen Monat bei Rafas Fanclubtreffen in Thüringen gewesen und habe sich das Konzert von W.E angeschaut. Nach dem Konzert habe er Eden getroffen, das Mädchen mit den langen blonden Haaren, mit dem ich Dolf in letzter Zeit häufig sehe. Tricky kennt Eden seit eineinhalb Jahren. Er ging auf sie zu und sagte, jetzt wolle er mit ihr tanzen.
"Mein Ex-Freund wird eifersüchtig", wandte sie ein.
Das ließ Tricky nicht gelten. Er vollführte mit Eden einen Engtanz, während die Band beim Abbauen war. Da sprang Dolf von der Bühne herunter, die höher war als er selber (was im Übrigen - wie mir dazu einfällt - nichts Besonderes bedeutet). Dolf packte Eden am Arm, riß sie von Tricky weg und lief mit ihr nach draußen, als habe er sich einen gestohlenen Besitz zurückgeholt. Eden ließ es sich widerspruchslos gefallen. Dolf und Eden blieben von nun an verschwunden.
Tricky stellte mir einen Bekannten namens Regan vor, der auch beim W.E-Fanclubtreffen war. Ich ging mit Regan die Stufen hinauf in einen Nebenraum, wo Tische und Stühle zum Ausruhen einladen. Mir war übel geworden, weil ich keine Zeit gefunden hatte, genügend Wasser zu trinken. Regan brachte mir Wasser. Ich ließ mir von dem Fanclubtreffen erzählen. Am Freitagabend - dem Vorabend des Treffens - halte Rafa sich mitsamt seiner Band jedes Jahr in der Gaststube eines Wirtshauses auf, wo man gewöhnlich übernachte, dieses Mal jedoch habe er mit seiner Band woanders übernachtet und sei nur kurz vorbeigekommen. Am Samstagabend habe Rafa ein mindestens zweistündiges Konzert gegeben, sich aber weder vorher noch nachher unter seine Fans gemischt. Als das Konzert zuende gewesen sei, habe Rafa sogleich die Location verlassen, nicht einmal im Backstage-Raum habe er sich gezeigt. Regan saß mit einigen seiner Bekannten im Backstage. Sie aßen das Essen, das für die Band bereitgestellt war, und tranken Pfefferminz-Likör, "Pfeffi" genannt.
Regan fährt jedes Jahr zum W.E-Fanclubtreffen. Er stellte mir zwei seiner Freunde vor, die auch jedes Jahr hinfahren. Regan wollte mich überreden, nächstes Jahr mitzukommen. Ich meinte, ich würde nur dann mitkommen, wenn eine gewisse Wahrscheinlichkeit bestehe, daß ich mit Rafa sprechen könne. Dies sei gegenwärtig nicht möglich, da er eine Freundin habe und ich mit ihm nur sprechen wolle, wenn er nicht offiziell liiert sei. Zudem entstehe in mir der Eindruck, daß Rafa sich im geselligen Leben mehr und mehr abschotte. Verschiedenen Berichten zufolge habe Rafa sich früher auf den Fanclubtreffen am Nachmittag in der Computer-Ecke aufgehalten, am Merchandize-Stand Autogramme verteilt und nach dem Konzert am DJ-Pult gestanden. Inzwischen gehe Rafa nicht einmal mehr ins Backstage. Allgemein sei Rafa in den letzten Jahren fast nur noch dann in Discotheken oder bei Konzerten anzutreffen, wenn er selbst auftrete oder auflege.
Regan empfahl mir, nachts bei Rafa zu klingeln. Ich entgegnete, so etwas würde ich schon deshalb nie machen, weil ich mich nicht aufdrängen will.
Ich erzählte, wie der Sockenschuß mich jahrelang verfolgt hat und wie Rafa mich von ihm befreit hat und daß ich mich niemals so verhalten will wie der Sockenschuß.
"Deshalb hängen meine Begegnungen mit Rafa von Zufällen ab", erklärte ich. "Ich kann mich nie einfach so mit ihm verabreden. Er hat fast immer eine Freundin, und dann will ich sowieso nicht mit ihm sprechen. Und wenn er mal keine Freundin hat, gibt es Gespräche auch nur, wenn er auf mich zugeht, und ich rufe ihn nur an, wenn er mich darum bittet. Er soll immer die Möglichkeit haben, sich zurückzuziehen."
Regan ist kein Mitglied im W.E-Forum und erscheint nicht im W.E-Chatroom. Er ist lediglich Stammgast bei den Fanclubtreffen. Das liege vor allem an seinen Freunden aus Schweden und Dänemark, die er dort Jahr für Jahr wiedertreffe.
Glen traf ich auch im "Byzanz". Er gehört zu dem Szene-Publikum im Raum BS. Seine Familie sieht er nur gelegentlich. Für das erste Juliwochenende hat er ein Treffen mit seinem Sohn und seiner ehemaligen Lebensgefährtin vereinbart.
Gegen Morgen schlug ich Sarolyn und Magenta vor, im "Nachtbarhaus" zu frühstücken. Sie waren einverstanden und nahmen einen Bekannten mit, den blonden Devon - besser: den blondierten Devon. Devon zeigte sich ritterlich, indem er bat, man möge vorm "Nachtbarhaus" im Auto sitzenbleiben, bis ich meinen Wagen geparkt hätte und bei Sarolyns Wagen angelangt sei. Darüber freute ich mich, weil sich um jene vorgerückte Zeit - es war halb fünf - in der Nähe des "Nachtbarhaus" zwielichtiges Volk bewegt. Ein Betrunkener, greisenhaft vorgealtert, schlurte langsam vor meinem Auto über die Straße und schien diese mit dem Bürgersteig zu verwechseln.
Im "Nachtbarhaus" bestellten wir unser Frühstück. Sarolyn erzählte, daß sie schon den Blauen Gürtel hat in Karate. Als ein Bekannter eine Geste gemacht habe, die sie versehentlich als Angriff gedeutet habe, habe sie ihm reflexartig "eine verpaßt", das habe ihr leidgetan.
"Vielleicht rettet dir ein solcher Reflex irgendwann einmal das Leben", meinte ich. "Wer weiß, wozu es gut ist. Wenn dich mal wirklich jemand angreift, schlägst du so schnell zurück, daß er nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht."
Als Devon uns fragte, ob er am Tisch rauchen dürfe, kam ich auf das Thema "Rauchen" zu sprechen und auf meine Sorge um Rafa. Devon erzählte, daß er seit zwanzig Jahren raucht, eine Schachtel am Tag, also ungefähr halb so viel wie Rafa. Manchmal habe er ein Engegefühl in der Brust und ein Taubheitsgefühl in den Fingern der linken Hand, und er nehme einen Betablocker gegen seinen hohen Blutdruck. Sarolyn und ich mahnten, er sei in Gefahr, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden, und er könne dieser Gefahr nur begegnen, wenn er seinen Blutdruck gut einstelle und mit dem Rauchen aufhöre.
Ich schilderte, was Regan und ich in dem Nebenraum im "Byzanz" besprochen hatten. Sarolyn vermutete, daß Regan betrunken war.
"Bißchen schon", meinte ich.
"Der war breit wie eine Landebahn", sagte Devon, der Regan beobachtet hatte.
Devon ließ sich von mir ein wenig über Rafa erzählen. Er fragte, ob ich denn keine Sehnsucht danach hätte, mit jemandem ins Bett zu gehen.
"Doch, sicher", erwiderte ich, "aber meine Sehnsucht bezieht sich ausschließlich auf Rafa."
"Findest du denn nicht auch mal jemand anderen attraktiv?"
"Ja, sicher finde ich auch andere Männer attraktiv. Aber ich habe kein Verlangen nach ihnen."
Devon wunderte sich, als ich ihm erzählte, daß Rafa vierunddreißig Jahre alt ist:
"Dann ist der ja so alt wie ich! Den hätte ich auf mindestens achtunddreißig, neununddreißig geschätzt."
Devon empfahl mir, zu Rafa nach SHG. zu fahren, einfach so, ohne Anmeldung, und einfach bei ihm zu klingeln und ihn mir zu "schnappen". Ich erwiderte, daß ein solches Vorgehen bei einem Menschen wie Rafa wenig erfolgversprechend sei. Außerdem sei es mir wichtig, nicht in eine Rolle zu geraten, in der ich einem Menschen hinterherlaufe und ihn belästige. Mir sei es wichtig, Rafa sein Territorium zu lassen, das ich nie betrete, ohne daß er mir ein entsprechendes Signal gegeben hat.
Berenice berichtet auf ihrer Homepage von ihrem Besuch beim diesjährigen W.E-Fanclubtreffen. Für sie sei es eine Gelegenheit gewesen, Freunde und Bekannte wiederzusehen. So sei sie trotz eines mulmigen Gefühls dorthin gefahren und habe es nicht bereut. Um das Konzert von W.E sei es ihr nicht gegangen, das hätten weder sie noch ihre Freunde angeschaut.
Carl hat kürzlich Zoë im Supermarkt getroffen. Zoë erzählte, sie habe gemeinsam mit einer Bekannten unter einem Pseudonym in mein Online-Gästebuch geschrieben. Sie habe mir den Rat gegeben, aus meiner "Traumwelt" in die Realität zurückzukehren. Ich hätte den wohlgemeinten Eintrag gelöscht; ich könne wohl keine Kritik vertragen.
Der Eintrag könnte ein Gemeinschaftswerk von Zoë und Darienne gewesen sein. Anders kann ich mir die Entstehung nicht erklären.
Tron erzählte in einer PN ("persönliche Nachtricht") im W.E-Forum:

Bei uns auf der Arbeit ist der Vorarbeiter, also auch meiner, gestorben, plötzlich, mit 43. Ist echt seltsam, kurz davor hätt ich den noch sonstwohin gewünscht, und als man nach dem Wochenende zur Arbeit kommt, hört man dann, dass er tags zuvor nicht mehr aufgewacht ist.
Eigentlich hat mich das bis zur Beerdigung nicht "sooo" berührt, da ich meistens einen Bogen um ihn gemacht habe, ist eher eine Sache des "Pflichtgefühls" gewesen. Aber als ich kurz in die Augen der Angehörigen geguckt habe, kamen so einige Erinnerungen von mir selber hoch.
Als mir Ähnliches widerfuhr, war einer der tröstenden Gedanken, dass so viele gekommen sind - wer, war mir egal, ich hab nur Köpfe gezählt. Denke, auf diese Art meinen Teil beigetragen zu haben ...

Ich antwortete:

Herzliches Beileid zum Tod deines Vorarbeiters. Ich weiß, sowas geht einem doch nahe, auch wenn es in diesem Fall kein so nahestehender Mensch war. Vielleicht hat man so den einen oder anderen doch mehr gemocht, als es einem bewußt war. Und der Tod läßt niemanden kalt, das macht jeden betroffen, zumal dieser Mensch weit vor der Zeit gestorben ist.
Rafa hat seinen Vater wahrscheinlich deshalb so früh verloren, weil der einen Herzinfarkt erlitten hat und so seinem beträchtlichen Zigaretten- und Alkoholkonsum zum Opfer gefallen ist. Rafa ist nun dabei, sein Leben auf dieselbe Art zu verkürzen. Es gibt eine genetische Veranlagung, suchtkrank zu werden, und es gibt eine genetische Veranlagung zu kardiovasculären Krankheiten. Rafa könnte beide Veranlagungen besitzen. Nach nunmehr zwanzig Jahre andauerndem Zigarettenkonsum muß ohnehin davon ausgegangen werden, daß seine Gefäße (ganz zu schweigen vom Lungengewebe) erheblich beschädigt sind. Er raucht mindestens 2 Schachteln Zigaretten am Tag, das sind also 40 "Pack-years". (1 Pack-year hat man zusammen, wenn man ein Jahr lang täglich eine Schachtel raucht. So errechnet man die Exposition und die damit verbundene wahrscheinliche Beschädigung.) Rafa könnte seine Lebenserwartung bereits um Jahrzehnte verkürzt haben. Das Schlimme ist, daß die Betroffenen viel zu spät merken, was sie angerichtet haben. Rafa, der sich nicht um seine Gesundheit kümmert, könnte z. B. schon jahrelang Bluthochdruck haben und nichts davon wissen, weil hoher Blutdruck nicht wehtut. Er tötet aber, denn er gehört zu den Hauptrisikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall. Und wenn noch das Rauchen hinzukommt, entspricht das schon beinahe einer Garantie für ein vorzeitiges Ableben. Leider, leider habe ich auf Rafas Lebenswandel nicht den geringsten Einfluß. Ich finde es sehr, sehr traurig, daß er immer Frauen zwischen sich und mich stellt und es nie möglich ist, daß ich mich einfach nur mal so mit ihm verabrede. Ich finde es schrecklich, daß der Mensch, der mir hier unten auf der Erde am meisten bedeutet, sich langsam umbringt, und ich kann nur zugucken.

Tron antwortete, der Blutdruck sei doch leicht zu messen. Er habe Normalwerte. Vielleicht achte er deshalb auf seinen Blutdruck, weil seine Mutter Krankenschwester sei.
Ach ich Tron fragte, ob er Rafa überreden könnte, sich den Blutdruck zu messen, entgegnete Tron, er habe keinen Einfluß auf Rafa und dessen Verhalten. Er glaube nicht, daß irgendjemand auf Rafa Einfluß habe außer ihm selber.
In E-Mails unterhielten Tron und ich uns über Depressionen. Ich schrieb:

Was Depressionen angeht, so ist es ein Volksleiden, und das Gute an der Elektro-Wave-Szene ist, daß man das da nicht verstecken muß.
Künstlichen Frohsinn finde ich furchtbar.
Eine Neigung zu Depressionen kann vererbt werden. Häufig sind aber noch andere Dinge im Spiel, z. B. unbewältigte Konflikte (das kann z. B. bedeuten, daß man sich dauernd Selbstvorwürfe macht, auch ohne realistischen Grund, bzw. daß man ein beeinträchtigtes Selbstwertgefühl hat etc.). Rafa z. B., der über sich selbst sagt, manchmal wolle er "einfach nur sterben", hat Depressionen im Rahmen einer schweren Selbstwertstörung.

Tron schrieb:

Na ja, künstliche Depris schieben find ich aber auch dämlich, vieles in der schwarzen Szene ist mega-plakativ. Wenn ich The Doors mit Blutengel vergleichen würde ... Aua ...
Also, umbringen wollte ich mich schon mit 12 Jahren, hänge jedoch sehr am Leben, das sind eher Gedankenspiele.
Selbstwertprobleme, Angst, verlassen zu werden und und und, ja, das würde auf mich passen.
Es ist irgendwie so, dass man sich selbst nie gut genug war und irgendwann realisiert hat, dass man sein Ideal nie erreichen kann und irgendwie aufgibt.

Ich schrieb:

Es ist sinnvoll, sich bei Depressionen nicht zurückzuziehen, sondern gerade unter Menschen zu gehen und mit ihnen zu reden (wichtig).

Tron schrieb:

Menschen haben mir schon immer Angst gemacht ...

Ich schrieb:

Verlustängste und Selbstwertprobleme, das hast du mit Rafa gemeinsam, aber jeder geht damit anders um. Rafa hat auf jeden Fall suizidale Tendenzen, ich weiß aber nicht, ob er wirklich schon mal versucht hat, sich umzubringen. Das würd mich interessieren ... Ich glaube, Rafa verhält sich destruktiver als du, aggressiver. Rafas Betrügereien in Beziehungen finde ich ziemlich aggressiv, er schlägt auch seine Freundinnen. Im Grunde sind das Aggressionen, die er gegen sich selbst hat und nach außen lenkt. Vielleicht mutet er sich deshalb auch so oberflächliche (F...-)Beziehungen zu wie die mit Darienne und die ganzen anderen Bettgeschichten, mit denen er nur viele Frauen unglücklich macht und selbst letztlich auch nichts davon hat als das Gefühl der Leere nach dem Rausch.
Jedenfalls, unter Menschen gehen hilft gegen Depressionen.

Berenice hat einen ihrer Songtexte online gestellt, der eine Beschreibung ihrer Beziehung mit Rafa sein könnte:

Kalte Liebe
Im bunten Licht stahlblau Dein Blick, Musik so laut, der Anfang schön.
Du siehst mich an, ich bin verliebt, Dein Herz ist mein, das "Wir" beginnt.
Unzertrennbar. Lachen, tanzen. Nur wir zwei. Falsches Glück.
Unantastbar. Weinen, streiten, küssen, schlagen, was geschieht?
In uns hab ich mich verloren. Ertrank. Fiel tief. Du siehst mich an.
Uns're schöne Zeit mit all den Träumen liegt nicht weit zurück.
Es scheint, als könnt' ich mich einfach umdrehen und bei Dir sein.
Ich musste Dich verlassen, um neu zu lieben und zu leben.
Um mich selbst zu beweisen und ohne Dich neu zu beginnen.
Schmerzhaft hab' ich erfahren, wie sehr ich Dich vermissen kann.
Ohne Tränen. Um stark genug zu bleiben, nicht umzukehren.
Weil ich doch weiß, dass ich mich nur wieder in Dir verliere.
In dieser schier unendlichen Leere mit Dir.
Im bunten Licht stahlblau Dein Blick, Musik so laut, doch nur der Anfang schön.

Berenice hat ihre Band-Homepage mit Kittys Homepage verlinkt, die Kostümdesignern ist und an derselben Fachhochschule studiert hat wie Constri und Cinny, die Frau meines Kollegen Den. Kitty zeigt auf ihrer Homepage einige ihrer Arbeiten, phantasievolle, experimentelle Kostüme für Opernaufführungen, die während ihres Studiums entstanden sind. Sie gestaltet gerne raffinierte Corsagen und Korsetts und verwendet gerne durchsichtige Materialien. Ihre Mitwirkung bei W.E erwähnt Kitty auf der Homepage nicht.
Darienne hat auf ihrem Profil in der Online-Szene-Kontaktbörse kaum noch Text. Sie bezeichnet sich als "vergeben", doch wo zuvor stand, was ihr im Leben am wichtigsten sei ("... dieser eine, der mich so furchtbar glücklich macht :) - Musik - Plastik - eingeschränkte Unabhängigkeit - und vor allem L-E-B-E ...."), steht nun rein gar nichts mehr. Auf der letzten Seite des Profils sieht man Darienne immer noch mit Rafa im Regen auf einer Kanalfähre stehen, doch der Kommentar lautet nur noch kühl:

dover / calais

Da liest man kein schwärmerisches "... to the moon and back ...!!!" mehr.
Auf Dariennes eigener Homepage erscheint als Überschrift:

"Ich sage nur ein Wort: Plastik! ... Plastik ist die Zukunft!"
Das wissen wir spätestens seit dem Film "The Graduate" (1967).

Zum Thema "Plastik" äußert sich in Dariennes Gästebuch jemand namens "Moon":

übrigens denke ich nicht, dass plastik die zukunft ist ;) aber das kann man so oder so sehen

Unter den Fotos auf Dariennes Internetseite befindet sich ein Foto von H.F. in äußerst steifer Pose. Rafa, Darienne und Herr Lehmann wurden vor einer historischen Kulisse in Edinburgh aus starker Untersicht fotografiert. Vielleicht glaubt Rafa, dadurch zu vermitteln, diese drei seien der Inbegriff des "neuen Menschen" schlechthin und allen Menschen der Gegenwart überlegen.
Darienne widmet der Fassade, dem Äußerlichen eine eigene Rubrik: "Beauty?!". Es gibt Bilder von Filmstars vergangener Jahrzehnte zu sehen. Darienne begnügt sich mit bloßen Abbildungen attraktiver Schauspielerinnen. Die Persönlichkeiten und Lebensgeschichten dieser Frauen scheinen für sie von geringerem Interesse zu sein.
Die meisten Fotos auf Dariennes Seite zeigen sie selbst, überwiegend von Profis fotografiert. Dariennes Huldigungen an das Äußere und vor allem an das eigene Äußere werden in ihrem Gästebuch zumeist wohlwollend bestätigt, etwa heißt es, sie sei "unheimlich sexy", "wahnsinnig hübsch" und dergleichen. Es gibt aber auch kritische Kommentare, etwa von "Shy":

wunderschöne und attraktive frau, das muss man dir lassen, keine frage.
doch wie lange brauchst du wohl noch, um zu erfahren, dass es um mehr geht, als nur ein blickfang und steckschlitz für die männer zu sein?
solange du das nicht lernst, wird nur deine hülle respektiert, aber nicht du persönlich.

"Mothra" schreibt:

sehr selbstverliebte seite ...

Mitte Juni war ich als "sara-h" in Rafas Chatroom. Rafa war nicht zugegen. Tron und ich unterhielten uns über eine Picture Disc von W.E. Tron hatte diese limitierte Vinyl-Edition bestellt.

⟨sara-h⟩: ich warte halt immer gerne, bis wer mir die brennt
⟨Tron⟩: tztz
⟨Hellhound⟩: tzz tzz
⟨Tron⟩: du kannst dir doch nicht rafas sachen brennen lassen
⟨Tron⟩: sieh es als investition in eure zukunft ;)
⟨sara-h⟩: ja somit schon
⟨sara-h⟩: muessen ja unsre kids ernaehren ;))
⟨Tron⟩: hehe
⟨sara-h⟩: dies leider noch nicht gibt
⟨Tron⟩: oder er kauft sich kippen von dem geld ehhe
⟨sara-h⟩: ach ja natuerlich
⟨sara-h⟩: ohh ja
⟨sara-h⟩: man soll ja die sucht nicht foerdern
⟨sara-h⟩: aber ihn wuerd ich schon foerdern wollen
⟨sara-h⟩: am 27.12. wollt ich die vinyl kaufen, habe es vergessen
⟨Tron⟩: gabs die da schon?
⟨sara-h⟩: ich mein die horizont...
⟨sara-h⟩: die gabs schon
⟨Tron⟩: axo

Wir unterhielten uns über die Website von Berenices musikalischem Projekt:

⟨Tron⟩: und was meinste
⟨sara-h⟩: na immerhin macht sie etwas nach ihren eigenen vorstellungen
⟨sara-h⟩: das is wichtig
⟨sara-h⟩: einer der texte spricht baende
⟨Tron⟩: gib zu, dass du sie ein wenig unterschaetzt hast, hehe
⟨sara-h⟩: na, wenn sie sich selbst eigenstaendigkeit zugesteht, gehts
⟨Tron⟩: welcher text?
⟨sara-h⟩: kalte liebe
⟨Tron⟩: ah schon gelesen
⟨sara-h⟩: und?
⟨Tron⟩: da mag ich second decay texte mehr
⟨sara-h⟩: na ja, ich mein hier mehr die geschichte dahinter
⟨Tron⟩: na ja, die hab ich nicht zu beurteilen
⟨sara-h⟩: ich hatts mir halt in etwa so vorgestellt
⟨Tron⟩: hehe, das wissen wir doch ;)
⟨sara-h⟩: ja

Im Chat ging es eine Weile um Musik aus den Achtzigern und um Musik im Retro-Stil.

⟨sara-h⟩: bakterielle infektion haben mit a means to an end ein joy division stueck gecovert
⟨artemis⟩: Honey hat in L. Love will tear us apart von Joy Division gespielt
⟨artemis⟩: ⟩:: )
⟨sara-h⟩: aufgelegt hat er, im "memento mori", hab ich mitgekriegt
⟨sara-h⟩: war nur viiiel zu weit von h.
⟨artemis⟩: ⟨-- fand ja die Darienne total nett
⟨sara-h⟩: sie mag mich nicht so
⟨artemis⟩: Mir scheint aber, dass sie Honey mag un er sie ^^
⟨artemis⟩: Na ja ... und dann kommt ja jetzt auch das mit H.F. in Gang ^^
⟨sara-h⟩: na, ihre euphorie scheint nachzulassen
⟨sara-h⟩: jede illusion hat 1 ende
⟨artemis⟩: :D

Das Gespräch ging weiter über Musik und Stars, lebende wie tote. Zu dem Sänger von The Cure, Robert Smith, hatte Titan eine Frage:

⟨Titan⟩: packt das der olle robert denn noch?
⟨sara-h⟩: ja
⟨Tron⟩: ich find joy devision WESENTLICH besser
⟨artemis⟩: Nichts gegen Robert ; )
⟨Titan⟩: na ja aber der juengste isser ooch nich mehr ^^
⟨sara-h⟩: nein, aber auch nicht der aelteste
⟨Tron⟩: tote stars sind cooler, betty
⟨Titan⟩: :) er sieht immer ziemlich fertig aus
⟨sara-h⟩: wieso? ich lebe!
⟨Tron⟩: ?
⟨sara-h⟩: bin ich nur deshalb nich cool, weil ich lebe?
⟨artemis⟩: ⟨-- hat aber auch nichts gegen Joy Division ^^
⟨Tron⟩: du bist ein mensch
⟨Tron⟩: kein objekt wie ein star
⟨sara-h⟩: stars sind keine menschen?
⟨Tron⟩: nein
⟨artemis⟩: Stars sind Sterne *gg*
⟨Tron⟩: wenn ein star zu seiner besten zeit stirbt und genug fans hat, ist das ein hauch von unsterblichkeit
⟨sara-h⟩: rafa is bestimmt, ganz bestimmt (!) 1 mensch, also kann er dann kein star sein
⟨Tron⟩: er lebt ja noch
⟨sara-h⟩: ja gottseidank
⟨sara-h⟩: und ich muss dafuer sorgen, dass das noch lang so bleibt
⟨artemis⟩: ⟨-- lebt auch noch ... is ja aber auch nur von nebenan
⟨artemis⟩: *gg*
⟨Tron⟩: stell dir vor, wir haetten james dean alt werden sehen
⟨sara-h⟩: mir tuts immer leid, wenn ein junger mensch stirbt, und ich mag bowie auch noch in alt
⟨Tron⟩: bowie ist ja auch was besonderes
⟨sara-h⟩: ach, und dean war das nich?
⟨Platinum⟩: ja, bowie hat 2 verschiedenfarbige augen ^^
⟨sara-h⟩: dean war nix besonderes?
⟨Tron⟩: nee, denn der ist tot
⟨sara-h⟩: du hast ja ne logik
⟨Tron⟩: ich wette, er waer ne eintagsfliege gewesen
⟨artemis⟩: Is nich jeder irgendwie was besonderes?
⟨sara-h⟩: eben!! jeder is was besonderes
⟨sara-h⟩: auch ohne starrummel
⟨sara-h⟩: man muss kein "star" sein, um was wert zu sein
⟨sara-h⟩: man is wert aus sich selbst heraus
⟨Tron⟩: ein star definiert sich nicht von sich selbst heraus
⟨Tron⟩: die groesste null kann der megastar sein, wenn die leute das denken
⟨artemis⟩: Richtich ...

Es ging um die Frage, wann wer morgens aufstehen mußte und was wer arbeitete.

⟨Cyris⟩: Was gibt es morgen zu tun bei Euch?
⟨sara-h⟩: alles alltagsroutine
⟨sara-h⟩: diktieren
⟨Cyris⟩: pipettieren
⟨sara-h⟩: leute aufnehmen und entlassen
⟨Cyris⟩: Personalmanagement?
⟨sara-h⟩: nein, in einer rehaklinik
⟨Cyris⟩: Ahhh. Da haben die Entlassenen ja dann Glueck gehabt! ;)
⟨sara-h⟩: na ja, die entlassungstermine stehen bei aufnahme fast fest
⟨sara-h⟩: die muessen rehafaehig sein, sonst machts wenig sinn
⟨Cyris⟩: OK
⟨sara-h⟩: sind meist schlaganfaelle
⟨sara-h⟩: denen gehts meist nach + nach besser
⟨sara-h⟩: bist du in einem labor?
⟨Cyris⟩: Ja. Entwicklungsbiologie
⟨sara-h⟩: machst du da forschung?
⟨Cyris⟩: Na ja. Ich bin in Chemischer Oekologie ausgebildet. Ich mache zur Zeit nur ein molekularbiologisches Praktikum. Aber da ich bei einem Projekt assistiere, ist es natuerlich Forschung, ja
⟨sara-h⟩: wie gehts nach dem praktikum weiter?
⟨Cyris⟩: Promotion
⟨sara-h⟩: eine freundin von mir hat an der uni wue. eine doktorandenstelle fuer biologie
⟨Cyris⟩: Ich nutze nur die Wartezeit, bis zur gesicherten Finanzierung "meines" Projektes
⟨sara-h⟩: was fuer eines ist das?
⟨Cyris⟩: wenn alles glatt geht, forsche ich in Mariner Biologie nach antibakteriellen Naturstoffen
⟨sara-h⟩: das erinnert mich an den kampf gegen multiresistente erreger
⟨Cyris⟩: Oh ja. :/ Antibiotika werden immer wieder gebraucht
⟨sara-h⟩: ja! und es gibt ja dann auch noch diese anderen ... probiotics oder so ...
⟨Cyris⟩: Oh ja ... im Joghurt ;)
⟨sara-h⟩: man sucht die keime, die problemkeime niedermachen, dort, wo die schlimmsten keime sind
⟨Cyris⟩: Ja. Oder dort, wo keine Bakterien wachsen sollen und daher Abwehrmechanismen entwickelt wurden
⟨sara-h⟩: ja
⟨sara-h⟩: damals das penicillin war eine zufallsentdeckung ...
⟨Cyris⟩: Ja, wenn er nicht zufaellig den Hemmhof auf seinen Agarplatten gesehen haette ...
⟨sara-h⟩: ja, auf den agarplatten ...
⟨Cyris⟩: ... um den Pilz ...
⟨sara-h⟩: ... solche zufaelle retten leben ...
⟨Cyris⟩: Ja. Da heisst es eben immer: Augen auf! :)
⟨sara-h⟩: ja, immer + ueberall
⟨Cyris⟩: Geistesgegenwart
⟨sara-h⟩: ja, das ist wichtig ... dass man auch da, wo man nichts vermutet, aufpasst ...
⟨Cyris⟩: Ja

Ich nannte eine URL, die zu einem Bild der Festung von WÜ. führt. Das Bild zeigt die Festung verschneit in der abendlichen Dunkelheit, von Strahlern angeleuchtet.

⟨Cyris⟩: Oh schoen. Ich war erst im Fruehling dort auf einer Tagung
⟨sara-h⟩: ja, ich war im letzten herbst da
⟨sara-h⟩: im grunde ist das leben ein bisschen wie ein videospiel
⟨Cyris⟩: Hehe ... welches?
⟨sara-h⟩: na allgemein eher, jedenfalls hoff ich nicht "doom"
⟨sara-h⟩: "doom" ist schauerlich
⟨Cyris⟩: Auch da gibt es geheime Raeume zu entdecken ... glaube ich ... ;) Aber ich weiss, was Du meinst!
⟨sara-h⟩: ja
⟨sara-h⟩: gemetzel

In "Doom", einem "Ego-Shooter", wird ein "Feind" nach dem anderen brutal niedergeschossen. Als ich dieses Spiel vor Jahren ausprobiert habe, wurde mir übel, und ich hörte schnell wieder damit auf.

⟨sara-h⟩: live gibts sowas im krieg
⟨sara-h⟩: den ich zum glueck noch nie erlebt habe
⟨Cyris⟩: Ja
⟨sara-h⟩: man soll ja dran denken, dass es einem eben doch irgendwie ganz gut geht ...
⟨Cyris⟩: Oh ja. Es geht uns sehr gut!!!! Viele merken das erst, wenn sich das mal (voruebergehend) aendert
⟨sara-h⟩: ja
⟨sara-h⟩: und viele gehn leichtsinnig mit sich selbst um
⟨Cyris⟩: Das ist so, ja
⟨sara-h⟩: aber oft muessen die leute ihren herzinfarkt erst kriegen, leider
⟨Cyris⟩: So eine Geschichte habe ich erst vor kurzem miterlebt. Man kann es nicht aendern. Die Leute muessen selber drauf kommen! Mancher spaet - und mancher ...
⟨sara-h⟩: erzaehl
⟨sara-h⟩: hats da einen erwischt?
⟨Cyris⟩: Ein Bekannter meines Vaters ist nach mehreren Herzinfarkten, mit einem Schrittmacher ausgestattet und unter Tabletten gesetzt, nach langem Kampf verstorben
⟨sara-h⟩: oh je
⟨sara-h⟩: hat er leichtsinnig gelebt?
⟨Cyris⟩: Sehr starker Raucher ... :( Auch nach dem ersten Infarkt noch
⟨sara-h⟩: oh je!!!
⟨sara-h⟩: rafa raucht kette!!!!
⟨sara-h⟩: seit 20 jahren
⟨Cyris⟩: Ja.
⟨sara-h⟩: und sein vater ist vermutlich einem herzinfarkt zum opfer gefallen
⟨Cyris⟩: :(
⟨sara-h⟩: da war rafa 13
⟨sara-h⟩: ist er nie drueber weggekommen
⟨sara-h⟩: und tut nun alles, um auch so frueh zu sterben
*Cyris* Moechtest Du das offen sagen?
⟨sara-h⟩: was?
*Cyris* Ueber W.E interne Dinge?
⟨sara-h⟩: na, so ganz offen isses hier nicht, und alles weitere immer codiert
⟨Cyris⟩: OK.
⟨sara-h⟩: na, ich denke, der feind der sucht ist die offenheit
⟨sara-h⟩: und rafas sucht ist im grunde mein feind
⟨sara-h⟩: daher das mit der offenheit
⟨sara-h⟩: dass ich sag, was ich denk
⟨Cyris⟩: Der Feind der Sucht ist die Offenheit. Das stimmt! Hat man ja an den Reaktionen im Forum gemerkt ... und merkt es fast taeglich
⟨sara-h⟩: ja, da ist viel dran
⟨sara-h⟩: nun kann man folgern, da die offenheit der feind der sucht ist, kann es vielleicht helfen, wenn man offen ist
⟨Titan⟩: hmmm, das haengt aber immer noch von der person ab
⟨Cyris⟩: Nicht wirklich. Zumindest nicht mit direkter Wirkung
⟨sara-h⟩: ja, man kann grade bei sucht nie vorausberechnen, was hilft
⟨sara-h⟩: das ist ein geduldsspiel
⟨Titan⟩: wenn mir einer gesagt hat, hoer auf zu rauchen, das is nich gut fuer die lunge ... habe ich mir immer nur gedacht, der stadtbewohner inhaliert mindestens genauso viel dreck (was ja stimmt)
⟨sara-h⟩: nein
⟨Cyris⟩: Die Person muss selber offen zu sich sein bezueglich der Sucht!
⟨sara-h⟩: ja!
⟨sara-h⟩: und das sind die suechtigen selten
⟨sara-h⟩: bzw. ungern
⟨sara-h⟩: die bagatellisieren oft
⟨Titan⟩: ich hab nur aufgehoert, weils mir zu teuer wurde und weil ich keinen sport mehr machen konnte und es schon wehgetan hat beim rauchen :)
⟨sara-h⟩: das ist immerhin jemand, ders geschafft hat
⟨sara-h⟩: das ist viel viel wert
⟨Titan⟩: jetzt rauche ich seit 2,5 jahren nicht mehr ... und habe es auch nich wieder vor
⟨sara-h⟩: das ist gut
⟨sara-h⟩: es ist ja so, man bringt sich nicht nur um mit den zigaretten, man hinterlaesst auch leute, die trauern ...
⟨Titan⟩: war allerdings ein sehr starker raucher ...
⟨Titan⟩: weiss nich, ob sich meine lunge je wieder erholt
⟨sara-h⟩: bisschen erholt die sich
⟨sara-h⟩: doch schon
⟨sara-h⟩: jeder tag, den man eher aufhoert, bessert was
⟨sara-h⟩: aber leider ist es fuer einige zu spaet
⟨Titan⟩: ich weiss halt nich, was bei vielen so schlimm daran ist, aufzuhoeren ... muss ne echt krasse kopfsache sein ... habe immer sofort aufgehoert
⟨Titan⟩: ohne zittern und so :)
⟨sara-h⟩: ja, ist krasse kopfsache, unsicherheit, aengste
⟨assel⟩: ja
⟨Titan⟩: dabei habe ich locker 1 -2 schachteln am tag gebraucht
⟨sara-h⟩: zigarette als schnullerersatz und so
⟨sara-h⟩: das ist viel
⟨Titan⟩: oh ja du sagst es
⟨Titan⟩: also der finanzfaktor war es auch, der mich am ehesten dazu bewogen hat, wieder aufzuhoeren ^^
⟨sara-h⟩: da lebt man fast nur noch fuers rauchen
⟨Titan⟩: schlimm, ich weiss :rolleyes:
⟨Titan⟩: ich muss heute immer nur lachen, wenn ich am automaten das grosse rote 4,00 EUR schild 'werben' sehe HARHAR
⟨sara-h⟩: da war eine 46 und hoerte auf, als sie die krebsdiagnose bekam, aber inoperabel! keine chance
⟨Titan⟩: direkt vor meiner tuer is ja einer
⟨sara-h⟩: ein automat
⟨sara-h⟩: und wird zum glueck immer teurer
⟨Cyris⟩: ja. Das ist gut
⟨sara-h⟩: es hoeren viele auf deshalb
⟨Titan⟩: ja und bald gibt es endlich die ec oder geldkarten automaten mit alterskennzeichen
⟨sara-h⟩: ja das waer gut, denn je eher einer anfaengt, desto gefaehrlicher
⟨Titan⟩: es gibt ja statistiken, dass die 13 - 17-jaehrigen 12 % weniger rauchen (wegen dem geld), allerdings belegen zahlen, dass sie stattdessen zum alk greifen :(
⟨assel⟩: der glaeserne mensch hat also doch vorteile??
⟨sara-h⟩: ja, sozusagen
⟨Titan⟩: es hat alles vor- und nachteile, assel
⟨Titan⟩: is numal so
⟨Titan⟩: rfid hat auch einige vorteile, nur leider werden eher die nachteile genutzt, das is der mist
⟨sara-h⟩: immerhin werden weniger alcopops gekauft
⟨sara-h⟩: ja, rfid in der medizin
⟨sara-h⟩: patientenzuordnung und so
⟨sara-h⟩: verwechslungen vermeiden und so
⟨Cyris⟩: Titan: Wo ist das nicht (in erster Linie) so?
⟨Cyris⟩: :/
⟨sara-h⟩: hat fast alles 2 seiten
⟨Titan⟩: und die wirtschaftlichen interessen bedienen sich leider immer der 'schlechten'
⟨sara-h⟩: ja, haben statt sein
⟨assel⟩: klar, es geht schlie▀lich um profit
⟨sara-h⟩: nur hat das letzte hemd keine taschen
⟨Titan⟩: :) das is ein guter satz (den haben Daily Terror sogar mal zum refrain gemacht)
⟨sara-h⟩: frueher hab ich viele punkkonzerte gesehen, in den achtzigern
⟨sara-h⟩: damals hing das noch mehr mit wave zusammen
⟨Titan⟩: :) da war ich noch zu jung
⟨sara-h⟩: da war punk noch salonfaehig
⟨assel⟩: ?
⟨sara-h⟩: das gehoerte noch zur avantgarde, galt als schick
⟨assel⟩: ja bei den "edelpunks" vielleicht
⟨sara-h⟩: heute gibts so bisschen das revival des edelpunk
⟨sara-h⟩: so, jetzt geh ich endlich mal ins bettchen
⟨sara-h⟩: n8 + c u soon

Nun hatte ich erfahren, daß Rafa Darienne am ersten Juniwochenende nach L. ins "Memento Mori" mitgenommen hat und daß die beiden dort eitel Harmonie zur Schau getragen haben. In einem seltsamen Gegensatz dazu stehen die Veränderungen in Dariennes Profil bei der Online-Szene-Kontaktbörse, wo es Hinweise auf eine gewisse Ernüchterung gibt.
Icon schrieb in einer E-Mail über Darienne und ihre Fassade:

Zu einer gewissen "Plastik" und Fassade sage ich besser nichts. Ich kenne sie zwar bisher nur aus dem Netz, aber das hat mir eigentlich gereicht. Im August werde ich sie real kennenlernen. Ich bin gespannt, wie sie ist.

Icon bestätigte meine Meinung, daß ein Künstler durch Authentizität und persönlichen Kontakt sympathisch wirkt:

So war es bei mir, als ich Rafa kennengelernt habe. Eigentlich bin ich erst seitdem so richtig in W.E vernarrt. Vorher fand ich sie "nur" sehr gut. ;) Aber ich weiß nicht, wie es bei anderen ist.

Icon schilderte seine Erlebnisse mit seiner Freundin Mayjana. Sie sorgte im März für reichlich Aufregung durch ihre Launen. Während Icon auf sie wartete und sie ihn mehrmals vertröstete, las er immer wieder in "Im Netz", das er sich aufs Handy geladen hatte. Als Mayjana endlich erschien, verhielt sie sich abweisend. Für das Wochenende hatten Mayjana und Icon geplant, auf ein W.E-Konzert in Ld. zu gehen. Als Mayjana Icon mitteilte, sie wolle ihn nicht begleiten, fühlte er sich sehr verlassen:

Ich war auf dem Konzert ... ohne sie ... Ich war auch ganz gut gelaunt, W.E heitert mich immer auf. Das ging so lange, bis ich dann hinten bei Rafa war. Er hat mich an der Hand gepackt und gesagt:
"Mensch, zeig' mir doch mal deine Freundin."
Mir schossen sofort Tränen in die Augen, und Rafa hat das wohl bemerkt. Er hat dann nicht weiter nachgefragt, sondern wir haben uns über die W.E-Homepage unterhalten.

Mayjana hat entsprechend ihrer Launen wieder freundschaftlichen Kontakt zu Icon aufgenommen. Er ist darauf eingegangen. Er liebe sie mehr als alles andere.
Ich schrieb:

Ja, die Ereignisse mit Mayjana hören sich schicksalhaft und tragisch an. Vielleicht gab es schon vorher in der Beziehung von dir und Mayjana einen Bruch, einen Knick, einen Punkt, wo ihr auf irgendeine Art einander fremd wurdet. Manchmal gibt es in Beziehungen einen Hauptkonflikt, der sie limitiert.

In der hellsten Zeit des Jahres waren Constri und ich auf Film- und Fotosafari im Gasometer in OB. Etwa drei Stunden lang filmten und fotografierten wir: im dunklen Erdgeschoß mit dem rohen Betonboden, im Trabekelwerk des Zwischengeschosses, auf stählernen Fluren in der großen Halle, die an der Stahlwand des annähernd zylindrischen Bauwerks entlangführen, im "Amphitheater" am unteren Ende des ehemaligen Gasbehälters, vom gläsernen Aufzug aus und von der vergitterten oberen Plattform aus, wo man durch Lücken im Gitter fotografieren und filmen kann.
Im Gasometer gibt es nur in der Decke Fenster. Das Licht schien in der Mittagszeit senkrecht nach unten in den gewaltigen Zylinder, bis hinunter auf den Scheibenboden des "Amphitheaters". Einen solchen Lichteinfall bekommt man nur in dieser Zeit des Jahres zu sehen, wenn die Sonne hoch im Zenit steht.
Constri nahm einige Sounds, die in dem stählernen Bau dumpf und von allen Seiten schwingend zu hören sind, mit der Kamera auf. In der Mitte des Scheibenbodens wiederholt sich jeder Laut viele Male. Ausgerechnet als wir dort standen, fiel uns nichts ein, was wir hätten sagen oder rufen können.
Auf einem der stählernen Wege filmte ich Constri, die Denise nachahmte, wie sie um Kekse bettelt und Kinderlieder singt:
"Tututu, Eidebahn, Baby will Tutu fahrn, lleine fahrn mag ich nich, nehm ich Deni mit."
Nachmittags waren wir mit Ted und Blanca auf Fotosafari auf dem Gelände in DO., wo es mehrere stillgelegte Hochöfen zu erklettern gibt. Sie sind himmelhoch, und Constri meinte, ihr sei das Klettern zu gefährlich. Sie kam schließlich mit nach oben, weil keiner mit ihr unten bleiben wollte.
Blanca war sehr besorgt um Ted, weil sie es schon erlebt hat, daß er gefährliche Klettereien unternimmt, wenn ihn jemand auf entsprechende Ideen bringt. Er soll schon freischwebende morsche Treppen und sehr brüchige Leitern hinaufgestiegen sein. Ich verzichtete darauf, ihm vorzuschlagen, daß er an einem Schlot hinaufklettern könnte, in dessen Mauerwerk Stahlbügel befestigt sind.
Mit Azura unterhielt ich mich in E-Mails über Frisuren. Sie hat sehr lange Haare, und ich meinte, dann könnte sie sich ja eine Frisur machen wie Kaiserin Sissi oder wie die Prinzessin, die auf einem Gemälde von Moritz von Schwind Wieland dem Schmied begegnet. Die Frisur der Prinzessin hat mich schon immer begeistert, weil sie nur möglich ist, wenn man Haare (oder Extensions) besitzt, die bis zu den Waden reichen. So lang sind Azuras Haare freilich nicht.
Haarteile fertigt Azura gerne selbst an. In einigen befinden sich außer Kunsthaaren auch Felgenband und durchsichtige Gummizöpfe mit LED-Lämpchen darin.
Azura teilt meine Begeisterung für ehemalige Industrieanlagen. Sie hat überwucherte Backsteingebäude erkundet und fotografiert, die zu aufgegbenen Bahn-Betriebsanlagen gehören. Eine unterirdische Bunkeranlage im Wald, die ihr ehemaliger Freund ihr zeigte, fand sie recht unheimlich. Ähnlich mulmig wurde ihr, als ihr Freund und sie mit Hilfe eines Seils in Griechenland einen Leuchtturm erkletterten.
Azura erzählte, daß sie Diplombiologin ist und nach einer Stelle sucht. Sie möchte - im Gegensatz zu Berenice und Victoire - nicht promovieren.
Ende Juni war ich auf einer Grillparty, zu der mich die Schwestern der Station eingeladen hatten, wo ich zuletzt in Kingston gearbeitet habe. Sie fragten, wann ich endlich nach Kingston zurückkomme. Ich antwortete, daß ich auf jeden Fall zurückkehren will, aber vorher die Facharztweiterbildung abschließen will. Weil nicht sicher ist, wie lange das dauert, kann ich noch nicht sagen, wann.
Schwester Alessia erzählte, daß Dessie inzwischen mit ihrem jetzigen Freund in der Nähe von Kingston in einem Dort lebt und bei "McGlutamat" arbeitet, im Café. Sie soll recht zufrieden sein mit ihrem Leben und ihrer Arbeit.
Alessia ist befreundet mit Amelie, und ich kenne beide von der Station in Kingston.
Das Dorf, wo die Grillparty stattfand, gehörte vor der Wiedervereinigung zum grenznahen Sperrgebiet der DDR. Die Menschen, die dort wohnten, hatten wenig Kontakte zur Außenwelt, weil sie nur sehr eingeschränkt Besuch empfangen duften und sich nur sehr eingeschränkt innerhalb der DDR bewegen durften. Unterhaltsam war vor allem der Dorftratsch. Eine solche Klatschgeschichte wurde heute zum Besten gegeben:
Einst hatte eine Frau einen Handwerker bestellt, der sollte ihren Kühlschrank reparieren. Als er sich in den Kühlschrank beugte, griff die Frau ihm von hinten in den Schritt. Er stieß sich vor Schreck den Kopf und fiel ohnmächtig in den Kühlschrank hinein. Die Frau rief den Rettungsdienst. Als die Sanitäter den Handwerker die Treppe hinuntertrugen, kam er wieder zu sich und sagte:
"Ich hätte nicht die Besinnung verloren, wenn die Frau mir nicht an die Eier gefaßt hätte."
Da mußten die Sanitäter so lachen, daß der Handwerker von der Trage fiel und sich ein Bein brach.
In der Reha-Klinik in Bad O. gibt es - wie sicher in jedem Krankenhaus - ebenfalls absurde, durchaus makabre Ereignisse. Eine Schwester versorgte morgens eine gehbehinderte Patientin und sagte dann freundlich zu ihr:
"So, jetzt werden Sie gleich abgeholt mit dem elektrischen Stuhl."
Als ich der Schwester nachher diesen Satz zuwisperte, erklärte sie:
"Das nennen wir hier so. Aber stimmt, eigentlich müßte es 'Elektro-Rolli' heißen."
Eine Schwester hat erzählt, daß mal eine Schwester arglos zu einem Mitarbeiter des Hol- und Bringedienstes über eine ältere Patientin gesagt hat:
"Die brauchst du nicht in den Rollstuhl setzen, die ist schon lange läufig."
Die Patientin bemerkte:
"Na, aus dem Alter bin ich aber schon 'raus."
"Läufig" oder "beinig" sind etwas verunglückte Bezeichnungen für "gehfähig".
Am Samstag war ich mit Magenta im "Zone". Les spielte unter anderem "[xo]toxic" von Xotox und "Gun" von Frontline Assembly.
Evelyn erzählte, daß sie jetzt fest in der Videothek arbeitet, wo sie zunächst nur Aushilfe war. Sie sucht nach einem Ausbildungsplatz. Es sei kaum möglich, einen zu finden.
Barnet und Heloise waren mit Felicity im "Zone". Felicity trug einen raffinierten Faltenmini. Sie hat eine sehr schlanke Figur und lange mittelblonde Haare. Felicity verhält sich immer sehr brav; sie trinkt nicht, raucht nicht und sitzt meistens bei ihren Eltern. Auf der Tanzfläche habe ich sie bisher nicht gesehen. Vielleicht traut sie sich nicht - oder sie geht nach ihrem Vater, der fast nie tanzt.
Barnet, Heloise und Felicity haben Nancy Ende Mai an ihrem Geburtstag besucht. Nancy soll durch ihre Krankheit - Chorea Huntington - inzwischen merklich eingeschränkt sein. Sie soll auch nicht mehr so gertenschlank sein, wie ich sie kenne; sie soll sehr zugenommen haben. Mit ihrem Freund sei sie wohl glücklich, und Selbstmord sei für sie kein Thema. Nancy hatte mir vor einiger Zeit erzählt, daß sie sich umbringen will, wenn die Krankheit ausbricht, die genetisch vorherbestimmt ist und unausweichlich zu Pflegebedürftigkeit und geistigem Abbau führt.
Barnet hat Rafa kürzlich an einem Sonntag in Bad N. auf einem Flohmarkt gesehen. Rafa soll allein gewesen sein, ohne weibliche Begleitung. Barnet hat Rafa nicht angesprochen. Rafa soll sich historische Schallplatten angeschaut haben.
"Was meinst du, wo der seine Inspirationen herkriegt?" kommentierte Barnet.
Zu Rafas Musik meinte Barnet:
"Die Musik von W.E ist wie das, was zur NDW-Zeit in den Charts war, aber nicht wie die genialen minimalistischen Sachen, die es damals auch gegeben hat. Rafas Texte sagen mir nichts, ich kann sie so oft lesen, wie ich will."
Barnet erzählte von einem seiner Bekannten - Dimo -, der im vergangenen Jahr eine der blau angemalten "Schaufensterpuppen" verkörperte, die Rafa beim Sommerfestival in HI. für die Bühnenshow einsetzte. Dimo und Rafa haben sich bald danach verstritten und keinen Kontakt mehr zueinander.
"So geht es immer wieder", merkte ich an. "So viele Leute wenden sich von Rafa ab, weil sie sich von ihm enttäuscht oder vor den Kopf gestoßen fühlen, das ist immer dasselbe. Die meisten seiner Bekannten hat Rafa nur vorübergehend. Diejenigen, die Rafa die Stange halten, kannst du an einer Hand abzählen."

Ein Traum spielte in einem sehr großen Veranstaltungszentrum. Es war ein Altbau, ähnlich wie ein Opernhaus über mehrere Etagen. Rafa war als DJ offiziell angekündigt. Die Veranstaltung war sehr gut besucht. Es ging auf vier Uhr zu, und es war Hochbetrieb. In einem der oberen Stockwerke sah ich Rafa in einem Saal am DJ-Pult stehen. Er legte zusammen mit einem Mädchen auf. Ich ging langsam auf das DJ-Pult zu. Rafa erblickte mich, und ihn durchlief etwas wie eine Erschütterung.
"Ich geh' dann mal, ja?" sagte er zu seiner DJ-Kollegin.
Er griff seine Jacke und lief davon, in eine Richtung, wo ich einen Seitenausgang vermutete. Ich ging durch das Hauptportal nach draußen, weil die Seitentüren dem Publikum nicht zugänglich waren.
"Wahrscheinlich geht er als Erstes zum Kiosk", dachte ich, als ich gegenüber des Hauptportals - schräg links - einen Kiosk erblickte.
Draußen war es schon hell, aber bedeckt. Auf der Straße waren nicht viele Menschen. Ich schaute nach rechts; dorthin hätte Rafa gehen müssen, um nach Hause zu gelangen. Ich schaute nach links und entdeckte Rafa an dem Kiosk, mit blauem Batik-Shirt und Spiegelbrille. Er stand in einer Gruppe von Leuten. Er schaute mir entgegen und machte eine Geste mit beiden Händen gegen seinen Kopf, als wollte er sagen:
"Oh Gott, was will die denn hier?"
Er feixte, guckte nach unten, dann wieder hoch. Ich ging langsam zu dem Kiosk, damit Rafa genügend Zeit blieb, um wegzulaufen. Rafa lief aber nicht weg, sondern schaute mich geradewegs an.
"Was willst du'n hier?" schnappte er, als ich vor ihm stand.
Seine Augen hafteten an meinen, durch die Brillengläser hindurch.
"Na ja, du bist eben so schnell weggerannt", entgegnete ich. "Du hast mich gar nicht begrüßt."
"Ja, und was - was willst du jetzt hier?" fragte er aufgekratzt.
"Na ja, ich wollte das nachholen. Weil, wir hatten uns ja überhaupt nicht unterhalten."
Ich ging die letzten Schritte auf Rafa zu und schloß ihn in die Arme. Als ich ihn an mich drückte, holte er tief Atem, als ginge es ihm an den Kragen. Seine Abwehr erlahmte zusehends.
"Das ist so schön", rief ich ein ums andere Mal.
"Was ist so schön?" fragte er.
"Dich in den Armen zu halten, das ist so schön", erklärte ich.
Rafas giftige Miene zersank zu einem weichen Lächeln, das ihm wohl nicht besonders lieb war. Er vollführte mit mir eine Art Scheingefecht und entfernte sich dabei mit mir von dem Kiosk, in Richtung seines Zuhauses. Wir bewegten uns den Bürgersteig entlang. Er drehte mich von sich weg, ich nahm seine Arme und zog sie von hinten um mich herum.
"Was meinst du eigentlich, was meine Freundin dazu sagt?" fragte Rafa.
"Du liebst deine Freundin nicht", war ich sicher. "Du hast sie nie geliebt, genauso wenig wie alle anderen vor ihr."
"Ich glaube, Alina sieht das ganz anders."
Hieraus schloß ich, daß Rafa seine Freundin wieder einmal ausgetauscht hatte. Darienne war sang- und klanglos durch irgendeine Alina ersetzt worden.
"Weißt du, Rafa, das ist so", erklärte ich und zog immer wieder aufs Neue seine Arme um mich herum, "das ist so ..."
"Oh Mensch", redete er dazwischen, "oh Mann, mußt du denn immer ..."
"Ja, weißt du, Rafa, das ist nämlich so: Du willst keinen Menschen an deiner Seite, sondern ein Objekt, das dich anhimmelt und sonst nichts zu sagen hat."
"Hä, was soll denn das heißen?" fragte er gereizt.
Ich drehte mich zu ihm und wiederholte freundlich:
"Rafa, du willst keinen Menschen an deiner Seite, sondern ein Objekt, das dich anhimmelt und sonst nichts zu sagen hat."
Rafa erwiderte, er könne damit nichts anfangen, und was das überhaupt bedeuten solle?
"Außerdem kannst du mit meinen Freundinnen sowieso nicht mithalten", setzte er hinzu.
"Ich will endlich Kinder mit dir haben", sagte ich. "Danach sehne ich mich so, so sehr."
"Ja, aber jetzt will ich nach Hause."
"O.k., ich begleite dich."
Rafa war nicht begeistert. Als ich ihn immer aufs Neue umarmte, fing er wieder an zu lächeln, und schließlich umarmte er mich ebenfalls.
"Kinder", sagte ich, "das wäre so schön, ich wünsche mir so sehr Kinder. Wenn die dann so langsam heranwachsen, werden sie immer unartiger."
Rafa erzählte von seiner eigenen Kindheit und meinte, Kinder würden viel Dreck machen und sehr unartig sein.
"Genau", nickte ich.
Während wir den Weg zu dem Haus fortsetzten, wo Rafa wohnte, hielt ich ihn weiter in den Armen. Wir redeten über Kindheit, über Unartigkeit, Streiche und Probleme.
"Jetzt gehe ich aber nach Hause", sagte Rafa nach einer Weile.
"Ja, ja", sagte ich, zog ihn an mich und küßte ihn auf den Mund.
Rafa erwiderte den Kuß, leidenschaftlich und ausgedehnt.
Als ich noch mehr über Kinder redete, nahm auch er das Thema wieder auf. Wir einigten uns darauf, daß Kinder mit zwölf Jahren unausstehlich sein können, etwa wenn die Jungs vom Fußball kommen.
"Die wollen sich dann oft noch nicht einmal waschen und noch nicht einmal aufräumen", meinte ich.
"Nein", sagte Rafa, "gewaschen habe ich mich schon, aber aufgeräumt nicht."
Ehe Rafa ins Haus ging, war der Traum zu Ende.

Anfang Juli waren Gesa und ich im "Byzanz". Rikkas früheren Lebensgefährten Seth traf ich dort auch. Seth hat eine der begehrten Stellen an der Universität H. Er meinte, einige seiner Kollegen bekämen ihr Gehalt, ohne viel dafür zu tun. Dennoch seien sie nicht von Kündigung bedroht. Das sei der Fluch des öffentlichen Dienstes. In der freien Wirtschaft hätten sie ihre Arbeit wohl längst verloren.
"So einen kannte ich auch mal", erinnerte ich mich, "im Institut der Hochschule, wo ich als Studentin gearbeitet habe. Ja, ich habe gearbeitet, und er ist nach Polen gefahren, um Holz für sein Haus zu kaufen. Da wäre auch niemand auf die Idee gekommen, den 'rauszuwerfen."
"Ich finde, man müßte die Arbeitsämter abschaffen."
"Dann kriegen aber die, die viele Jahre gearbeitet haben und immer in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben, ihr Geld nicht", gab ich zu bedenken, "denn das ist die Hauptaufgabe des Arbeitsamts - das Auszahlen des Arbeitslosengeldes."
Darüber hatte Seth noch nicht nachgedacht.
Am Samstag war ich bei "Stahlwerk". VJ Ethereal hat die zwei Minuten Film, die Constri für ihn zustandegebracht hat, zerteilt und in seine Videoshow eingebaut. Die Aufnahmen finden durchaus Anklang.
"Einfach nur geil", fand Davis, der bei "Stahlwerk" auflegt.
Diddo hatte sich ein orangefarbenes Lackmieder genäht, das mit schwarzen Lackstreifen besetzt ist. Dazu trug sie ein Röckchen aus durchsichtiger orangefarbener Plastikfolie. In ihre Haare hatte sie weiße und orangefarbene Kunstzöpfchen eingeflochten. Sirio machte Fotos und drehte eine kurze Filmsequenz mit der Digital-Fotokamera.
Ein Junge trug eine schwarze Weste, an deren Rücken war ein Schraubenschlüssel befestigt, und auf einer Schulter leuchtete eine grüne Lampe. Ein anderer Junge trug eine Schweißerbrille als Haarreif, an der war eine blau leuchtende Lampe befestigt. Diesen "Glühwürmchen-Stil" mache ich auch gern mit; ich trug ein rotes Knicklicht-Stäbchen im Haar.
Darien war mit Dera bei "Stahlwerk". Dera erzählte, daß der kaum zweijährige Ciaran seinem Vater Darien immer ähnlicher wird. Wenn sie Darien und Ciaran vor sich hergehen sieht, staunt sie, weil die beiden dieselbe Körperhaltung haben und dieselbe Art, zu gehen.
Das Familienleben sei manchmal anstrengend, weil in dieser Patchwork-Familie jeder seine eigene Lebensgeschichte mit hineinbringe und die damit verbundenen Konflikte. Dariens frostige Kindheit sei zu spüren, Deras Ordnungsliebe, Cicelys Bindung an ihren kaum noch auf der Bildfläche erscheinenden Vater und Ciarans kindlicher Trotz.
Darien hält nach wie vor einen Sicherheitsabstand zu seiner Herkunftsfamilie ein, in der er sich vernachlässigt und ausgenutzt gefühlt hat.

Am Dienstag habe ich geträumt, Rafa und Darienne hätten vor, in der kommenden Woche zu heiraten.

Am Mittwoch waren Constri, Denise und ich bei Merle und Elaine. Merle gab ihren Geburtstagskaffee. Elaine hatte die Idee, daß wir noch aufs Schützenfest gehen könnten, und so machten wir uns um halb neun am Abend auf den Weg. Elaine erzählte, daß sie in dem Computerspiel "Sim City", wo sie ihre eigene Stadt bevölkert, auch eine Frau mit meinem Namen erschaffen hat und sogar die dazugehörige Katze, ein Nachbau meines Katers Bisat. Auf dem Schützenfest fuhr Elaine mit Denise im Kinderkarussell und legte den Arm um die Kleine, damit sie nicht aufsprang oder herausfiel. Denise schienen die Fahrten sehr zu gefallen. Während Elaine und Denise im Kinderkarussell saßen, nahm Constri sich "frei" und ging nach langer Zeit wieder einmal in das große Kettenkarussell.
Darienne hat ihr Profil bei der Online-Szene-Kontaktbörse erneut geändert. Es gibt noch weniger Text als bisher. Die Liste der von ihr bevorzugten Bands, zu denen auch W.E zählte, hat Darienne gelöscht. Sie bezeichnet sich nicht mehr als "vergeben", sondern als "verliebt". Auf die Frage nach ihren Träumen schreibt sie:

... sind nicht zu erfüllen :(!

Daneben sieht man sie von hinten am Heck der Kanalfähre stehen und auf das Wasser blicken.
Das Foto, das Rafa und Darienne im Regen auf der Fähre zeigt, steht immer noch im Profil, nüchtern kommentiert mit:

dover / calais

Auf der letzten Seite im Profil ist ein Foto zu sehen, wo Rafa und Darienne seltsam steif nebeneinander in einem Sessel sitzen und zugleich von hinten in einem Spiegel zu sehen sind. Darienne schreibt hierzu:

Ich könnte nicht leben ohne Musik und Liebe ...

Darienne erhält in dem Gästebuch auf ihrer Homepage - neben viel Lob und Bewunderung für ihr Aussehen - nach wie vor kritische Stimmen zu ihrer Form der Selbstdarstellung. Ein Kommentar lautet:

hey süsse, schmink dich nicht so viel, so bist du viel zu künstlich, zeig mal dein natürliches aussehen!! kann ja nicht so schlimm sein

Ein Kommentar lautet:

hast ja viele "Groupies" hinter dir, die dich bis aufs blut verteidigen, sobald mal jemand eine meinung hat, die nicht in diese "plastische" welt passen. Wie fühlt es sich an, wenn man immer das Vorzeigepüppchen ist? Gut? Schon mal drüber nachgedacht?

Ein Kommentar lautet:

Ich wollte gerne sagen, was mir bei deinem Anblick durch den Kopf ging. Aber das hat mein Vorredner schon erledigt. Wenn man bedenkt, daß Du Musik als Deine Droge ansiehst, sind die 3 Links da ein Witz. Was eher Droge zu sein scheint, sieht man hier sehr deutlich: "ich ich ich ich ich"

Ein Kommentar lautet:

Also wenn "Plastik" die Zukunft sein soll ... dann erschiesse ich mich!!!
Und wer muss so selbst von sich überzeugt sein und 'ne Seite aufmachen, wo man nur sich ... NUR SICH präsentiert ... man noch extra 'ne Rubrik mit "Veröffentlichungen" erstellt, damit man sieht, wie oft man doch zu sehen war ... wow ... was für 'ne Leistung!!! Ich bin auch ständig irgendwo auf irgendwelchen Covern zu sehen ... dennoch muss ich mich damit net beschmücken ... zumal unechte Wimpern nun überhaupt nix Schönes haben!!!! Ich bin net neidisch oder so ... bevor das hier wieder gesagt wird ... aber muss man sich so präsentieren??? Schade ...

Auf dem Sommerfestival im "Read Only Memory" waren Kappa und Edaín dieses Mal ohne ihre Tochter Maya. Edaín meinte, das Festival sei für Maya anstrengend, und auch für sie selbst sei es anstrengend, sich während des Festivals um das Kind zu kümmern. Dieses Mal wollte sie auch keine Waffeln backen. Edaín hatte sich schick angezogen; sie trug ein rotschwarzes Kleidchen im chinesischen Stil und eine rote Lackhose. Ihre Haare hatte sie auf dem Kopf mit einem Klemmchen zusammengerafft. Das Deckhaar ist noch blondiert, darunter läßt sie die Haare jetzt in ihrer natürlichen dunkelblonden Farbe, so daß sie gesünder nachwachsen. Eine ebensolche Haarfarbe hat inzwischen auch Maya, das habe ich auf Fotos gesehen. Maya und Edaín werden sich immer ähnlicher.
Zwar gab es dieses Jahr keine Waffeln beim Festival, dafür aber einen Stand, an dem Crêpes verkauft wurden. Das war mein Abendessen. Die Colas, die ich trank, wurden mir überwiegend ausgegeben.
Auf dem Festival traf ich viele Leute wieder und lernte einige kennen, darunter Mavie, die ihr Haar pink trägt und über den Ohren rasiert. Sie erzählte, daß sie sich das als Mutter in der Erziehungszeit erlauben könne, da sie nicht auf Arbeitgeber einen guten Eindruck machen müsse. Letztlich würden viele Leute sagen, daß sie es eigentlich ganz ansprechend finden, wenn jemand sich traut, so schrill daherzukommen.
Mavie und ihr Mann wollten ihren fünfjährigen Sohn am morgigen Tag zum Festival mitbringen, dem Sonntag. Kinder werden auf dem Festival im "Read Only Memory" meistens am Sonntag mitgebracht.
Mavie kennt mich seit Jahren vom Sehen. In der "Halle" sagte sie zu ihren Freunden, wenn sie mich entdeckte:
"Die Ballerina ist wieder da."
Im "Read Only Memory" traf ich auch Ace und Zara. Sie haben im Februar dieses Jahres geheiratet. Sie blicken auf eine lange Liebesgeschichte zurück, unterbrochen durch eine zwanzigjährige Trennung.
An der Theke sprach mich einer an, zu dem sagte ich, ich würde ihn bestimmt kennen, aber er müsse meinem Gedächtnis nachhelfen. Er heißt Dean. Mich kenne er schon über zehn Jahre, erzählte er. Ich sei doch das Highlight des letzten Festivals im "Read Only Memory".
"Vor dir haben die Männer alle Angst", meinte er.
Als ich nach dem Grund fragte, erklärte Dean:
"Dir sieht man sofort an, daß du schlau bist. Deshalb laufen die Männer alle vor dir weg."
"Warum laufen sie denn vor mir weg, weil ich schlau bin?"
"Weil sie das verunsichert."
"Sind die denn nicht schlau?"
"Nein, die sind blöd", behauptete Dean. "Auf mich trifft das aber nicht zu, ich bin schon sechsunddreißig."
"Meinst du, daß die, die über dreißig sind, keine Angst vor mir haben?"
"Nein, die haben keine Angst vor dir."
"Und meinst du, daß die Männer, die selber schlau sind, Angst vor mir haben?"
"Nein, die haben keine Angst vor dir."
"Da kenne ich aber einen, der ist vierunddreißig Jahre alt und sehr schlau, und der hat ganz große Angst vor mir."
Hoffi kam heran und fragte mich:
"Wann kommst du nach B.?"
"Wenn du Rafa in einem Kleintransporter auf die Rückbank setzt und mich daneben, dann komme ich mit nach B.", erwiderte ich.
Hoffi erzählte, daß er einen einjährigen Sohn hat, den er nur einmal kurz nach dessen Geburt gesehen hat. Mutter und Kind wohnen in Süddeutschland, die Mutter des Kindes lehnt den Kontakt zu Hoffi ab. Hoffi hat in B. Arbeit gefunden, im Krankenhaus als Gebäudereiniger. Er ist für die Säuberung der OP's zuständig. Bei dem Job übernehme man sich nicht und werde ausreichend gut bezahlt.
Talis erzählte, daß Janice und er gern Kinder hätten, jedoch keine bekommen können, zumindest nicht ohne erheblichen medizinischen Aufwand.
Mit Dean unterhielt ich mich über Rafa.
"Rafa geht ein Ruf voraus", erzählte Dean. "Er soll seine Freundinnen verprügeln."
"Das stimmt, der hat mehr als eine seiner Freundinnen verprügelt."
"Deshalb nenne ich ihn den Frauenschläger. Ich finde das unmöglich, wenn jemand sowas macht."
"Ich finde auch, für sowas gibt es keine Entschuldigung."
"Warum brauchst du denn sowas?" fragte Dean. "Du bist ein Highlight. Dir sieht man auf den ersten Blick an, daß du einfach nur geil bist."
Ich meinte dazu, Liebe unterliege keinen rationalen Gesetzen, sie könne jedem zufallen, unabhängig von seinem Charakter.
"Was ist an Rafa so toll?" fragte Dean. "Was ist an dem so toll?"
"Der ist nicht toll", sagte ich bestimmt.
Dean meinte schließlich, ich werde es schon schaffen, mit Rafa zusammenzukommen, weil das, was man immer wieder versuche, meistens gelinge.
Ein Gast auf dem Festival - Felicien - erzählte mir, daß er an einem Werk über das frühere H. arbeite. Mit seinem Kumpel habe er überlegt, wer Fotos von dem alten Fabrikgelände haben könnte, wo die "Halle" stand - aus jener Zeit, als es noch eine Ruinenlandschaft war.
"E-Betty", meinte der Kumpel. "Wenn einer sowas hat, dann E-Betty."
Felicien kennt meine Website. Er hat sich dort schon ein wenig umgesehen und viele Industrie-Aufnahmen entdeckt. Ich erzählte, daß ich viele ältere Bilder habe, die noch nicht online stehen, darunter eine ausführliche Fotoserie über die Ruinenlandschaft um die "Halle". Es ist ein aufwendiges, aber lohnendes Unterfangen, die älteren Bilder einzuscannen und online zu stellen.
Felicien gefiel besonders das Bild, wo ich mit Kreide auf einer Stahlwaage schreibe. Mit der linken Hand schreibe ich den Requiem-Text auf lateinisch, mit der rechten auf deutsch. Ich erklärte Felicien, daß dieses Bild Teil eines Kurzfilms ist, der das Requiem zum Thema hat.
"Jetzt verstehe ich das", sagte Felicien. "Es hat auf mich so gewirkt, als wenn du von einer fremden Energie besetzt wärst, die dich dazu bringt, mit beiden Händen diese Zeichen zu schreiben."
Am Sonntag traf ich Sanina und ihre Schwester Trisha im "Read Only Memory". Sanina erzählte, daß sie vor zwei Monaten den Kontakt zu ihrem ehemaligen Lebensgefährten Robin endgültig abgebrochen hat. Sie wußte, daß er inzwischen von Rina getrennt ist und eine neue Freundin hat. Sie soll "eigentlich ganz süß" sein. Zu Robin will Sanina keinen Kontakt mehr, weil sie sich durch sein arrogantes und oberflächliches Gehabe enttäuscht fühlt.
Trisha erzählte, Robin habe durch seine Ausbildung zum Erzieher psychologisches Wissen erworben und behaupte, aufgrunddessen seine Mitmenschen analysieren zu können. Mit dem Analysieren gehe Robin seinen Mitmenschen auf die Nerven. Sanina meinte, Robin werde ihr diesbezüglich bald nicht mehr viel voraus haben, da sie im Rahmen ihres pädagogischen Studiums ebenfalls psychologisches Wissen erwerbe.
Sanina berichtete, im Spätsommer werde Berenice zu Besuch nach H. kommen, dann gebe es endlich ein Wiedersehen.
Morgan erzählte, daß Seraf und er sich wegen Terminschwierigkeiten nur noch sehr selten zum gemeinsamen Musizieren treffen. Hinzu komme ein allgemeiner Ideenmangel.
Eine Bekannte von Sandro - Coralina - erzählte von ihrer dreijährigen Beziehung, deren Ende gekommen scheint. Ihr Freund hat zu ihr gesagt, er liebe eine andere und "brauche Zeit". Er nahm sich eine Wohnung für sich allein. Noch immer hat Coralina die Hoffnung, daß die Beziehung weitergehen könnte. Immerhin habe ihr Freund am Anfang zu ihr gesagt:
"Du wirst mich nicht mehr los."
Ich meinte dazu:
"Das heißt in der Männersprache: 'Ich will nur mit dir f..., sonst nichts.'"
"Drei Jahre lang?" fragte Coralina zweifelnd.
"Das weiß ich nicht", antwortete ich. "Ich weiß nur, was das in der Männersprache heißt, wenn einer sagt:
'Du wirst mich nicht mehr los.'"
Daß Menschen Jahre oder Jahrzehnte miteinander verbringen, muß noch nicht heißen, daß sie zueinander eine tiefgehende Beziehung aufbauen. Die Dauer einer Beziehung ist kein Maß für ihre Tiefe.
Das Wetter war heute so, wie man es sich für eine Party wünscht, die überwiegend draußen stattfindet - sonnig und warm, aber nicht zu warm. Die Festivalgäste saßen auf Gartenstühlen und an Biertischen auf der ehemaligen Liegewiese, sie versammelten sich auf der weitläufigen Terrasse und am Rand des ehemaligen Schwimmbeckens. Dort stand ich im Sonnenschein auf den breiten, flachen Stufen, die ins Becken führen. Seine Zeit als Freibad hat das "Read Only Memory" seit mehr als zwanzig Jahren hinter sich. Ähnlich lange ist das Freibad von Msl. geschlossen, in dessen Ruine Constri letztes Jahr ihren Film "Schlafe, schlaf mein Kindelein" gedreht hat. Doch anders als das "Read Only Memory", das als Kulturzentrum wiedererwacht ist, wurde das Freibad von Msl. dem Verfall überlassen und rottet umwuchert und verwunschen vor sich hin.
Brandon erzählte, daß seine an Manie erkrankte Mutter das Haus der Familie wie geplant verkauft hat, daß sie aber versuchte, den Schaden zu verringern, der durch ihre Ausgaben in der letzten Zeit entstanden ist. Die Hälfte des Geldes aus dem Verkauf habe sie verwendet, um Schulden und Kredite zu begleichen. Die andere Hälfte habe sie mit Brandon geteilt, so daß Brandon ein Vermögen hat, das er festlegen kann. Die Mutter habe eingesehen, daß sie sich durch ihre Beziehung mit einem "einnehmenden" Mann Schaden zugefügt habe, und sie habe sich zur Regelung der Trennung einen Anwalt genommen. Allmählich werde sie wieder zu der Mutter, die Brandon von früher kannte. Sie habe vor, sich einen Therapeuten zu suchen, da ihr inzwischen bewußt sei, daß sie psychische Probleme habe.
"Ihr habt nur noch euch", meinte ich. "Dein Vater ist tot, du hast nur noch die Mutter. Und sie hat nur noch dich, denn ihr Mann ist tot."
"Ja, langsam wird uns das klar."
Ich nahm Bezug darauf, daß Brandon seinen Vater wegen dessen Zigarettenkonsums verloren hat und erzählte, daß ich es als meine Aufgabe ansehe, Rafa vom Rauchen wegzubringen.
"Das ist mein Stichwort", sagte Brandon und zündete sich eine Zigarette an.
Als ich Brandon die Frage stellte, aus welchem Grund Rafa vor mir Angst haben könnte, meinte er, Rafa hat vor mir Angst, weil ich ihn auf das anspreche, worüber er nicht nachdenken will.
Eine Mutter kam vorbei mit ihrem etwa zweijährigen Töchterlein. Das Kind trug ein schwarzes Sweatshirt mit der Aufschrift "Elektrozwerg". Eltern kostümieren ihre Kinder gern im eigenen Stil, zumindest so lange, bis die Kleinen sich an ihren Altersgenossen orientieren.
Dean kam heran, und wir unterhielten uns über Kinder. Ich erzählte, daß ich mit Rafa Kinder haben will. Dean meinte, dann solle ich zusehen, daß ich mit Rafa zusammenkomme.
"Frauen binden Männer über den Sex an sich", meinte er. "Schlafe nicht nur einmal mit ihm, sondern fünfzehnmal, um ihn an dich zu binden."
Was die Freundinnen und Bettgespielinnen von Rafa betraf, riet Dean:
"Die gibt's nicht. Ignoriere sie. Gucke durch sie hindurch. Mache nie den Fehler, mit ihnen konkurrieren zu wollen."
Dean erzählte von Moonchild, einer langjährigen Freundin. Da erinnerte ich mich, daß ich mich mit Moonchild 1994 im "Nachtlicht" unterhalten habe. Dean erinnerte sich auch noch daran. Er war bei dem Gespräch dabei.
Zwischen Dean und Moonchild war das Verhältnis lange Zeit nur freundschaftlich. Eines Tages beschlossen sie, daraus eine Beziehung werden zu lassen. Es kam aber zu Streit, und inzwischen haben sie keinen Kontakt mehr zueinander.
Dean erzählte, Moonchild habe in B. ihr Studium der Tiermedizin abgeschlossen, arbeite an der Universität B. und sei dabei, sich zu habilitieren.
Spätabends fuhr ich zu dem Kleingarten von Rikkas Mutter und ihrem Lebensgefährten, wo Rikka eine Grillparty gab. Constri und Denise waren auch dort. Erst gegen neun Uhr waren sie angekommen, nachdem sie über eine Stunde durch die Kleingärten geirrt waren. Der Akku von Constris Handy war leer, und sie konnte sich von Rikka nicht den Weg beschreiben lassen. Schließlich hatte Constri einen "kleinen Nervenzusammenbruch". Ich fragte sie, wie Denise damit umgegangen sei.
"Denise hat mich gerötet", erzählte Constri und verwendete Denises Ausdruck für "getröstet". "Sie hat mich umarmt und gesagt:
'It wieder gut.'"
Angekommen im Kleingarten, spielte Denise mit Rikka, bis sie müde wurde und in Constris Armen einschlief. Constri setzte sich mit Denise neben den Grill, weil es da besonders warm war.
Rikka hatte einen ihrer Mitpatienten aus Kingston eingeladen, ein netter, höflicher, gutaussehender Mittdreißiger, der das Scheitern seiner Ehe durchlebt hat. Als er nach Hause gefahren war, meinte Rikka, er sei so ähnlich wie Talis, nämlich immer nett und lieb und fürsorglich und so langweilig, daß sie es in einer Beziehung mit ihm nicht aushalte. Rikkas Freund Domian war auch zugegen, auch nett, auch höflich, aber etwas rechthaberisch. Rikka betonte, wie glücklich sie mit ihm sei. Nach dem Ende ihrer Beziehung mit Seth sei sie erst mit Domian wieder glücklich geworden.
Rikka erkundigte sich, was Seth mir vor Kurzem im "Byzanz" erzählt hat, und sie meinte, daran erkenne man, daß Seth sich überhaupt nicht weiterentwickelt habe; er sei immer noch so teenagerhaft und unreif wie damals, als sie ihn kennenlernte. Er könne keine differenzierten Betrachtungen über die Menschen und die Welt anstellen, sondern äußere sich pauschal, plakativ und wirklichkeitsfremd.
Seth habe ihr das Herz gebrochen. Er habe ihre Fähigkeit, zu vertrauen ein für allemal zerstört. Sie wolle ihn nicht mehr. Und sie wolle auch nicht, daß ich von Rafa erzähle, weil das immer dasselbe sei und weil ich mir mit meiner bedingungslosen Liebe zu ihm nur schaden würde.
Ich wandte ein, daß ich nicht das Gefühl habe, mir zu schaden, indem ich ehrlich bin und zu meiner Liebe stehe. Mir hat bisher niemand das Herz gebrochen.
Nachts um drei kam ich noch einmal ins "Read Only Memory", wo Hoffi auf der Bühne zu Musik von Depeche Mode sein "Dave Dancing" vorführte, eine Imitation des Tanzstils von Dave Gahan und eine beliebte Show, die in der Szene von H. längst Kultstatus erreicht hat.
Pattex war betrunken und umwarb mich wieder einmal ziemlich haftend. Ich sagte ihm, ich hätte nichts dagegen, mich mit ihm zu unterhalten, aber es sei mir lieber, wenn er nicht betrunken sei. Er holte sogleich Cola für mich und Wasser für sich und behauptete, ab jetzt werde er keinen Alkohol mehr trinken. Kurz darauf kam er wieder mit einem Bier an.
Sarolyn erzählte, daß Pattex sie im letzten Sommer beim Festival im "Read Only Memory" so aufdringlich anstarrte, daß sie zu ihm sagte, wenn er nicht sofort wegschaue, werde sie ihm "eins in die Fresse hauen". Ich vermutete, Pattex habe eine stark verminderte Selbst- und Fremdwahrnehmung, und wenn er betrunken sei, verschlechtere sich seine Wahrnehmung noch mehr, und er werde noch distanzgeminderter.
Pattex erzählte, er trinke zu Hause aus Einsamkeit. Ich empfahl ihm, möglichst viele Leute kennenzulernen und sich bei der Online-Szene-Kontaktbörse zu registrieren. Pattex wandte ein, er sei gar nicht der Typ für die Elektro- und Wave-Szene.
"Ja, deshalb treibst du dich ja auch auf den Szene-Parties 'rum", hielt ich dagegen.
"Aber ich mag doch nur Depeche Mode, sonst nichts", behauptete Pattex.
"Eben, das reicht doch!" versicherte ich. "Das reicht allemal für die Kontaktbörse."
Trisha erzählte, sie könne nicht mehr an die Liebe glauben. Daß sie einen Freund habe, ändere daran nichts.
Edaín saß mit Gast-DJ Flynn an einem der großen Tische auf der Terrasse. Sie unterhielten sich über Patchouli. Das mögen beide nicht. Flynn erzählte, daß ihn der Geruch von Patchouli an den Geruch von Leichen erinnert, die tagelang in Mietwohnungen gelegen haben. Er arbeite beim Rettungsdienst, und es komme öfters vor, daß er Einsätze in Hochhäusern hat, wo die Nachbarn den Tod eines Mitbewohners erst bemerken, wenn die Maden unter der Tür durchkriechen.
"Ich lasse mich verbrennen", sagte Edaín. "Ich will nicht warten, bis über mir die Decke einstürzt."
Flynn erzählte von einem Mann, der wollte in einem Blumengeschäft einen Trauerkranz für einen Nachbarn bestellen und überlegte, was er auf die Schleife schreiben lassen sollte. Den Nachbarn hatte er nicht sehr gemocht, denn der habe ihm immer die Einfahrt zugeparkt. Also entschied er sich nach langem Hin und Her für den Spruch:
"Mach's gut, alter Pappsack, hier parkst du richtig."
Flynn erzählte, daß er in F. lebt und es deshalb weit hatte bis nach Hause. Ich erzählte, daß ich am nächsten Morgen um acht Uhr arbeiten mußte. Edaín seufzte:
"Ich würde auch so gerne arbeiten und kann nicht!"
Ihre Arbeitsstelle gibt es nicht mehr, ein geeigneter Ausbildungsplatz läßt sich zur Zeit nicht finden, und mit Tätigkeiten für Angelernte sieht es auf dem Arbeitsmarkt düster aus. Das weiß ich durch Merle, die froh ist, in einem Kindergarten einen 1-Euro-Job zu haben, und Derek, der in einem Altenheim einen 1-Euro-Job hat.
Ich erinnerte mich an ein Spiel aus der Schule, mit einer Woll-Schlaufe, die man über beide Hände zieht, ähnlich wie einen Gummitwist, aber man greift mit einzelnen Fingern dazwischen und zieht auf diese Art Muster aus den Fäden. Edaín hat dieses Spiel früher auch gespielt.
Ich fragte Kappa, ob er mir nochmal ein "Himmel und Hölle" falten könne, denn dasjenige, das er mir vor zwei Jahren gefaltet hat, hatte ich im "Read Only Memory" vergessen. Ich holte einen Flyer zum Falten. Edaín wollte gerne falten, also faltete sie das "Himmel und Hölle". Kappa und Edaín erzählten, ein "Himmel und Hölle" sei meistens beschriftet; wenn man eine Ecke hochklappt, steht da "Du bist doof" oder Ähnliches.
Gegen Morgen saß Sanina auf einem Barhocker hinterm Mischpult und weinte. Ich wollte sie trösten. Sie erzählte, daß sie heute abend im "Read Only Memory" Robin begegnet war. Sie wollte allein sein. Trisha und ich bedauerten, daß wir die verzweifelt schluchzende Sanina nicht trösten konnten.
Darienne scheint indes ihre Ziele geändert zu haben. Auf der ersten Seite ihres Profil sieht man sie mit einem amerikanischen Schlitten, darunter steht:

....eine furchtbar große Liebe :)

Mitte Juli fuhr ich wie im vergangenen Sommer nach KI. - zum zweiten Teil des Kurses, den ich für meine Weiterbildung brauchte. Der Kurs dauerte die ganze Woche. Am Samstagabend, nach dem ersten Kurstag, traf ich Evan, und wir fuhren zu einer Location namens "All nights reserved - Alle Nächte vorbehalten". Es lief viel tanzbare Musik aus dem Elektro-Bereich, darunter "Monochrom" von Covenant und "Without emotions" von Combichrist.
In dem Kurs gab es dieses Mal auch wieder Merksätze zu hören, die zusammenfassen und deuten. Einer lautet:
"Menschen unterscheidet die Reflektionsfähigkeit von den Tieren."
Ein Satz über die Liebe zwischen den Menschen lautet:
"Es ist wie ein Brot, an dem kann man essen und essen, und es wird nie alle."
Ein Satz handelt von dem "Schatten", der unsichtbaren Schattenseite eines Menschen:
"Wenn jemand durch ein Thema besonders irritiert, aus dem Takt gebracht oder aufgeregt wird, betrifft es seinen Schatten."
Ein Satz handelt von der Berufswahl:
"Man liegt am ehesten richtig, wenn man das macht, was einem in den Schoß fällt. Anstrengung ist neurotisch."
"Neurotisch" bedeutet in diesem Fall, daß man an sich vorbeilebt und nicht mit sich im Einklang ist.
Im Kurs - auch in den Pausen - gab es viele Geschichten zu hören. In einer Pause erzählte ein Kursmitglied namens Domenico von seinem Schulfreund Mattis. Domenico und Mattis nahmen sich in der Schulzeit vor, eines Tages den Kilimandscharo zu besteigen. Mattis brach die Schule ab, man verlor sich aus den Augen. Später, während des Studiums, machte Domenico eine Famulatur in Tanzania. Als er den Kilimandscharo bestieg, erblickte er am Wegesrand Mattis. Der war nur in den Ferien da und wollte auch gerade heute den Kilimandscharo besteigen. Bis zum Gipfel kam Domenico nicht, weil es zu kalt war, minus zwanzig Grad, doch Mattis erreichte den Gipfel. Die beiden haben sich hinfort nicht mehr aus den Augen verloren.
Ein Kursteilnehmer, der aus St. Petersburg stammt, erzählte, daß es in Kanada Straßen über vereiste Seen gibt, über die Schwertransporter mit Bodenschätzen von den Minen fahren. Sie können nur 20 km/h fahren und haben die Türen offen, denn wenn das Eis kracht, müssen die Fahrer aus dem Wagen springen und um ihr Leben laufen. Sie müssen gleich danach mit dem Handy Hilfe rufen, denn länger als fünf Stunden können sie in der Eiswüste nicht überleben.
Eine Geschichte handelte von einem psychisch Behinderten, der fuhr im Wahn mit Taucherbrille auf einem Fahrrad auf der Autobahn, bis er von der Polizei angehalten und in die Psychiatrie gebracht wurde.
Am Samstag, dem letzten Kurstag, war ich abends bei Jay-Elle, die gemeinsam mit Amelie in einem abgelegenen Dorf bei HE. eine Party gab. Jay-Elle hat eine Wohnung in einem renovierten Fachwerkhäuschen. Im Hof hatten Amelie und Jay-Elle Strohballen zu Sitzgruppen zusammengestellt, und neben einem Blumenbeet stand ein Brennkorb, in dem Jay-Elles Freund Holzscheite verbrannte. Einige Jungen saßen mit Gitarren und Bongo-Trommeln auf den Strohballen und musizierten, darunter auch Amelies Freund. Ich traf viele Leute, die ich von der Arbeit in Kingston kenne, und hörte unter anderem, daß Kollege Den seine Stelle in der Neurologie aufgegeben hat und wieder in der Psychiatrie arbeitet, allerdings in H., nicht in Kingston. Das gehetzte Arbeiten in der Neurologie scheint Den zuviel geworden zu sein. Vielleicht hatte er auch einfach Sehnsucht nach der Psychiatrie; das Arbeiten ist dort - finde zumindest ich - wesentlich interessanter.
Jay-Elle erzählte, daß sie Tamaras Tochter gepflegt hat, als diese vor einem Jahr auf der Station lag, wo Jay-Elle arbeitete. Als Tamaras Tochter starb, trauerten Jay-Elle und einer ihrer Kollegen sehr, und sie weinten viel. Sie waren enttäuscht von der Stationsschwester, die keinen Anteil daran nahm und keinen Grund sah, mit Jay-Elle und ihrem Kollegen über die Trauer zu sprechen. Dies war einer der Gründe, warum Jay-Elle und ihr Kollege sich von der Station weggemeldet haben.
Einer von Jay-Elles Gästen erzählte mir von einem Freund, der Multiple Sklerose hat, dem es aber seit Jahren gut geht. Er wollte wissen, ob es sinnvoll sei, schon Medikamente zu sammeln, mit dem er den Freund umbringen könne, wenn dieser schwer behindert sei. Ich erzählte von Menschen, die schwer behindert sind und dennoch gerne leben. Er erinnerte sich, auch solche Menschen zu kennen. Ich erzählte von Hospizeinrichtungen, in denen ein Sterben in Würde ermöglicht wird, ohne daß die Patienten umgebracht werden. Er vermutete, daß medizinische Fachkräfte, die Patienten umbringen, aus Menschlichkeit handeln. Ich entgegnete, daß es niemandem anstehe, über Leben und Tod eines anderen zu entscheiden. Wer glaube, jemandem einen Gefallen zu tun, indem er ihn umbringt, gehe darüber hinweg, daß der Lebenswille im Innern eines Menschen wohnt, unabhängig davon, unter welchen äußeren Gegebenheiten er lebt.
Dessie erzählte, daß sie gerne bei "McGlutamat" arbeitet, jedoch werde sie schlecht bezahlt und habe nur selten ein freies Wochenende. Sie hat Bürokauffrau gelernt und möchte in diesen Beruf zurückkehren.
Im Internet konnten wir Dessies Homepage bewundern. Sie zeigt dort ihre Modelfotos, aber nicht in so einer selbstdarstellerischen und selbstverliebten Weise wie Darienne.
Dessie berichtete, daß sie sowohl mit Rafa als auch mit Darienne E-Mail-Kontakt hat, allerdings in letzter Zeit nicht mehr so häufig. Sie erzählte, Darienne sei glücklich mit Rafa; von einer Trennung sei nicht die Rede. Als ich berichtete, daß Darienne vor gut zwei Wochen ihr Profil bei der Online-Kontaktbörse geändert hat und sich nun nicht mehr als "vergeben", sondern als "verliebt" bezeichnet, meinte Dessie, das habe nichts zu bedeuten, denn man könne ja auch verliebt und gleichzeitig vergeben sein, so wie sie selbst.
Amelie erzählte mir später, über drei Ecken habe sie gehört, daß Rafa den Zorn vom Darius auch dadurch auf sich zog, daß er mit Dessie anbändelte, als Darius mit Dessie noch zusammen war. Ich meinte, das passe zu Rafa; er versuche in allen möglichen und unmöglichen Situationen, Frauen herumzukriegen und verhalte sich dabei destruktiv.
Amelie regte sich darüber auf, daß nur zwanzig Gäste auf der Party waren, von siebzig eingeladenen. Ich meinte, es habe keinen Sinn, sich aufzuregen; es sei besser, sich über die zwanzig Leute zu freuen, die hergekommen seien. Es gehe darum, ob man ein Glas als halbvoll oder halbleer betrachte.
"Bei dir wußte ich, daß du es nicht vergißt", sagte Amelie, "und wenn du nicht hättest kommen können, hättest du mindestens eine Woche vorher abgesagt."
Zu ihrem Freund gewandt, fuhr Amelie fort:
"Hetty ist zweihundertprozentig."
Amelie betonte, daß ich aus jedem ihr bekannten Schema herausfalle. Jemandem wie mir werde sie wohl kein zweites Mal begegnen. Was sie an mir fasziniere, sei, daß ich nur das tun würde, was ich wirklich will. Sie selbst lasse sich manchmal von Impulsen leiten, die nichts mit der Sache zu tun hätten, um die es eigentlich ging. Sie wollte heute bei Jay-Elle übernachten, ihr Freund jedoch wollte daheim übernachten. Sie meinte, das sei an sich nichts Schlimmes, doch es falle ihr schwer, loszulassen. Ich meinte, das liege wohl nicht an ihrem Freund, sondern eher an einer allgemeinen Angst vorm Verlassensein, die einen früheren Ursprung habe. Wir unterhielten uns über den Einfluß der ersten Lebensjahre auf die weitere Entwicklung, wozu auch die Umstehenden ihre Erlebnisse beisteuerten.
Amelie meinte, es sei ein Zeichen außergewöhnlicher Intelligenz, wenn man in der Lage sei, sich auf das zu besinnen, was man wirklich wolle und danach zu handeln. Ich meinte, so intelligent sei ich nun auch wieder nicht. Ich erinnerte mich an das "Gehirnanalyse"-Spiel auf Rafas Geburtstagsfeier, bei dem ich allenfalls im Mittelfeld lag.
"Doch, doch", entgegnete Amelie, "ohne besondere emotionale Intelligenz könnte man das nicht."
Über "Im Netz" sagte Amelie zu ihrem Freund, die Geschichte sei so geschrieben, daß man immer weiterlesen müsse. Amelie und ihr Freund meinten, so etwas müßte man als Druckwerk herausbringen. Ich meinte, das, was ich schreibe, interessiere zwar viele, sei aber nicht marktkonform und daher nicht verlegbar. Einen Fortsetzungsroman, der jetzt schon mehr als dreitausend Seiten lang sei, könne man keinem Buchverlag anbieten, weil die Auflage zu teuer sei. Außerdem sei mir wichtig, daß das Werk für jedermann bezahlbar sei, und ich würde das Werk gern in einem multimedialen Format herausbringen; da bleibe nur die Veröffentlichung als DVD übrig. Es ist nicht einmal sicher, ob die Werke auf der Domain jemals kommerzialisierbar sind, denn wichtiger als ein möglicher finanzieller Gewinn ist mir, sie in einer schwellenlosen, kostenfreien Version verbreiten zu können. Was ich mir noch am ehesten vorstellen kann, sind Sondereditionen.
Ivco erzählte in einer E-Mail, daß er in der Nähe von Metz Schlachtfelder von 1870 und deren Denkmäler besichtigt hat. Er ist fasziniert von Militärgeschichte und historischen Uniformen. Ich mailte:

Vielleicht warst du in deinem früheren Leben General ...?

Ivco mailte:

Ich und in meinem früheren Leben General? Meine Mutter glaubt fest an Reinkarnation, und für sie ist klar, dass ich in einem früheren Leben zumindestens Soldat gewesen sein müsste. Sie kann sich meine Vorliebe für historische Kostüme und Uniformen nicht anders erklären. Auch den Umstand, dass ich als kleiner Junge, als ich mit dem Malen anfing, zuerst Flugzeuge, Panzer und Kriegsschiffe zeichnete - obwohl sie sich sicher ist, dass ich so etwas über keine Quelle (Buch, TV, Erzählungen) zu Gesicht / Gehör bekam.
Wenn ich wirklich einmal Soldat gewesen sein sollte - an dieser Stelle danke für dein Generalslob - würde ich gerne einmal an einer Rückführung oder Familienaufstellung oder Hypnose oder Ähnlichem teilnehmen, um mich erinnern zu können. Denn mir ist unverständlich, warum ich eine Art von Faszination für alles Militärische habe, obwohl das doch eine schreckliche Sache ist.

Ich mailte:

Was deine Neigung zur Kriegskultur angeht, so kann auch ich feststellen, daß du äußerst friedliebend bist und alles andere als militant. Es scheint dir auch eher um die Kultur zu gehen als um das Kämpfen an sich. Magst du Strategiespiele? Das sind an sich Spiele, bei denen es nicht um Blutvergießen geht. Schach ist ja auch erfunden worden, um Schlachten auf dem Spielbrett stattfinden zu lassen und Menschenopfer zu verhindern. Es kann sein, daß du das Strategische spannend findest; es kann sein, daß du die optische Ausstattung von Heeren spannend findest. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß es dir Spaß macht, auf der Leinwand dabei zuzusehen, wie Zivilisten abgeschlachtet werden und wie Soldaten, die im bürgerlichen Leben nichts gegeneinander haben, einander umbringen, nur weil ihre Regierung das befiehlt. Ich denke, das Töten von Menschen, der Kern aller Kriegshandlungen, lehnst du ab und damit eigentlich den Krieg an sich. Es muß also etwas anderes sein, das dich interessiert. Warst du denn beim Bund? Wenn ja, wie fandest du es da?
Sogenannte Rückführungen sind, meine bisherige Erfahrung und mein bisheriges Wissen zugrundegelegt, Unsinn. Man kann durch z. B. Hypnose viel suggerieren, aber nichts nachweisen oder wissenschaftlich untermauern. Die meisten Ergebnisse von "Rückführungen" sind Suggestionen, fern der Realität. Du kommst weiter, wenn du deine Träume notierst und sammelst, sie geben mehr Aufschluß über das Verborgene.

Ivco mailte:

Zum Thema "Faszination Krieg": Durch unseren Briefwechsel mache ich mir zum ersten Mal mehr Gedanken darüber. Das Töten von Zivilisten lehne ich natürlich ab, da halte ich es mit Friedrich dem Großen:
"Wenn sich der Staat schlägt, soll das der brave Bürger nicht merken."
Doch das Töten von Soldaten - zumindest in Filmen oder in Videospielen - finde ich aufregend. Das hört sich jetzt erst einmal schrecklich an, und ich war auch selbst erstaunt über mich. Aber dann merkte ich, dass ich Töten von Menschen und Zerstören von Kriegsgerät auf die gleiche Art und Weise aufregend finde. Und dann auch nur, wenn damit ein Ziel erreicht wird, und ein Gegner dabei ist, der konträre Ziele verfolgt und somit ein Wettkampf entsteht.
Deine Frage nach Strategiespielen war gut, ich liebe "Risiko", und wenn ich das spiele, beobachte ich dieselben Regungen und Gefühle bei mir, als wenn ich Kriegsfilme anschaue.
Meinen Wehrdienst habe ich geleistet, allerdings war das für mich nur ein Pflichtprogramm, das ich abhaken wollte. Zivildienst kam für mich deshalb nicht in Frage, weil ich keine Lust zum Verweigerungsverfahren hatte und weil ich befürchtete, dass mir der Zivildienst im späteren Berufsleben negativ angekreidet werden könne. Ich hatte aber viel Glück, war Sanitätssoldat und wurde in Erster Hilfe gedrillt (kann man wirklich so ausdrücken), Dienst an der Waffe oder Geländeübungen hatten wir nur sehr rudimentär.
An einer Rückführung möchte ich schon einmal teilnehmen, um mir ein Bild machen zu können. Danach weiß ich mehr, sowohl über Rückführungen als auch evtl. über meine "Kriegsvergangenheit". Alleine die Aussicht, dadurch vielleicht sozusagen Kriegserlebnisse sehr direkt wahrnehmen zu können - ob nun tatsächlich eigene aus einem früheren Leben oder nicht - macht es für mich erstrebenswert. Auch ich glaube an Reinkarnation, und warum sollte es dann nicht Wege geben, sich sozusagen alte Erinnerungen wieder wachzurufen? Klar hat das nichts mit Wissenschaft und Realität zu tun, aber es gibt so viel in unserer Welt, das Wissenschaft nicht erklären kann und das irreal erscheint ... Andererseits halte ich nichts davon, dass man aus Träumen irgendwelche Aussagen ableiten kann. Mit Realität haben sie nur insofern zu tun, als wir - so glaube ich - in Träumen selbst Erlebtes verarbeiten. Die Träume, an die ich mich erinnern kann, haben immer Bezug zu dem, was mir in den 48 Stunden davor passierte.

Ich mailte:

Daß Krieg und Kriegshandlungen eine Faszination ausüben, liegt - so denke ich - zu einem gewissen Teil in der Natur des Menschen, denen Revier- und Rivalenkämpfe gewissermaßen angeboren sind, noch vom Tierreich her. Bei solchen Kämpfen ist ein blutiger Ausgang nicht zwingend, sie können auch symbolisch ausgefochten werden. Kriegsbemalung und Kriegstracht sind Teil der Ritualisierung und dienen sowohl dem Gemeinschaftsgefühl des Stammes als auch der Kenntlichmachung der Stammeszugehörigkeit. Sie entsprechen in etwa den Uniformen und Feldzeichen z. B. beim preußischen Heer. Prunkvolle Aufmärsche und Schmettern von Marschliedern entsprechen in etwa den rituellen Tänzen zur Einstimmung auf Kriegshandlungen bei frühgeschichtlichen Volksstämmen. Gewissermaßen werden Menschen, die zu Soldaten werden, durch ihre Uniformierung in Spielfiguren verwandelt. Ihre Individualität wird scheinbar ausgelöscht. Ein Soldat kann durch einen Wechsel der Uniform als "Freund" oder "Feind" gekennzeichnet werden und sich innerhalb von Minuten von einer Figur, die zu töten ist, verwandeln in eine, die zu schützen ist. Das Mensch-Sein des Einzelnen rückt weit vom Betrachter weg. Personen haben scheinbar keine Biografie mehr, sondern werden reduziert auf Position und Funktion. Nur mit einer solchen Dekoration wird das Töten von Menschen "gesellschaftsfähig". Was das Töten von Zivilisten betrifft, so wird dieses durch "Feindbilder", die sich auf eine oder mehrere ganze Nationen beziehen, und entsprechende Propaganda "gesellschaftsfähig", dem bleibt aber letztlich doch das Image eines "schmutzigen Krieges" anhaften, wirklich anerkannt wird es nicht, das sieht man an dem international geächteten Vietnam-Krieg. Die Menschen wollen "saubere" Kriege, in denen sich nur Soldaten bekämpfen und Zivilisten geschützt werden. Das spiegelt sich in den Videospielen wider, wo feindliche Heere gegeneinander antreten. Nun stellt sich die Frage, ob es nicht ausreicht, bei Spielfiguren zu bleiben, anstatt Menschen ins Feld zu schicken. So ist ja auch das Schachspiel entstanden. Strategisches Vorgehen kann ohne Menschenopfer auskommen, ja es wäre sogar eines seiner Ziele, Menschenopfer zu verhindern. In dem Augenblick, wo du einem Menschen gegenüberstehst, der zwar Soldat ist, dessen Uniform aber zerrissen oder halb verbrannt ist, weil du eine Granate auf ihn geworfen hast, ich glaube, in dem Augenblick hättest du ein für alle mal genug vom Töten, egal ob Soldaten oder Zivilisten die Opfer sind. Dir würde klar, daß in jeder Uniform zuallererst ein Mensch steckt und die Uniform nur eine äußere Hülle ist. Hingegen ist das Spielen mit Zinnsoldaten rein symbolisch, da fallen wirklich nur uniformierte Figürchen.
Daß dich prächtige Heere und strategische Operationen so faszinieren, liegt vielleicht im Symbolischen begründet, der Demonstration von Prunk, Macht und Geschlossenheit. Bei Kampfhandlungen fällt dieses Bild jedoch schnell in sich zusammen, es bleiben zerrissene Körper, Klagerufe und ein schauerliches Blutbad, was nichts Ästhetisches mehr hat.
Zinnsoldaten hingegen ... die stellt man wieder auf, und es geht von vorne los.
Es stimmt, daß es vieles zwischen Himmel und Erde gibt, was die Wissenschaft nicht erklären kann. Jedoch steht fest, daß Hypnotiseure und "Rückführer" allesamt die Möglichkeit haben, etwas zu suggerieren. Das bedeutet, daß das, was man in solch einer induzierten "Trance" erlebt, schlecht abzugrenzen ist zwischen dem, was wirklich aus einem selber kommt und dem, was der Hypnotiseur oder "Rückführer" hineinbringt. Mit Fremdeinflüssen muß gerechnet werden. Träume hingegen werden nicht von außen suggeriert, sie kommen wirklich von innen heraus und können daher verwendet werden, um Hinweise auf Vergangenes, Verborgenes und sogar Zukünftiges zu erhalten. Träume entstehen in einem analogen neuronalen Gefüge und können nicht "eins zu eins" gedeutet werden. Sie lassen sich kontextbezogen deuten, d. h. im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Situation und den herrschenden Bedingungen. Es gibt kein "Patent-Traumdeutungs-Wörterbuch". Träume sind etwas Individuelles und daher individuell deutbar. Du findest in "Im Netz" mehrere Träume als Hinweisgeber. Hervorzuheben ist einer, den ich Ende März 1993 hatte und der Einzelheiten enthielt, die sich sechs Wochen danach tatsächlich so zugetragen haben. In jenem Traum konnte ich zum ersten Mal bewußt in die Zukunft blicken, und ich glaube erst seitdem daran, daß es etwas gibt zwischen Himmel und Erde, das mächtiger ist als wir und das wir nicht erfassen können. Den Traum habe ich dir wahrscheinlich im Februar erzählt, als wir mit Tyra bei dir in der Küche waren. Das hervorstechendste Element ist für mich die Szene, wie ich im Traum mit Rafa eng umschlungen durch nächtliche Straßen ging und über uns einen geschwungenen türkisfarbenen Schriftzug sah: "Liebe". Damals dachte ich, hoffentlich sieht Rafa jetzt nicht nach oben, sonst weiß er gleich, was ich für ihn empfinde. Sechs Wochen später gingen Rafa und ich auf seinen Wunsch hin tatsächlich eng umschlungen durch nächtliche Straßen, und er suchte hinterm CITICEN für uns eine Bank aus, auf die wir uns setzten. Auf einmal fragte Rafa:
"Warum steht da 'Liebe'?"
Er hatte nach oben geschaut, und das tat ich nun auch und sah den geschwungenen türkisfarbenen Schriftzug "Liebe" über uns leuchten. Es war die Reklame der Parfümerie.
So etwas kann kein Zufall mehr sein, finde ich. Das ist zuviel, um ein Zufall zu sein.
Träume können längst Vergangenes bearbeiten, sie können symbolisch Wesenszustände und Beziehungen abbilden, sie können sogar in die Zukunft schauen, und dieses Letztere ist es, war ich bis dahin nicht geglaubt hatte.
Rafa mißt den Träumen keine Bedeutung bei, er will sich nicht damit beschäftigen. Hierzu merke ich an, daß es sein erklärter Wunsch ist, sich selbst niemals zu begegnen. In Träumen begegnet man sich aber selbst, in vielgestaltiger Form.

Als Tron mich auf die bevorstehende "Salix"-Computer-Party ansprach, mailte ich:

Meinst du, auf der "Salix" darf man überhaupt erscheinen, wenn man gar keinen C64 hat und kaum etwas davon versteht und nur neugierig ist?
Für mich wär der Gedanke an die "Salix" insofern überlegenswert, als ich da sowohl dich als auch Icon treffen würde, Leute, die ich nur selten in natura sehe, so daß da mal endlich sowas wie ein Kaffeeklatsch möglich wäre.

Tron befürchtete, Rafa könnte erbost sein, wenn er mir auf der "Salix" begegnete. Ich mailte an Zen, einen der Veranstalter der "Salix", und erkundigte mich, ob dort auch Leute willkommen seien, die keinen C64 hatten und nur neugierig waren und Spaß haben wollten. Zen antwortete, natürlich seien diese Leute auch willkommen. An Icon mailte ich, Zen habe so einladend geklungen, daß ich gerne zur "Salix" fahren wollte. Ich setzte hinzu:

Ich möchte den Spaß, den ich da habe, nicht abhängig machen davon, wie Rafa sich verhält.

Nach Dariennes Profil zu urteilen, sind Rafa und Darienne sich wieder nähergekommen. Darienne bezeichnet sich zwar immer noch als "verliebt", nicht als "vergeben", doch unter dem Bild, auf dem sie mit dem amerikanischen Schlitten zu sehen ist, steht jetzt:

... (auch) eine furchtbar große Liebe :)

Über ihre Träume sagt sie nichts mehr; der Satz "... sind nicht zu erfüllen :(!" ist gelöscht.
Ivco mailte, Dolf habe erzählt, Rafa sei mit Darienne nach wie vor zusammen. Wieviele Trennungen es zwischendurch gegeben hat, bleibt der Spekulation überlassen.
In dem Gästebuch auf Dariennes Homepage geht es unterdessen weiter mit einer Mischung aus Bewunderung - die sich vor allem auf Dariennes Aussehen bezieht - und Kritik - die sich vor allem mit den Themen Oberflächlichkeit und Egozentrik beschäftigt. Ein Kommentar lautet:

Also, tut mir leid, aber ich kann mich an dieses Gesicht einfach net gewöhnen. Weniger Schminke ... mehr Lächeln ... überhaupt mehr Natürlichkeiten fehlen an dieser Person. Sonst ganz hübsch ... aber jeder kann doch so gut aussehen, wenn er professionell fotografiert wird. Alleine die Belichtung beim Fotografieren macht solch ein Gesicht schön. Aber muss man sich denn so extrem schminken, um hübsch auszusehen??? Ich möchte das Gesicht wirklich nicht ohne alles sehen!!!

Ein Kommentar lautet:

Also was sind denn hier teilweise für beschränkte Einträge zu lesen *g*
Nur weil jemand ne Seite mit Bildern von sich veröffentlicht, ist er eingebildet und selbstverliebt? *schmunzel*
Schon mal auf den Gedanken gekommen, dass jemand auch eine Seite von sich veröffentlichen kann, weil er stolz auf seine Arbeit oder sein Tun ist?
Auch wenn sich jemand gut schminken kann und seine Präsenz gerne vorführt, sollte man das doch anerkennen?
Wenn ihr die Bilder von ihr nicht mögt oder ihren Schminkstyle, dann schaut doch die Bilder einfach nicht an ;)
aber es muss auch dumme Menschen geben ;)
Werte Plastik, ich schau deine Bilder gerne an ;)
Und mach weiter in deinem Style, wies dir passt ;)

Ein Kommentar (von "Melody") lautet:

tock tock ... gibt es da auch eine seele hinter diesem zugespachtelten gesicht?
gibt es da etwas außer selbstherrlichkeit und dem versagen, mutter natur als schöpferin und künstlerin (mehr oder weniger *röffel*) zu betrachten?
gibt es da noch ein gedankenfundament, das hinter dieser rosa-roten kitschwelt steckt?
(oder ist etwa alles verloren bei dir?)
... armes ding ...

Ein Kommentar (von "Murmel") lautet:

die bilder sind an sich schön, aber na ja, dazu sind ja fotografen da.
kann sich ja jeder so präsentieren, wie er will, aber muss man selbst davon ausgehen (und das zeigst du durch diese hp), dass man schön ist?
also tut mir leid, ausstrahlung fehlt, da kommt nichts rüber, und wer sich natürlich fotografieren lassen kann, der ist wirklich schön (meine meinung). aber da du das nicht kannst, muss kleister her.
arme plastikwelt.
wieso soviel schminke?
kann man ohne nicht aus sich heraus, weil man irgendwie nackt ist?
vermut ich mal.
und ich hoffe, es gibt millionen natürliche schönheiten!
gut, ich hab vielleicht ein paar gramm zuviel auf meinen rippen, aber hey, ich hab brust, meine wimpern sind auch ohne stundenlange maske lang.
und ja, wir haben ausstrahlung!
mann, deine "fans" müssen ganz schön arm dran sein, so fast ohne meinung, wenn man das mal liest.
alles plastik, gell?
dann kauf dir mal einen spiegel, wo DU DICH drin siehst, nicht die schminke, die du aufträgst.
ich will damit nicht sagen, dass du ein schlechter mensch bist, aber wie man irgendwie erkennt, ganz schön arm.

Ein Kommentar (von "Mashana") lautet:

Hi Du ... ich hoffe, Du lässt Dich vom dem Bauern-Gesülze nicht beirren. Dass Du schön bist, sieht man - wenn man Ahnung vom Fach hat - an der Nase, den Augen und an den filigranen Gesichtszügen auch MIT Makeup ... und wer dem künstlerischen Schaffen zugeneigt ist ... (Theater / Ballett / Musik etc. etc.) und eine Gabe hat, dies in visuelle Kunst umzusetzen, sollte dies auch tun ... und von ein paar Neidern mal abgesehen - ist es eine Wonne und eine Kunstform an sich ... Danke!
@ Murmel: "wir haben Ausstrahlung" ...??? nun, die einzige Ausstrahlung, die Dir förmlich aus dem Gesicht zu springen scheint, ist Neid.
Das ist ein Gästebuch und kein Lästerbuch, n'est-ce pas?
@ Melody: nun, ich hoffe, dass Dir Gott das passende Gesicht zu Deiner Dummheit gegegen hat ... verloren sind solche Menschen wie Du!

Ein Kommentar lautet:

*hüstl* ... was hat denn eine Nase mit Schönheit zu tun???
Ich denke, zuerst kommt Schönheit von innen, und sie bewirkt eine natürliche Ausstrahlung ... tja und wer sich so präsentiert, muss eben noch ein Forum erstellen, damit man seine Meinung auch mal sagen kann!!! Ich glaube NICHT, dass es hier viele Neider gibt ... nur ich hatte das mehr oder weniger schöne Vergnügen, diese Plastik-Puppe kennenzulernen ... und muss sagen ... wie kann man nur so zickig sein ... so von sich selbst überzeugt ... ich persönlich empfinde es eher so ... die Fotos sind für mein ästhetisches Empfinden ja net schlecht oder hässlich ... doch hier wird nur gezeigt ... "guckt und schaut her ... so bin ich ... DAS bin ich ... guckt ... da bin ich zu sehen ... hier wurde ich veröffentlicht ... guckt, wie beliebt ich bin ..." *Wuuuhhhaaaa*
Das ist für mich keine Präsentation von Stolz, sondern das ist die Gier nach Anerkennung und Liebe ... und was heißt hier Musik??? Ich sehe hier nix von Musik ...!!! Also ich würde vorschlagen, ne extra Rubrik zu eröffnen, damit man seine Meinung über diese Seite niederschreiben kann ...!!!!

Ein Kommentar (von "Sonique") lautet:

Liebe Darienne,
vielleicht siehst du jetzt endlich mal, wie die Nation wirklich von dir denkt, und vor allem, dass dich nur halb so viele (wenn überhaupt) wirklich so toll finden, wie es dir immer vorgespielt wird!
Vielleicht solltest du auch einmal versuchen, daraus zu lernen und nicht zu arrogant dich anderen zu zeigen, denn Hand aufs Herz, du hast ja nun wirklich keinen Grund dafür.
Ausserdem: selbst der hässlichste Mensch kann sich mit Makeup und richtiger Belichtung zu einen Supermodel hervorarbeiten ... also, auf was bist du noch stolz?
Liebe Grüsse,
Sonique

Ein Kommentar lautet:

Ich glaube, liebe Miss Plastik ...
dank deiner Oberflächlichkeit wirst du dich über die ganzen Gästebucheinträge auch noch freuen, ohne auch nur den geringsten Gedanken daran zu verschwenden, wie lächerlich dich alle sehen ...
Vielleicht solltest du auch eher versuchen, bei den Tussis zu landen, denn schon alleine bei deinem kitschigen Style sieht selbst ein Blinder, das bei dir nichts hinter Gothic steht!
Kitschig = Gothic?! Nee nee, meine Gute ... da hast du anscheinend was verwechselt ...
Werd' einfach mal erwachsen ... und damit meine ich nicht diese Zahl, die auf deiner Geburtsurkunde vermerkt ist ...

"Murmel" schreibt:

mehr Schein als Sein ...
p.s. auch Barbies sind von innen hohl

"Melody" schreibt:

@ mashana,
dankeschön, süße!
mit deinem kommentar hast du meinen "vorwurf" der oberflächlichkeit perfekt untermauert ... *g*
das, was hier von vielen zu lesen ist, ist kein neid, sondern etwas, dass man MEINUNG nennt, die sich ja bekanntlich jeder selbst bildet ...
nur weil sie paar mal fotografiert wurde, heisst das noch lange nicht, dass gott und alle welt auf sie neidisch sind!
sicherlich ist dies kein "lästerbuch", aber angesichts dieser viel zu übertriebenen selbstdarstellung ist es doch kein wunder ...
entweder man verträgt kritik - oder nicht.
im zweiteren fall sollte man sich doch eher zurückhalten und sich nicht so derartig in den vordergrund stellen ...
und falls es dich interessiert:
sollte es einen gott geben, so hat er mir wohl das passende gesicht zu einem erwiesenen iq von 134 gegeben.
das kannst du jetzt glauben oder nicht.
jedenfalls gibt es einige menschen, die mich als hübsch bezeichnen, ohne dass ich 100 kilo schminke im gesicht habe ...
aber ich rühme mich nicht damit, da ich so etwas wie eine eigene persönlichkeit wesentlich wichtiger finde ...
aber ich mache dir keinen vorwurf aus DEINER dummheit, du kannst ja wahrscheinlich nichts dafür, dass du so bist ...

Daß "Melody" viele Rechtschreibfehler macht (die hier im Text korrigiert wurden - Groß- und Kleinschreibung außen vor), dürfte zu vernachlässigen sein, da eine Lese-Rechtschreib-Schwäche mit einem ansonsten hohen IQ vereinbar ist.
Weiter geht es in Dariennes Gästebuch mit einer Mischung aus Ablehnung, Verteidigung und Verehrung. "Murmel" schreibt:

auf was soll man neidisch sein??
ich sehe hier nichts, auf was ich neidisch sein sollte.
und ich glaube, wenn man so ein leben haben will, kann man selbst genug daran setzen, so eins zu führen.
ich glaub nicht, dass wir uns in dem alter befinden, wo neid platz haben sollte.
es ist einfach meine meinung, weil ich nicht verstehen kann, wie man sich so darstellen kann. nicht fotomäßig, sondern diese ganze seite hier.
soll ich auf das make-up neidisch sein, was ich an jeder ecke kaufen kann?
soll ich auf fotos neidisch sein, die ich machen lassen kann für mich?
soll ich neidisch darauf sein, dass ich von 'nem magazin lächle mit meiner maske?
soll ich neidisch sein auf null ausstrahlung?
nein, tut mir leid, ich bin kein neidischer mensch, ich sage auch nicht, dass sie ein schlechter mensch ist, keineswegs.
ich kreide nur die oberflächlichkeit an. vielleicht kreide ich das an, was hinter der maske steckt!?
und vorurteile habt ihr ja überhaupt nicht, was?

"Sonique" schreibt:

murmel ...
vielleicht liegt es auch sehr nah, dass dich einige angreifen, da sie wohl eher auf deine aufrichtigkeit neidisch sind ...
denn wie eine barbiepuppe im kindergarten kann ja wohl doch jeder rumlaufen ...
aber anscheinend sind einige leute immer noch der überzeugung, es spricht neid aus uns ...

Herr Lehmann schreibt:

Hallo kleines Mädchen!
Heute sollst du nun auch vom alten Mann mal liebe Grüße bekommen. Ich hoffe, du genießt es, von so vielen "Menschen" mißverstanden zu werden. *grins* Sollen sie doch in ihrem Mikrokosmos glücklich werden.
Ich wünsche dir jedenfalls die Erfüllung deiner Träume und Wünsche.
Auf dass wir noch viele lustige und auch ernsthafte Tage, Wochen, Monate usw. erleben.

Ein Kommentar lautet:

was ist das denn bitte für 'n kindergarten hier??? aufgrund ein paar professionell geschossener bilder meint ihr jetzt zu wissen, welcher mensch sich hinter ihrem pseudonym verbirgt???? HALLO???? mein gott, sie malt sich keine landkarten ins gesicht und mag die farbe pink ...hängt euch doch dran auf ...
ich finde dieses verhalten, dass hier von einigen personen an den tag gelegt wird, echt peinlich und sehr charakterschwach!
LEBEN UND LEBEN LASSEN!!!
denkt da mal drüber nach ... deppen ...
ach ja, lieben gruß an die person, um die hier so 'nen wirbel gemacht wird ...

Darienne hat als Reaktion auf ihre Kritiker ein Selbstportrait verfaßt. Neben einem Foto, auf dem sie eine Grimasse schneidet, ist zu lesen:

mein name ist darienne aka plastik und ich möchte sie als besucher meiner bescheidenen internetpräsenz recht herzlich willkommen heissen. mitbewohnerinnen dieser homepage sind meine 2 besten freundinnen mit namen "respekt" und "intelligenz" - sie sind ebenfalls "hüterinnen" dieser seite. diese homepage dient der reinen SELBSTDARSTELLUNG und der beseitigung meiner langeweile (erschreckend ehrlich, nicht wahr? *hust*) und nicht als plattform für die art von menschen, die ihre freizeit offensichtlich lieber mit der anonymität des internets verbringen bzw. sich lieber mit dem leben anderer beschäftigen. ich möchte mich aber an dieser stelle recht herzlich für die vielen (es werden sicher / hoffentlich noch einige kommen) amüsanten stunden bedanken, die mir mein gästebuch bzw. ihre "verfasser" eingebracht haben. :) des weiteren ist hier auch jeder besucher herzlich eingeladen, durch einen simplen klick auf das kleine kreuz oben rechts in der ecke seines bildschirms diese seite zu verlassen - natürlich freue ich mich aber weiterhin über kommentare in meinem gästebuch aus der reihe "ratschläge, die die welt nicht braucht"! und noch viel mehr über solche mit angegebener email-adresse - und immer daran denken ... wenigstens einmal neu ins internet einwählen, wenn ihr den eindruck erwecken wollt, dass viele leute eure meinung vertreten - das wirkt gelegentlich etwas lächerlich, da ich die ip-adressen einsehen kann ;-)!
mit freundlichen grüßen ...
"plastik" :)

Kommentare hierzu lassen im Gästebuch nicht lange auf sich warten. Ein Kommentar lautet:

Du hast deine dritte und wichtigste Freundin vergessen: "Make Up" - denn ohne diese wären deine anderen zwei Freundinnen gar nicht möglich und existent ...
na ja, soviel dazu ...
übrigens ... der Nachtrag klingt ziemlich lächerlich ...
na dann "gute Besserung"!

Darienne hat die Anregung im Gästebuch aufgenommen und ein Forum eingerichtet, in dem es eine Rubrik gibt mit dem Titel "Dummes Gesülze des Geschmeißes". "Geschmeiß" ist ein Lieblingsbegriff von Rafa. Dieser Begriff wird von Rafa verwendet, ohne daß er erklärt, was mit "Geschmeiß" eigentlich gemeint ist. Jedenfalls klingt es abfällig und verallgemeinernd, und in dieser Weise hat Darienne auch die Rubrik in ihrem Forum beschrieben:

"Gästebuch Nr. 2" oder "Der neue Platz für den Aussatz" :)!
Hier ist ab dem heutigen Tag Platz für alles, was nicht in ein "handelsübliches" Gästebuch passt ...!
Hier kann sich sämtlicher Internet-Aussatz über mich und den Rest der Welt auslassen, ohne mein Gästebuch vollzuschmieren ... viel Spass dabei!
... strengt euch weiterhin an ... ICH WILL WAS SEHEN FÜR MEIN GELD!!!

Dieses Forum ist bislang leer, es haben sich keine Mitglieder registriert. Stattdessen geht es mit den Gästebucheinträgen weiter.
Berenice berichtet auf ihrer Homepage von einer Computer-Party, die sie dieses Jahr erstmals ohne Rafa besucht hat. Berenice traf Icon und andere Bekannte, die sie aufforderten, beim Karaoke mitzusingen. Dabei gewann sie den zweiten Preis.
Saverio bat mich in einer SMS, am Samstag ins "Verlies" zu kommen, wo er auflegte. Ich erzählte, daß ich am Samstag zu der Industrial-Party "Low Frequency" ins "Manufactura" in BI. wollte. Beiläufig erzählte Saverio, daß er nicht mehr mit Gracia zusammen sei, und das sei gut so. Ich erzählte Carl davon und schlug ihm vor, statt meiner ins "Verlies" zu gehen.
Bei "Low Frequency" traf ich viele Bekannte, auch Claire. Sie bewunderte mein Styling mit Korsett und Tüllrock und meinte, ich hätte das schönste Outfit des Abends. Ein Junge stellte sich mir vor, der zuerst behauptete, sein Name sei Horst, dann berichtigte er, sein Name sei Max. Ich meinte, sein Stachel-Halsband sei eindrucksvoll, doch solle er mich ansprechen, wenn wir uns das nächste Mal begegnen, da ich mir Gesichter schlecht merken könne und er das Halsband nächstes Mal vielleicht nicht trage. Max erzählte, daß er mich schon länger vom Sehen kenne, und ich sei Elo-Be.
"Mich nennen die Leute 'Elektro-Betty'", sagte ich.
"'Elo-Be' ist die Abkürzung dafür", erklärte Max.
Zu den musikalischen Highlights bei "Low Frequency" gehörten dieses Mal "Corpus Opus (Remix by Adam Jay)" von Lotucus, "Riot Dicator" von Thorofon, "Hey you" von Ray X - lauter außergewöhnliche, sehr rhythmische Stücke. Wie im vergangenen Sommer schritten gegen ein Uhr nachts die Kellner mit Rundtabletts durch die Menge und verteilten kostenlose Freezies, Wassereis-Päckchen. Ich suchte mir eines mit Cola-Geschmack heraus.
Syre war mit Tana bei "Low Frequency", Diddo war da mit Lone und Davis. Davis betonte, wie sehr ihm der Danceclip von Constri und mir auf der "Stahlwerk"-Leinwand gefallen hat.
Elina aus Ht. traf ich auch, die meistens ohne ihre Zwillingsschwester Selene auf Industrial- und Elektro-Parties anzutreffen ist. Selene ist häuslicher, und sie hält nicht so viel von Industrial.
Gegen Morgen ließ ich mich in einer Sitzecke nieder, wo die Musik etwas leiser zu hören war und man besser plaudern konnte. Mit Elina und einer ihrer Freundinnen aß ich Erdnüsse und Chips, die man an der Bar kaufen konnte; das war unser Frühstück. Zu uns gesellten sich auch Diddo und Lone.
Diddo erzählte, daß ihre Eltern aus Rußland stammen. Diddo ist in Potsdam aufgewachsen. Als die Eltern sich trennten, blieb Diddo bei ihrem Vater. Sie wohnen in HH. Diddo ist vor Kurzem in eine eigene Wohnung gezogen. Ihre Mutter lebt mit Diddos Stiefvater in Philadelphia. Weil der Stiefvater eine sehr gut bezahlte Stelle in Texias bekommen hat, werden sie dorthin ziehen, was Diddo bedauert, weil es so weit weg ist von New York und weil die politischen Verhältnisse ihr dort nicht sehr gefallen.
Als die DJ's mit ihren Sets fertig waren und die Anlage abgestellt war, saßen mehrere Leute auf der Bühne beim DJ-Pult und schlugen Bongo-Trommeln. Diese dezente musikalische Untermalung machte für mich das karge, aber gesellige Frühstück noch reizvoller, so daß ich gemeinsam mit Diddo, Lone und Davis zu den Letzten gehörte, die die Party verließen. Ich brachte die drei zum Bahnhof. Im Auto machte ich eine Kassette mit Musik an, die ich von "Blank & Jones in the Mix" aufgenommen hatte, und Davis stimmte mit mir überein, daß diese Musik sich sehr gut fürs Autofahren eignet. Er mag auch das Schranz-Stück "American Madness" von Chris Liebing, hat es aber schon lange nicht mehr in sein Set bei "Stahlwerk" eingebaut, und ich bat ihn, das beim nächsten Mal wieder zu tun.
Am Sonntagnachmittag feierte Lana ihren Geburtstag in dem Haus auf dem Lande, das Jules und sie im Frühjahr erworben haben. Sie haben viel Arbeit und Geld hineingesteckt, um das mindestens dreißig Jahre alte Haus gemütlich zu machen. Im Obergeschoß haben sie eine Abseite unter der Dachschräge zu einer Art "Prinzessinnen-Gemach" für die fünfjährige Raya ausgebaut. Der Raum ist so klein und niedrig, daß nur Kinder sich dort ungehindert bewegen können.
Constri, Denise, Merle, Elaine und ich fuhren gemeinsam zu der Feier. Elaine spielte viel mit Denise. Sie war sehr aufmerksam und achtete darauf, daß Denise möglichen Gefahren aus dem Weg ging.
Lanas Freundin Stella lebt mit ihrem Sohn und ihrem jetzigen Freund in einer Patchwork-Familie. Von dem Vater ihres Sohnes hat Stella sich schon vor längerer Zeit getrennt. Er hat eine neue Lebensgefährtin, die erwartet ein Kind. Alle waren auf Lanas Feier und schienen sich mit der Situation arrangiert zu haben.
Lana erzählte von ihrem Plan, den Keller des Hauses zu einer Ayurveda-Praxis auszubauen. Sie wünscht sich, beruflich selbständig zu sein.
Am Kantinentisch in der Reha-Klinik sitze ich meistens mit den Kollegen aus der Abteilung für Innere Medizin und der Abteilung für Orthopädie. Die Kollegen in der Neurologie, wo ich arbeite, gehen mittags nicht essen. Dabei finde ich das gemeinsame Essen sehr wichtig, man kann sich austauschen und interessante Geschichten hören. Einer der Orthopäden erzählte folgende Begebenheit:
Vor Jahren, als er in der Chirurgie arbeitete, kamen zwei sehr große und übergewichtige Jungbauern und brachten ihre hundertsechzig Kilo schwere Mutter, die seit drei Tagen unter Bauchschmerzen litt. Es wurde ein Darmverschluß diagnostiziert. Auf dem Operationstisch mußten die Chirurgen feststellen, daß ein langes Stück Darm bereits abgestorben war. Sie operierten heraus, was sie herausoperieren konnten. Der Kreislauf der schwergewichtigen Dame sackte ab, und die Operateure erwarteten das Schlimmste. Sie teilten den Söhnen mit, daß sie die Mutter wohl nicht retten könnten und daß ein passender Sarg bestellt werden müsse, damit die Mutter eine würdige Beisetzung erhalte. Der gewaltige Sarg wurde angeliefert. Die Mutter lag nach der Operation im Krankenzimmer und atmete den ersten Tag, den zweiten Tag, und am dritten Tag schlug sie die Augen auf und wollte etwas zu trinken haben. Sie erholte sich von der schweren Krankheit und wurde gesund entlassen. Den Sarg nahmen die Angehörigen mit, weil er aufgrund seiner Übergröße nicht zurückgegeben werden konnte. Anstatt über die makabre Angelegenheit mit dem Sarg empört zu sein, zeigte die Familie sich dankbar für die Rettung der Mutter, und sie brachten Geschenke vorbei.
Was am Kantinentisch außerdem zu erfahren war:
Safran, im Übermaß genossen, soll dazu führen, daß man sich buchstäblich totlacht.







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Am ersten Samstag im August fuhr ich in das abgelegene Dorf in Ostwestfalen, wo alljährlich die "Salix" stattfindet. Es war später Vormittag, viertel nach elf, und ich hoffte, daß um diese Zeit noch etwas vom Frühstück übrig war. Das Dorfgemeinschaftshaus, auf das ein Schild mit der Aufschrift "Party Place" zeigte, war ein modernes Gebäude aus Backstein und Holz mit Giebeldach und einer Flügeltür mit Klinke statt Knauf. Es war nicht größer als ein durchschnittliches Einfamilienhaus. Als ich über den mit rot gefärbten Betonsteinen gepflasterten Weg auf die Flügeltür zuging, kamen Rafa und Darienne heraus und liefen nach rechts in den Garten, wo ein Zweimannzelt aufgebaut war. Sie kehrten gleich wieder zurück und kreuzten meinen Weg. Ich ging an ihnen vorbei und tat, als würde ich sie nicht sehen.
"Zelten tun die", dachte ich schaudernd. "Mit mir könnte Rafa das nicht machen."
Rafa trug ein ärmelloses T-Shirt mit Bandmotiv von Alien Sex Fiend, eine einfache schwarze Baumwollhose und spitze Schnallenschuhe. Er hatte fast durchgehend eine tiefschwarze "Heino-Brille" auf, die keinen Blick in seine Augen zuließ. Darienne trug ihre schwarz gefärbten Haare offen, hatte ihr Makeup wie Spachtelmasse aufgetragen und war gekleidet mit einem hellrosafarbenen bauchfreien Hemdchen und einer engen Hüfthose, so daß ihr Tattoo über dem Steißbein zu sehen war, ein modisches "Arschgeweih", das wegen seiner schnörkeligen Form so genannt wird. Auch Darienne trug eine Brille, freilich eine, die dem besseren Sehen diente.
Ich trug das Haarteil mit den Kordelzöpfchen, ein Aluminiumhalsband, das ich in L. gekauft habe, ein schwarzes T-Shirt mit U-Boot-Kragen und einen langen navygrauen Rock. Um die Hüften trug ich meinen Lieblingsgürtel mit den schweren Karabinerhaken.
Durch einen Flur kam man in den großen Saal, der bis unters Dach reichte. Dort standen lange Tischreihen, auf denen Computer und Zubehör aus mehreren Jahrzehnten aufgebaut waren. Überall erklangen die Sounds von Computerspielen. Die Jalousien waren geschlossen, damit der Blick auf die Monitore nicht getrübt wurde. Ein User hatte an seinem Computer ein Schild befestigt mit der Aufschrift:
"Kaffee! Schlafen kannst du, wenn du tot bist!"
Fast alle Gäste waren männlich. Darienne und ich gehörten zu den wenigen Ausnahmen, später kamen noch ein paar Frauen hinzu.
Rechts beim Kücheneingang gab es in einer Nische eine Theke. Dort wurde ich begrüßt und lernte Zen und Marius kennen, Veranstalter der "Salix". Zen erinnerte sich, daß wir uns gemailt hatten. Als ich mich nach dem Frühstück erkundigte, nahm Zen mich mit in die Küche. In der großzügigen und modern eingerichteten Küche fand ich alles, was ich zum Frühstücken brauchte. Ich fragte nach Icon, den ich bisher auch nur von E-Mails, vom Forum und aus dem Chat kannte. Zen holte Icon herbei, und wir umarmten uns. Während ich vor der Anrichte stand und frühstückte, unterhielt ich mich mit Icon. Er lebt in MA., ist fünfundzwanzig Jahre alt und Student. Was ihn sehr beschäftigte, war die brüchige Beziehung mit seiner labilen Freundin Mayjana. Nach der Trennung im Frühjahr war er wieder mit ihr zusammen. Der Neuanfang ging von Mayjana aus.
Darienne kam in die Küche, holte Eßwaren, winkte Icon mit einem etwas gequälten Grinsen zu und verschwand wieder.
Icon erzählte, Darienne habe, ehe ich erschienen sei, zu ihm gesagt, ich werde ja auch herkommen. Sie habe eine abfällige Bemerkung über mich gemacht. Als Icon Rafa darauf angesprochen habe, daß ich auch hier sein würde, habe Rafa nur beiläufig gesagt:
"Ja, ja."
Dann habe er sich übergangslos wieder anderen Themen zugewandt. Icon hatte nicht den Eindruck, daß Rafa mein Erscheinen störte. Ich denke, Rafa hat so schnell abgeblockt, weil er nicht wollte, daß ihm jemand irgendwelche Gefühle anmerkte, ob das nun freundliche oder ablehnende waren.
Icon erzählte, er sei jemand, der immer versuche, das Verhalten der Menschen vorauszusagen. Er beobachte die Menschen und überlege dann, wie sie sich als Nächstes verhalten würden.
"Genau das tue ich auch", erzählte ich. "Das finde ich so interessant."
In der Küche leisteten uns zwei weitere Gäste Gesellschaft, Gameboy und Galaxis. Wir alberten miteinander herum. Gameboy trug ein T-Shirt mit dem Konterfei von Angela Merkel, unter dem stand zu lesen:
"Darf das Kanzler werden?"
Ich erkundigte mich, ob Icon auch gehört habe, daß man sich von Safran totlachen könne. Icon bestätigte das.
Im Internet ist zu lesen, daß eine Safranvergiftung zunächst mit Heiterkeit einhergeht, später jedoch folgen Bewußtseinstrübung und Koma, erst danach der Tod.
Als ich aufgegessen hatte (im Essen war meines Wissens kein Safran), kam Zen in die Küche und schickte uns hinaus; jetzt werde aufgeräumt. Icon wollte noch mehr von Mayjana erzählen. Ich schlug vor, daß wir uns draußen unterhalten könnten. Wir fanden vorm Eingang eine Sitzgruppe und setzten uns dort in der spätsommerlichen Wärme auf eine Bank. Auf dem sechseckigen Tisch stellte ich meinen Teebecher ab. Uns gegenüber lag das Fenster, hinter dem Rafa und Darienne ihre Plätze hatten. Wir saßen noch nicht lange, da wurde die Jalousie jenes Fensters ein Stück hochgezogen, nur eben so weit, daß man hinausschauen konnte auf Icon und mich. Vielleicht war Rafa neugierig, was Icon und ich da draußen vorhatten.
Icon schilderte, wie Mayjana und er sich stritten und versöhnten, ein Hin und Her, das anscheinend vor allem auf Mayjanas Persönlichkeitsstörung zurückzuführen ist. Mayjana sei krankhaft eifersüchtig. Ihm sei es gelungen, trotz aller Aufregung, die Mayjana gestiftet habe, seine eigene Mitte zu bewahren und seine Wünsche und Vorstellungen im Auge zu behalten. Für ihre Trennung von Icon im März habe Mayjana keinen Auslöser benannt. Sie sei von einem Tag zum anderen unleidlich geworden und habe auf ihrem Profil bei der Online-Szene-Kontaktbörse "vergeben" durch "Single" ersetzt. Nach dieser Form der Trennung hatten die beiden über ICQ weiter Kontakt. Mayjana berichtete, wieder einmal in der Psychiatrie zu sein. Icon besuchte sie dort, und sie war voller Dankbarkeit. Bei seinem nächsten Besuch verhielt sie sich ohne erkennbaren Grund abweisend. In diesem Wechsel ging es mit Mayjana weiter, entsprechend dem Bild einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung. Icon nahm das alles in Kauf und gab sich Mühe, gelassen zu bleiben. Im Rahmen ihrer Persönlichkeitsstörung hatte sich bei Mayjana auch eine Eßstörung entwickelt, die ihrerseits zu Krankenhausaufenthalten führte. Icon blieb ergeben und besuchte sie weiter im Krankenhaus, ob Psychiatrie oder Allgemeinkrankenhaus. Mal war Mayjana überschwenglich zugeneigt und mal schroff und kühl, immer abwechselnd. Verantwortung für ihre Beziehung mit Icon schien sie weder übernehmen zu wollen noch übernehmen zu können. Hingegen entstand der Eindruck, daß Icon eine coabhängige Rolle übernahm; er ließ Mayjana nie die Konsequenzen ihres wankelmütigen, launischen Verhaltens spüren, so daß sie meinte, damit unbegrenzt weitermachen zu können. Ohne es zu wollen, förderte Icon auf diese Weise Mayjanas Launenhaftigkeit und Ichbezogenheit.
Icon und Mayjana gaben sich viel Mühe, sich gegenseitig Komplimente zu machen und Liebesbeweise zu erbringen, was dazu führte, daß keiner aus dem Beziehungsgefüge ausbrach. Icon schrieb eine lange Liste mit Unternehmungen, die er vorschlug, und ließ Mayjana aussuchen. Sie wählte ein Picknick an einem See. Bei diesem Picknick gab sie Icon einen Brief, in dem verlieh sie ihrer Dankbarkeit Ausdruck, daß er sich so um sie kümmerte. Sie wünschte sich, daß er offen mit ihr über Konflikte sprach, er solle nichts aussparen. Doch all ihre Vorsätze halfen nichts gegen ihre krankhafte Eifersucht. Wann immer sie Icon im Gespräch mit anderen Mädchen sah oder auch nur mitbekam, daß unter den Leuten, mit denen er sich traf, auch Mädchen waren, argwöhnte sie, Icon sei untreu. Sie zeigte ihren Unmut nicht offen, sondern durch Gesten oder Mimik, und sie ließ Icon raten, was sie nun wieder gestört hatte.
Ich meinte zu Icons Schilderungen, Mayjanas krankhafte Eifersucht sei nicht sein Problem, sondern gehöre zu Mayjanas eigenen Problemen. Sie müsse selbst damit zurechtkommen, seine Aufgabe sei das nicht.
"Es gibt krankhafte und normale Eifersucht", setzte ich hinzu. "Das da ist normale Eifersucht."
Ich zeigte auf die hochgezogene Jalousie vor Rafas Fenster.
Als ich erzählte, wie Berenice mich vor fünf Jahren im "Exil" angriff, meinte Icon, ein solches Verhalten könne er sich von Berenice überhaupt nicht vorstellen. Ich deutete, vermutlich habe Berenice ihr eigenes Verhalten als so unpassend zu sich selbst erlebt, daß sie beschloß, sich nie so verhalten zu haben. Ich schilderte die damaligen Ereignisse und meinte, Berenice wolle sicher nicht, daß es so war, wie es war. Ihr Handeln sei nicht geplant gewesen. Es sei eher als Übersprungverhalten zu betrachten, das sich aus einem Gefühl der Hilflosigkeit entwickelte. Auch ein Mensch, der von sich verlange, stets kontrolliert zu sein, könne in Situationen geraten, wo er die Kontrolle verliere.
Icon erzählte, Berenice habe sich in der Beziehung mit Rafa sehr zurückgenommen und sich nicht recht durchsetzen können. Es ist denkbar, daß sie ihre eigenen Wünsche zumindest in einigen Bereichen hintenan gestellt hat. Ihre Wut auf mich könnte in Wahrheit ihre Wut auf Rafa gewesen sein, der dauernd über sie bestimmen wollte.
Bei dem Thema Konflikte und Konfliktvermeidung kamen wir auf Tron zu sprechen. Ich meinte, Tron gehe Konflikten eher aus dem Weg.
"Genau, so ist Tron", meinte Icon.
Tron habe zu dem letzten W.E-Fanclubtreffen nicht fahren wollen, weil er "nicht zwischen Rafa und Berenice stehen" wollte.
"Rafa und Berenice sind nicht zerstritten", sagte ich dazu. "Sie haben sich nicht im Bösen getrennt. Tron wäre gar nicht in einem Konfliktfeld gewesen."
Das konnte Icon bestätigen. Trons Besorgnis sei sicherlich unbegründet gewesen.
Über Tyra sagte Icon, sie wirke ziemlich verschlossen. Auf dem W.E-Fanclubtreffen habe er sich mit Rafa, Dolf und Lucy gut unterhalten, nur mit Tyra habe er sich kaum unterhalten können. Ich meinte, es könnte sein, daß Tyra unsicher ist und gewohnt, sich selbst zu verstecken.
Über Darienne sagte ich, sie gebe sich nicht nur oberflächlich, sondern sie sei oberflächlich.
"Ich wollte es nicht sagen", nickte Icon bestätigend.
Er hat von Darienne einen ebensolchen Eindruck.
Ich erzählte, daß ich heute vor allem eines vorhatte: mich zu amüsieren, egal wie Rafa sich verhielt. Ich wollte mich auch in seinem Beisein unabhängig von ihm amüsieren können. Ich wollte mir von ihm den Spaß am Leben nicht verderben lassen.
Icon und ich unterhielten uns über die Frage, inwiefern jemand in einer Beziehung eine therapeutische Rolle einnehmen kann. Icon meinte, er verstehe sich nicht als Mayjanas Therapeut. Er wolle ihr nur einen Weg zeigen.
"Im Grunde ist das nichts anderes als das, was ein Therapeut tun sollte", meinte ich. "Ein Therapeut nimmt demjenigen, der behandelt wird, die Probleme nicht ab. Er zeigt ihm bloß einen Weg, wie er sie selbst lösen kann. Im Grunde ist das nichts anderes als das, was man in einer konstruktiven Beziehung tut. Die Funktionen lassen sich nicht vollständig voneinander trennen."
Icon und ich unterhielten uns über Schul-Mobbing. Wir haben das beide erlebt. Icon wurde von den Lehrern für minderbegabt gehalten. Außerdem wurde er für unsportlich gehalten. Erst beim Sehtest für den Führerschein wurde festgestellt, daß Icon eine Augenfehlstellung hat, die das räumliche Sehen erschwert. Das führende Auge ist das linke, das rechte ist sehschwach. Mit dem unkorrigierten Sehfehler konnte Icon schlecht Bälle fangen und galt deshalb als unsportlich. Er wurde von den Mitschülern ausgelacht und von den Lehrern entwertet. Ich erzählte, daß meine Grundschullehrerin mich als verhaltensgestört betrachtete, weil ich bei der Einschulung lesen und schreiben konnte und deshalb keinen Sinn darin sah, Buchstaben zu üben, die ich längst beherrschte. In den ersten Jahren auf dem Gymnasium galt ich bei den Wortführerinnen in meiner Klasse als Unperson, weil ich mich mit Literatur, Kunst und Politik befaßte und über moralische Werte und soziale Verantwortung nachdachte, anstatt zu kiffen oder wahllos mit irgendwelchen Jungen ins Bett zu gehen. Die letzten drei Schuljahre waren die einzig schönen, weil ich nicht mehr versuchte, mich irgendwem anzupassen oder unterzuordnen.
Auf der "Salix" hatten die meisten Gäste ihre Rechner dabei. Icon erzählte, daß er seinen Rechner ebenfalls mitgebracht hatte, daß er jedoch seine Datenträger mit den Spielen vergessen hatte. Ich meinte, es gebe bestimmt die Möglichkeit, Spiele von anderen Gästen zu kopieren oder auszuleihen. Das wollte Icon versuchen. Im Saal fand er einen User, der hatte eines der ersten C64-Modelle dabei, die zwei Laufwerke hatten und Dateien von Diskette zu Diskette kopieren konnten. Während Icon mit dem Kopieren begann, unterhielt ich mich vor der Theke mit einem Belgier namens Kirk. In Belgien sei die Regierung sehr chaotisch, erzählte Kirk. Die Bürger hätten darunter zu leiden, daß die Politiker sich nicht einigen könnten. Es gebe drei Bevölkerungsgruppen mit eigenen Sprachen, und jeder versuche vor allem die eigene Bevölkerungsgruppe zu vertreten. Die soziale Situation sei unsicher, die Renten seien es ebenfalls. Er würde lieber in Deutschland wohnen, doch ein Umzug in ein anderes Land sei teuer. Lange habe er bei Ford gearbeitet, dann sei er pflegender Angehöriger geworden. Zur Zeit mache er den Staplerschein. Als ich Kirk auf sein fließendes Deutsch ansprach, erklärte er, ausländische Filme liefen in Belgien nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln, was das Erlernen von Fremdsprachen erleichtere.
An der Theke bezahlte ich Eintritt für die "Salix" und bekam eine hübsch verzierte Eintrittskarte, mit C64-Grafik. Ich lobte das Design. Zen erzählte, er habe die Karten gestaltet.
Auf dem Tresen entdeckte ich einen Zettel mit der Überschrift "Glücksrad". Ich erkundigte mich bei Zen, was es damit auf sich hatte. Er erklärte, ich könne mich dafür eintragen. Das tat ich.
An der Küchentür hing ein großer gelber Kartonbogen, dort hatten sich die Gäste der "Salix" mit ihren Nicknames verewigt. Ich unterschrieb als "Fractal" mit der URL meiner Website darunter.
Der User, der für Icon Dateien kopierte, saß neben Rafa und Darienne links im Saal an der Seitenwand. Ich setzte mich zu dem User und Icon an den Tisch. Der User besaß eine Festplatte, die man an einen C64 stecken konnte; er baute solche Festplatten selbst und schilderte, wie sie funktionierten. Darienne mischte sich selten und zaghaft in die Unterhaltung ein. Rafa hielt sich ganz heraus.
An seinem Platz hatte Rafa mindestens zwei Rechner aufgebaut. Er schien sich auf die "Salix" aufwendig vorbereitet zu haben. Darienne hatte eine rosa glitzernde Kosmetiktasche an ihrem Platz liegen, passend zu ihrer bevorzugten Farbe. Sowohl Rafa als auch Darienne breiteten Zigaretten, Asche und Aschenbecher um sich aus.
Als Icon genügend Daten kopiert hatte, gingen wir zu Icons Platz, hinten in der Saalecke. Icon konnte die kopierten Spiele mit seinem Rechner aufrufen. Er steckte für jeden von uns einen Joystick ein.
"Mit Computerspielen kenne ich mich fast gar nicht aus", erzählte ich. "Ich habe nur mal Moorhühner abgeschossen. Ach ja ... ich habe ja einen Macintosh, und dafür gibt's ja auch das 'Moorhuhn'. Aber ich will gerne auch das 'Moorhuhn 2' mit dem Kirchturm und das 'Winter-Moorhuhn'. Und ich frage mich, ob es das auch für den Macintosh gibt."
Wir begannen mit einem Spiel, in dem es darum ging, sich nicht von Steinen erschlagen zu lassen. Ich wurde dauernd erschlagen. Icon hingegen kam von Level zu Level und durfte Diamanten einsammeln, die auf der Spielfläche verstreut waren.
Während Icon und ich uns mit dem Spiel beschäftigten, kam Rafa in unsere Nähe. Zweimal ging er hinter uns entlang, als würde er um einen heißen Brei herumschleichen. Beim Hinweg kraulte ich Rafas Handgelenk, beim Rückweg seine Flanke. Rafa wechselte einige Worte mit Icon und kündigte an, er werde ein Spiel veranstalten, und ob Icon daran teilnehmen wollte? Nachdem Rafa mit Icon gesprochen hatte, wandte er sich an einen Jungen, der ungefähr zwölf Jahre alt war, der jüngste Gast auf der "Salix". Rafa schaute dem Kind aufmerksam zu und erkundigte sich nach seinem Nickname. Der lautete "Yar". Icon sprach Yar darauf an, daß er neulich im W.E-Forum gewesen sei. Das bestätigte Yar.
Rafa und Yar standen am Ende der Tischreihe, gegenüber von mir. Als ich den Jungen fragte, wie "Yar" geschrieben wird, schaute Rafa durch seine riesigen schwarzen Brillengläser aufmerksam zu mir herüber, zumindest sofern man das beurteilen konnte.
Rafa unterhielt sich angeregt mit Yar. Das Gespräch mit dem Kind schien Rafa an seine eigene Kindheit zu erinnern. In Yars Alter ist Rafa zum Computerfreak geworden.
Als Rafa wieder bei Darienne saß, teilte ich Icon meine Vermutung mit, daß Rafa meine Nähe gesucht und unter anderem deshalb so lange bei meinem Platz gestanden hatte.
"Und ich habe mich schon gewundert", sagte Icon.








Rafa kam bald darauf erneut zu unserem Tisch. Er hielt die Liste in der Hand, auf die er alle Teilnehmer seines Spiels setzte.
"Und du?" fragte er mich betont geschäftsmäßig. "Hast du da auch Lust zu, ... Frau ... Fractal?"
Ich lächelte freundlich und nickte.
"Ja?" versicherte er sich, daß ich zustimmte.
Ich nickte und lächelte noch einmal. Rafa schrieb mich auf die Liste. Geschäftig ging er weiter.
Die Überwindung, die es Rafa gekostet hatte, auf mich zuzugehen und mich anzusprechen, lag wie Angstschweiß in der Luft.
Icon und ich unterhielten uns über Das P. und H.F. Ich meinte, H.F. sei wohl aus Wut entstanden, weil Rafa Das P. verlassen mußte. Icon erklärte, Rafa habe einen Ersatz für Das P. finden müssen, weil er vor der Trennung von Das P. Konzerttermine vereinbart habe und die nicht habe absagen können, ohne daß ihm dadurch erhebliche Nachteile entstanden wären. Eines der Konzerte habe im Frühjahr in Edinburgh stattgefunden. Nun wurde mir klar, weshalb Rafa mit Darienne nach Edinburgh gefahren ist: das war keine Liebesreise, keine romantische Kreuzfahrt, sondern ein geschäftlicher Termin. Und es war keine Reise zu zweit, sondern zu dritt, denn Herr Lehmann mußte auch dabei sein.
Icon erzählte, von H.F. gebe es noch nicht genügend eigene Stücke, um ein Konzert zu füllen. Rafa habe daher in Edinburgh auch Stücke von W.E gespielt.
Was den Streit zwischen Rafa und Darius betraf, meinte ich, Darius sei wohl auch deshalb wütend auf Rafa, weil Rafa trotz seiner Beziehung mit Berenice nichts Besseres zu tun hatte, als sich an die Freundin seines Freundes Darius heranzumachen. Ich erzählte, daß ich kürzlich durch Zufall erfahren habe, daß Rafa im letzten Sommer Dessie nachgestiegen ist.
"Das wußte ich noch gar nicht", sagte Icon. "Vielleicht habe ich Darius Unrecht getan."
Icon meinte, Rafa wolle immer alles bestimmen und der Chef sein, wenn es um gemeinschaftliche Aktivitäten gehe. So sei das bei W.E, und so sei es wohl auch bei Das P. gewesen. Rafa verlange, daß sich alle nach ihm richteten.
"Das war Darius sicher nicht recht", meinte ich, "weil Das P. eigentlich sein Projekt war. Ich fand es auch ganz angenehm, daß Darius musikalisch frischen Wind 'reingebracht hat. Bei H.F. wird es wahrscheinlich wieder das ewig gleiche Einerlei sein, was Rafa sonst auch immer musikalisch bringt. Rafa kann sich wahrscheinlich auch deshalb nicht musikalisch weiterentwickeln, weil er sich selbst blockiert für die tieferen Schichten seiner Persönlichkeit, die aber wichtig und notwendig sind für eine kreative Weiterentwicklung."
Icon erzählte, wie er W.E kennengelernt hat. In einer Computerzeitung wurde Rafas Clubhit gegen Videospiele besprochen. Neugierig besorgte Icon sich die MaxiCD, und von da an war er W.E-Fan.
Icon hat Rafa Webspace zur Verfügung gestellt, für mehrere Internet-Projekte. Icon meinte, Rafa neige dazu, angefangene Projekte aufzugeben und zu neuen Projekten überzugehen, die oft auch nicht abgeschlossen würden. Als Beispiel für ein solches fallengelassenes Projekt von Rafa zeigte Icon mir einen Flyer. Dieser Flyer warb für Rafas Online-Projekt "Perdocti", das wie eine Geheimverschwörung angelegt war. Dementsprechend ließ Rafa Icon bei "Perdocti" vorerst im Unklaren darüber, für welches Projekt er Webspace haben wollte. Rafa verriet auf der "Perdocti"-Website auch nicht, daß er der Autor der Website war. Alles sollte geheimnisvoll aussehen und so, als wenn es sich um einen Geheimbund mit unzähligen Migliedern handelte - gewissermaßen Rafas virtuelle Vervielfältigung. Ich erinnerte mich, daß ich schon etwas von dem angeblichen Geheimbund der "Perdoctianer" im Internet gefunden habe, nämlich vor etwa anderthalb Jahren in Berenices Gästebuch, wo die "Perdoctianer" in aggressiver und paranoider Weise gegen einen vermeintlichen Feind Drohungen und Verwünschungen ausstießen. Auf der "Perdocti"-Website, zu der ein Link hinführte, ging es weiter mit Drohungen und Verwünschungen. Es wurde über angebliche "Aktionen" der "Perdoctianer" berichtet, und weitere "Aktionen" wurden angekündigt. Der Wortlaut erinnerte an terroristische und extremistische Gruppierungen. Was die "Perdoctianer" eigentlich wollten oder ablehnten, wurde nicht klar, doch eines wurde deutlich: die vorherrschende Stimmung war Haß, ausgeprägter Haß ohne erkennbares Ziel. Das ist bei extremistischen Gruppierungen ähnlich. Deren Feindbilder sind austauschbar. Ihnen ist vor allem wichtig, daß Feindbilder vorhanden sind, weil sie sonst nicht wissen, wohin sie ihren Haß lenken sollen.
Die Ursache von Extremismus ist Haß. Psychopathologisch ist Haß ungewandelter Selbsthaß. Wer haßt, ist ein Mensch, der unbewußt sich selbst ablehnt und die Vernichtungswünsche, die er gegen sich selbst hat, nach außen lenkt. Er entwickelt den Wunsch, andere Menschen zu vernichten, in der Hoffnung, dadurch sich selbst annehmen zu können.
Das bedeutet umgekehrt: wer hinter sich steht und sich annimmt, so wie er ist, haßt auf dieser Welt niemanden. Seine Aggressionen dienen nur der Verteidigung, nicht der Vernichtung. Haß hingegen dient nicht der Verteidigung, sondern nur der Vernichtung.
Icon erzählte, wie er den "Perdocti"-Flyer zusammen mit anderen Flyern geschickt bekam und zuerst nicht wußte, von wem er stammte. Er fand den Flyer interessant und rief die dort vermerkte URL auf, so daß er auf die "Perdocti"-Website gelangte. Er stellte fest, daß man sich dort für eine Art Online-Spiel registrieren konnte, wodurch man zum Mitglied der virtuellen Geheimverschwörung der "Perdoctianer" werden konnte. Der Untertitel des Spiels lautet: "Du spielst mit deinem Leben!" Icon - neugierig geworden - registrierte sich. Rafa meldete sich nach einiger Zeit bei ihm und teilte mit, das "Perdocti"-Spiel werde nun doch nicht stattfinden, weil sich zu wenig Leute dafür angemeldet hätten. So erfuhr Icon erst, daß Rafa hinter "Perdocti" steckte. Rafa verwendet übrigens das "Perdocti"-Symbol weiter, auf verschiedenen Websites, Flyern, Covern, in Foren und Chats. Es ist ein stilisiertes Auge, als Zeichenfolge: "⟨O⟩".
Ich meinte, wenn Rafa öffentlich gemacht hätte, daß er hinter "Perdocti" steckt, hätten sich bestimmt mehr Leute dafür angemeldet. Hinzu komme, daß Rafa nicht deutlich genug gemacht habe, was mit dem Spiel gemeint sei. Die Leute könnten es nicht einordnen und legten es beiseite.
"Rafa erzählt auf dem Flyer, daß er der Dekadenz ein Ende setzen will", bemerkte ich, "aber wenn man Rafas Lebenswandel betrachtet, ist er dekadent. Rafa wechselt die Frauen nach Belieben, er betrügt sämtliche Freundinnen, er säuft und raucht, und er arbeitet nicht. Dadurch ist Dekadenz definiert, durch ein zügelloses Leben, und genau das führt er. Daher kann man nicht so recht nachvollziehen, was er unter Dekadenz versteht."
Der "Perdocti"-Flyer erinnerte mich an den Flyer, den Rafa im Frühjahr gemeinsam mit Herrn Lehmann und Darienne in SHG. unter die Leute gebracht hat. Er wirkt ähnlich kurios und undurchsichtig. Der "Perdocti"-Flyer ist doppelseitig bedruckt. Auf einer Seite steht nur "DU SPIELST MIT DEINEM LEBEN" und darunter die "Perdocti"-URL, auf der anderen Seite ist zu lesen:

Wir brauchen Sie!
- um die Zukunft in die richtigen Bahnen zu leiten!
- um Korruption, Dekadenz und der fortfahrenden Ungerechtigkeit ein Ende zu setzen!
- um die Balance der Kräfte wieder herzustellen!
... bevor es zu spät ist!

In der Mitte der Seite ist ein Auge abgebildet, darunter der "Perdocti"-Schriftzug, beides ist von einem Kreis umgeben. Unten geht der Text weiter:

Vielleicht steckt viel mehr dahinter als ein Spiel für den C64? Melden Sie sich unter:

Hier folgt die "Perdocti"-URL, außerdem eine Postfach-Adresse in BI. (eine Stadt, die es laut einem alten Running Gag nicht gibt, sondern die lediglich eine von Außerirdischen hergestellte Täuschung ist). Unten auf dem Flyer steht:

Machen Sie diese Information auch anderen zugänglich, die ebenfalls für unsere Ziele stehen ...

Meine Fachkollegen in der Psychiatrie hätten wahrscheinlich angemerkt:
"Gegen sowas hilft Haldol!"
Der Untertitel "Du spielst mit deinem Leben" erinnerte mich daran, daß Rafa Tag für Tag mit seinem Leben spielt - eigentlich: sein Leben wegwirft. Ich erzählte Icon, daß meine erste Sorge ist, wie es mir gelingen kann, Rafa vom Rauchen abzuhalten. Mir sei bewußt, daß ein Süchtiger nie von seinem Suchtverhalten lassen wird, wenn er das nicht selber will, und Rafa will nicht auf das Rauchen verzichten. Also sei der Versuch, Rafas Suchtverhalten zu beenden, ein unmögliches Unterfangen, eine "impossible mission". Man könne nur dabei zuschauen, wie er sich langsam umbringt.
Während Icon und ich uns über Rafas Internet-Projekte unterhielten, wurde auf dem freien Areal zwischen Theke und Tischreihen das von Rafa veranstaltete Spiel aufgebaut. Die Spielfläche wurde mit einem Beamer an eine Leinwand geworfen. Auf dem Titelbild war zu lesen, daß Rafa und Berenice dieses Spiel entwickelt hatten. Während des Spiels erklang eine für Rafa typische Musik. In dem Spiel ging es darum, fallenden Bällen auszuweichen. Die Spieler mußten sich einer nach dem anderen vor die Leinwand setzen und mit einem Joystick so lange spielen, bis sie verloren hatten. Nach den Punkten, die sie erreicht hatten, wurde der Sieger ermittelt. Besonders schwierig war beim Spielen die Handhabung des Joysticks, dessen Steuerung hakte und der mal tat, was man wollte, und mal nicht. Darienne erreichte die wenigsten Punkte und ging mißmutig zurück an ihren Platz. Ein User - Printkid - schaffte beinahe das höchste Level und erreichte mehr Punkte als Rafa. Als Sieger bekam er eine Picture Disc und eine CD von Das P.
"Kann das sein, daß Darienne heute nicht so gut drauf ist?" raunte Icon mir zu.
"Ja", nickte ich.
Während des Spiels achtete Rafa darauf, daß jeder Spieler Applaus bekam, auch wenn einer nicht so gut abgeschnitten hatte. Er lobte jeden, egal wie gut er in dem Spiel war.
Icon erzählte, er kenne niemanden, der Darienne mag. Ich konnte einige Leute aufzählen, die sie mögen, darunter Herr Lehmann und Dessie. Ich vermutete, daß viele Leute Darienne unsympathisch finden, könne daran liegen, daß Darienne sehr ihre Fassade betont. Model-Kollegin Dessie hingegen, die deutlich beliebter ist, trete auch als Persönlichkeit in Erscheinung.
Icon erzählte noch mehr von Rafas aufgegebenen Internet-Projekten. Zu ihnen gehört eine Website namens "Neue Welt", außerdem "Honeys Welt", die Website zu Rafas journalistischer Tätigkeit für eine C64-Zeitschrift. "Honeys Welt" hat lediglich den Umfang einer Web-Visitenkarte und einen sehr spärlichen Informationsgehalt. Bei "Neue Welt" handelt es sich um ein Künstler-Forum. Was diese "Neue Welt" auszeichnet, beschreibt Rafa sehr vage mit Begriffen wie "progressiv" und "neues Lebensgefühl". Ich meinte, Rafa wolle andauernd in eine andere Welt oder auf einen anderen Planeten flüchten, ohne beschreiben zu können, wie es dort aussehen soll und was er dort anfangen will. Vermutlich wolle Rafa einfach vor sich selbst und seinen Problemen davonlaufen. Eines sei ihm wohl nicht klar: Wohin man auch geht, sich selbst und seine Probleme nimmt man immer mit.
Icon findet Rafas Verhalten im Allgemeinen inkonsequent. Rafa ziehe über "McGlutamat" her, sei dort aber Stammkunde.
"Das hat Berenice auch bemängelt", wußte ich.
Neulich hat Rafa wieder einen Text für die C64-Zeitschrift verfaßt und Icon gebeten, den Text korrekturzulesen. Das ist ein weiser Entschluß, finde ich, denn Rafas Rechtschreibung läßt zu wünschen übrig.
Icon erzählte, daß die angekündigte Neugestaltung der W.E-Website ins Stocken geraten ist, weil Administrator Tenebris für seine Arbeit bezahlt werden wollte. Rafa wollte ihm aber nichts dafür geben, und Tenebris zog sich von seinem Amt zurück. Icon hat nun die Aufgabe übernommen, die W.E-Website neu zu gestalten - kostenlos. Was die Website von H.F. betraf, so werde das Design wesentlich von Darienne mitgestaltet. Von H.F. gebe es schon einige Titel, die ihm aber noch nicht bekannt seien.








Je mehr Stimmung im Saal herrschte, desto mehr wurde fotografiert und gefilmt. Lachen und Reden übertönte bald die Computerspiel-Sounds.
Rafa erklärte der Runde, weshalb er das Spiel mit den Bällen ausgesucht hatte:
"So super ist das Spiel ja nun auch wieder nicht, aber es ist schön kurz und deshalb für größere Gruppen gut geeignet."
Nun war Essenszeit. Die Veranstalter hatten viele Pfannkuchen gebacken. In der Küche durfte sich jeder welche nehmen. Als ich vor der Anrichte stand, trat Rafa neben mich, und ich kraulte ihn am Rücken.
"Mjam", sagte ich.
Als er den Arm vorreckte, umgriff ich sein Handgelenk, an dem er ein Schnallen-Armband aus schwarzem Leder trug.
"Lecker", sagte ich.
Währenddessen tat ich mir Pfannkuchen auf.
Rafas Laune wirkte inzwischen recht heiter und entspannt. Er bewegte sich viel unter den Gästen, während Darienne sich zurückzog und meistens an ihrem Platz saß, wo sie grämlich vor sich hinblickte.
"Sie kennt halt fast keinen", war Icons Erklärung dafür.
"Ich auch nicht", hielt ich dagegen.
"Das stimmt", nickte Icon, "aber du bist offen."
Tigro sprach mich an, der eine ähnliche Haarfarbe und Figur hat wie der Comic-Kater Garfield. Er wollte wissen, ob ich bei Rollenspielen mitmache.
"Das zwar nicht", antwortete ich, "aber ich kenne Leute, die das machen und gerne machen. Kürzlich habe ich mir in einem Rollenspiel-Laden Kleider gekauft. Ich kaufe mir immer viele Kleider."
Tigro meinte, der Schmuck, den ich trug, erinnere an Rollenspiele. Er erzählte, welche Bedeutung sein eigener Schmuck in den Rollenspielen hat, an denen er teilnimmt. Es sind "Vampire"-Rollenspiele. Tigro erklärte, welche Art von Vampir er verkörpert.
Aufgrund seines Nickname vermutete ich, Tigro sei ein großer Katzenfreund. Er bestätigte das. Der goldene Löwenkopf, den er um den Hals trug, und das Plüschkätzchen, das auf seinem Flachbildschirm thronte, deuteten ebenfalls darauf hin.
Ein Gast sprach mich auf meinen Beruf an. Er fände es ziemlich schwierig, in der Psychiatrie zu arbeiten, und er würde sich so etwas nicht zutrauen. Ich meinte, es würde mir fehlen, wenn ich es nicht tun würde. Die Arbeit in der Neurologie finde ich auch interessant, aber sie könnte mich nicht ausfüllen.
Die meisten Gäste auf der "Salix" basteln nicht nur in ihrer Freizeit an Computern, sondern auch beruflich. Sie haben gewissermaßen das Hobby zum Beruf gemacht.
Icon erzählte, daß er an einer Software arbeitet, mit der Banken die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden beurteilen können. Der Auftraggeber ist eine Bank, die nur im Geschäftsleben bekannt ist und keine Privatkunden hat.
Nach dem Pfannkuchen-Essen nahm ich Kopfschmerz-Tabletten und goß mir eine Tasse Früchtetee nach der anderen auf. Währenddessen plauderte ich mit den Jungen, die in die Küche kamen. Icon erzählte, daß es ihm gelungen sei, zwanzig Kilo abzunehmen. Ein Junge erzählte, daß er die angehende Kanzlerin Merkel früher unglaublich häßlich fand und daß er sie jetzt geradezu annehmbar findet, so daß er sich fragt, ob sie sich hat operieren lassen. Ein anderer Junge seufzte:
"Die - annehmbar? Also, so groß kann meine Not gar nicht sein, daß ich ..."
Das nächste Spiel in großer Runde fand ebenfalls vor der Leinwand statt. Dort war ein Breakdancer zu sehen, eine C64-Grafik. Je nachdem, wie der Breakdancer sich bewegte, mußte der Spieler seine Füße auf bestimmte Nadelfilzfliesen stellen. Dadurch ahmte seine eigene Spielfigur die Bewegungen nach. Beim dritten Fehler hieß es "Game over". Marius und ich bekamen es gar nicht hin. Laut Anleitung mußte man auf den Fliesen stehen, doch dann gerieten die Kontakte durcheinander, und man machte Fehler, ehe man überhaupt etwas versucht hatte. Nach uns bekamen die Spieler heraus, daß man vor den Fliesen stehen und die Füße nur daraufsetzen durfte. Darienne gewann dieses Spiel mit Vorsprung, nicht nur weil sie den Trick kannte, wie man es anstellen mußte, sondern auch weil sie ein gutes Gedächtnis für rasche Bewegungsfolgen hat. Ihr Preis war ein Würstchen aus dem Glas - "um die verlorenen Kalorien auszugleichen", wie Marius erklärte. Darienne schien sich über ihren Sieg zu freuen, auch wenn sie keine überschwengliche Begeisterung zeigte. Rafa als ihr Lebensgefährte hatte weder mitgefiebert, noch jubelte er ihr als Siegerin zu. Er war mit anderen Leuten beschäftigt und kümmerte sich nicht um Darienne. Vielleicht ärgerte er sich, weil er bei dem Spiel lediglich mittelmäßig abgeschnitten hatte.
Am Nachmittag machte Gameboy sich in der Küche eine Suppendose auf. Er ging mit einem Dosenöffner zu Werke, dem er Geräusche einhauchte, die von einer Motorsäge oder einem Rasenmäher stammen konnten. Das Gespräch kam auf die Dosenöffner bei der Bundeswehr. Dort gebe es statt eines Dosenöffners eine Art Kombi-Werkzeug, das als Besteck und als Dosenöffner dienen sollte, ein lumpiges Etwas.
"Dann frage ich mich, wie man die Dosen aufkriegen soll", meinte ich.
"Es kommt auch drauf an, was in den Dosen drin ist", sagte Gameboy.
"Dann ist auch die Frage, ob es sich gelohnt hat, die Dosen überhaupt aufzumachen", sagte ich.
"Na ja", sagte Gameboy, "Stalingrader Kesseleintopf ..."
Icon wechselte im Saal gelegentlich die Aschenbecher aus. Als er Rafas Aschenbecher auswechselte, wunderte er sich, weil er diesen Aschenbecher erst vor einer Stunde ausgewechselt hatte und er schon wieder voll war. Rafa hielt es kaum zehn Minuten ohne Zigarette aus, nicht einmal bei den Gemeinschaftsspielen verzichtete er darauf.
Zwei Jungs setzten sich vor die Leinwand und spielten ein C64-Spiel über alle Levels. Das Ziel bestand darin, in weniger als 52 Minuten alle Levels zu schaffen. Sie schafften es in 40 Minuten.
"Das habe ich noch nie geschafft", bemerkte Icon anerkennend. "So weit bin ich noch nie gekommen."
Rafa stand wieder bei Yar und fachsimpelte mit ihm. Zwischendurch blickte Rafa in meine Richtung; ob er mich ansah, war wegen seiner schwarzen "Heino-Brille" nicht festzustellen. Rafa grinste von einem Ohr zum anderen. Ich lächelte zurück, freilich ohne zu wissen, ob ich gemeint war.
Als es dunkel wurde, erschien Tron tatsächlich noch; Icon und ich hatten schon geglaubt, ihn heute nicht mehr hier zu sehen. Tron baute einen uralten Rechner auf, dem er schräge Töne zu entlocken wußte, was mich als Industrial-Fan wahrhaft begeisterte. Der Rechner war ein VC20, Vorläufer des C64. Tron verband ihn mit einem ebenfalls historischen Sprachsynthesizer. Ich tippte einige Wörter, die der Sprachsynthesizer sagen sollte. Weil der Sprachsynthesizer alles englisch aussprach, ging es darum, für jedes deutsche Wort, das er sagen sollte, eine passende Lautschrift zu finden.
"Rafa, guck' mal, ich hab' hier einen Sprachsynthesizer", rief Tron.
Rafa nahm das zur Kenntnis, kam aber nicht zu Tron und mir herüber, vermutlich weil er Abstand zu mir halten wollte.
Als ich bei Icon an dessen Platz saß, kam Tron mit seiner Kamera herbei und filmte mich, während ich über Gigabytes und Arbeitsspeicher redete.
Icon zeigte mir ein Navigationsgerät, das er sich von einem Freund ausgeliehen hatte. Er hatte es am Vortag verwendet, um das Dorfgemeinschaftshaus zu finden. Das Gerät lotste ihn aber nicht zu dem Dorfgemeinschaftshaus, sondern auf einen einsamen Feldweg. Als Icon nicht in den Feldweg einbiegen wollte, protestierte das Navi und wiederholte beharrlich:
"Bitte wenden Sie. Bitte wenden Sie."
Icon gelang es, trotz Navi das Dorfgemeinschaftshaus zu finden. In der Nacht zum heutigen Tag machte Icon es sich in seinem Schlafsack bequem. Wie die meisten anderen schlief er auf dem Saalboden, nur Rafa und Darienne schliefen im Zelt. Es war ruhig im Saal, doch auf einmal hörte Icon eine Stimme:
"Bitte rechts abbiegen."
Das umfangreichste Spiel des heutigen Abends war das "Glücksrad". Das große bunte Glücksrad war eine saubere Heimwerkerarbeit von Zen und wurde links neben der Leinwand aufgestellt. An die Leinwand wurden die Wörter gebeamt, die zu erraten waren, außerdem die Zwischen- und Endstände der einzelnen Gruppen. Jede Gruppe bestand aus vier Spielern. Die Wörter, die abgefragt wurden, stammten passend zum Thema der Party aus der C64- und Computerspiel-Szene. Als die erste Gruppe an den Start ging, saß ich vor der Theke mit einigen jungen Leuten aus der Umgegend, die aus Neugierde hereingekommen waren. Wir rieten flüsternd mit und stellten fest, daß wir manch ein Wort schneller heraushatten als die Spieler. Bei Eigennamen aus der C64-Szene wurde es allerdings schwer für uns, etliche davon konnten wir nicht kennen.
Zu der letzten Gruppe, die "Glücksrad" spielte, gehörte ich. Marius rief mich als Letzte auf:
"... und die bezaubernde Fractal."
In der Runde sammelte ich schnell viele Punkte. Mir fiel auf, daß ich zwar komplizierte Begriffe wie "Arachnophobia" erriet, aber manchmal auf einfache Wörter nicht kam. So konnte ich nicht erraten, daß der Anfangsbuchstabe von "_UELLE" ein "Q" sein mußte, damit eine Folge aus mehreren Wörtern einen Sinn ergab. Und als der Name eines C64-Musikers erraten werden sollte, fehlte mir ein Buchstabe, weil der Musiker mir als "Nicht-Szener" unbekannt war. Außerdem kam ich zwischendurch auf ein Feld am Glücksrad, das bedeutete, daß ich alle erworbenen Punkte verlor. Am Ende war ich dennoch Gruppensieger, weil ich die Verluste teilweise aufholen konnte. Den Ausschlag gab, daß ich mich noch gut erinnerte an das zweite Computerspiel, das ich - nach "Pong" - gesehen habe, nämlich "Donkey Kong", das 1982 im Flughafengebäude in H. stand und das mich sehr beeindruckt hat. Der Name dieses Spiels sollte erraten werden, und ich hatte ihn gleich heraus. Den Preis durfte ich mir aus einer Kiste aussuchen; ich nahm ein Buch, das den Umgang mit historischen Rechnern erklärte und in der Zeit entstanden war, als diese Rechner noch das Neueste auf dem Markt waren. Das Buch heißt "Spiele für Tischcomputer" und stammt aus dem Jahr 1983.
Als ich mit Marius vor der Theke stand, kam Rafa heran und holte sich einen neuen Aschenbecher.
"Ja, so ist das mit der Abhängigkeit", sagte ich vernehmlich. "Der Süchtige merkt oft nicht, daß er suchtkrank ist."
Zum Abendessen wurde Pizza geliefert, kurz vor elf Uhr. Darienne holte die Pizza für sich und für Rafa aus der Küche, wo die Pizza aufgestapelt war. Sie huschte schweigend herein und schweigend wieder hinaus. Icon ging zu Rafa und Darienne an deren Platz und redete mit ihnen. Ich saß in der Nähe des Beamers mit Marius und einigen anderen Usern. Marius und ich unterhielten uns über die Frage, ob es etwas zwischen Himmel und Erde gibt, das für uns Menschen nicht erfaßbar ist. Ich erzählte Marius von dem Traum, in dem ich den Schriftzug "Liebe" türkisfarben über Rafa und mir leuchten sah - wie es sich sechs Wochen später in der Wirklichkeit ereignete. Seit jenem Traum bin ich mir sicher, daß es etwas zwischen Himmel und Erde geben muß. Marius glaubt auch, daß es so etwas gibt.
Mit einem User unterhielt ich mich darüber, ab wann man einen Computer als "antik" bezeichnen kann. Als "antik" gelten eigentlich nur Gegenstände, die älter als siebzig Jahre sind. Autos gelten nach dreißig Jahren als "Oldtimer". Doch in der Computerbranche herrschen andere zeitliche Dimensionen als bei Möbeln und Autos. Bereits nach fünf Jahren gilt ein Rechner als veraltet. Ich erkundigte mich nach einem Computermuseum und erfuhr, daß es in PB. eines gibt. In B. sei der Bordcomputer einer alten russischen Raumfähre zu besichtigen.
Marius und ich unterhielten uns über kreative Berufe. Ich erzählte von Constris filmischer Arbeit. In ihrem alptraumhaft-verwunschenen Meisterwerk "Schlafe, schlaf mein Kindelein" gelingt es Constri, innerhalb von fünf Minuten die ultimative Tragödie darzustellen. Wenn wir diesen Film auf unseren Kränzchen oder Parties vorgeführt haben, saßen die Gäste mit Taschentüchern da. Marius meinte, eine Tragödie wie "Schlafe, schlaf mein Kindelein" könnte er sich gar nicht anschauen, er würde es nicht ertragen.
Auf der Leinwand begann die "Late Lounge", ein Zusammenschnitt von Erinnerungsvideos und Dokumaterial. In einer Dokumentation wurden drei Leute interviewt, die Hardware entwickelt hatten. Sie erklärten, wofür die Hardware eingesetzt wurde und wie sie funktionierte.
"Costa quanta?" fragte Rafa in falschem Italienisch.
Er erkundigte sich nach Details der Hardware-Komponente, unter anderem, ob sie in Serie hergestellt wird oder nach Bestellung zusammengebaut wird.
Bei der "Late Lounge" wurden auch private Videos von C64-Usern gezeigt. Einen User sah man, der einen C64 in die volle Badewanne legte. Icon erzählte von einem seiner Bekannten, der ebenfalls einen C64 in die volle Badewanne legte. Der Rechner soll nach diesem Tauchbad noch funktioniert haben.
Nach der "Late Lounge" gab es ein Quiz, das begann wegen des insgesamt nach hinten verschobenen Zeitplans erst gegen halb zwei Uhr früh. Weil ich müde wurde und bald nach Hause fahren wollte, bat ich Marius, mich bei dem Quiz im ersten Durchgang einzuteilen, damit ich noch mitmachen konnte.
Während ich mit Marius sprach, ging Rafa so dicht an mir vorbei, daß ich ihm über den bloßen Arm streichen konnte.
In dem Quiz wurden Rafa, Pacman und ich für die erste Gruppe eingeteilt. Wir saßen im Halbkreis, Pacman in der Mitte, ich rechts und Rafa links von ihm. Rafa und ich streckten die Beine aus, so daß wir uns fast berührten. Wir hatten beide spitze schwarze Schuhe an, die mit Schnallen besetzt waren. Ansonsten war Rafas Garderobe deutlich legerer als meine.
Der Quizmaster erläuterte, daß es in dem Quiz um Menschenkenntnis gehen werde und um die Kenntnis der Vorlieben einzelner Personen.
"Sexuelle Vorlieben?" fragte Rafa im Stil eines Schülers von der letzten Bank.
"Hier spricht der Fachmann", bemerkte ich.
Die Quizfragen, die auf der Leinwand gezeigt wurden, folgten dem Multiple-Choice-Prinzip. Nach jeder Frage notierten die Quizteilnehmer ihre Antwortvorschläge. Danach lief ein kurzer Ausschnitt eines Interviews mit Zen, in dem er zu den "Salix"-Parties befragt wurde. Der Interview-Ausschnitt enthielt die Antwort auf die jeweilige Quizfrage. Pacman war Rafa und mir gegenüber im Vorteil, weil er die "Salix"-Parties am längsten kannte und die meisten Ereignisse, nach denen gefragt wurde, selbst miterlebt hatte. Rafa kannte sich auch besser aus als ich. Am Ende war Pacman der Sieger, und Rafa und ich lagen gleich auf. Rafa machte den entscheidenden Punkt, indem er sich erinnerte, daß 1999 die "Salix" ausfiel, weil Zen wegen Graffiti-Sprayereien zweier Partygäste im Vorjahr das Dorfgemeinschaftshaus nicht zur Verfügung gestellt wurde. Ich machte den entscheidenden Punkt, als ich erriet, daß ein Haufen Suppenterrinen, der von einem Partygast als Proviant mitgebracht wurde, heimlich, still und leise von dem Rest der Partygesellschaft aufgegessen wurde, eher jener Gast das mitbekam. Rafa meinte, so etwas müßte man doch merken.
Wir rieten alle richtig, als gefragt wurde, wieviele kaputte Rechner Zen im Keller hatte, C64 und C128 zusammengenommen: sechs, elf oder vierzehn? Rafa meinte, wenn er daran denke, wieviele Commodore-Rechner er bei sich stehen habe, dann werde Zen bestimmt vierzehn haben. Ich meinte, mir sei bekannt, daß Commodore-User defekte Rechner als Ersatzteillager verwenden, daher werde Zen am ehesten vierzehn dieser Rechner haben. Daß Rafa mehr als zwanzig davon hat, weiß ich durch Tron.
Was wir auch alle richtig errieten, war Zens C64-Lieblingsspiel: "Impossible Mission". Ich wählte es nicht zuletzt deshalb aus, weil ich zu dem Titel einen besonderen Bezug habe.
Als Pacman zum Sieger erklärt wurde, nickte Rafa mir zu und hob die Hände zum Klatschen. Er winkte mir, daß er gleichzeitig mit mir beginnen wollte. Ich hob die Hände ebenfalls, und wir beklatschten Pacman.
Der Sieger durfte sich unter drei C64-Journalen dasjenige aussuchen, das ihm am besten gefiel. Rafa griff nach den beiden übrigen, suchte sich eines aus und gab mir das dritte.
"Hier, Hetty", sagte er.
Zu dem Journal gehört eine Floppy mit Spielen darauf. Ein anderer Gast hätte es gerne gehabt, doch ich wollte es auf jeden Fall behalten.
Im Eingangsflur verabschiedete ich mich von Icon und Tron. Ein weiterer Gast stand bei uns und sagte:
"Ich dachte, ihr seid vorher schon alle befreundet gewesen."
Tron und Icon bejahten dies.
"Fern-Freunde", erklärte ich. "Wir kannten uns über E-Mails und Chats."
"Alle durch W.E", setzte Icon hinzu.
"Nein, Icon und ich haben uns irgendwie auch schon anders kennengelernt", berichtigte Tron.
Das vierstündige Video zur "Salix" hat Zen mir geschickt. Unter anderem ist das gesamte Quiz mitgefilmt worden. Rafa schaut währenddessen häufig in die Kamera, präsentiert sich und gibt Sprüche und Zwischenrufe von sich.
Im Internet kann man viele Fotos und Filmchen von der "Salix" herunterladen, die meisten stammen von Tron und Icon. Es gibt nun etliche Aufnahmen, die Rafa und mich gemeinsam zeigen.
Die "Perdocti"-Website ist offline. Zu finden ist im Internet lediglich ein Beitrag in einem Computerspiel-Forum aus dem Jahr 2001 - also vier Jahre alt -, der sich mit der geheimnisvollen, angeblich so mächtigen "Perdocti"-Vereinigung befaßt. Man rätselt und stellt Vermutungen an, um was es sich handelt und wer dahintersteckt:

Bei der Gruppe handelt es sich um den "Bund der PERDOCTIANER". Es handle sich dabei aber "um keine fanatische Sekte oder eine lokale politische Vereinigung, sondern eher um einen globalen, seriösen Zusammenschluss von Menschen, die das Weltsystem begradigen" (O-Ton der E-Mail). In diesem Zusammenhang fiel auch symbolisch der Begriff "Weltpolizei".
Eine Organisation die im Dunkeln, die in der Anonymität der Gesellschaft agiert. Ein Bund, der sich gegen kommerzielle und kapitalistische Ideen auflehnt. Eine Gruppe, der bewusst ist, dass sie nach außen durchaus auf Unverständnis und rege Zweifel stößt. Ein Team, welches darin aber den Vorteil ihrer verdeckten Aktionen sieht, die sonst nicht möglich wären.
Das C64-Spiel diene dem Ziel, Menschen auf den Bund aufmerksam zu machen und Leute über dessen Vorgehensweise zu informieren. Auch sollen die Teilnehmer schon auf "eventuell anstehende globale Veränderungen vorbereitet werden" - was immer das auch sein mag. Die System-Wahl fiel auf den C64, da dieser (im Gegensatz zu den transparenten PC-Systemen) ein sicheres System darstellt, was allen Teilnehmern entgegenkommt.
Das Spiel (mit dem "neuen, moralisch einwandfreien, real interaktiven Abenteuerspielkonzept") versetzt den Spieler in die Rolle eines Mitglieds dieses Bundes. Weitere Verpflichtungen, außer dem Abo der Spieldisk, bestünden aber nicht.
Zu weiteren Kontaktaufnahmen erhält man eine nette Kennziffer, die bei weiteren E-Mails mit angegeben werden soll. Sicherlich dient auch das dem Schutz der Identität der Teilnehmer. Leider ließ sich auch so nicht herausfinden, mit wem man den E-Mail-Verkehr führt, geantwortet wird immer direkt von der Gruppe (Deckmantel des Kollektivs!?).
Egal, ob es sich um einen legales / illegales Unternehmen handelt oder ob es nur ein Gag ist, ein spezieller Punkt stieß uns bereits übel auf:
"Die Angaben in der Bewerbung dienen ausschließlich dem Spiel selbst und werden absolut diskret behandelt."
Diese Aussage bezog sich auf die Nachfrage, ob die ganzen persönlichen Daten übermittelt werden sollen, die aus der Spiel-Bewerbung hervorgingen. Leider konnte dieses Versprechen schon in der gleichen E-Mail nicht eingehalten werden.
Anscheinend vertauschte die Gruppe einige E-Mails und die dazugehörigen Adressen. So kamen wir in den Besitz einer kompletten postalischen Anschrift eines möglichen Teilnehmers. Von einem diskreten Umgang mit den Daten kann also nicht die Rede sein.
Anschließend befragten wir die Person, deren Adresse wir erhielten. Laut seiner Aussage ist er zuvor noch nie mit dieser Gruppe in Kontakt getreten!
Ein paar Antworten, aber viele neue Fragen und Geheimnisse!
Wer kann das Mysterium aufklären?

An der "Neue Welt"-Website scheint Rafa seit Jahren nicht mehr gearbeitet zu haben. Sie trägt die Überschrift "Das Tor in eine neue Welt". Im Text heißt es (Cave: Dieses Mal habe ich die Rechtschreibfehler nicht korrigiert!):

Was ist die Neue Welt?
Wie bekommen Sie einen Platz in der Neuen Welt?
Wie gestalten Sie die Neue Welt mit?
Wie treten Sie in Kontakt mit der Neuen Welt?

Was ist die Neue Welt ?
Die Neue Welt ist ein Zusammenschluß ausgewählter Künstler aus allen Bereichen. Im Vordergrund steht aber der Bezug zu Kunstträgern wie Klang, Sprache und Bild und der Hang zum Minimalen. Auf der einen Seite geht es uns um eine angemessene Präsents der Künstler und eine Vermittelung zu Kunstsuchenden, andererseits soll diese Internetz-Plattform auch eine Informationsbasis für Veranstallter, Galerien oder Medien wie Fernsehen, Funk oder Magazinen sein ohne sich ihnen anbiedern zu wollen ; ).
Konfrontieren Sie sich mit der neuen Kunst einer Neuen Welt.
Erfahren Sie neue Wege, Denkanstöße, Ziele und Inspirationen.
Treten Sie selbst, als Künstler ,der Neuen Welt bei.
Sprechen Sie mit progressiven Menschen über progressive Themen.
Darüberhinaus ist der Name der Neuen Welt auch gleichzeitig Programm und Konzept. Wir versuchen nicht Ihnen etwas zu verkaufen, sondern ebenen einen Weg, den wir schon längst hätten gehen sollen.
Das Konzept der Neuen Welt als neues Lebensgefühl eines neuen Menschen.
"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein."

Wie bekommen Sie einen Platz in der Neuen Welt?
Bewerben Sie sich für einen Platz in der Neuen Welt mit einem ausreichenden Dossier und einigen Beispielen sowie einem Steckbrief per e-Post.
Voraussetungen sind keine gegeben, einzig eine Motivation und eine Loyalität Ihrerseits wären von Nöten. Wir werden Ihr Material auswerten und uns natürlich auch eine Ablehnung vorbehalten.

Wie gestalten Sie die Neue Welt mit?
Auch als Nichtmitglied können Sie jederzeit Texte, Photos, Bilder, Hörproben oder sonstiges künstlerischen Material von Ihnen schicken, wenn Sie meinen, daß hier die richtige Präsentationsplattform dafür ist. Nur eine Bestätigung Ihres Alleinurheberrechts und eine Erlaubnis für eine Veröffentlichung Ihren Materiales in der Neuen Welt müßte Ihrer Sendung beiliegen. Leider behalten wir uns auch hier natürlich eine Ablehnung der Veröffentlichung vor. Natürlich können Sie immer Ihre Veröffentlichungen hier aus dem Programm entfernen und haben keine weiteren Verpflichtungen als Nichtmitglied.
Senden Sie Ihre künstlerischen "Auswürfe" per e-Post.

Wie treten Sie in Kontakt mit der Neuen Welt?
Sie haben folgende Möglichkeiten mit der Neuen Welt in Kontakt zu treten:

Hier nennt Rafa E-Mail-Adresse, Faxnummer, einen Chatroom, ein Gästebuch und ein Forum als Kontaktmöglichkeiten. Der Link zum Gästebuch führt ins Leere, in dem Forum wurden keine Foren angelegt.
Stets redet Rafa von sich selbst in der ersten Person Plural, dem "Pluralis majestatis". Der Text ist durchsetzt von Rechtschreibfehlern. Statt "Präsenz" schreibt Rafa "Präsents", statt "Veranstalter" schreibt er "Veranstallter", statt "ebnen" schreibt er "ebenen", Kommata werden verkehrt gesetzt, auch Wortbeugungen, etwa in den Genitiv, sind fehlerhaft. Auf wenigen Seiten findet sich eine Fehlerdichte, die Rafa in einem Schuldiktat den Garaus gemacht hätte. Höhnisch blickt Rafa auf Menschen mit einem vermeintlich kleinen IQ herab:

Der "chatroom" ist jederzeit passierbar. Wer Sie meinen, Sie müßten hier dummes Zeug reden oder Ihren vielleicht verschwindend kleinen I.Q. präsentieren...Vergessen Sie es!

Wahrscheinlich wollte Rafa eigentlich "Wenn Sie meinen ..." schreiben.
Das Zitat "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" ordnet Rafa dem "neuen" Lebensgefühl des "Neuen Menschen" zu. Bedenkt man, wie alt dieses Zitat ist, stellt sich die Frage, wie Rafa den Begriff "neu" definiert.
Die Rubriken auf der "Neue Welt"-Homepage sind kaum besetzt. Zu den portraitierten Künstlern zählen nur W.E und Das P. - Rafas eigene Projekte -, die Projekte von Sten - der "Haus-Filmemacher" von Rafa - und Kurzportraits der Bands Kontrast, Second Decay, Die Trafofreunde, Mikron 64, Taxim und Kraftwerk, wobei allerdings die meisten Links ins Nirgendwo führen. Auch die Links zu der Kleinen Galerie - das Projekt von Rafas Mutter -, zu Klaus Kinski und Fritz Lang führen ins Leere. In dem Bereich "Technik" gibt es lediglich ein mpg-Filmchen über die ISS zu sehen. Die Links auf der Linkliste führen zu Band-Websites und C64-Fansites.
Im Impressum nennt Rafa seinen Namen nicht, auch kein Pseudonym; als Urheber nennt er lediglich "Die Neue Welt, die jeweiligen Künstler". Am Seitenende sieht man den effektvoll angestrahlten Planeten, der die "Neue Welt" symbolisieren soll. Es ist eine gif-Datei. Man sieht den Planeten sich drehen, doch er dreht sich auf der Bildschirmebene und nimmt dabei den Lichtschein, der ihn seitlich trifft, mit in die Kreisbewegung, was physikalisch nicht möglich wäre.
Daß die "Neue Welt" nicht besonders anziehend auf Künstler wirkt, liegt auf der Hand: Rafa verschweigt seine Identität und spielt zugleich den Jury-Gott, der entscheidet, welche Kunstwerke im Olymp der "Neuen Welt" präsentiert werden dürfen und welche nicht. Rafa kann als anonymer Niemand seine eigene künstlerische Kompetenz durch nichts belegen. Sein Urteil zählt in der Kunstszene genau nichts.
Auf der "Neue Welt"-Website wirbt Rafa für "Perdocti":

PERDOCTI
Neue Weltzeit: 2001.11.06 - 04.41.09 - Der Eingang zu der Neuen Welt. Eine Welt aus Chrom und Laserstrahl!

Auf einer C64-Fanpage, die nicht mehr online steht, wird auf Rafas Flyer hingewiesen:

... auf einer Retro-Party wurden einige Handzettel zum neuen Spiel "Du spielst mit Deinem Leben" verteilt ...

Auf der lange nicht mehr überarbeiteten Linkliste der W.E-Website findet sich der Link noch:

PERDOCTI - Eine Welt verändert sich!

... freilich läuft er ins Leere.
Eine andere "Internet-Baustelle" von Rafa ist eine Website, auf der man ein grobpixeliges Haus sieht, ähnlich einem aufgeklappten Puppenhaus, mit Fernsehern in fast allen Zimmern. Die Links führen sämtlich ins Leere. Es könnte sich um die Rohfassung eines Online-Spiels handeln.

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