Netvel: "Im Netz" - 31. Kapitel































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Bei meiner diesjährigen Grillparty unterhielt ich mich mit Constris früherem Flirt Pharao über das "Base", eine Discothek in H., die bereits 1988 geschlossen wurde. Manche Stücke, die damals im "Base" liefen, haben für mich nie ihren Zauber verloren: "Coitus interruptus" von Fad Gadget, "The Sound of the Crowd" von Human League, "Bamboo Houses" von Ryuchi Sakamoto, "Ice House" von den Creatures, "Faith, Høpe and Charity" von Fun Boy Three, "Electrica Salsa" von Off, "Let me go" von Heaven 17, "Where the Heart is" von Soft Cell ... 1986 waren im "Base" viele Gäste phantasievoll kostümiert, schillernd, schrill, einige in barocker Pracht. Es gab einen Fernseher, auf dem stumm Videofilme gezeigt wurden, darunter "Vom Winde verweht". Es gab einen Videospiel-Automaten mit "Baby Pacman". Pharao und ich plauderten über "Langbein", der ein Blickfang im "Base" war. "Langbein" wirkte durch seine hohe, dünne Gestalt älter, als er war. Er war - wie sich später herausstellte - 1986 erst siebzehn Jahre alt und wie viele andere Minderjährige der damaligen Zeit im Nachtleben unterwegs, ohne daß sich irgendjemand für seinen Ausweis interessierte. "Langbein" trug das Haar blond, geföhnt und gestuft und besaß einen langen silbernen Glitzermantel, in dem er tuntig-erotisch mit den Schultern zuckte.
"Das ist sein Markenzeichen", erinnerte sich Pharao.
"Langbein" schien viel Geld zu haben, jedenfalls trug er immer sehr feine und teure Sachen: Fräcke, Rüschenhemden und weite, gefältelte Hosen mit lurexdurchwirktem Streifenmuster. Er trat damals schon in den Travestie-Shows des nahe beim "Base" gelegenen "Alcantara" auf und hat dort wohl genug Geld verdient, um sich seine Garderobe leisten zu können. Ende der achtziger Jahre soll er nach HH. gezogen sein, wo er als Drag Queen Karriere machte, unter dem Namen "Olivia J.".
"Der ist immer in den Illustrierten zu sehen, wenn irgendwo mal wieder eine Party war", wußte Pharao. "Der ist voll groß 'rausgekommen."
1986 habe ich "Langbein" in meinem Diarium beschrieben:

Er hatte ein Brokatjackett und eine weite schwarze Hose an, und seine blonden Haare waren hochgestellt. Sein Blick war zur Decke gerichtet, obwohl er sich ohnehin schon einen Kopf weiter oben befand als alle übrigen auf der Tanzfläche - der langen Beine wegen. Er hatte außergewöhnlich lange Beine. Wie es aussah, beschäftigte er sich hauptsächlich damit, sich und seine Beine vorzuzeigen. Bei jedem zweiten Taktschlag stieß er mit mir zusammen. Mir wurde es immer schwerer, das Lachen zurückzuhalten, als ich dabei zusah, wie seine derzeitige Freundin ihn in Abständen von mir wegzog und sich dazwischendrängte.
"Die hat ja Silberspray drinne!" rief Langbein ein wenig hilflos und zeigte auf meine Frisur.

Damals hatte "Langbein" wohl noch nicht sein Coming Out abgeschlossen.
Das Gelände der ehemaligen Fabrik, wo Constri, Sándor und ich vor einem Jahr Fotos gemacht haben, kennt Pharao auch; er hat dort mit einigen Kumpels Parties gefeiert.
Als ich mit Beatrice am Dienstag in "unserem" griechischen Restaurant war, erzählte sie, kürzlich sei sie in ein "depressives Loch" gefallen; sie habe sogar Selbstmordgedanken gehabt. Es habe keinen ausreichenden äußeren Grund gegeben, nur eine Anhäufung von Beziehungswirrwarr und Zukunftssorgen.
"Das Gefährliche sind nicht deine Beziehungswirren oder berufliche Sorgen", meinte ich, "damit kommst du zurecht. Gefährlich ist, daß dann, wenn eine kritische Summe an Alltagsstressoren überschritten wird, im Boden eine Luke aufgeht, und du fliegst zwei Etagen tiefer in ein Kellerloch, wo die schrecklichen Erinnerungen an die Ohnmachtsgefühle deiner Kindheit wiederaufleben. Und das ist der Augenblick, wo du nicht mehr versuchen solltest, alles für dich alleine zu regeln."
Beatrice besteht darauf, aus jedem Loch allein herauszuklettern, ohne bei Freunden und Bekannten Rat und Beistand zu suchen.
"Meistens schaffst du das auch", war ich sicher. "Aber es geht eben nicht immer."
Sie wurde nachdenklich, doch ob sie nächstes Mal Hilfe und Beistand suchen kann, bleibt offen.
Beatrice hat sich vor etwa sechs Wochen in einen schüchternen jungen Mann namens Cesco verliebt, den sie auf einer Hochzeitsfeier kennengelernt hat. Die beiden verbrachten den Abend miteinander, tanzten und knutschten. Sie trafen sich kurz darauf wieder, und Cesco machte deutlich, daß ihm an einer festen Beziehung mit Beatrice gelegen war. Sie wies ihn jedoch ab, und er zog sich enttäuscht zurück. Beatrice hatte sowohl gegenüber Cesco als auch gegenüber Andras ein schlechtes Gewissen und wußte nicht so recht, was und wen sie wollte. Sie beschloß, zunächst die Beziehung mit Andras in eine Freundschaft umzuwandeln. Andras lehnte das ab.
Bevor sich Beatrice in Cesco verliebte, war sie mehrere Monate lang in ihren Kollegen Tagor verliebt gewesen, und diese Verliebtheit hatte sich in freundschaftliche Gefühle verwandelt. Nachdem Beatrice Cesco einige Wochen lang nicht mehr gesehen hatte, verliebte sie sich erneut in Tagor und verführte ihn beinahe; es waren wohl recht heftige Knutschereien. Tagor hat seit Jahren eine feste Freundin. Er soll nun zwischen den beiden Frauen hin- und hergerissen sein.
Lessa soll übrigens zum zweiten Mal schwanger sein, so daß sie nun bald zwei Kinder von verschiedenen Vätern hat.
Beatrice hat Rafas Video zu "1000 weiße Lilien" auf "Onyx" gesehen und findet es "albern, wenn nicht peinlich". Ihr fiel allerdings auf, als Rafa in dem Video ungeschminkt und mit klarer Brille vor dem Rechner saß, "da sah der gut aus!"
"Ja, sicher sieht der gut aus, wenn er mal so zu sehen ist, wie er wirklich aussieht", meinte ich.
Am Mittwoch war ich mit Cyra, Revil, Taidi und seiner Bekannten Annick im "Zone". Ich wünschte mir "Plug and play" von Derek alias Missratener Sohn. Es kam dafür, daß es noch nie im "Zone" gelaufen war, sehr gut an. Ich finde, es gehört zu Dereks gelungensten "Rhythmuskunstwerken".
Im "Zone" traf ich Claire, Cal, Nancy, Barnet und dessen Frau Heloise. Barnet erzählte von seiner zwölfjährigen Tochter Felicity, die ihn über die Mainstream-Chart-Musik auf dem Laufenden hält. Claire hat noch keinen Telefonanschluß, fühlt sich aber ansonsten schon zu Hause in ihrer neuen Wohnung, die sie nach Jahren des WG-Lebens alleine bewohnt. Claire und ich entdeckten einen "schwarzen Schwarzen" auf der Tanzfläche, einen schwarzgekleideten Farbigen in einer Lackhose mit vielen Schnallen auf den Beinen.
"Von mir aus könnte es viel mehr Exoten in der Szene geben", wünschte ich mir.
"Gibt's doch schon genug", meinte Claire, "du bist doch auch ein Exot."
"Vom Wesen her ja, aber bißchen mehr Fremdländisches könnte die Szene schon gebrauchen. Beim 'Maschinenraum'-Festival gefällt mir auch gerade das internationale Flair."
Cyra war mit ihrem Freund Maurice in Amsterdam, und er bezahlte alles; das war sein Geburtstagsgeschenk. So kam Cyra zu neuen futuristischen "Cyberdog"-Sachen, und auch Maurice, der erst gar nichts kaufen wollte, suchte sich gleich mehrere Kleidungsstücke aus.
Taidi erzählte, daß er seine Fortbildung abgeschlossen hat und jetzt Lokomotiven fahren darf. Ich fragte ihn, wie er mit der Tatsache umgeht, daß er auf den Bahngleisen immer mit Selbstmördern rechnen muß. Er nimmt an, daß er damit werde umgehen können. Barnet erzählte von einem Bekannten, der auch Lokomotivführer ist und dem die Selbstmorde auf den Gleisen sehr zu schaffen machen:
"Der ist fertig."
Am Samstag heirateten Bertine und Hakon kirchlich. Bertine trug ein Kleid aus cremefarbenem Satin, dessen Rock in eine Schleppe ausläuft. Es hat sehr kurze Ärmel, einen U-Boot-Ausschnitt, eine hohe Taille mit zierlicher Schleife vorn und einen fließenden Rock ohne Faltenwurf, der nach unten immer weiter wird. Geschlossen wird das Kleid hinten mit vielen kleinen satinbezogenen Knöpfchen. In Bertines stufig geschnittenem naturblondem Haar waren kleine altrosa Röschen mit feinen Drähten befestigt, gleichmäßig verstreut. Hakon hatte sich für die Hochzeit die Haare abschneiden lassen und wirkte gleich ein Stück erwachsener.
Bertine erzählte später, daß in der Kirche vor allem Hakon sehr gerührt war und mit den Tränen kämpfte. Er wurde nicht gläubig erzogen und ist erst durch Bertine dem Christentum ein wenig näher gekommen. Bertine heiratete in derselben Kirche, in der sie konfirmiert wurde.
In einem Parkrestaurant an einer historischen Bockmühle fand die Hochzeitsfeier statt, wo Beatrice und ich vor einiger Zeit Kaffee getrunken haben. Auf dem Weg zum Eingang mußte das Brautpaar anstoßen, die Gläser hinter sich werfen und die Scherben aufkehren, denn "Scherben bringen Glück".
Bertine gab Constri, Sarolyn und mir ein noch fast leeres Gästebuch, eine aktuelle Tageszeitung, Klebstoff, Schere und Farbstifte.
"So, nun macht mal", forderte sie uns auf.
Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Wir schnitten und rissen die eigenartigsten Bilder und Kontaktanzeigen heraus und kombinierten das Ganze zu einer Satire auf den Begattungsmarkt.
"Das Prinzip Hoffnung: 5 Jahre Garantie!" kam über das Bild eines betrunkenen Fußballfans. Darunter wurde er in dem Text einer Kontaktanzeige als "Unternehmer, 54, jugendlich" beschrieben, "jetzt Privatier, mit einer Erfolgsleiter, die ihresgleichen sucht".
Sarolyn schnitt Haushaltsgeräte aus, um den Eheleuten vor Augen zu führen, was im Alltag auf sie zukommt.
Hakon meinte, er verstehe nicht, wie wir auf all diese Ideen kämen. Er haben solche Einfälle nicht.
Es kann sein, daß die Neigung, alles, was einem begegnet, zu verdrehen und auf den Kopf zu stellen, die Kreativität fördert. Constri und ich haben das immer getan, ein Beispiel ist der umgedrehte Tisch im Kinderzimmer. Viele Kinder stellen ihre Tische auf den Kopf, doch bei einigen geht es entweder nicht darüber hinaus, oder absonderliche Einfälle werden gerügt oder verboten.
Nachts war ich mit Gesa in der "Neuen Sachlichkeit". Haymo erinnerte sich, wie er Cyra kennenlernte, vor etwa acht Jahren, als sie zweiundzwanzig war:
"Die habe ich damals entdeckt! Die war noch voll jung und wirkte so unscheinbar, aber die hatte Ahnung von Musik und konnte was 'rüberbringen, und ich wußte gleich, die macht das! Und jetzt wollen alle Cyra!"
Theodore, den Veranstalter der Gothic-Parties in der "Neuen Sachlichkeit", nenne ich "Puppen-Theo", wegen seiner Idee, den Saal mit Schaufensterpuppen zu dekorieren. Früher hätte ich selbst gern Schaufensterpuppen gehabt, um sie schrill anzuziehen und mit ihnen die Wohnung zu schmücken. Inzwischen genügt es mir, sie in Tanzsälen zu betrachten.
Puppen-Theo erzählte, daß seine Schaufensterpuppen heute zu Hause waren und schliefen. Er hatte den Saal stattdessen mit hohen weißen Papierschläuchen dekoriert, die um die vier roten Hauptscheinwerfer befestigt waren und weit hinunterhingen und das Licht mattierten. An der Wand hing ein gewaltig hohes stählernes Kreuz, an dem in regelmäßigen Abständen rote Grablichte befestigt waren. In den Fenstern standen viele Grablichte auf Simsen, so daß der Saal von flackernden Kerzen erhellt wurde. Auf den Tischen lagen wieder Rosenblätter, auch Sarg und Grabsteinimitate fehlten nicht.
Die Veranstaltung kam gut an, auch meinem Friseur Mauro gefiel es. Mauro hat zur Zeit Beziehungsstreß. Er ist mit seinem Freund seit vielen Jahren zusammen und hat Sorge, daß es nicht halten könnte.
Magenta berichtete, sie habe noch keine Gelegenheit gehabt, zu überprüfen, ob Janssen wirklich als Partner untauglich ist, denn Janssen habe sich seit längerer Zeit nicht in H. sehen lassen.
Shara schrieb in einer E-Mail, er habe sich sehr gefreut über die Fotos von der Zeche Zollverein, die neuerdings auf meiner Internetseite zu sehen sind. Auch andere neuere Fotos gefielen ihm:

Heieiei, da sind ja ein paar Bilder dabei, wo Du richtig süß aussiehst ;-) Scheint eine "Entwicklung" zu sein, bisher war Dein Schwerpunkt eher bei entrückt, nichtvondieserwelt und eigenartig. Zu Deiner Schwester keine weiteren Kommentare.

Sándor schrieb in einer E-Mail, er habe sich sehr über die CD's gefreut, die ich ihm gebrannt habe; sie seien tatsächlich heile in Ungarn angekommen. Er hat inzwischen eigene Fotos im Internet, darunter virtuos fotografierte Brücken. Mit seiner Frau Marena gebe es kurz nach der Hochzeit schon heftige Konflikte, so daß bereits die Trennung im Gespräch sei.
Als ich Odette und Quentin besuchte, zeigte Odette mir ihr Hochzeitskleid, ein Etuikleid aus altrosa Seidensatin mit dunkelrotem Seidenorganza als zweite Schicht darüber. Es ist besetzt mit vielen verstreuten Schleifen, die aus beiden Stoffen gearbeitet sind. Odettes Tante hat das Kleid genäht für einen Freundschaftspreis; es wäre sonst unbezahlbar gewesen.
Quentin und Odette möchten auf dem Grundstück von Odettes Vater bauen. Das ist für sie die günstigste Möglichkeit, mehr Platz zu haben für die Familie.



Als ich am Freitag ins "Mute" zur "Halle"-Revival-Party kam, stand Rafa gerade mit seiner seit über zwei Jahren nahezu unveränderten Dekoration auf der Bühne. Das Stück "23" kündigte er an, indem er auf den früh verstorbenen Hacker Karl Koch verwies; wenn den irgendjemand noch nicht kenne, "dann erschieß' ich den". Die Damen durften später mit Spielzeugpistolen um sich schießen.
Als Rafa "Mensch aus Glas" ankündigte, sagte er mit etwas müder, routiniert klingender Stimme:
"Da oben ist ein großes böses Monster, und das frißt uns alle auf."
"Deine Augen" kündigte Rafa nicht als Widmung für seine Freundin an, sondern er meinte, es sei nun Zeit "für alle Gentlemen, ihren Frauen oder Freundinnen oder Verlobten zu sagen, was für wunderschöne Augen sie haben".
Er verwendete applausheischende Mimik und Gestik, und der geplante Jubel ließ nicht auf sich warten. Weil mir Rafas Kasperltheater-Gehabe zuwider war und mir, wie bei allen Konzerten von Rafa, davon übel wurde, ging ich ins Foyer, um mich im Gespräch mit anderen Leuten zu beruhigen. Dafür kamen mir Alienne und Alan eben recht. Alan mag Rafas Musik, findet jedoch, daß sie weder wirklich professionell noch wirklich laienhaft ist und nicht zuletzt deshalb kein großes Publikum erreicht.
"Rafa ist das nicht, was er auf der Bühne verkauft", meinte ich. "Er will immer etwas anderes sein, als er ist. Das ist, wie wenn man ein Quadrat in eine Kreisform pressen will. Es geht eben nicht, und dieser Mißklang macht mich rasend."
"Rafa ist doch nur ein armes kleines Würstchen", sagten Alienne und Alan übereinstimmend.
"Ja, das ist so", bestätigte ich, "und das empfindet er da oben auf der Bühne wahrscheinlich auch gerade so."
Alan fühlte sich an die Band Second Decay erinnert; die seien auch mal recht angesagt gewesen, aber inzwischen weg vom Fenster.
"Man kann Rafa mit Second Decay in einigen Punkten durchaus vergleichen", fand ich. "Der Unterschied ist aber, daß Rafa seine Musik mit einer wie auch immer gearteten Mission verknüpft und sich in einer Gott-Rolle fühlt."
"Wenn Rafa mal eines Tages nicht mehr so einen Erfolg hat, könnte er ein ernsthaftes Problem kriegen", meinte Alan.
Ich konnte dem nur zustimmen; schließlich habe ich schon mit Rafa über seine mangelnde Lust am Leben gesprochen, auch über seine "Mission", in der er den einzigen Inhalt seines Daseins zu finden glaubt. Ich erzählte von meiner Vermutung, daß Rafa erhebliche Existenzsorgen hat, weil er über kein verläßliches Einkommen verfügt.
"Ach", staunte Alan, "jetzt verstehe ich auch, warum Rafa andauernd diese Konzerte gibt."
"Ja, er verdient damit sein Geld zum Leben. Die Einnahmen durch CD's geben nicht genug her. Rafa hat es versäumt, sich weiterzubilden. Er steht am Ende vor dem Nichts, der fällt in ein Loch. Deshalb mache ich mir auch schon Sorgen seinetwegen."
"Könntest du es nicht schaffen, ihn da wieder herauszuholen und ihm einen neuen Weg zu weisen?"
"Das versuche ich ja schon, unter anderem durch meine Homepage."
"'netvel.de', nicht?"
"Ja, genau. Das ist eine Sache, von der ich nicht weiß, ob sie etwas bewirkt, von der ich aber mit Sicherheit weiß, daß sie mir Spaß macht."
Ich teilte Alan meine Erfahrung mit, daß man, wenn man lange genug in einem anschaulich erzählten Roman mit Identifikationsfigur in Ich-Erzählform liest, irgendwann unwillkürlich in die Rolle des Verbündeten des Ich-Erzählers gerät. Dadurch kann eine Verschiebung der Weltsicht erfolgen.
Alan sieht in Rafas Image eine Maske, die ihn davor schützt, als Mensch gesehen zu werden. Er vermutete, Berenice würde Rafa nicht mehr erkennen, wenn er ohne seine Maske vor ihr stünde.
"Berenice geht es um Rafas Image, nicht um ihn selbst", meinte ich. "Deshalb hat er sie ja ausgewählt."
"Wo soll ihn dieser Weg hinführen?"
"Der kann auch in einer zwanzigjährigen Frust-Ehe mit Berenice enden. Rafa ist zäh, der hält an seinen Grundsätzen fest."
"Ist er damit glücklich?"
"Nein!" riefen Alienne und ich.
"Der hat zuviel Angst für einen glücklichen Menschen", meinte ich.
Ich erzählte Alan, wie Rafa neulich im "Zone" vor mir weggelaufen ist und daß er sich schon lange vor mir fürchtet. Alan meinte, Rafa fürchte sich davor, durchschaut zu werden. Das konnte ich bestätigen, hatte Rafa doch schon vor zehn Jahren angekündigt, wenn ihn jemand durchschaue, werde er sich einen Strick nehmen.
"Die Begrenztheit seiner Kreativität liegt auch daran, daß Rafa sich nie ganz gibt und immer versucht, etwas anderes zu sein, als er ist", meinte ich. "Sicher wird er immer einen Stamm von Fans haben, die ihn anbeten. Aber von denen kann er nicht leben."
"Das täuscht auch. Wenn zehn Leute vorne stehen und 'W-E!' schreien, sieht Rafa die dahinter nicht mehr."
"Es gibt zwei Sorten von Fans, die einen vergöttern ihn und sind völlig unterwürfig, die anderen finden seine Musik einfach nur ganz lustig, zum Partymachen."
Zu der letzteren Gruppe rechnet sich Alan. Alienne hingegen mag Rafas Musik nicht. Sie meinte, wenn Berenice bereit sei, sich für Rafas Bühnenshow zur Verfügung zu stellen, könne sie gar keine künstlerische Begabung haben, sonst würde sie so etwas nicht mitmachen.
"Rafa ist ein Psychopath", urteilte Alienne.
"Das stimmt", nickte ich. "Der hat ein erhebliches Selbstwertproblem."
"Könntest du ihn denn heilen?" überlegte Alan.
"Das wäre schön, wenn ich das könnte", seufzte ich.
"Heilst du auch mein Problem?" fragte Alienne.
Ich legte ihr die Hand auf und sagte, jetzt sei sie geheilt.
"Mir geht's schon viel besser", freute sie sich.
Kappa kam des Wegs und machte Fotos von uns.
"Ich habe schon achtundvierzigmal W.E gesehen!" verkündete er stolz.
Dann marschierte er weiter und fotografierte noch mehr Gäste.
Alienne erkundigte sich, wie es Beatrice gehe, der sei es doch in letzter Zeit nicht so gut gegangen. Ich erzählte, daß es ihr schon wieder besser geht.
Den Rest des Konzerts sah ich mir von der Seite her an, abseits der "W-E! W-E!"-Rufer. Vor der Zugabe bat Rafa routiniert und beiläufig um Applaus "für die beiden wunderhübschen Damen", die nun "8 Bit Märchenland" singen durften. Danach begann der Bühnenabbau. Zunächst erschienen nur Helfer, schließlich zeigte sich auch Rafa, inzwischen ohne Spiegelbrille, und wickelte Kabel auf. Es gab Musik zum Tanzen, "Love is a shield" von Camouflage. Nur zu rasch senkte sich ein "Eiserner Vorhang" und machte die Bühne unsichtbar. Ich nahm nicht an, Rafa heute noch einmal zu sehen, und mich störte vor allem, daß er mich nicht sehen würde und wir keine Verbindung zueinander aufnehmen konnten.
In dem gut besuchten "Mute" traf ich viele Bekannte, darunter Cyber mit Sheryl und Yvette. Cyber freute sich über ein Wiedersehen mit Derek, der unerwarteterweise im "Mute" war. Sheryl stellte mir Cybers Schwester Estée vor. Estée kennt mich vom Sehen und meinte, da ich mehr auffiele als sie, sei es nur naheliegend, daß ich sie bislang nicht kenne, obwohl auch sie schon seit Jahren in der Szene ausgeht.
Estée beschrieb Cyber als "der große Bruder, dem ich alles nachgemacht habe", ein Vorbild. Durch ihn gelangte sie in die Szene. Nach vorübergehender Pause wolle sie nun wieder etwas häufiger ausgehen.
Ich traf auch Lysanne, die mich freundlich begrüßte, und Deirdre, die erzählte, daß ihr Sohn Cillian Laufen gelernt hat, genau an seinem ersten Geburtstag. Er könne schon "Mama", "Papa" und "Auto" sagen.
Auf der Tribüne im Rang begrüßte mich Edaín.
"Jetzt hast du ihn immerhin gesehen", bemerkte sie im Hinblick auf Rafa.
"Das ist gut, ihn wenigstens einmal wieder gesehen zu haben", nickte ich, "das ist mir sehr wichtig. Es war nur nicht so gut, daß er mich nicht sehen konnte, weil man auf der Bühne sein Publikum nicht sieht. Mir geht es ja vor allem darum, daß er mich ebenfalls sieht, sonst kommt der Kontakt nicht zustande. Das Konzert fand ich natürlich ganz furchtbar, aber das ist ja bekannt; es geht mir ja um ihn selbst und nicht um seine Musik."
Eine Freundin von Edaín näherte sich. Edaín lief zu ihr, begrüßte sie ebenfalls und verschwand mit ihr, so daß unser Gespräch vorerst beendet war.
Ein Junge namens Art, der dabeistand, sagte zu mir, das Konzert sei doch wieder einmal super gewesen.
"Ich kann verstehen, daß es vielen gefällt", sagte ich, "und daß ich Rafas Konzerte einfach fürchterlich finde, hat sicher auch biografische Gründe. Ich kenne Rafa seit über zehn Jahren und weiß, daß er nicht so ist wie sein Image auf der Bühne. Und das macht seine Konzerte für mich so unerträglich."
Ich erzählte von Rafas Flucht aus seinem eigenen Chatroom und seiner unsicheren beruflichen Existenz, die er nur zu gern überspielt. Ich erzählte auch, daß ich Rafa gebeten habe, mit dem Rauchen aufzuhören, und daß er mitgeteilt hat, daß es ihm nur um seine "Mission" geht, daß er sonst keine Lust zum Leben hat und daß er glaubt, daß das Universum auseinanderbricht, wenn er seine Mission nicht erfüllt.
"Ich bin eigentlich von allem, was Rafa macht, fasziniert", meinte Art, "aber wenn ich das jetzt so höre, wenn Rafa sinngemäß sagt, daß ihm die Basis weggerrissen wird, wenn etwas Bestimmtes nicht funktioniert ... also, jetzt, wo ich das alles weiß, würde ich gern mal mit ihm ein wenig plaudern."
"Das dürfte nicht so einfach sein. Rafa verkriecht sich gerne im Backstage."
"Ach, da habe ich noch meine Jacke liegen, das ist kein Problem."
"Ach, wenn das so ist, ist es auch kein Problem."
"Vorhin habe ich mich auch schon kurz mit ihm unterhalten. Da war der echt nett."
"Ja, Rafa kann auf jeden Fall nett sein. Das kann der durchaus. Ich finde nur das Bühnengetue von Rafa so scheußlich, aber das hat eben biografische Gründe, weil ich ihn persönlich kenne, und deshalb kann ich mir auch nicht mehr vorstellen, wie ich seine Show und seine Musik finden würde, wenn ich ihn nicht kennen würde. Es liegt auf einer persönlichen Ebene und hat nicht unbedingt etwas mit der Musik zu tun."
Art findet es wichtig, die Liebe zur Musik zu pflegen. Mindestens ebenso wichtig findet er es aber, einer Berufstätigkeit nachzugehen, die für eine Basis sorgt - etwas, um das Rafa sich nicht kümmert.
Art läßt sich von der C64-Romantik faszinieren, das sei für ihn ein "Computer mit Herz", auch wenn mir das lächerlich vorkommen sollte.
"Nein, gar nicht", entgegnete ich. "Ich empfinde diese Nostalgie auch, ich mag das Schrille daran, für mich war der C64 1984 auch etwas Faszinierendes und hat bis heute davon etwas behalten."
"Nun geht das Leben aber weiter. Erst kam der C64, später kam der Amiga, und jetzt sind wir eben beim PC, das ist nun einmal so, darüber kann man sich nicht hinwegtäuschen."
"Ebenso ist es, das Leben geht weiter, die technische Entwicklung geht weiter."
Art meinte, eben an diesem Punkt sei Rafa stehengeblieben und wolle nicht akzeptieren, daß um ihn herum alles weitergegangen sei.
Dane, Rory und Siro standen unten im Tanzraum an der großen Bar im Eingangsbereich. Sie waren guter Dinge und teilweise angetrunken. Als ich ihnen gerade erzählt hatte, daß Rafa sich wohl im Backstage vergraben werde, entdeckte ich Rafa zwei Schritt entfernt von mir, wie er mit dem Rücken zu einem Durchgang mit einigen Leuten sprach. Ohne zu überlegen, sagte ich:
"Ach, da ist er ja doch."
- und ging eilig an Rafa vorbei und streichelte flüchtig seinen Arm.
Während ich mich mit Sanina unterhielt, beobachtete ich Rafa auf seinem Weg durch das "Mute". Er sprach hier und da mit jemandem und tauchte schließlich vorerst wieder unter.
"Mit mir konnte er noch nicht einmal ein Gespräch anfangen", berichtete Sanina. "Er hat mich nur kurz begrüßt und ist dann gleich weitergegangen."
Sie war unsicher, ob es mich stören würde, wenn sie sich mit Berenice unterhielt.
"Das ist doch Unfug", winkte ich ab. "Menschen sind polydimensionale Wesen und können auf verschiedenen Ebenen in Beziehung treten. Das ist doch allein deine Sache, mit wem du dich unterhältst. Das können dir doch andere nicht vorschreiben. Außerdem hasse ich Rafas Freundin nicht, sondern will einfach nur nichts mit der zu tun haben."
Sanina wußte, daß Robin neuerdings wieder allein ausgeht, und ich konnte ergänzen, daß ich Rina ohne Robin im "Zone" gesehen hatte. Sanina beobachtet diese Entwicklung mit gewissem Interesse. Sie meinte, vieles von dem, was ich ihr erzählt hatte, habe sie bereits umsetzen können, vor allem im Hinblick auf den Umgang mit narzißtisch gestörten Menschen. Mit Hilfe eines Buches über Charakterkunde habe sie festgestellt, daß alle Merkmale des Narzißmus auf Robin zutreffen. Das konnte ich aus meinem bisherigen Wissen bestätigen.
"Frauen, die mit Narzißten zusammen sind, können einem eigentlich nur leid tun", fand Sanina. "Sie werden nur benutzt."
"Wie Rafas Freundin auch von Rafa benutzt wird", setzte ich hinzu. "Sie ist Beiwerk, ein Objekt, sie spielt nur eine Rolle."
"Na, aus seiner Sicht ist das vielleicht so, aus ihrer Sicht ist es jedenfalls nicht so."
"Sie glaubt, es sei nicht so. Sie durchschaut es nicht."
"Na ja ..."
Getrenntes Ausgehen kann bei Robin nur insofern als Hinweis auf eine angeschlagene Beziehung gewertet werden, als seine Beziehung mit Sanina auf ebensolche Weise zuendeging. Ansonsten kann man aus dem getrennten Ausgehen bei Paaren nichts ableiten. Rafa und Berenice sind unverändert liiert, obwohl sie inzwischen überwiegend allein weggehen.
Sanina erzählte von ihren Plänen, sich beruflich weiterzubilden. Sie möchte in HH. Ernährungswissenschaft studieren.
Im Foyer hütete Ivco den Merchandize-Stand. Als er meine Frisur sah mit den ausrasierten, hinten zusammengebundenen Haaren, meinte er, eigentlich müsse er sich auch mal wieder die Seiten rasieren. Ich bestärkte ihn darin. Er erzählte, schon allein seine Hornbrille und die nicht völlig kurzen Haare seien in der Versicherungsbranche etwas Ungewöhnliches.
Ivco war mit Carole im "Mute". Carole hatte es von dieser Party abhängig gemacht, ob sie jemals wieder ausgehen wollte. Sie geht seit längerer Zeit kaum noch weg und hat seit der Geburt von Tochter Dina noch weniger Lust dazu. Ich erzählte, daß Constri Sehnsucht danach hat, endlich wieder ausgehen zu können. Weil sie Denise stillt, ist ihr das bislang nicht möglich. Ivco hofft, Constri wieder einmal zu begegnen.
Seit Dina auf der Welt ist, hängt Ivco an seiner Tochter und vermißt sie, wenn er sie einige Tage nicht sieht. Er war heute geradewegs aus B. ins "Mute" gekommen und hatte Dina zwischendurch nicht gesehen, und sie fehlte ihm. Wenigstens hätte er gern einen Blick auf das schlafende Kind geworfen. Bevor Dina geboren wurde, war es ihm eher gleich, ob er Kinder hatte oder nicht. Dina war kein geplantes Kind. Ivco fragte mich, ob ich mir Kinder wünsche.
"Auf jeden Fall", erzählte ich, "unbedingt! Das wußte ich aber auch nicht immer so sicher. Richtig gefühlt habe ich es erst nach einem Telefongespräch, in dem Rafa und ich Anfang 1994 über dieses Thema gesprochen haben. Mein Kinderwunsch ist ein Produkt der Beziehung zwischen Rafa und mir. Ich will auch mit niemand anderem Kinder haben."
Ivco wunderte es, daß sich an meiner Sehnsucht nach Rafa nichts geändert hat. Ich habe ihm schon einige Male erzählt, daß meine Liebe zu Rafa endgültig ist, aber das kann er wahrscheinlich nicht glauben.
Ivco erzählte, daß in seinem engsten Familienkreis ein Paar trotz sehnlichen Wunsches kinderlos bleibt und daß ein anderes durch eine Hormonbehandlung zu Zwillingen gekommen ist. Sie verhüteten danach nicht, und sie bekamen noch ein drittes Kind, womit sie nie gerechnet hätten.
"Da sieht man, welche Rolle die Psyche spielt", meinte Ivco.
Am Merchandize-Stand lagen die Flyer aus, die auch schon im "Zone" verteilt worden waren; auf ihnen suchte Darius nach Statisten für sein Bandvideo. Am Stand war kein sehr großer Andrang. Ivco hoffte, bald abgelöst zu werden oder schließen zu können.
Später unterhielt ich mich mit Taidi und Annick im Foyer und beobachtete aus wenigen Schritt Entfernung, daß Rafa zum Merchandize-Stand gekommen war. Erst unterhielt er sich davor mit Ivco und anderen Leuten, dann ging er hinter einen der Verkaufstische und unterhielt sich weiter. Die Spiegelbrille trug er schon die ganze Zeit nicht mehr. Er hatte sich stark geschminkt und trug Creolen in den Ohren. Noch immer hatte er sein Sakko an, darunter aber ein T-Shirt und kein weißes Hemd.
Vor dem Merchandize-Stand redete Berenice mit einigen Leuten, entkostümiert, mit offenen Haaren und dem langen schmalen schwarzen Kleid mit dem Loch am Bauch. Saverio fand sich ebenfalls dort ein, geschmückt mit taillenlangen Kunsthaarsträhnen und in einer aufregend engen Hüfthose mit schweren Schnallenverschlüssen in Höhe des Schambeins.
Über die zierliche Annick konnte ich gut hinwegschauen. Rafa fing meinen Blick ein und kam mit einem angedeuteten Lächeln hinter dem Verkaufstisch hervor. Er ging rechterhand von mir erst auf den Eingang zum Tanzraum und dann auf die Bar in der Mitte des Foyers zu und bog schließlich mit einem weiteren angedeuteten Lächeln in meine Richtung ab.
"So, und jetzt kommt er im Zickzack auf mich zu, gerade nahe genug, um ihn an der Schulter zu kraulen", sagte ich zu Annick, und eben währenddessen schritt Rafa langsam mit feinem "Sonntagslächeln" dicht heran, so daß nur Annick zwischen uns stand.
Ich streichelte Rafas linke Schulter und fuhr fort:
"Aber er läuft gleich wieder weg, weil er sich nämlich vor mir fürchtet, das ist es."
Eben währenddessen strebte Rafa langsam weiter, mir noch immer zugewandt, und ich griff mit der linken Hand vorn nach seinem Hals und streichelte seinen T-Shirt-Ausschnitt und die silbrige Kette, die er trug, was bei ihm ein Zurückweichen mit theatralisch-entsetztem "Huuch!"-Ausdruck zur Folge hatte. Dann streichelte ich seine rechte Schulter, und als ich das letzte Wort ausgesprochen hatte, lief Rafa davon.
"Genauso war das im 'Zone'", erinnerte sich Taidi, zu Annick gewandt. "Hetty hat ihn so begrüßt, wie ich das jetzt hier bei dir mache ..." - er legte Annick rechts und links vorsichtig die Hände auf die Schultern -, "und da kriegt der voll den verstörten, entsetzten Blick und läuft weg."
Von der jetzigen Begegnung zwischen Rafa und mir schien Berenice nichts mitbekommen zu haben, obwohl sie in unmittelbarer Nähe stand; sie unternahm nichts, schaute nicht einmal her.
Saverio hatte mich erblickt, und ich winkte ihm kokett, daß er herankommen möchte. Saverio wollte wissen, was der Unterschied sei zwischen einer multiplen Persönlichkeit und einer Schizophrenie. Ich sollte ihm das mit drei Sätzen erklären. So knapp wie möglich sagte ich ihm, daß es sich um zwei grundverschiedene Erkrankungen handelt, daß die multiple Persönlichkeit am ehesten als Sonderform einer dissoziativen Störung zu betrachten ist, wo sich als Folge einer frühen Traumatisierung Persönlichkeitsanteile vorübergehend ablösen können, ohne daß dabei jedoch die Integrität des Individuums tatsächlich verlorengeht. Im Grunde sei die mehrfach vorhandene Persönlichkeit als Phantasieprodukt oder Modediagnose einzustufen, da es sie eigentlich in dieser Vollkommenheit nicht gibt. Der ursprüngliche Mensch sei immer noch erkennbar. Die Schizophrenie hingegen beschrieb ich als neurologische Erkrankung bei genetischer Vorprägung, als Stoffwechselstörung im Gehirn, die durch Medikamente bis zur Symptomfreiheit zurückgedrängt werden kann.
Saverio äußerte den Wunsch, sich mit mir auf einen Kaffee zu verabreden, um sich noch länger mit mir unterhalten zu können. Dieses Ansinnen wirkte auf mich wohltuend unschuldig, wie ich es bei all meinen näheren Bekannten und Freunden schätze.
Saverio hatte ein Mädchen dabei, mit dem ich ihn schon Mitte August im "Lost Sounds" gesehen habe, nur hatte es dieses Mal nicht grüne, sondern schwarz gefärbte Haare. Es könnte seine Freundin sein. Es klammerte aber nicht beständig an ihm, sondern ließ ihn auch allein herumstreifen.
Neuerdings wohnt Saverio wieder in H., nach einer Zeit in der Provinz. Er berichtete, daß er wieder Musik macht.
Saverio verbreitete den ihm eigenen Pessimismus, der ihm schon viele Türen verschlossen hat. Die Sicherheitsleute im "Radiostern" störte Saverios Tarnjacke, und es gelang ihm nicht, eine verbindliche, diplomatische Ebene zu erreichen. Mehr Geschick zeigte Saverio im "Maximum Volume", wo er einlenkend sagte, was draußen zu sehen sei, dürfe nicht unbedingt auf den Inhalt schließen lassen. Im "Maximum Volume" bekam er Zutritt, im "Radiostern" nicht.
Laetitia war schwer betrunken und erzählte, eigentlich sei sie an einem Mitglied der Band In Extremo interessiert, der jungen Mann habe sie jedoch zu "klammerig" gefunden und fallen lassen. Also habe sie ihren Freund Louis erwählt, der sei lieb und zuverlässig, eine Art "Spatz in der Hand". Ob ich mich denn nicht auch mit einer solchen Wahl zufriedengeben könnte, da die "Taube auf dem Dach" Rafa für mich unerreichbar sei?
Ich antwortete ihr, was ich immer antworte, nämlich daß ich nicht bereit bin, mein Leben mit jemandem zu verbringen, den ich eigentlich nicht will.
Im betrunkenen Zustand verstreicht Laetitias ohnehin schwach ausgeprägte Wahrnehmung sozialer Grenzen noch mehr. Sie wird regelrecht distanzlos, klebt wie Uhu und übergießt einen freundlich lächelnd und ganz aus Versehen mit Bier, wenn man nicht rechtzeitig zur Seite springt. Da wundert es mich keineswegs, daß der junge Mann von In Extremo das Weite gesucht hat. Louis scheint Laetitias Klebrigkeit mit stoischer Gelassenheit zu ertragen und ist damit für sie gewiß eine gute Wahl.
Magenta macht sich noch immer den Vorwurf, Janssen nicht vergessen zu können. Ich riet ihr aufs Neue, Janssen möglichst gut kennenzulernen, um ihn sich abzugewöhnen.
"Ich will ihn ja kennenlernen, und ich weiß, er nimmt fast jede", sagte Magenta, "aber ich habe Angst, daß er mich doch nicht will."
"Du bist nicht die Häßlichste", urteilte ich mit einem Blick auf ihr hübsches Gesicht und ihre mit glitzernden Perlen verzierten Haarsträhnen, "und du bist auch nicht dick, nur füllig, denn du hast eine Figur, und richtig dicke Leute haben keine Figur mehr."
"Ach, das ist es ja, er nimmt doch sonst immer nur so ganz Schlanke."
Ich dachte bei mir, daß Magenta eigentlich viel zu gut ist für Janssen und daß man Perlen nicht vor die Säue werfen sollte.
"Der ist ichbezogen", meinte ich. "Wenn der überhaupt irgendwelche Bindungen hat, dann vielleicht noch am ehesten an seine Kinder und seine Eltern."
"Kinder ... da würde, wenn ich ein Mann wäre, für mich auch immer die Frau dazugehören."
"Viridiana war ihm sicher wichtig", vermutete ich, "aber das Fremdgehen war ihm halt noch wichtiger."
Magenta glaubt, das ewige Weglaufen von Rafa müßte doch irgendwann ein Ende haben.
"Ich frage mich nur, wie dieses Ende aussieht", überlegte ich. "Es kann auch so aussehen, daß er finanziell vor dem Nichts steht."
Inzwischen hatte sich der "Eiserne Vorhang" wieder gehoben und den Blick auf ein DJ-Pult freigegeben, das das DJ-Pult oben auf der "Kanzel" nun ersetzen sollte. Auf der Bühne erschien Kappa, und er stellte Rafa vor als "Honey aus H.-SHG. oder auch Rafa von W.E", und der werde nun auflegen. Wenn es schlecht laufe, dürfe er nur ein Stück spielen, wenn es gut laufe, fünf.
"Also - dancing", sagte Rafa und begann mit "Safety dance" von Men without hats; dazu tanzte ich auch.
Rafa spielte mehr als fünf Stücke, mir gefielen aber nur wenige, darunter "Being boiled" von Human League. Also war ich selten auf der Tanzfläche.
Rafa alberte zunächst mit Kappa herum, dann warf er die Arme in die Luft, sang Texte mit, hüllte sich und das DJ-Pult in künstlichen Nebel und wich zurück mit dem Kopfhörer um den Hals, so daß sich das Kabel spannte, und pustete, als wollte er den Nebel wieder wegpusten.
Diese überdrehte Heiterkeit ermattete nach und nach. Immer häufiger zeigte sich Berenice bei Rafa am DJ-Pult. Einmal hielt sie ihm eine CD hin und deutete mit demonstrativer Begeisterung auf einen der Titel. Das war wohl ihr Lieblingslied "Send me an angel" von Real Life, denn Rafa spielte das Stück kurz darauf. Berenice tanzte aber nicht, sondern war zu diesem Zeitpunkt gar nicht zu sehen.
Als ich durch eines der seitlichen Treppenhäuser hinauf zur Tribüne ging, um zu schauen, wer noch alles da sei, begegnete mir Derek im oberen Flur, und ich rief ihm zu:
"Na, Derek? Die Musik kannst du in die Tonne treten, aber ich amüsier' mich trotzdem."
Es war sonst keiner mehr dort oben, die Tribüne war abgeschlossen, und hinter der Glastür zum Backstage schien auch nicht viel los zu sein.
Auf dem Weg nach unten kam mir Berenice mit einer Freundin entgegen; sie verhielt sich ruhig und wich aus, anstatt mich anzugreifen.
Am DJ-Pult verhielt sich Rafa Berenice gegenüber angedeutet zärtlich und neckend, legte den Arm um sie, tippte an ihre Schulter und dergleichen. Sonst war sein Blick eher auf das Pult gerichtet.
Berenice schien es zu gefallen, sich auf der Bühne aufhalten zu dürfen. Sie wanderte dort oben herum, wippte im Takt der Musik, lächelte, lachte und posierte.
Rafa rauchte wieder sehr viel, auch Berenice zog an einer Zigarette.
Gegen Morgen hatte ich den Eindruck, daß es zwischen Rafa und Berenice einen Disput gab. Schließlich schien Berenice zu warten und ungeduldig zu werden. Rafa übergab das DJ-Pult an Gavin und ging mit Berenice weg. Die Musik gefiel mir gleich besser, unter anderem tanzte ich zu "Love Missile" von Sigue Sigue Sputnik, "Film 2" von Grauzone, "Geile Tiere" von Geile Tiere und "Planet Claire" von B 52's. Zu "Planet Claire" tanzte auch Cyber. Wie ich kennt er das Stück seit seiner Kindheit und mag es schon ebenso lange.
Lucas' Schwester Doro hatte einen Blick hinter die Kulissen werfen können. Sie berichtete mir, sie habe heute Dolf richtig kennengelernt, und er sei sehr nett. Rafa habe seine Mannschaft beim Bühnenabbauen im Stich gelassen. Er habe sich am DJ-Pult vergnügt, während die anderen Bandmitglieder das Equipment in den Transporter räumen mußten. Dolf sei Doro sehr dankbar gewesen, weil sie kurz auf die Sachen im Transporter aufgepaßt hatte, und er habe ihr ein Bier ausgegeben.
Doro erinnerte sich, wie Rafa früher mit zitternden Händen am Mikrophon in der "Halle" aufgetreten ist; heute wirke er auf der Bühne wesentlich sicherer.
"Das ist durchaus eine Art Routine", meinte ich. "Im Grunde ist er wahrscheinlich aber nach wie vor unsicher. Zum Beispiel habe ich vor gar nicht so langer Zeit beobachtet, wie er sich noch schnell eine Zigarette angesteckt hat, als das Intro schon lief, und nach ein paar hastigen Zügen hat er sie weggeworfen und ist auf die Bühne gegangen."
Doro gefiel mein elfenbeinfarbenes Spitzenkleid. Sie mochte vor allem den Kontrast zwischen dem scheinbar braven, hochgeschlossenen Kleid und dem tief ausgeschnittenen dunkelgrauen Dessous, das durch den Spitzenstoff schimmerte.
"So ist es auch gedacht", erzählte ich.
Doro betrachtete ihre auf Barhockern und an Tischen dämmernden und dösenden Begleiter und meinte, es sei doch bemerkenswert, wie früh sie schlappmachten, während ich um diese Zeit noch so frisch sei.
"Ich trinke halt nichts", sagte ich.
Meine Kollegin Patrice, die inzwischen in HI. in der Neurologie arbeitet, schrieb in einer E-Mail, ihr gefalle es dort, die Leute seien nicht spießig, auch der Chef nicht.
Shara mailte, er habe gerade ein Gläschen Absinth getrunken, und ihm sei davon schummerig. Außerdem hatte er eine Frage:

Hast Du ein gutes, interessantes Foto von Straßen, Straßengewirr, einer Autobahnkreuzung oder Verkehrschaos? Oder so ähnlich? Mir schwebt so etwas von einem Kran oder von einer Brücke (oder von einem Berg) aus Fotografiertes vor.
Wenn ja, und wenn Du Bock hast, daß ich es als CD Label für die Geisterfahrer (!) CD benutze (das ist technisch auch das Problem, daß ja in der Mitte ein Loch ausgespart ist, nebenbei), wäre es nett, wenn Du mir mal was schicken könntest.

Oh, damit konnte ich dienen! Ich schickte ihm Fotos aus der Serie, die ich gemeinsam mit Marie-Julia auf einem noch unbefahrenen Teilstück der A39 gemacht habe, gewissermaßen eine Autobahn im Dornröschenschlaf. Und ich erkundigte mich:

Mit Absinth machst du dich dicht? Schmeckt sowas? Hat doch über 50 Umdrehungen, oder?

Shara antwortete:

Also, Absinth schmeckt schon, ist aber eine echt herbe Sache. Vor allem bei den edlen kommt man um den Zucker nicht herum.

Das "Maschinenraum"-Festival fand dieses Jahr nicht in dem stickigen Bunker in AC. statt, sondern in der luftigen Ruine eines alten Herrensitzes fünfundzwanzig Kilometer außerhalb von AC. Deshalb fuhr ich zu dem Festival. Zwei Kilometer entfernt gab es eine große Tankstellenanlage mit Bistro und Shop, so daß ich nicht auf die Behelfs-Toiletten auf dem Festivalgelände angewiesen war.
Die Veranstalter hatten die Ruine effektvoll illuminiert. Für alle, die lieber tanzten, als sich vor der Bühne zu drängeln, gab es neben dem Konzertsaal einen kleineren Saal, wo Boxen das Konzert in ausreichender Lautstärke übertrugen. Dort hielt ich mich meistens auf. In den Ecken saßen Kiffer, aber weil die hohen Fenster nur glaslose Öffnungen waren, zog der Rauch schnell ab. Es war so kalt, daß ich teilweise beim Tanzen Fleecehandschuhe trug. Vom Tanzen wurde mir aber warm, und mir waren die zwei Grad plus allemal lieber als die dreißig Grad plus im Bunker.
Im Merchandize-Zelt streckte mir Dirk I. über den Verkaufstisch seine Rechte entgegen. Er hatte wie immer viele Leute bei sich, mit denen er plauderte. Musik scheint für ihn vor allem etwas Verbindendes zu sein, eine lange Party.
Beim Wandeln durch die Menge begegneten mir Chantal und Seraf, Cyras ehemaliger Freund Trevor, Claire und Cal und eine Hälfte eines Zwillingspaares, das ich schon mehrmals auf Teds Geburtstagsfeiern getroffen habe. Die Zwillinge heißen Elina und Selene. Sie haben natürliche kupferfarbene Korkenzieherlocken, die ihnen über die Schultern fallen. Auf Teds Parties habe ich sie in kurzen Lackoveralls und hohen Stiefeln tanzen sehen, im Zwillings-Look. Die Overalls sind längst kaputt, aber sie ziehen sich noch heute gern gleich an, das ist eine Tradition aus der Kindheit. Ich konnte sie nie auseinanderhalten. Elina war es, der ich bei "Maschinenraum" begegnete, und sie erklärte mir, daß ich mir ihren Namen merken könne, indem ich auf ihr Augenbrauenpiercing achtete. In ihrem Namen kommt ein "A" vor, "A" wie "Augenbrauenpiercing". Selene hingegen habe auf dem Rücken tätowierte Engelsflügel.
Die Zwillinge haben sich schon oft darüber geärgert, daß ihre Haare nicht geglättet werden können. Ich meinte, es sei doch ein Geschenk, so schöne Locken zu haben.
"Ja, aber man will immer das nicht, was man hat, und man will das, was man nicht haben kann", meinte Elina.
"Dabei sollte man sich freuen an dem, was man hat", meinte ich.

Am Sonntag habe ich geträumt von einer Veranstaltung in einem ehemaligen Amphitheater. Es war Nachmittag. Auf der weitläufigen, nur leicht abschüssigen Tribüne nahm ich Platz. Bänke gab es nicht, nur einen groben, ausgetretenen, ausgewaschenen Steinboden. Weil gerade Pause war, liefen nicht viele Leute dort herum. Ich saß allein auf einer größeren Fläche. Rafa kam heran und setzte sich links neben mich, so dicht, daß unsere Beine sich berührten. Ich streichelte und umarmte ihn, und er wehrte sich nicht. Wir unterhielten uns über alltägliche Dinge, zwischen den Zeilen jedoch ging es in diesem Gespräch um unsere Gefühle und unsere Beziehung. Es war ein codiertes Gespräch. Was wir sagten, habe ich noch während des Traums vergessen, so daß ich es nicht aufschreiben konnte.
Während Rafa und ich miteinander sprachen, stand Berenice unten mit ihren Bekannten hinter einem Vorhang und konnte uns nicht beobachten.
Wir hatten uns etwa zehn Minuten lang unterhalten, als Rafa aufstand. Wir gingen hinunter, und Rafa kündigte an, er werde "mal eben kurz" seine Freundin beruhigen, damit sie nicht glaubte, er hätte sie hintergangen. Auf dieses Doppelspiel hatte ich keine Lust, und ich entfernte mich.

Abends war ich bei den Auftritten von Morgenstern, Ah Cama-Sotz und Sonar. Bei allen Auftritten war die Musik sehr rhythmisch und tanzbar, am meisten bei Sonar, wo Dirk I. mitwirkt. Alle Auftritte dauerten länger als gewöhnliche 30-Minuten-Festival-Marathons, Sonar spielten etwa anderthalb Stunden. Die Pausen zwischendurch waren kurz gehalten, auf ausgedehnte Bühnenzier und Showelemente wurde verzichtet, was kein Verlust war, denn es ging ohnehin um Sound und Charisma. Im Merchandize-Zelt sagte ich zu Dirk, daß ich mit Gewißheit im Nebenraum sein würde, wenn er spielte. Das war dann auch so, wie bei allen anderen Konzerten, und besonders bei Sonar hatte sich das Herumlunger- und Kiffer-Publikum sehr ausgedünnt oder auf dem Tanzboden in Bewegung gesetzt, so daß es nicht mehr nach Haschisch roch. Ich konnte in einem Wald aus in praktisches Schwarz gehüllten Kerlen herumfegen. Nach den Zugaben reichte Dirk mir im Nebenraum die Hand und freute sich, daß es mir gefallen hatte. Am Schluß des Abends fragte ich Ah Cama-Sotz im Merchandize-Zelt nach den ersten fünf Titeln, die er gespielt hatte, weil die besonders tanzbar waren. Er schrieb sie mir auf. Neben ihm saß Dirks Begleiter Peter an seinem Tisch, freundlich grinsend, und ich erzählte ihm, daß ich mich noch an ihn erinnerte, obwohl ich immer so viel vergesse. Er meinte, der Auftritt von Sonar sei nicht nur "good", sondern "great" gewesen. Ich brachte ihm das Wort "saugeil" bei. "Geil" kennt er ja schon.
Einige Tische weiter sah ich uralte Schlager-Vinylsampler, beklebt mit "Maschinenraum"-Werbestickern. Auf einer dieser Vinylplatten stand hinten "1/1", was soviel heißt wie "Limitiert auf ein Stück, 1 von 1". Der Verkäufer meinte, einen Euro wolle er aber durchaus dafür haben. Den kriegte er; ich meinte, da hätte ich doch was, um es meiner Schwester mitzubringen. Ich fragte einen Jungen, was die auf der Platte abgebildeten Schlagersänger wohl genommen hätten, um so dreinschauen zu können?
"Die braucht nichts", vermutete er über eine Dame mit weit aufgerissenen Guckerln, und über eine wie eingefroren lächelnde Sängerin sagte er:
"Die hat was genommen, daß der Gesichtsausdruck für immer so bleibt."
Peter bezeichnete die ganze Scheibe als Industrial-Remix.
Auf dem aktuellen "Maschinenraum"-Sampler hat die Band Axiome übrigens die Titelmelodie der "Heidi"-Zeichentrickserie zerhackt.
Am Mittwoch traf ich Ivco im "Zone". Er begrüßte mich in schicker Uniformjacke, mit hochgestellten Haaren und sehr kurzen Seiten.
"Hast du mir ja gesagt", meinte er, als ich seine rasierten Seiten bewunderte.
Ivco berichtete, Carole habe es im "Mute" gefallen, doch sei sie war am Schluß der Veranstaltung wütend auf Ivco gewesen, weil sie nach Hause wollte, um den Babysitter abzulösen. Ivco wollte aber noch Dolf beim Einräumen der Geräte und der Bühnendekoration in den Kleintransporter helfen. Rafa habe am DJ-Pult gestanden, Berenice und Lucy hätten sich amüsiert, und das Einräumen sei letztlich an Dolf hängengeblieben. Was solche Verhältnisse (oder Mißverhältnisse) über das Klima in Rafas Band aussagen, bleibt der Spekulation überlassen.
Ivco meinte, im Laufe eines Lebens würden Freunde und Bekannte immer weniger.
"Bei mir werden sie eher immer mehr", erzählte ich. "Natürlich sind die Kontakte nicht immer gleich eng und gleich häufig, aber viele Freundschaften und Bekanntschaften sind von beachtlicher Dauerhaftigkeit. Ich muß mir gut überlegen, wie ich die ganzen Freundschaften so koordiniere, daß ich einigermaßen gleichmäßig Kontakt halte."
Ivco geht seltener aus als früher und hat deshalb weniger Gelegenheit, Kontakte zu pflegen oder zu begründen. Beruflich ist Ivco häufig außerhalb der Heimatregion beschäftigt, was das Kontakthalten erschwert. Bis jetzt hat ihn sein Arbeitsgeber in B. eingesetzt, doch das Projekt ist beendet, und es gibt für Ivco noch kein neues. Er hofft, in der Firma nicht "überflüssig" zu werden.
Im "Zone" liefen unter anderem "Ihr redet und atmet" von Shnarph!, "Plug and play" von Derek und der Klassiker "Favourite mutant" von Soft Cell. Über "Ihr redet und atmet" sagte Ivco, von den Stücken, zu denen ich tanze, sei dies eines der wenigen, die auch ihm gefallen.
Ivco fuhr schon kurz nach halb eins nach Hause. Les erzählte mir, daß Rafa an diesem Abend auch im "Zone" gewesen war - so früh jedoch, daß ich ihm nicht begegnen konnte. Rafa hatte sowohl am Nachmittag des vergangenen Samstags als auch am heutigen Abend mit Darius und den angeheuerten Statisten im "Zone" das Video für Das P. gedreht, die gemeinsame Band von Darius und Rafa. Heute war Rafa von acht Uhr abends bis halb zwölf im "Zone" gewesen. Der Dreh bestand im Wesentlichen darin, daß Les die aktuelle Single von Das P. auflegte und die Statisten dazu tanzten. Les ist wahrscheinlich ebenfalls gefilmt worden; er hatte sich für das Video im Gothic-Stil zurechtgemacht. Berenice war bei den Dreharbeiten nicht anwesend.
Nancy erzählte, daß Darius vor einer Woche im "Zone" war und sie fragte, ob sie bei dem Video auch mitmachen wollte. Sie lehnte ab mit der Begründung, daß ihr die Musik zu langsam sei.
Barnet hat beobachtet, daß Rafa sich am vergangenen Samstag mit seiner Crew im Rahmen des Drehs eine Weile im Café des "Zone" beriet. Die Herrschaften sollen etwas deprimiert gewirkt haben.
Saverio erzählte, er habe von dem Video gewußt, sei aber während der Dreharbeiten nicht im "Zone" gewesen.
"Rafa hätte mich gar nicht fragen können, ob ich bei dem Video mitmache", sagte ich zu Saverio, "weil er doch immer vor mir wegläuft."
Saverio entgegnete, Rafa sei ein mutiger Mann, weil er es wagt, sich überhaupt in meine Nähe zu begeben und erst wegläuft, wenn er dicht vor mir steht und ich mich ihm nähere.
"Er denkt dann: 'Nee!' und läuft weg", versuchte Saverio sich in Rafa hineinzuversetzen.
"Was ist es denn, was Rafa an mir Angst macht?" fragte ich.
"Du bist verrückt", antwortete Saverio. "Du bist nicht massenkonform im Geiste."
"Das ist Rafa auch nicht!"
Ich meinte, wenn Rafa trotz seiner Angst vor mir auf mich zugehe, müsse ihn doch etwas zu mir hinziehen. Was das nur sein könne?
"Sowas vergräbt man am besten im hintersten Zimmer", erwiderte Saverio.
Am Donnerstag fuhr ich nach S. zu meiner Cousine Lisa und ihrer Familie. Lisas jüngere Tochter Amaryllis ist ein Jahr alt geworden und kann schon laufen. Wenn Lisa Amaryllis in den Arm nimmt und ihr beruhigend den Rücken klopft, klopft Amaryllis ihr mit ihren kurzen Ärmchen beruhigend die Schulter.
Ida ist schon ein sehr verständiges "großes" kleines Mädchen. Man kann sich mit ihr fast wie mit einer Erwachsenen unterhalten. Lisa war erleichtert, als Ida ihr neulich Waschpulver in die Hausschuhe gekippt hat.
"Ein richtiger Streich!" freute sie sich. "Ida hat mir einen richtigen Streich gespielt! Sie kann auch Kind sein, das ist schön."
Manchmal kommt das Kind auch zum Vorschein, indem Ida sich über irgendetwas aufregt, ein linksherum gedrehtes Kleidungsstück oder Ähnliches, und herzzerreißend weint.
Im Stückle - ein als Obstgarten genutztes Hanggrundstück, das seit Generationen im Familienbesitz ist - kletterte Ida auf einen Quittenbaum. Sie ließ sich wie eine Prinzessin auf dem Thron fotografieren. Auf dem Waldspielplatz in der Nähe von Lisas Elternhaus gibt es aneinandergeschraubte Baumstämme, die sehen aus wie zufällig übereinandergeworfen und bilden auch für Erwachsene eine Herausforderung. Mit Ida kletterte ich dort herum. Der Waldspielplatz hat Lisa, Constri und mich schon in der Kindheit fasziniert. Damals gab es andere Spielgeräte als heute; besonders gefiel uns eine Schaukel, die bestand aus einem stählernen Balken, der an vier Ketten in Längsrichtung hin- und herschwang.
Chandra hat kürzlich bei einem Vortrag in der Universität von TÜ., wo er arbeitet, in der Tasche seines feinen Sakkos nach einem bestimmten Zettel gesucht und zog stattdessen einen Schnuller hervor. Eilig und verschämt ließ er den Schnuller wieder verschwinden. Ich finde es sympathisch, wenn man jungen Familienvätern auch im prosaischen Berufsleben anmerkt, daß sie sich um ihre Kinder kümmern.
Lisa will Amaryllis erst taufen lassen, wenn sie wieder Lust hat auf ein "Familienfest". Lisa fühlte sich von ihrem Vater Irmin erheblich unter Druck gesetzt, als er von ihr verlangte, mit Chandra Gütertrennung zu vereinbaren; anderenfalls werde er ihr nicht die komfortable Wohnung im Hochparterre des elterlichen Hauses zur Verfügung stellen. Der Hintergrund sind Vorurteile, in erster Linie bei Irmins jüngstem Bruder. Irmin ist jedoch auch nicht frei davon. Er soll berechnet haben, falls alle wegsterben würden, nur Chandra nicht, würde Chandra Irmins Haus erben, da würde sich dann "halb Benares" aufhalten. Daß Chandras indische Verwandte keinen Grund sehen, nach S. zu ziehen, kann Irmin sich wahrscheinlich nicht vorstellen.
Im Frühjahr habe ich Lisa schon geraten, sich ausschließlich mit Chandra zu besprechen und sich nur nach diesen Absprachen zu richten. Sie sagte selber, daß er es sei, den sie liebe.
"Er ist der Mann, mit dem du leben willst, der Vater deiner Kinder, ihr habt euch füreinander entschieden, darauf sollte doch die Zukunftsplanung gründen", meinte ich. "Am besten ist es, du heiratest Chandra standesamtlich. Dann ist deiner Familie der Wind aus den Segeln genommen, denn die Ehe halten sie in Ehren, daran rütteln sie nicht."
Lisa war dadurch verunsichert, daß ihre Eltern für sie "doch soviel getan" hatten. Deshalb gab sie zuerst nach und folgte Irmins Wünschen. Chandra stellte sich quer und meinte, nun sei er wohl überflüssig und könne gehen. Lisa hätte sich zwischen ihm und ihren Eltern zu entscheiden. Schließlich entschied sich Lisa für Chandra und lehnte es ab, in ihr Elternhaus zu ziehen. Sie machte die Gütertrennung rückgängig. Was die Heirat betrifft, so wagt sie noch nicht, mit Chandra das Thema zu besprechen, das sei ein "heißes Eisen". Chandra habe sich sehr verletzt gefühlt und fasse vielleicht nicht so schnell wieder Vertrauen.
Irmin hat sich ein Eigentor geschossen. Er hat die Mieter der Parterrewohnung wegen Eigenbedarf herausgeklagt und darf nun niemand Fremdes mehr hineinnehmen, weil er sonst mit einer Betrugsklage rechnen muß. Er jammerte, er verstehe gar nicht, weshalb Chandra ihn nicht sehen will. Er beteuerte, er habe gar nichts gegen Chandra, am allerwenigsten gegen die Kinder. Amaryllis schlief auf seinem Arm, als ich bei Irmin und seiner Frau Jana zu Mittag aß. Ich meinte, wenn zwei Menschen heiraten würden, müßten sie doch ganz für sich entscheiden, auf welche Art sie dies tun, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Das mochte Irmin gar nicht hören und wollte unbedingt das Thema wechseln. Jana zeigte sich vermittelnd und versuchte, sowohl ihn als auch Lisa zu verstehen.
Bei einer abendlichen Tasse Kaffee sagte ich zu Lisa, am elegantesten sei es, seinen Eltern mitzuteilen, sie dürften einem gerne helfen und etwas schenken, seien jedoch nicht verpflichtet dazu. Ebensowenig sehe man sich als Kind verpflichtet, als Gegenleistung für Geschenke zu tun, was die Eltern von einem erwarten.
"Das habe ich eigentlich längst gewußt", erzählte Lisa, "schon als Teenager. Aber in der Zwischenzeit hatte ich es vergessen. Ich habe so viel vergessen aus meiner Vergangenheit."
Es habe Zeit gekostet, das nötige Selbstvertrauen wiederzufinden, um sich gegen die Eltern auflehnen zu können.
Lisa hatte es in der Kindheit schwerer als ich, weil ihr ein nahestehendes Geschwister fehlte. Constri und ich konnten uns gegenseitig stützen. Lisa war sechs Jahre alt, als ihr Bruder zur Welt kam, und er ist ihr vom Wesen her nicht sehr ähnlich. Ida und Amaryllis trennen dreieinhalb Jahre, sie finden aber liebevolle Nähe zueinander.
Friederike hat beinahe ihr ganzes Leben mit ihrer zwölf Jahre älteren Schwester Margarethe verbracht, die am 26. August verstorben ist. Friederike fehlt ihre Schwester sehr. Man habe mit dem Verlust rechnen müssen, schon aufgrund des hohen Alters, doch daß es am Ende so schnell gehen würde, das hätte sie doch nicht gedacht.
Friederike trägt zum Kirchgang Trauer, sonst geht sie in Alltagsgarderobe.
Margarethe liegt in dem Grab ihrer Eltern. Friederike möchte dort später auch liegen, notfalls in einer Urne, falls es anders nicht paßt. Daß sie wie Margarethe älter wird als neunzig Jahre, glaubt Friederike nicht. Sie hofft, daß sie noch eine Weile in ihrem Häuslein wohnen kann und nicht so schnell pflegebedürftig wird und ins Heim muß. Es gibt wenige Straßen weiter ein modernes, großzügig gestaltetes Seniorenheim, wo Friederike sicher auf viele Bekannte treffen würde. Doch ein eigenes Zuhause ist nicht ersetzbar.
Friederike gab mir einen "Ahnenpaß" aus dem Dritten Reich zum Anschauen, wo der Pfarrer anhand der Kirchenbücher eine lange Reihe von Vorfahren bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt hatte. Die Hälfte von ihnen sind auch Vorfahren von mir. Viele waren Winzer. In der Linie von Friederikes Vater, mit der ich nicht verwandt bin, finden sich viele Maler. Friederikes Sohn ist auch Maler, mit eigenem Betrieb, Homepage und Häusle, seit vielen Jahren mit einer hübschen Schwedin verheiratet, gesegnet mit zwei Töchtern und vier Enkeln.
In dem "Ahnenpaß" liegt zusammengefaltet der Totenschein für Friederikes Mann, der 1943 bei einem Fliegerangriff in Peenemünde ums Leben kam, nach erst zweieinhalbjähriger Ehe.
"Des hent ich mir noch gar net recht anguckt", fiel Friederike auf, als ich ihr den Totenschein zeigte.
Auch die seitenlange braune Hetzpropaganda vorne im "Ahnenpaß" hat Friederike sich nie durchgelesen. Sie hat sich nur gewundert über die Mühe, die sich der Pfarrer bei der Rekonstruktion der Ahnenreihe gegeben hat. Es entsteht der Eindruck, daß das Interesse an den Vorfahren und der Geschichte der Familie für Friederike und auch für den Pfarrer das eigentlich Bedeutsame war; die Nazi-Ideologie scheint ihnen und sicher auch vielen anderen Menschen fremd geblieben zu sein.
Als ich Friederike erzählte, daß ich viel mit dem Auto unterwegs bin, fragte ich sie nach ihren eigenen Fahr-Erlebnissen. Sie hat 1937 den Führerschein gemacht, mit achtzehn Jahren. Überwiegend fuhr sie mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen; ein "richtiges" Auto hatte die Familie lange Zeit gar nicht. Ihr bestes Auto gab Friederike in den sechziger Jahren an ihren Sohn weiter.
Friederike sieht sich gerne Volksmusik-Sendungen an, jedoch nur wegen der Kamerafahrten durch schöne Landschaften; die Musik findet sie furchtbar. Ich meinte, man könne doch den Ton wegdrehen.
"Ach, kann man das?" war Friederike erstaunt. "Na, dann dreh' ich denen nächstes Mal die Luft ab!"
Als ich weiterfuhr, um meinen Onkel Gustav und dessen Frau Elisabeth zu besuchen, gab mir Friederike Walnußplätzchen mit.
Gustav ist ein Bruder meiner Mutter. Er ist mit seiner Frau nach Fz. bei PA. gezogen, als er dort zum Professor für mathematische Logik berufen wurde.
In PA. konnte ich endlich Gustavs großes Märchenbuch im Copyshop Seite für Seite kopieren. Es handelt sich um das 1975 erschienene Faksimile eines prächtig illustrierten Märchenbuchs aus der Jugendstil-Ära, ohne ISBN-Nummer; es ist schon lange nirgendwo mehr zu bekommen. Als ich es 1979 bei Gustav entdeckte, war ich von den fein gezeichneten Illustrationen und den zum Teil kaum bekannten Märchen hingerissen. Damals war das Buch aber schon vergriffen, und es gab noch keine Farbkopierer. Erst in späteren Jahren sollte das Buch im Internet wieder auftauchen und bestellbar werden.
Als ich auf dem Kirchhof von Fz. spazieren ging, war dort reger Betrieb. Es wurde geharkt, geputzt und getratscht. Das hing mit dem bevorstehenden Allerheiligenfest zusammen, das im katholisch geprägten Bayern ein bedeutender Feiertag ist.
Ein Kursleiter in Kingston hat letztens von einem ländlichen Kirchhof erzählt, wo ein Erlaß spiegelnd geschliffene Grabsteine verbot; man wollte ein natürliches Aussehen der Gräber, mit den Spuren der Verwitterung auf den Grabsteinen. Die Folge war, daß die Dorfbewohner nicht mehr mit Putzeimerchen und Lappen die Grabsteine ihrer Verblichenen reinigten, sondern mit schwerem Gerät anrückten und die Grabsteine mit Druckluftreinigern bearbeiteten, so daß sie immer ganz rein waren, mindestens so sauber wie der Stein der Nachbarfamilie, und daß sich keine Spur von Moos und Moder auf ihnen niederlassen konnte.
Mit Elisabeth und Gustav machte ich Ausflüge ins Umland. Das Weinlaub leuchtete rot, und rot leuchteten auch die Opferlichte und die Lichter der Tabernakel in den Kirchen und Kapellen. Überall gibt es in dieser Gegend Kapellen und Kapellchen.








Wir kauften bei einem Hersteller feiner Heimtextilien in nahegelegenen Österreich ein. Dort gibt es Handtücher, Tischwäsche und andere Textilien aus edlen Stoffen mit zierlich gewebten Mustern. Wir besuchten mehrere Kirchen und einen Kerzenladen, wo es pittoreske Wallfahrtsartikel gibt und der Geruch nach Paraffin die Sinne vernebelt.
Elisabeth und ich waren auch allein unterwegs. Elisabeth hat seit vielen Jahren eine Eßstörung und wird ihr Übergewicht nicht mehr los. Weil sie deshalb nicht weit laufen kann, fuhren wir meistens mit dem Auto. Wir besuchten Wallfahrtskirchen und tranken Latte Macchiato draußen in der Sonne auf einem historischen Marktplatz.
Elisabeth erzählte, daß sie unter der Kinderlosigkeit ihrer Ehe leidet, "doch wer weiß, ob das nicht so sein sollte, daß ich nun alle Zuwendung von Gustav für mich allein bekommen darf."
Sie hat noch immer nicht vollständig mit ihrer entwertenden, enttäuschenden Mutter abgeschlossen.
Zwischen Elisabeth und Gustav scheint es auch nach über zwanzig Ehejahren viel Nähe und Geborgenheit zu geben. Elisabeth deutete ihrem Gemahl gegenüber an, es komme durchaus öfter vor, daß Männer es lange nicht merken, wenn eine Frau sie liebt. Das war eine Erinnerung an die ersten gemeinsamen Ferien in Kanada, als sie zusammengefunden und sich verlobt haben.
Nach meiner Rückkehr brachte ich Constri Sachen für Denise, die ich in S. bei Kinderflohmärkten gekauft hatte. Sie sind mädchenhaft-schick, gut erhalten und überwiegend in warmem, kräftigem Pink und Dunkelrot. Denise kann das Kleid, das ich besorgt habe, schon tragen, in die anderen Sachen muß sie noch hineinwachsen. Daran arbeitet sie fleißig. Sie ist gewaltig groß, größer als Amaryllis, obwohl diese bereits ein Jahr alt ist und Denise erst acht Monate. Denise robbte in Dereks Zimmer auf ihrem bunten Schaumstoff-Kinder-Puzzle-Teppich herum, in einem praktischen Träger-Hosenrock, und guckte neugierig. Ihre Haut ist weiß wie Alabaster, die Augen sind blau wie Glockenblumen, und was die Haarfarbe angeht, so läßt sich bei dem feinen Babyflaum noch nicht viel sagen. Constri lag in Dereks Bett; sie hat eine Erkältung und muß sich schonen. Sie berichtete, daß Denise schon ihr erstes "richtiges" Wort gesprochen hat, "Mama".
Derek machte Abendbrot und setzte Denise in ihr Hochstühlchen, ein für jedes Alter verstellbares "Tripptrapp". Der Bügel, der das Kind vor dem Herunterfallen schützt, kann später abmontiert werden. An diesem Bügel hat Derek einen Chinstecker befestigt, der von Denise hingebungsvoll beknabbert und als Zeitvertreib benutzt wird, damit das Essen nicht so langweilig ist. "Babyletta", wie Denise von Derek genannt wird, ließ sich dann auch artig mit Brei füttern.
Constris erste Fütterungsversuche fanden vor einigen Wochen statt, und weil sie Karottenbrei gab, hatte sie nachher ein "orangenes Kind". Denise schmeckte es am besten, wenn sie sich zuvor ausgiebig mit dem Karottenbrei "verschönert" hatte. Constri verwandelte ein Mulltuch in eine Art "Ganzkörperlätzchen".
Am Mittwoch traf ich Nancy im "Zone". Sie begrüßte mich mit "meine Kleine", Les bezeichnete mich als "kleine Maus", obwohl ich älter bin als die beiden. Vielleicht habe ich eine verspielte Ausstrahlung. Vielleicht lag es auch an meinem unschuldig-silbergrauen Pullöverchen aus grobmaschigem "Technogewebe" (dieser Begriff stand auf dem Schildchen am Stoffballen).
"Na, habt ihr letztes Mal schön gedreht?" fragte ich Darius.
"Ja", antwortete er fröhlich.
Alle Aufnahmen seien gut geworden.
"Ist es dein erstes Video?" erkundigte ich mich.
Er bejahte.
"Zeigst du das hier im 'Zone'?"
"Das wird wohl auf 'Onyx' laufen", meinte er.
Saara hat erzählt, daß sie endlich Svensons Wunsch gefolgt ist und sich mit ihm getroffen hat. Beide waren erkältet und wollten sich nur kurz für eine Stunde sehen, sie blieben dann aber fünf Stunden lang in dem Bistro, wo sie sich verabredet hatten. Svenson berichtete, daß er seit Januar wieder eine Freundin hat; die Beziehung werde aber wohl bald in die Brüche gehen. Saara erzählte von ihrem Freund Justin, der sie eher als sein Eigentum betrachte denn als eigenständige Persönlichkeit. Sie fühle sich von ihm vereinnahmt und in ihrem Wunsch nach Rückzugsmöglichkeiten unverstanden. Die Juwelen, die Saara von Justin geschenkt bekommen hat, wurden von Svenson eifersüchtig gemustert. Weder Saara noch Svenson haben ihren jeweiligen Partnern von ihrem Treffen erzählt. Beide befürchteten, eine Szene zu bekommen.
Bei Sarolyn gab es wieder ein thailändisches Essen, mit Chili, Hühnerfleisch und Kokosmilch. Sarolyns Freundin Saide war dieses Mal auch dabei, und wir tauschten mit ihr Kochrezepte aus. Sie zeigte uns, wie man den Hirsesalat "Kizir" zubereitet.
Denise robbte auf dem Fußboden herum. Am wohlsten fühlte sie sich aber doch bei Constri.
Layana erzählte, daß sie als Landschaftsgärtnerin schon Gräber ausheben mußte. Einmal hatte ein Sarg Übergröße, weil der Verstorbene so umfangreich war. Davon hatte man ihr jedoch nichts gesagt, und die Grube erhielt die Standardbreite. Es war eine makabre Situation, denn der Sarg paßte um Haaresbreite gerade so eben noch hinein.
"Die Sargträger tun mir leid", meinte ich, "die dürfen nie lachen!"
"Ach, die tun mir weniger leid", entgegnete Layana, "wenn ich beobachte, mit was für einer Alkoholfahne die zum Teil arbeiten gehen."
Layana und Clarice unterhielten sich über Musik. Layana erzählte, daß sie eine Band namens Liquid Brain mag. Sie war erstaunt, daß Clarice diese Band kennt, und noch erstaunter war sie, daß Clarices Mann Leander eines der Bandmitglieder ist. Gegen Abend kam Leander auch noch her, und Layana und er unterhielten sich lange.
Clarice möchte sich beruflich verändern. Sie berichtete, sie habe weder Lust, Lebensmittel zuzubereiten, noch Lebensmittel zu verkaufen, noch Lebensmittel zu essen, wobei sich Letzteres bedauerlicherweise nicht vermeiden ließe. Sie überlegt, in die Textilbranche zu wechseln.
Als wir in der Küche Messer heraussuchten, kamen wir auf das Thema "Schwiegermütter". Bertine hat ein gespanntes Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter. Die beschäftige sich vor allem mit ihrer Wirkung auf Männer und betrachte Bertine wahrscheinlich als Konkurrenz.
Als ich erzählte, daß ich einen Adventskalender ins Netz stellen möchte, berichtete Layana, daß sie und ihre Band so etwas auch vorhaben. Ich möchte Fotos von herbstlicher und winterlicher Natur für die einzelnen Tage nehmen, Layana möchte den Kalender mehr wie einen Schokoladenkalender aufbauen.
Bertine erzählte, daß Chantal und Seraf nicht nur gemeinsam bei "Maschinenraum" gewesen sind, sondern auch gemeinsam Urlaub in Amerika gemacht haben. Ihr Verhältnis soll fast so vertraut sein wie früher, als sie noch zusammen waren. Chantal wagt es immer noch nicht, Seraf zu fragen, ob er eine Freundin hat.
Nachts war ich in der "Lagerhalle" in HI., wo mehrere DJ's auflegten, darunter Cyra und Mark von VNV Nation. Mir gefielen besonders "Gassenhauer" von Chris Liebing, "Hostage" von Sonar und "Halflife 1" von ORPHX. Cielle erzählte, das Kaffeekränzchen bei Cyra am vergangenen Sonntag sei davon überschattet gewesen, daß einer der anwesenden Herren sich für unwiderstehlich hielt und unentwegt redete, ohne zu überprüfen, ob das, was er erzählte, die anderen überhaupt interessierte.
Cyra und Mark verstehen sich gut miteinander. Maurice hielt sich abseits und trank ein paar Bier mehr, als er es unter anderen Umständen vielleicht getan hätte. Vielleicht hatte ihn die bloße Anwesenheit eines Bandkollegen von Hal bereits in Rage gebracht. Cyra klagte:
"Ich hasse es, wenn Maurice so besoffen ist."
Denny war in entspannter Laune. Sein Verhältnis zu Cyra ist auch nach der Trennung von ihr freundschaftlich geblieben. Er glaubt, daß Cyra eigentlich gar keinen Lebensgefährten braucht, weil sie dafür keine Zeit hat.
"Ich denke, sie braucht einen Freund, der genauso wenig Zeit hat wie sie", meinte ich.
Claudius und seinem Bekannten Syre erzählte ich, daß im Fernsehen kürzlich ein Bericht kam über einen echten Männergarten in HH. Dort können Frauen ihre Männer gegen zehn Euro abgeben, um ungestört einzukaufen. Syre hat auch eine Doku darüber gesehen. Es wurde gezeigt, daß Männer in Männergarten ausreichend Werkzeug finden, um sich zu beschäftigen, etwa eine Stichsäge. In den zehn Euro sind ein Essen und zwei Bier enthalten. Es gibt eine Art Kneipe dort, wo die Männer von erfahrenen Männergärtnerinnen betreut werden.
"Oh Mann, sind wir wirklich so bekloppt?" stöhnte Claudius.
"Daß das Einkaufen mit Frauen für Männer so nervig ist, liegt wahrscheinlich daran, daß Frauen schon immer die Sammler und Männer schon immer die Jäger waren", vermutete Syre. "Frauen müssen stöbern, die genießen es, etwas zu betrachten und über die Brauchbarkeit zu entscheiden. Als Mann gehe ich wie ein Jäger ins Geschäft. 'Wo ist die Trophäe? - Ja, paßt, also Kaufen und 'raus.' So schnell wie möglich das Wild erlegen."
Am Sonntag war ich mit Lana bei Constri, Denise und Derek. Denise spielte in ihrem Laufställchen mit Deckeln von Schraubgläsern. Es wird erzählt, daß eine Frau einmal viel Geld für eine sehr schöne Puppe ausgegeben hat, und womit spielte ihre kleine Tochter? Mit den Topfdeckeln, die sie sich aus dem Küchenschrank holte. Eigentlich hatte die Frau die Puppe doch für sich selber gekauft, ein Eingeständnis, dessen Erwachsene sich, wie ich finde, nicht schämen müssen. Ich kaufe mir selbst gern hübsches Spielzeug oder schöne Kinderbücher.
Am Montag war ich bei Lana, Jules und Raya. Sie hatten Besuch von einer Freundin aus B. und deren Familie. Nachdem Raya und der Sohn von Lanas Freundin im Bett waren, aßen wir zu Abend, indonesisch. Raya fühlt sich zur Zeit als Prinzessin, und Lana hat ihr Kinderzimmer in Rosatönen eingerichtet, mit rosa Schleier über dem Stoffregal für Wäsche, mit rosa Lampenschirmen und einem Zierat aus rosa Kunstperlen, und Raya hat eine Karnevals-Prinzessinnenkrone. Lana hat außerdem eine rosa "Spinnenleuchte" gekauft, eine rosa Klemmleuchte mit einem Spinnennetz aus Draht vor der Öffnung für das Licht, in dem die Spinne nicht fehlen darf.
Beim Essen erzählte Lana von ihrer ehemaligen Chefin. Ende Juni hat Lana eine Party gegeben, um ihren Abschied von einem Arbeitsverhältnis zu feiern, in dem sie sich schon lange unwohl gefühlt hat. Schuld an dem ungesunden Klima sei die Chefin gewesen, die sich gegenüber ihren Assistenten sadistisch und selbstgerecht verhalten soll. Lana kündigte zum 30.06. und zählte von da an die Tage, bis sie von dieser Stelle erlöst war. Jetzt geht durch die Medien, daß Lanas ehemalige Chefin eine Serie von Krankentötungen zu verantworten hat. Die Chefin soll erklärt haben, es habe sich um Euthanasie gehandelt, und sie habe das Leiden der ihr Anbefohlenen verkürzen wollen. Der Haken an diesen Behauptungen soll gewesen sein, daß die Getöteten überwiegend ahnungslos vergiftet worden waren und daß außerdem keineswegs alle an einer mit Sicherheit tödlichen Erkrankung litten.
Als Jules den ersten großen Artikel über diese Straftaten in der Tageszeitung fand, erschreckte er Lana beim Aufwachen mit dem fast seitenfüllenden Bild ihrer früheren Chefin. Lana erschauert noch immer bei dem Gedanken, für jemanden gearbeitet zu haben, der Menschen umbrachte. Wenigstens geschahen die Taten, soweit bekannt, vor Lanas Anstellung.
Als menschenverachtend empfinde ich auch die "Leichenkunst" von Plastinator Hagens, der aus toten Körpern Skulpturen baut. An Lanas Abendbrottisch waren wir insgesamt ungefähr der gleichen Meinung.
Es fehlte nur noch - spekulierten wir -, daß Hagens mit seiner makabren "Freakshow" im Varieté auftritt oder aus Leichenteilen Couchgarnituren herstellt. Es kann sein, daß Hagens immer bizarrere Verwendungsmöglichkeiten für Verstorbene entwickelt, um sein Publikum zu halten. Vielleicht hat er sich schon fast zu sehr an das stattliche Einkommen gewöhnt, das ihm die zu Arrangements und Kunstgegenständen verarbeiteten Dahingeschiedenen beschert haben.
Man erzählt sich, daß Hagens inzwischen Nachschubmangel hat und sich über dubiose Geschäftemacher Leichen aus dem "wilden Osten" kommen läßt. Wenn er Handelswege aus China erschließt, könnte er ohne Not ganze Armeen von Toten aufmarschieren lassen, angesichts der mehr als eineinhalbtausend Hinrichtungen pro Jahr in China. Das Einzige, was Hagens dann noch passieren kann, ist das Erlöschen des Publikumsinteresses: Leichen out.
Lana erinnerte sich an "Else", die sie zu Beginn ihres Studiums gemeinsam mit einer Gruppe von Kommillitonen präparieren mußte. Elses Körper wurde nicht fürs Publikum präpariert, sondern ausschließlich für die Lehre genutzt. Dennoch hatte Lana ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen. Nachts im Traum kam Else durch die Tür herein in Lanas Zimmer, die sich zu Tode erschreckte.
Am Mittwoch war ich mit Claudius im "Zone". Nancy erzählte, daß ein Junge sie gefragt hat, ob sie Drogen nehme, so, wie sie tanze? Sie erwiderte, sie tanze so, weil es ihr Spaß macht. Er fragte als Nächstes, ob sie einen Freund habe. Da war sie nahe daran, ihm eins überzuziehen.
Barnet und Heloise hatten ihre fünfzehnjährige Nichte mitgebracht, ein großes, schon recht erwachsen wirkendes Mädchen mit einem langen blonden Pferdeschwanz. Barnet erzählte, daß die Jugendlichen im Heimatdorf der Nichte Böhse Onkelz hören und eine fragwürdige Gesellschaft bilden. Bei Barnet und Heloise habe sie die Gelegenheit, in zivilisierten Kreisen zu verkehren und anspruchsvollere Musik zu bekommen.
Barnet und Heloise sind mit Anfang zwanzig bereits zusammengezogen, begleitet von den Unkenrufen von Verwandten und Bekannten:
"Das geht in die Brüche! Ihr seid viel zu jung!"
Sie sind jetzt seit achtzehn Jahren zusammen und nach wie vor glücklich miteinander. Durch viel Eigenleistung konnten sie ein Häuschen erwerben und eine gesicherte Zukunft aufbauen.
Scilla und Jeremy sind schon häufig umgezogen und müssen bald wieder umziehen, weil in ihrer Wohnung keine Hunde erlaubt sind. Scilla stammt aus dem ehemaligen Osten und ist heilfroh, daß 1989 die Grenze gefallen ist:
"Sonst würde ich immer noch im FDJ-Hemd herumlaufen!"
Sie trägt so ziemlich das genaue Gegenteil von einer FDJ-Kluft. Sie macht sich wallende, zum Teil mit Kunsthaar oder Strickgarn ergänzte Zopffrisuren, schminkt sich farblich passend und trägt knappe Corsagen oder Girlieoberteile, ausgestellte Röckchen und Plateaustiefel.
Berenice schreibt auf ihrer Homepage über einen Traum:

Es war, als würde man Gott begegnen oder jemand Ähnlichem. Man erwartet nicht, daß sie jemals wirklich auftauchen. Er war sehr groß, sehr schön und sehr weit weg. Sein Umhang wehte im Wind wie ein Stück Mitternacht, und seine Augen funkelten wie Zwillingssterne. Er schien die Welt auszufüllen.
"Also ist die Zeit gekommen."

Was dieser "Gott" bewirken oder bewegen soll, was Berenice von ihm erhofft und wie der Plural ("daß sie jemals wirklich auftauchen") zu verstehen ist, erfährt man nicht. Es bleibt bei der diffusen Verehrung einer diffusen Gestalt oder diffuser Gestalten. Die Beschreibung wirkt wie die Schablone eines unfehlbaren Ideals. Daß Rafa einem solchen Ideal nicht entspricht und auch nicht entsprechen kann ... das hat Berenice entweder längst gemerkt und guckt sich anderweitig um, oder sie hat es gemerkt und will es nicht wahrhaben. Ihre Suche führt so lange zu Enttäuschungen, wie sie nach einem Ideal sucht.
In Rafas Forum verleihen zwei Fans ihrer Verehrung für Rafa Ausdruck, weisen jedoch auf Mängel an dessen Bekleidung auf der Bühne hin. Einer von ihnen - Wave - schreibt:

Danke für diese schöne Sendung des Senders. Über Versprecher und offene Hosenställe wurde da schnell drüber weggesehen.

Angeldust schreibt:

es gab ja auch jemanden mit löchern im handschuh und unrasiert (das hat man zum glück nur auf nahaufnahmen gesehn *kicher*)

1994 waren mir bereits Rafas offener Hosenstall und seine zerlöcherten Handschuhe aufgefallen. Anscheinend handelt es sich noch um dieselben Kleidungsstücke, in dem Zustand von damals. Daß Rafa sich oft nur ungenügend rasiert, ist eine bekannte Unart von ihm.
Darien hat für seinen Sohn Ciaran eine eigene Homepage gestaltet, auf der man Babyfotos bewundern kann. Ende Oktober gab es bei "Stahlklang" auf der großen Leinwand ein comuteranimiertes Video zu sehen, das Darien gerade fertiggestellt hatte. Das abstrakte Design paßte zu den Schwarzweiß-Dias, die wie sonst rings um die Tanzfläche auf schräggestellten Leinwänden zu sehen waren. Die Dias werden immer wieder neu von Darien für "Stahlwerk" angefertigt.
Bei Rega erkundigte ich mich, wie man diese schöne Kulisse verewigen konnte. Rega empfahl, bei einer der nächsten "Stahlwerk"-Veranstaltungen unmittelbar vor Beginn der Party zu filmen. Dafür hätten Constri und ich zwischen neun und elf Uhr abends Zeit, vorher könnten wir alles aufbauen.
Sofie war sehr betrunken und klagte, alles habe doch keinen Sinn mehr, sie habe immer noch keine Arbeit, man könne doch eh nichts machen. Ich empfahl ihr eine Entziehungskur. Sie lallte fatalistisch, das bringe doch eh alles nichts; wofür denn? Ich bat Darien, sie von der Notwendigkeit einer Entziehungskur zu überzeugen, falls ihm dieses möglich sei. Sofie ergebe sich dem Trunk und einer destruktiv-pessimistischen Grundhaltung.
"Ich kenne sie schon lange, noch aus der Zeit, als sie studiert hat", erzählte Darien. "Die hatte schon immer einen destruktiven Kern."
Irvin hat ebenfalls noch immer keine Arbeit. Er meinte resignierend, allmählich gewöhne er sich an diesen Zustand und kümmere sich immer weniger um eine Stelle, zumal es doch ohnehin keine Stellen gebe.
"Diese Haltung ist gefährlich", meinte ich. "Dadurch entgeht dir vielleicht die Chance deines Lebens."
Ich erzählte Darien, wie Rafa in den letzten Wochen zweimal auf mich zugegangen und dann gleich wieder weggelaufen ist, als ich ihn an den Schultern faßte.
"Da bist du bei ihm wahrscheinlich an eine brüchige Stelle gekommen", vermutete Darien.
Er geht davon aus, daß die Mauer, hinter der Rafa sich versteckt, nicht ewig halten kann und irgendwann einstürzt.
"Ich frage mich nur, was passiert, wenn Rafa in eine ernsthafte Krise gerät", überlegte ich. "Viele Menschen denken in einer Situation, wo ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird und sie sich verunsichert fühlen, vor allem an Selbstmord. Bei Rafa kann ich mir das auch vorstellen. Er ist destruktiv, pessimistisch, aggressiv und depressiv."
Während ich bei "Stahlwerk" war, trat Rafa in E. auf. Victoire erzählte in einer E-Mail von Rafas Konzert:

Das Konzert war wirklich gut, und es gab sogar 2 Zugaben!!! Es ging fast 2,5 Stunden, und für die Bühnenschau haben sie sich echt was einfallen lasssen. War echt gut. Ich fand die W.E-Ballons witzig, die sie bei einem der Songs ins Publikum geworfen haben. Das einzig Störende waren die hohlen Kommentare zwischen den einzelnen Songs. Den Hosenstall hatte Rafa bei uns in E. auch zu. Ich musste ja so loslachen, als ein Mädel neben mir sagte, sie fühle sich so nackt ohne ihre Sonnenbrille ...
Am Ende des Konzertes hat Rafa dann Autogramme verteilt und mit den Leuten geredet. Das hab ich genutzt, um ihn mir mal aus der Nähe zu betrachten ...

Wie sie ihn gefunden hat, wollte ich wissen. Victoire antwortete:

Aus der Nähe betrachtet wirkte er wirklich interessant. Er hat ein wunderschönes Gesicht mit wirklich aparten Gesichtszügen. Tja, mir fällt jetzt nichts mehr so auf Anhieb ein, was er gesagt hat, aber teilweise war es so dämlich, dass ich dachte, das tut schon weh. Es waren oftmals so platte Witze oder irgendwelches Insiderzeug, was 99 % der Leute im Publikum dann nicht verstanden haben, und er hat sich dabei schiefgelacht.

Rafa soll im Rahmen des Konzerts auch den Auftritt von Das P. in der "Unterwelt" in BO. am 28.11. angekündigt haben. Vielleicht gehe ich mit Victoire hin, nicht zuletzt weil das Konzert Teil eines Festivals mit interessantem Lineup ist.
Kollegin Ira und ich haben uns über Beziehungen unterhalten. Ira meinte, auch wenn der Weg das Ziel sei, wäre es doch schön, irgendwann mal anzukommen.
"Das ist aber dann auch nur eine Station auf einem noch viel längeren Weg", meinte ich. "Wenn ein Happy End wirklich nur ein Ende sein dürfte, könnten sich doch alle glücklichen Brautpaare gleich nach der Hochzeit erschießen. Eine Beziehung ist immer ein Weg, und sie bedeutet immer Arbeit, vom Kennenlernen bis zum Händchenhalten am Sterbebett."
"Interessant, das habe ich noch gar nicht so betrachtet."
Als ich mit Ira Nachtdienst hatte, erzählte sie beim Abendessen, wie sie durch ihren Selbsterfahrungs-Pflichtkurs im Rahmen der Facharzt-Weiterbildung Erkenntnisse über ihre damalige Beziehung gewonnen hat:
"Eigentlich war ich mit meinem Freund nur zusammen, um nicht allein zu sein. Da war sonst nichts mehr, was uns verbunden hat. Ich habe das gar nicht so bewußt wahrgenommen, daß mir etwas gefehlt hat. Es war nur wie ein dumpfes, unerklärliches Unwohlsein. Im Kurs haben dann mehrere Leute in einer sehr bewegenden Art sehr offen über ihre belastenden Erlebnisse geredet, über Ängste vor dem Alleinsein und über Beziehungsprobleme. Da habe ich das auf einmal ganz deutlich gefühlt, das Leiden. Da wurde mir das erst klar."
Ira stellte fest, daß sie durch die unerfüllte, festgefahrene Beziehung viele Freundschaften vernachlässigt oder verhindert hatte, wodurch es zu einer "Einsamkeit zu zweit" gekommen war. Sie trennte sich von ihrem Freund und durfte erleben, daß das Alleinsein nicht zur Einsamkeit führte, im Gegenteil, sie gewann Freunde hinzu und lernte nach kurzer Zeit auf einer Geburtstagsfeier ihre große Liebe kennen, den Mann, den sie im Frühjahr heiraten will. Sie habe jetzt erst erfahren, was es bedeute, jemanden wirklich zu lieben. Eine solche Nähe und Erfüllung hatte sie bisher nicht gekannt.
Ich erzählte ihr von meiner Vermutung, daß Rafa sich innerlich leer fühlt und keine Gefühle zuläßt, die Erfüllung bringen könnten.
"Er kann nicht vertrauen", meinte ich. "Er kann sich nicht vorstellen, daß ich ihn nicht enttäusche und daß die Leere in seinem Innern verschwindet, wenn er sich auf Gefühle einläßt. Es ist, als würde er auf einem Sprungturm stehen und glauben, in dem Becken sei kein Wasser, und ich würde ihm zurufen, daß er ruhig springen könne, das Wasser würde ihn auffangen; er glaubt mir aber nicht."
Am Mittwoch war ich mit Claudius im "Zone". Er meinte, er könne sich nicht vorstellen, was Rafa an seiner Freundin findet.
"Was gefällt dir denn vor allem an ihr nicht?" fragte ich.
"Die ist zu dick geschminkt", meinte Claudius. "Und sie gibt sich immer so, als wäre sie auf der Bühne. Die stolziert mir zu sehr."
Hierzu kam mir der Gedanke, daß Rafa vielleicht bei seinen Freundinnen eine arrogante Haltung fördert, um zu erreichen, daß sie sich gemeinsam mit ihm isolieren und so tun, als seien sie etwas Besseres als der Rest der Welt. Rafa kann eine Freundin besser kontrollieren, wenn sie sich mit ihm abschottet.
Nancy erzählte, daß sie am Freitag im "Volvox" beim Konzert von Suicide Commando war und dort Rafa und Berenice gesehen hat. Rafa soll hochgestellte Haare getragen haben.
Rafa geht selten zu Konzerten anderer Musiker. Vielleicht wollte seine Freundin das, oder er wollte noch einmal ins "Volvox", bevor es geschlossen wird.
Im "Zone" lief ein neues Stück von Derek, "Distorted Baby". Les erzählte, daß "Distorted Baby" auch in BO. in der "Unterwelt" gut ankommt.
Zu Halloween war ich im "Radiostern", wo Timon und Reesli eine Industrialveranstaltung gaben. Es war fast leer dort, was an den vielen Konkurrenzveranstaltungen und der Noch-Unbekanntheit dieses DJ-Duos gelegen haben kann. Sie spielten aber auch nur wenige Clubhits, so daß sich kaum Stimmung entwickelte. Immerhin kamen "Hope like a candle" von Blackhouse und "400 RPM" von Celluloïd Mata. Der Raum war garniert mit Autoreifen, Leuchtschlangen und Röntgenbildern.
Norman erzählte, daß er gerne "Fahrradleichen" fotografieren geht. Sein bisheriges Highlight war ein sorgsam angeschlossenes Fahrrad, von dem wirklich nur noch der Rahmen übrig war, der gesamte Rest war abmontiert.
"Wenn ich sowas fotografiere, gucken mich die Leute an, als hätte ich selbst eine Schraube locker", berichtete Norman seine Erfahrungen.
Bald wird Norman nur noch selten in der Region anzutreffen sein, weil er Anfang des nächsten Jahres nach B. zieht. Er hat inzwischen eine Freundin, und sie nehmen sich eine gemeinsame Wohnung. Arbeit hat Norman in B. noch nicht gefunden.
Gegen viertel nach drei in der Frühe kam ich in die "Neue Sachlichkeit". Dort war so viel los, daß es erst um diese Stunde erträglich wurde. Die Schaufensterpuppen waren wieder im Dienst. Eine stand als Sensenmann verkleidet zwischen dem DJ-Pult und den Grabstein-Attrappen, die andere hing am Hanfseil aufgeknüpft vor einem der hohen Fenster an der Decke. Der bloße Plastikkörper war mit schwarzen Klebestreifen "angezogen" worden. Ein schwarzer Streifen im Schritt deutete eine rasierte Schamgegend an, wie sie in Sadomaso-Kreisen als trendy gilt. Mehrere andere Streifen bildeten eine Art viel zu kurzen Hüftrock, der alles zeigte. Solche rockähnlichen Gebilde sind von einem Gürtel nur dadurch zu unterscheiden, daß sie keine Funktion eines Gürtels erfüllen, also keine Schließen oder Schnallen besitzen und nichts halten können.
Ich fragte Siro, ob er mir sagen könne, wie Kittys Freund Vico aussieht; ich war neugierig, weil ich so viele Geschichten über ihn gehört hatte. Siro war höchst erstaunt, daß ich Vico nicht kannte. Er wollte es kaum glauben. Vico hat lange, lockige Haare, eine schmächtige Figur und ein Gesicht, das ich eher ausdrucksarm finde. Er trug ein durchsichtiges T-Shirt und einen durchsichtigen langen Rock, unter dem man einen Stringtanga ahnte. Auf der Tanzfläche inszenierte er sich so, wie es mir schon erzählt worden ist: mit Haare-Zerwühlen, Armerecken und schlangenförmigen Bewegungen. Das weibliche Pendant war Kitty, die mit Vico diese Art von Tanz aufführte. Sie hatte sich alle Haare ins Gesicht gezogen.
Siro erzählte, Vico habe vor längerer Zeit Siros damalige Freundin angesprochen und sie gefragt, ob er sie "lecken" dürfe. Seitdem halte er von Vico nicht übermäßig viel.
Gegen vier Uhr wurde durchgesagt, daß es an der Theke ein kostenloses Frühstück gab. Auf die hungrigen Gäste warteten frische Brötchen, eine Wurst- und Käseplatte, Margarine, Marmelade, Plastikmesser und Pappteller. Die Gäste machten sich darüber her und gingen mit ihren Brötchen kauend auf die Tanzfläche. Für mich kam die Mahlzeit auch gerade recht.
Als ich Puppen-Theo wegen der Idee mit dem Frühstück lobte, meinte er, wenn er "einen Heiermann" von seinen Gästen als Eintritt nehme, könne da auch ein kostenloses Frühstück drin sein.
"Das ist Kundenservice", zeigte ich Begeisterung.
"Na ja, wenn alle satt und zufrieden sind, ist doch das Ziel erreicht", fand Puppen-Theo.
Es gebe jedesmal Frühstück, sonst aber erst um fünf Uhr. Ich empfahl, immer schon um vier Uhr aufzutischen. Dann seien noch mehr Leute da, die etwas davon hätten.
"Heute haben sie gut zugeschlagen", bemerkte Puppen-Theo.
Aus dem Sarg, der im Eingangsbereich aufgestellt war, ragte seitlich ein Stück von einem Arm heraus.
"Das ist mein Mitveranstalter", erklärte Puppen-Theo. "Der macht gerade eine kleine Pause."
Außer diesem künstlichen Arm gab es noch eine weitere neue Verzierung: der Sarg war schneeweiß gestrichen und hatte eine Borte aus prachtvollen, filigranen schwarzen Schnörkeln bekommen. Ans Fußende war ein Totenschädel mit gekreuzten Knochen gepinselt.
"Hast du das alles selbst bemalt?" fragte ich Puppen-Theo.
Er bejahte etwas verschämt.
"Das sieht ja wohl geil aus", staunte ich. "Schade, daß das nächste Mal Silvester ist, da kann ich nicht kommen, weil ich selber feiere. Das ist echt schade."
"Ja, das ist schade", seufzte Puppen-Theo.
Später habe ich erzählen hören, ein Mädchen habe sich auf den weiß gestrichenen Sarg gelegt, um sich fotografieren zu lassen. Da wurde es von den Türstehern eilends heruntergescheucht:
"Besoffene legen sich hier nicht drauf!"
Die aufwendige Dekoration in der "Neuen Sachlichkeit" wird die Runde machen, und das wird zu der Beliebtheit der Veranstaltungen wohl nicht unerheblich beitragen. Jedesmal gibt es etwas Besonderes zu sehen, immer wieder etwas anderes. Der Service beinhaltet jenes "bißchen mehr", das für viele Kunden das Zünglein an der Waage ausmacht.
Derek gibt sich seit dem Zusammentreffen mit Pharao verstockt. Constri erinnert sich, daß Derek 1995 nach meiner Geburtstagsfeier, wo ihm Pharao auch begegnet war, "ausgerastet" ist - damals hat er seinen Plüsch-Schnecken die Köpfe abgeschnitten.
"Der denkt immer noch, Pharao könnte ihm gefährlich werden", vermutete ich, "und das, obwohl du nie wirklich mit Pharao zusammen warst, dich schon vor zehn Jahren für Derek entschieden hast und Pharao in festen Händen ist."
"Manchmal denke ich, die Rollenverteilung zwischen mir und Derek ändert sich nie", seufzte Constri. "Es ist immer das Gleiche - er macht die Probleme, ich finde die Lösungen."
Zu Allerheiligen schaute ich mir David Bowie live an. Vor zwanzig Jahren wollte ich ihn schon sehen, hatte damals jedoch nicht die Gelegenheit. Bowie brachte "Loving the alien" unplugged, außerdem Klassiker wie "Electric blue" und "Ashes to ashes" und sogar "Under pressure", im Duett mit einer farbigen Sängerin, die den Part des verstorbenen Freddy Mercury übernahm. Die Sängerin ist kahlgeschoren und war im Gegensatz dazu feminin gekleidet mit Corsage und Rüschenrock. Bowie ging lässig in T-Shirt und Jeans. Das Auftreten scheint ihm immer noch Spaß zu machen, mit sechsundfünfzig Jahren.
Ace erzählte, er habe Bowie schon 1976 live gesehen. Wie alt ich da gewesen sei?
"Ich war zehn", gab ich Auskunft.
"Ach, doch schon so alt", wunderte sich Ace.
Er ist nur etwa fünf Jahre älter als ich, im selben Alter wie Paul Baskerville; allerdings sieht Paul Baskerville - zumindest auf aktuelleren Fotos - deutlich jünger aus als Ace. Die Substanzen, die Ace im Laufe der Jahre zu sich genommen hat, haben durchaus ihre Spuren hinterlassen.
Ace war mit seiner neuen Freundin Zara bei dem Konzert. Die beiden wirkten sehr verliebt.
Nachts war ich im "Verlies", wo Cyra auflegte. Sie erzählte, bei Maurice fühle sie sich endlich zu Hause. Auch mit Cielle habe sie gerne zusammengewohnt. In ihrer letzten Wohnung habe sie sich jedoch nicht wohl gefühlt, weil sie dort allein lebte und weil sie die Wohnung im Zusammenhang mit ihrer Trennung von Trevor bezogen hat.
Unseren alljährlichen Friedhofsspaziergang hatte ich von Allerheiligen auf Allerseelen verschoben, um mir David Bowie ansehen zu können. Wir gingen also zu Allerseelen auf den Friedhof und betrachteten die roten Ewigen Lichter. Roman erzählte, daß er noch immer unter der Trennung von Nina leidet. Er kann aber nicht nachvollziehen, weshalb sie sich von ihm getrennt hat. Nina hat ihn verlassen, weil sie sich von ihm nicht verstanden fühlte und weil es ihm allgemein kaum gelingt, sich in seine Mitmenschen hineinzuversetzen und sich auf sie einzustellen.
Als wir wie jedes Jahr nach dem Friedhofsspaziergang beim Griechen einkehrten, suchte Elaine sich einen Kinderteller aus. Ansonsten will sie sich wie ein Teenager verhalten und kleiden, nicht kindlich, sondern "cool". Merle und Elaine wirken auf mich immer mehr wie ein Team aus gleichstarken Partnern.
Constri hat mir ein Foto gemailt, auf dem man Denise sieht, wie sie in ihrem Ställchen mit einem Beton-Pflasterstein spielt. Vielleicht begeistert sie sich später auch so für Betonsteine wie ich.
Donar mailte, daß er Allerheiligen auf heidnische Weise als Samhain-Fest begeht, sehr ruhig, ganz für sich. Über Ivo Fechtner regt Donar sich immer noch auf. Kürzlich soll Ivo Fechtner ihn als "Darkwave-Fascho" beschimpft haben. Donar will nicht in die "Nazi-Ecke" gestellt werden.
Ted stand kürzlich im "Werk" in BO. vor dem Spiegel, in der Nähe einer Bar. Als er sich umdrehte und an der Bar vorbeigehen wollte, saß Marvin da und schaute ihn an, als hätte er ihn abpassen wollen, und grüßte freundlich:
"Hallo! Hi!"
Ted erwiderte ein kurzes "Hallo" und strebte weiter, überrascht und aus dem Takt gebracht von dieser unerwarteten Freundlichkeit. Marvin hatte ihn im Sommer am Telefon so abweisend behandelt, daß Ted sich diesen Sinneswandel nicht erklären konnte.
Am Mittwoch war ich mit Gesa in dem Techno-Tempel "Fractal". Besonders gefiel mir das Stück "Nature one" von Nature one. Ein Junge sprach mich an und wollte mit mir etwas trinken, verschwand dann aber spurlos. Stattdessen erschien ein anderer und wollte mich kennenlernen. Ich gab ihm meine Visitenkarte. Er versprach, mich anzurufen. Daß es nie stimmt, wenn jemand so etwas sagt, ist allgemein bekannt.
Gesa erzählte von Vivence. Merle und ich sind vor Jahren auf einer Geburtstagsfeier von Vivence gewesen. Vivence hatte sechs Gäste, aber Essen für zwanzig, darunter schüsselweise Räucherlachs. Sie wirkte einsam, redete aber so laut und viel, daß es nicht möglich war, mit ihr ein Gespräch zu führen. Unentwegt jammerte sie, auch darüber, daß das Essen nicht alle wurde. Ich riet ihr, stets mit weniger Gästen zu rechnen, als sie einlud, und vor allem weniger Essen bereitzuhalten, als man Gäste hatte, weil nicht alle auf Parties etwas essen. Reicht es dennoch nicht, hilft ein Vorrat an langlebigen Knabbereien.
Mein Rat scheint an Vivence vorbeigegangen zu sein. Gesa war kürzlich auf ihrer Geburtstagsfeier, und da hatte sie immer noch viel zu viel Essen für die wenigen Gäste. Sie redete immer noch laut und ohne Punkt und Komma, so daß mit ihr kein Gespräch möglich war. Ihren Freund scheint sie vor allem deswegen zu haben, um sich nicht noch einsamer zu fühlen. Gesa hat den Eindruck, daß Vivence sich als ihre Freundin betrachtet, jedoch nicht merkt, daß Gesa sie gar nicht in ihren Freundeskreis aufnehmen möchte. Gesa erlebt Vivence als einsame, unglückliche, egozentrische und unangenehme Persönlichkeit, die nicht merkt, wie sie sich selbst unglücklich macht, und die sich auch nicht dafür interessiert, was in ihr selbst oder in anderen Menschen vorgeht. Vivence sorgt für viel Lärm an der Oberfläche, so daß die Tiefe unsichtbar wird.
Constri geht öfter mit Denise und Sarolyn im Stadtwald spazieren. Ihr ist aufgefallen, wie häufig Sarolyn betont, welche Vorteile es hat, Victor als Ehemann gewählt zu haben. Es hört sich wie Rechtfertigungen an für eine Entscheidung, die vor allem in täglichen Leben ihre praktischen Vorteile hat.
"Victor ist nett und zuverlässig", weiß Constri, "mit dem kann Sarolyn ein gemeinsames Leben aufbauen und Pläne schmieden. An Teddy denkt sie irgendwie immer noch, aber mit dem hätte sie ihr Leben nicht planen können, das wäre ein stressiges Chaos geworden."
Der attraktive Teddy ist etliche Jahre älter als Sarolyn, wirkt aber viel kindlicher als sie; außerdem ist er untreu und übernimmt ungern Verantwortung.
Saara und Svenson schicken sich seit ihrem Treffen häufig SMS-Nachrichten. Svenson hat sich von seiner Freundin getrennt, weil er Saara nicht vergessen konnte. Saara erzählte, sie empfinde nicht mehr genug für Svenson, um sich eine neue Beziehung mit ihm vorstellen zu können.
Mike, der Lebensgefährte von Saaras Schwester Danielle, soll sich über längere Zeit nett und anständig verhalten haben; inzwischen soll er jedoch wieder aggressiver geworden sein. Er soll Saara bedroht haben. Als sie ankündigte, die Polizei zu rufen, soll er von ihr abgelassen haben.
Mike soll früher schon Danielle mißhandelt haben. Das tat ihm dann wohl leid, und er gab sich Mühe, umgänglicher zu sein. Neuerdings lärmt, trinkt und zankt er wieder, und er hat Danielle sogar betrogen. Danielle machte mit ihm Schluß. Saara rief das Mädchen an, mit dem Mike fremdgegangen ist, und es erzählte, daß Mike ihr vorgelogen hat, er sei von Danielle schon längere Zeit getrennt. Da erzählte Saara dem Mädchen, daß dies nicht stimmte und daß Mike wahrscheinlich alle beide belogen hat. Kurz darauf erfuhr Saara, soeben habe das Mädchen auch mit Mike Schluß gemacht. Jetzt wollte er beide haben und hat beide verloren.
Danielle arbeitet wieder, in Teilzeit, im selben Handy-Laden wie Saara. Die Mutter der beiden kümmert sich um Enkelin Gwyneth, wenn Danielle bei der Arbeit ist.
Am Samstag erzählte mir Kappa im "Read Only Memory", daß Maya schon ganze Sätze spricht und daß er ihr als Reittier dient. Edaín berichtete, daß sie viele Studiotermine hat, weil sie mit ihren Musikern ein Album aufnimmt. Sie schreibt die Texte, sofern es sich nicht um Coverversionen handelt. Die Musik macht sie nicht selbst. Neulich hatte sie einen Auftritt im "Rohbau", und sie erzählte, es habe ihr Spaß gemacht. Ich bat sie, noch ein weiteres Konzert zu geben, weil ich neugierig darauf bin.
Gegen halb drei kam ich in den "Radiostern". Cyra spielte mehrere Lieblingsstücke von mir, darunter "Plug and play" von Derek, "Got the message" von Sonar und "Roter Schnee" von Feindflug.
Timon hofft, daß die nächste Industrial-Party, die er im "Radiostern" veranstaltet, besser besucht ist. Er ist allerdings nicht bereit, die besonders gefragten Clubhits zu spielen.
"Das sind die Anfänger", meinte Osiris, "die ausschließlich das spielen wollen, was sie selber mögen."
Osiris hat noch nicht seinen Traumjob gefunden. Es ist schwer, eine Stelle als Satellitenbauer zu finden. Und Osiris möchte sich nach seinem Diplom auch gern erst einmal ausruhen.
Am Sonntag feierte Cecile ihren dreißigsten Geburtstag mit einem Frühstück in dem Haus im Grünen, das sie vor eineinhalb Jahren gemeinsam mit Kurt erworben hat. Das Haus ist so geschnitten, daß mehrere Kinderzimmer eingerichtet werden können, und Kinder sind geplant.
Das Wetter war schön. Wir gingen im herbstlichen Wald spazieren. Die Landschaft ist beschaulich, das Dorf liegt in einem Höhenzug. Vor einem Holzstoß machten wir Gruppenbilder.
In einer E-Mail berichtete mir Victoire, daß sie sich von Shara getrennt hat. Ihm gehe es wohl nicht sehr gut. Ich erkundigte mich bei Shara, wie es zu der Trennung gekommen sei, und er antwortete:

Sie kommt / kam sich von mir weggestoßen vor.

Er gestand zu, daß er "wirklich nicht leicht" sei.
Victoire mailte über ihre Trennung von Shara:

Es hat schon länger gekriselt. Mein größter Punkt, was mich an der Beziehung gestört hat, war, daß Shara nie mit mir zufrieden war und mich deshalb ständig umerziehen und verbiegen wollte. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war, dass er wollte, als ich das letzte Mal in FR. war, dass ich meine Zeit nur mit ihm verbringe. Das wollte ich nicht, sondern ich freu mich genauso, meine Freunde und meine Familie an solchen Wochenenden zu sehen ... Tja, die Woche drauf kam dann mein bester Freund, den Shara nicht leiden kann, zu Besuch. Shara hatte an dem Abend, als er kam, nichts besseres zu tun, als mich anzurufen und mir ein Psychogespräch aufzudrücken. Er meinte, wenn ich ihn wirklich liebe, dann würd ich mir jetzt die Zeit nehmen und mit ihm telefonieren. Das ging mir dann endgültig zu weit, und ich habe ihm dann auf der Stelle gesagt, dass es das gewesen ist. Seither geht es mir besser denn je. Ich fühl mich so viel freier und besser. Richtig erleichtert. Shara hat mich gestern mittag auch über 2 Stunden angerufen und bequatschen wollen, ob es nicht noch mal was werden wird mit uns. Er war wirklich schockiert, wie hart ich ihm darauf sagen musste, dass es nie wieder was werden wird. Aber kapiert hat er es nicht richtig. Am Ende vom Telefonat fing er dann schon wieder an damit, Pläne zu schmieden, wie es wohl wäre, wenn wir wieder zusammen kämen. Vielleicht hat er es dir deshalb nicht erzählt, weil er selbst noch nicht an die Endgültigkeit meiner Entscheidung glaubt.

In einer Szenezeitschrift gibt es regelmäßig einen "Steckbrief", wo jeden Monat einem anderen Musiker dieselben Fragen zu seinen Vorlieben, Plänen und Wünschen gestellt werden. In der November-Ausgabe war Rafa an der Reihe:

Welches charakteristische oder auch charakterliche Merkmal magst du an dir am liebsten, welches am wenigsten?

Positiv: Egozentrik und Konsequenz.
Negativ: Egomanie und Sterblichkeit.

Was an Egozentrik positiv sein soll, erklärt Rafa freilich nicht.

Was sind die drei bedeutendsten Dinge in deinem Leben?

Meine Geburt, mein Leben und irgendwann mal mein Tod ...

"Mehr nicht?" muß ich mich fragen.

Was macht dich wirklich wütend?

Dummheit, Intoleranz und Unzuverlässigkeit.

Hier fällt mir ein, daß Rafa wegen seiner Unzuverlässigkeit berüchtigt ist.

Was bringt dich zum Lachen?

Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine zum anderen:
"Du siehst aber schlecht aus, was ist denn mit dir passiert?"
Meint der andere traurig:
"Ich hab' Homo sapiens."
Erwidert der erste:
"Das hatte ich auch; das geht vorüber."

Dies paßt zu meinem Eindruck, daß Rafa sich mehr und mehr in seine selbstgewählte Isolation flüchtet und die Menschheit insgesamt zu seinem Feindbild erklärt, als gehöre er nicht dazu.

Was bringt dich zum Weinen?

Ein Systemabsturz meines C=64 ... zum Glück sehr selten.

Rafa erweckt den Eindruck, daß ihn nichts aus der Fassung bringen kann, was mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun hat. Gleichzeitig macht er Werbung für seinen historischen Rechner.

Wer war der Held deiner Kindheit?

Mein Vater.

Das war sicher richtig.

Was ist dein Lieblingsbuch?

Das Handbuch zum Commodore C=64 und die Bibel.

Auch das Letztere will ich ihm glauben. Jedoch hält Rafa sich nicht an das, was in der Bibel steht. Die christliche Lehre gründet auf Nächstenliebe, Rafa hingegen ist egozentrisch und verantwortungslos.
Rafa hat mir zwar schon geholfen - 1993 gegen den Sockenschuß und 1994 gegen Türsteher Lennart Brehler -, aber ich kann mich nicht darauf verlassen, daß er mir hilft, wenn ich ihn brauche. Als beispielsweise Lennart Brehler mich 1995 ein zweites Mal angriff, hatte Rafa keine Lust, mir zu helfen, und ließ mich im Stich. Es scheint mir, als wenn Rafa mir nur geholfen hat, wenn er gerade Lust dazu hatte oder sich davon für sich selbst einen Vorteil versprach, und wer nur nach seinen Launen und seinem eigenen Vorteil geht, übernimmt keine Verantwortung.

Welcher Person möchtest du nie über den Weg laufen?

Mir selbst!

Das glaube ich ihm gern! Immer wenn er beginnt, sein Inneres wahrzunehmen, flüchtet er sich in seelenlose Bettgeschichten und Suchtmittelkonsum. Und ich bin sein ärgster Feind, weil ich wirklich etwas von ihm wissen will.

Was soll deine Henkersmahlzeit sein?

Das Unsterblichkeitsserum von Dr. Martinot.

Rafa scheint den Tod sehr zu fürchten, unternimmt zugleich aber viel, um sein Leben zu verkürzen.

Was war dein schlechtester Anbaggersatz?

"Soll ich dich entführen, deinen Horizont erweitern und dich glücklich machen?"

Rafa ist bekannt dafür, daß er den Frauen vorlügt, er werde ihnen alle ihre Wünsche erfüllen. Er sagt ihnen, was sie hören wollen.

Was schätzt du besonders an einer Person des anderen Geschlechts?

Alles, was anders ist ... Weiblichkeit.

Das hört sich für mich sehr diffus an ... als wenn Rafa sich um sein wahres Frauenbild herumreden wollte. In seinem Leben hat Rafa die Frauen bisher nur benutzt, so wie man Gebrauchsgegenstände benutzt.

Was war für dich das bislang schmerzlichste Erlebnis?

Zu erfahren, daß wichtige Menschen auch sterben müssen.

Wahrscheinlich hat Rafa auch hier an seinen Vater gedacht.

Was magst du am Sex am liebsten?

Daß man seine Mystik nicht mit dummem Gesülze zerstört.

Hierzu wirft sich die Frage auf, was an Sex auf einer Damentoilette mystisch ist und was an Abenteuern mit beliebig ausgesuchten, betrogenen und ausgetauschten Frauen mystisch ist. Und was Rafas "Anbaggersätze" betrifft, so frage ich mich, was er mit "dummem Gesülze" meint, wenn es sich bei diesen nicht darum handelt. Ich denke hier unter anderem an Rafas geheucheltes Wehklagen, mit dem er Beatrice nach dem Ende seiner Beziehung mit Francesca verführen wollte.

Wann warst du zum letzten Mal verlegen oder bist errötet?

Wahrscheinlich bei dem Klaps auf meinen Hintern nach meiner Geburt.

Das ist schlicht falsch. Ich habe Rafa mehr als einmal verlegen erlebt ... und nicht nur ich.

Was wolltest du schon immer einmal machen, hast dich aber nie getraut?

Die Menschheit ausrotten.

Auch wenn Rafa - so weit ich weiß - noch niemanden umgebracht hat, so ist doch sein Wunsch, alle Menschen zu vernichten, mit dem fünften Gebot unvereinbar.

Was soll auf deinem Grabstein stehen?

"Ready", und darunter ein blinkender Cursor.

Mir fällt auf, daß Rafa an keiner Stelle Bezug genommen hat auf Berenice. Nicht einmal von "meiner Freundin" ist die Rede. Bedenkt man, daß die Standardfragen im Steckbrief die bedeutsamen Dinge im Leben eines Menschen betreffen, so entsteht der Eindruck, daß Rafa seine Beziehung nicht für bedeutsam hält. Am meisten redet er von sich selbst und vom C64.
In Rafas Forum schrieb ich als "endless loop" unter dem Thema "Steckbrief":

In dem Steckbrief vom November steht vieles, was aufrichtig ist und der Wirklichkeit entspricht. Daß du aber zum letzten Mal bei deiner Geburt verlegen warst, stimmt nicht. - Was findest du denn an Egozentrik positiv? ('Dienet einander', steht in der Bibel.) - Unzuverlässigkeit macht dich wütend ... Macht es dich auch wütend, wenn du selbst unzuverlässig bist? - Du willst gerne die Menschheit ausrotten. Du würdest dann ebenfalls sterben. Willst du das? - Du magst deine Sterblichkeit nicht. Weshalb rauchst du dann so viel? - Weshalb willst du dir selbst nie über den Weg laufen?

Auf meine Fragen antwortete Rafa zunächst nicht. Stattdessen erhitzte sich Rafas Fan Mandy darüber, wie ich ihren "Gott" in Frage stellen konnte:

Beim nächsten Mal kannst du ja das Interwiev führen und eventuelle Nachfragen gleich stellen.
Man könnte auch für dich eine Extra-Rubrik erstellen mit dem Namen: 'Moderatorenquetsche - hier stehen euch sämtliche W.E-Mitglieder für alles, was sie tun und sagen, Rede und Antwort'
Man sollte doch allen Menschen ein bisschen Privatsphäre lassen und nicht versuchen, einfach alles über sie zu erfahren - oder sehe ich das falsch?
Dies ist ein W.E-Forum. Man kann auch Kritik üben bzw. kritische Fragen stellen und Themen besprechen. Dies sollte meines Erachtens aber nicht dazu führen, dass einzelne Foren-Benutzer nur am Tun und Werkeln der Moderatoren herummäkeln bzw. Rechtfertigungen von ihnen verlangen.
Das finde ich hier fehl am Platze ...
p.s. Es ist kein Widerspruch, viel zu rauchen und seine Sterblichkeit Sch... zu finden ...

Ich gehe davon aus, daß Mandy Raucherin ist. Verdrängung und Sucht liegen nahe beieinander.
Ein Fan namens "GENERVT", der wohl an oberflächliche Plaudereien gewöhnt ist und mit etwas anderem nicht viel anfangen kann, fühlte sich ebenfalls zu einer Attacke genötigt:

Immer das Gleiche ... @endless loop ... oder wie auch immer ... siehe Beiträge weiter unten! Da gehe ich lieber wieder schlafen.

In der Hoffnung, Mißverständnissen zu begegnen, schrieb ich als "endless loop":

Um Mäkeln und Rechtfertigungen geht es mir nicht. Es geht mir nicht darum, jemanden anzugreifen oder anzuschuldigen. Es geht mir nur um das, wozu dieses Forum gedacht ist - Sprechen über Themen, die man für diskutierenswert hält.

Nun meldete sich Rafa, wider Erwarten schon etwa nach einer Stunde, unter "W.E / Funkhaus" - wobei ich hier, wie sonst, die sprachlichen und die Rechtschreibfehler zu korrigieren bemüht bin:

Sehr verehrte Menschen,
immer um das Wichtige kümmern! Und nicht seine Energien für Mumpitz verschwenden.
Im Endeffekt bleibt es ja immer in des Gefragten Hand, die Fragen zu beantworten oder auch nicht.
Wer W.E kennt, sollte wissen, was wir von solchen Steckbriefen halten, und wenn man hier genau liest, kommt man auch nicht um den berühmten W.E-Humor herum ... denke ich.
- Natürlich macht mich ggf. meine Unzuverlässigkeit wütend.
- Also, wenn ich mit meinem Tod die Menschheit komplett ausrotten könnte, dann sagt mir, wie es geht.
- Weiter arbeite ich "nur" bei W.E. Was ich privat tue, mindert wohl kaum die Qualität der Sendungen.
- Ich bin auch nur mein eigener Gott.
Also kümmert Euch um was Wichtiges!
- Sprengt Mobiltelephonmaste in die Luft.
- Zeigt jede Tierquälerei an (einer der wenigen gerechtfertigten Gründe für "Denunziantismus").
- Macht etwas aus Eurem Leben, denn irgendwann sind wir alle nur schlechter Dünger, der sich fragt,
warum er mal gelebt hat (carpe diem).
- ...
- ...
Nach Kopenhagen & Oslo ins Bett geh und beste Grüße send ...
Honey / W.E

Ins Eingabefeld für die E-Mail-Adresse schrieb Rafa ein scherzhaftes "*lächel*", was wohl so viel heißen sollte wie:
"Die kriegt ihr nicht!"
Ich werte es als Fortschritt, daß es Rafa gelingt, auf dieser Arena seine Unzuverlässigkeit einzugestehen. Er hat sogar mehrere meiner Fragen beantwortet, ordentlich in Listenform, zeigte also mir gegenüber eine längst nicht so feindselige Haltung wie seine aufgebrachten Fans. Vielmehr nahm er die Rolle des Schlichters ein.
Berenice hat die Fotogalerie auf ihrer Homepage erweitert; es gibt Bilder von dem W.E-Konzert Ende Oktober in S., wo Berenice in einem langen, schmalen, schwarz-silbernen Kleid zu sehen ist und mit offenen Haaren, ein Stil, den sie selbst bevorzugt. Man sieht sie auch an Rafas Seite bei einem Konzert von Suicide Commando im "Volvox".
Mitte November gab Rufus seine Geburtstagsparty und holte zu diesem Anlaß sein Gästebuch wieder hervor, wo wir uns mit vielen Albereien verewigten. Constri eröffnete die Aktion "Alle malen Drees", und da kamen die seltsamsten Bildchen zustande.
Giulietta zeichnete mehrere Partygäste. Statt eines Bildchens von Folter zeichnete sie eine Kaffeekanne und schrieb dazu:

Kaffee! (Willst'n Kaffee?) Jetzt wird alles gut!

Das sind typische Worte von dem gastfreundlichen Folter.
Auf die nächste Seite kam dann doch noch eine Zeichnung von Folter.
Zu dem Bild von Denise schrieb Giulietta:

Ganz laut, wenn Contri nicht da.

Zu Constris Bild schrieb Giulietta:

Ganz hungrig, weil Kind immer laut.

Zu dem Bild von mir schrieb Giulietta:

Kann nicht sprechen, weil erkältet. (Erzählt aber trotzdem.)

Constri eröffnete eine Gerichtsverhandlung im Stil der Gerichtsshows im Fernsehen. Ins Gästebuch schrieb ich das Protokoll:

Richterin Salesch:
"Bitte protokollieren Sie, daß der Angeklagte nur Salat ißt!"
Giulietta lacht über das Personalausweisbild des Angeklagten Drees. Danach lachen alle anderen über das Bild.
Richterin Constri Salesch:
"Was war denn nun am 04.?"
Der Angeklagte:
"Wir haben uns unterhalten bei Bier, Milch und Schnaps. Dann sagte sie, sie habe mir schon so oft aus der Patsche geholfen, da wolle sie jetzt als Gegenleistung ... Geschlechtsverkehr haben."
Richterin:
"Die Geschädigte hat ausgesagt, Sie hätten sie zum Geschlechtsverkehr genötigt. - Wo ist eigentlich der Staatsanwalt geblieben?"
Staatsanwältin Marianna nimmt wieder Platz. Die Richterin ruft, der Rechtsanwalt Lohrum soll nicht andauernd Erdnußlocken essen! Folter Lohrum erklärt, er kenne nur das Jugendgericht und plädiere für Freispruch. Erdnußkopf erklärt, er sei befangen und als Zeuge nicht geeignet. Der Zeuge Erdnußkopf muß dennoch in den Zeugenstand. Drees ißt weiter Salat.
Constri Salesch:
"Herr Erdnußkopf, Sie sind mit dem Angeklagten weder verwandt noch verschwägert? Erzählen Sie mal, was Sie gesehen haben."
Denise Salesch findet die Erdnußlocken interessant, doch ist es schöner, auf dem Schoß der Richterin Salesch zu sitzen.
Ein Gerichtsdiener wird verlangt, der zufällig ein Beweisvideo vorbeibringt und einlegt. Gerichtsdiener Rufus stellt den Rechner an. Richterin Salesch merkt schon beim Hochfahren, daß das Video eindeutige Beweise liefert. Sie erklärt den Angeklagten für schuldig. Der Staatsanwalt läuft mitten im Plädoyer weg. Es wird eine Strafe von 2 Kreuzigungen durch den Gerichtsdiener beantragt. Giulietta ruft:
"Crucify him!"
Auch sonst macht sie aufgebrachte Einwürfe. Die Richterin rügt sie. Der Rechtsanwalt Folter Lohrum plädiert dafür, daß Drees 28 Stunden lang die Küche zu Hause bei Folter aufräumen muß. Wegen der besonderen Schwere der Schuld, findet Giulietta, sollte Drees 32 Stunden lang die Küche von Folter aufräumen.
Richterin Salesch:
"Bitte erheben Sie sich. Sie sind schuldig der vorsätzlichen sexuellen Nötigung. Sie werden zu einer Freitheitsstrafe von 1,5 Stunden verurteilt. Die Strafe kann zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn stattdessen 28 Stunden soziale Tätigkeit geleistet werden. Das Aufräumen der Küche kann nicht zur Bewährung ausgesetzt werden, weil die Küche einfach furchtbar dreckig ist. Die Verhandlung ist geschlossen."
Constri will eine Brotscheibe per Fax verschicken. Sie will ihr Essen essen, aber Denise will nicht von ihrem Schoß und protestiert lauthals.
gez. Hetty

Contri schrieb einen Nachtrag:

Die Küche wird zusammen mit Staatsanwältin Marianna aufgeräumt.

Marianna, die vor acht Jahren mit Ciril zusammen war, lebt mit ihrem jetzigen Freund in einer Wohnung an der "Drogenkreuzung" von HB., die mittlerweile so häufig Polizeibesuch bekommt, daß dort weniger zwielichtiges Treiben herrscht als früher.
Ciril berichtete, es gehe ihm recht gut. Geneviève erzählte, daß Ciril nicht mehr so viel Alkohol trinkt und seine Medikamente regelmäßig einnimmt.
Giulietta, die dieses Jahr nach HB. gezogen ist, lebt in demselben Mietshaus wie Drees, nur einen Straßenzug von Folter entfernt. Sie ist wieder einmal verliebt. Bei Giulietta hält Verliebtheit meistens nicht lange an, oft nur wenige Monate.
Sándor mailte aus Ungarn:

Endlich ist es mir gelungen, einen Electro-Industrial-Club in unserer Region zu veranstalten. Mein Freund und ich haben einen Monat lang daran gearbeitet, und am Samstag war Eröffnungsparty in einer kleinen Alternativkneipe. Selbst der Ort sieht nicht besonders industriell aus, eher eine Kneipe für junge Alternativ-Künstler, aber für alle Stilrichtungen offen und ganz freundlich. Dazu muss man aber wissen, dass diese Subkultur hier in dieser Gegend jahrelang nicht vertreten war, die einzelnen Electro-Fans sind eher einsame Musikfreunde, die wir jetzt zusammenrufen wollten. Der erste Abend ist über alle Erwartungen ganz gut angekommen.

Obwohl die Homepage des Clubs bislang nur in ungarischer Sprache online steht, fand ich das Gästebuch und trug mich ein.
Sándor erzählte, daß er in dem pädagogischen Institut, wo er arbeitet, der jüngste und "rebellisch wilde" Mitarbeiter ist, daß er aber von seinen Kollegen akzeptiert wird.
Am Mittwoch war ich mit Claudius im "Zone". Berenice war da, ohne Rafa. Sie stand auf dem Bühnenpodest oder saß dort auf einem Barhocker. Sie blieb durchgehend an diesem Platz, tanzte auch nie. Meistens waren Leute bei ihr, mit denen sie sich unterhielt. Sie hatte offene Haare und trug ein langes schwarzes Kleid.
Barnet erzählte, seit Kurzem sei er Buddhist. Das sei eher eine Philosophie als eine Religion, einen Gott zum Anbeten gebe es nicht. Obwohl Siddharta Inder war, sei der Buddhismus vor allem in Japan verbreitet.
Barnet kann Rina nicht leiden. Die sei furchtbar arrogant. Rina sehe ich in letzter Zeit nur noch ohne Robin im "Zone". Sie hält sich überwiegend bei Les hinterm DJ-Pult auf.
Barnet erzählte, daß Ace nach dem Ende seiner Tätigkeit als Radiomoderator eine Weile für eine Szenezeitschrift gearbeitet hat, jedoch auch dort wieder gehen mußte. Er habe Ansichten vertreten, mit denen er weitgehend alleine gestanden habe, und sich in hitzige Gefechte verwickelt. Barnet vermutet, daß Aces Suchtmittelkonsum das Seinige zu den Konflikten beigetragen haben könnte.
"Hast wieder schön getanzt", freute sich Les, als ich mich verabschiedete. "Echt schön."
Am Donnerstag war ich mit Beatrice beim Griechen. Ihr Kollege Tagor und sie sind jetzt ein Paar. Er hat sich von seiner Freundin getrennt, sie sich von Andras. Sie hofft, daß ihre enge Freundschaft mit Andras trotz seines Zornes auf sie erhalten bleibt. Tagor und Beatrice leben in der Wohnung des gemeinsamen Chefs, der zu seiner frisch angetrauten Ehefrau gezogen ist. Tagor und Beatrice wollen sich bald etwas Größeres suchen, vielleicht auf dem Lande.
Im Oktober war noch nicht klar, daß Tagor und Beatrice zusammenkommen würden. Tagor hat mit seiner bisherigen Freundin vier Wochen Urlaub in Neuseeland gemacht, was lange vorher schon geplant war. Seine Entscheidungsnot hat er ihr verschwiegen. Beatrice hatte in dieser Lage noch schwärzere Gedanken als einige Wochen zuvor. Sie entwickelte konkrete Selbstmordpläne. Dieses Mal gelang es ihr jedoch, sich Hilfe zu suchen. Erst bat sie Andras, sie zu stützen und zu trösten, was dieser auch tat. Dann besuchte sie Alienne und Alan, bei denen sie übernachtete. So konnte sie sich auffangen lassen.
Zu Andras hat Beatrice nach wie vor Kontakt, zu Alienne nur noch selten. Alan soll ein sehr ruhiger Mensch sein, weshalb er wohl auch seit anderthalb Jahren schon mit der launischen Alienne zurechtkommt.
Aimées zweites Kind, ein Mädchen, soll etwa einen Monat alt sein. Aimées Beziehung mit dem Vater des Kindes soll noch halten. Lessa ist mit dem Vater ihres ungeborenen zweiten Kindes auch noch zusammen, doch diese Beziehung soll wacklig sein, nicht zuletzt wegen Lessas Unberechenbarkeit.
Beatrice erinnerte sich an Rafas Umwerbungen nach dem Ende seiner Beziehung mit Francesca. Ungefähr 1992 kann es gewesen sein, als Rafa vorübergehend von Luisa getrennt war und für wenige Wochen mit Beatrices Freundin Francesca zusammen war. Francesca wollte Schluß machen, weil Rafa ihr im Bett nicht gut genug war. Sie beauftragte Beatrice, Rafa mitzuteilen, daß Schluß sei. So kam es im "Elizium" auf der Galerie neben dem DJ-Pult zu jenem mehrstündigen Gespräch zwischen Rafa und Beatrice, von dem Beatrice mir schon einmal erzählt hat. Beatrice war damals mit Rafa recht gut bekannt, sie telefonierten öfters miteinander und redeten über dieses und jenes. Beatrice wollte aber nie etwas von Rafa; sie bekam nur mit, wie er ein Mädchen nach dem anderen ausprobierte, und sie hatte den Eindruck, von ihm nicht in diese Kategorie gesteckt zu werden. Als Rafa ihr aber stundenlang etwas vorgeweint und sein Leid geklagt hatte, daß er mit Francesca die Liebe seines Lebens verloren habe und derlei groschenromanhafte Äußerungen mehr, schob er auf einmal seine Spiegelbrille herunter, schaute Beatrice mit einem theatralisch-tiefsinnigen Blick an und sagte ebenso theatralisch:
"Beatrice, ich liebe dich."
Da stand sie wütend auf und suchte das Weite mit der Bemerkung, sie habe keine Zeit zu verschleudern und Besseres zu tun, als sich seine Heucheleien anzuhören. Sie fühlte sich zum Besten gehalten, weil sie sich von Rafa in dieselbe Kategorie gesteckt sah, in die er alle anderen Mädchen auch steckte - Material zur emotionalen Ausbeutung.
"Wenn man mit allen möglichen Leuten ins Bett geht und die Verhältnisse klar sind, finde ich das völlig in Ordnung", meint sie. "Aber mit den Gefühlen anderer Menschen zu spielen, das ist das allerallerletzte."
"Ja, und genau das macht Rafa!" konnte ich aus eigener Erfahrung bestätigen. "Genau darum geht es ihm doch, und nur darum!"
Ich denke nicht, daß sexuelle Bedürfnisse der Grund für Rafas Verführungssucht sind. Ich denke, es geht ihm darum, Menschen zu quälen und sich dadurch seiner Kontrolle über sie zu vergewissern. Rafa will wahrscheinlich durch das Gefühl der Überlegenheit erreichen, daß er sich selbst als wertvoller erlebt.
"Er hat allen Mädchen vorgespielt, sie seien für ihn die ganz große Liebe", hat Beatrice schon damals mitbekommen. "Und er hatte das ganze 'Elizium' durch."
Rafa soll wahllos zu allen Mädchen gesagt haben, was für wunderschöne Augen sie hätten. Aus dieser "Augen-Masche" ist wohl auch sein Lied "Deine Augen" entstanden.
Beatrices Verhältnis zu Rafa war freundschaftlich. Daß er nach der Trennung von Francesca mit Beatrice ein Verhältnis anfangen wollte, kann auch als Seitenhieb gegen Francesca gedacht gewesen sein, durch die er sich wohl sehr gekränkt fühlte, weil sie ihn verlassen hatte (und nicht er sie).
Beatrice hat nach dem Gespräch auf der Galerie kein Wort mehr mit Rafa gewechselt, wodurch er sich auch sehr gekränkt gefühlt haben dürfte. Als sie längere Zeit danach im "Elizium" an ihm vorbeiging, hörte sie, wie er Dolf zuzischte:
"Diese arrogante Zicke!"
Mit Luisa hat Beatrice sich gut verstanden. Luisa soll sich zum Ausgehen immer stark geschminkt haben. Ohne Schminke soll sie wie ein anderer Mensch ausgesehen haben.
Neulich hat mich Schwester Mimi, die auf derselben Station arbeitet wie ich, gefragt, wie man an Viagra kommt. Als ein Pharmareferent Viagra mitbrachte, hat sie zu Hause ihre Pflanzen damit gedüngt. Die seien daraufhin gewachsen wie noch nie. Jetzt ist das Viagra alle, und sie möchte neues besorgen. Meine Kollegin Undine und ich empfahlen ihr, es erst einmal mit gewöhnlichem Flüssigdünger zu versuchen. Meine Pflanzen gedeihen gut damit.
Als Constri abends bei mir zum Kaffee war, lag Denise rücklings auf ihrem Schoß, griff sich ein Bein des Hochstühlchens, das ich für sie bei mir stehen habe, und knallte es in regelmäßigen Abständen auf den Fußboden.
"Die Liebe zum Lärm kommt durch", stellten wir fest. "Sie wird auch Industrial-Fan."
In Rafas Forum berichtete ein Fan namens "Satana", es gebe auf der Homepage von Das P. ungewöhnliche Bilder von Rafa. Auf diesen Bildern sind Rafa und Darius zu sehen, weiß gepudert und mit schwarzem Kajal geschminkt, mit hochgestellten Haaren, wie Darius sich meistens zurechtmacht und Rafa sich früher zurechtgemacht hat. Satana schwärmt:

*schmelz*

Als "secrets still secrets" schrieb ich:

So hat Rafa früher immer ausgesehen, hat mir auch besser gefallen als der Anzug-Look.

Mandy schrieb:

Die Bilder können sich wirklich sehen lassen!!!
Respekt an Models und Fotografen!

GENERVT schrieb:

Hm ja, würde sagen: Geschmackssache ... nur gut, dass man sich weiterentwickeln kann und darf (und in Honeys Fall auch sollte ;o)).

Ein Fan namens "Princess" schrieb:

Die Bilder sind wirklich nicht schlecht ... aber ich muß sagen, dass Honey mir im Anzug auch besser gefällt ... (Männer im Anzug, toll *GG*)

Im einem Traum war ich auf einem Festival, wo auch Rafa ein Konzert geben sollte. Im Publikum geriet ich unter Rafas Fans, die sich nach und nach zu einer Art Chor formten und Kirchenlieder sangen, um ihrer Verehrung für Rafa Ausdruck zu verleihen. Ich sah zu, daß ich aus dem Gedränge herauskam.

In Rafas Forum ging die Diskussion zum Thema "Steckbrief" weiter. Tron schrieb:

Der Mensch als solches ist sehr widersprüchlich, hat er dies erst erkannt, kann er an dem "Problem" arbeiten, das Optimum wird man nie erreichen, aber wie heisst es so schön: "Der Weg ist das Ziel" ... (Wir wollen keine Menschen sein) Es wäre völlig falsch, wenn man merkt, fehlerbehaftet zu sein, den Kopf in den Sand zu stecken, nach dem Motto: "Was kann ich schon ändern?", aufhört, an sich zu arbeiten. Ich finde die Songs, in denen diese Widersprüchlichkeit, Zerrissenheit zum Ausdruck kommt, am stärksten. Z.B. "Rosa Zeiten" oder "Contergan". Es ist eine bestimmte Art, zu denken.

Wave schrieb:

Man sollte nicht immer alles auf die Goldwaage legen und wenigstens ein bisschen Ironie in die Sache reinbringen.

Ich schrieb als "endless loop":

Es geht mir darum, Widersprüche aufzulösen. Wie paßt der Rat, etwas aus seinem Leben zu machen, zu dem Wunsch, alle Menschen zu töten?

Tron äußerte sich hierzu verallgemeinernd:

@endless loop:
Ist doch ganz einfach, durch den Widerspruch werden die kleinen grauen Zellen in deinem Hirn angeregt, sich mit dem Thema zu beschäftigen ...

GENERVT wollte lieber nicht über das Thema nachdenken:

Ich weiß gar nicht, warum man sich über andere Menschen und ihre Widersprüche immer so viele Gedanken machen muss ...?! (auch wenn es kleine ;) Götter sind [Ironie aus])
Denkt doch einfach mal über euch selber nach, ihr werdet staunen, was es da alles zu entdecken gibt ...!

Tron erwiderte:

@GENERVT:
Widersprüche ? ;)))

Valerien erhitzte sich:

"Widersprüche aufzulösen'"??? Ich bin sofort dabei! Wenn vielleicht noch ein Hinweis käme, WIE dabei vorzugehen ist ...
Das nächste Mal bei "McGlutamat" an verhungernde Kinder denken - oder gar was tun?
Das Thema wird gerade in den Boulevard-Medien wieder pünktlich zur Adventszeit breitgetreten. Diejenigen, die 11 Monate vom Jahr nur aus der Welt der Reichen und Schönen berichten, betteln jetzt wieder um Spenden vom kleinen Mann. Der Zweck ist zwar gut, aber die Hintergründe nicht, denn selbst tun diese Leute nicht allzuviel (wenn überhaupt was). Wie bitte kann man also diesen Wiederspruch auflösen? Wohl nur durch die Sprengung der Sendezentralen ...
"... mehr Hirn!" (Zitat in Abwandlung der letzten Worte Goethes)

Dazu schrieb ich als "endless loop":

In meiner Frage geht es nicht um "McGlutamat", Advent, Gehirne oder Boulevard-Medien, sondern nur darum, wie Rafa seinen Rat, aus dem Leben etwas zu machen, vereinbart mit seinem Wunsch, alle Menschen zu töten.

Princess regte sich über mein konkretes Nachfragen auf:

Das, was du hier machst, ist Erbsenzählerei! Und ich muss dir ehrlich mal sagen, dass du Probleme aufwirfst, die eigentlich gar keine sind! Wenn jeder so kleinkariert denken würde wie du, dann ist es mir klar, warum Honey gern die Menschheit ausrotten würde ...
Warum machst du dir um solche Dinge Gedanken? Es gibt viel wichtigere Themen ...

Ich antwortete als "endless loop":

Es geht nicht um Probleme. Es geht um eine Frage. Ich finde es wichtig, über etwas nachzudenken, das einen beschäftigt.

Da giftete GENERVT:

Dann tu das doch! Gern auch für dich! Denn falls du es nicht merkst, wirst du hier keine befriedigende Antwort erhalten. Auch nicht von GOTT persönlich!

Ich antwortete als "endless loop":

Mir geht es nicht darum, jemanden anzugreifen, sondern nur um das, wozu dieses Forum gedacht ist.

Ein Fan namens "Luciferine" giftete:

Wenn man sich Deine Nachrichten im Gesamten so ansieht, scheint es, als hättest Du nur ein Ziel (neben dem Nerven sämtlicher Leser): in Kontakt mit Honey zu treten. Wenn Du ihn doch von früher kennst, wo Du ihn so viel hübscher fandest, dann sprich ihn doch im "Read Only Memory" oder sonstwo bei nächster Gelegenheit an. Ich bin davon überzeugt, danach unterlässt Du solch nervigen / sinnlosen Konversationsversuche. Hoffentlich!

Als "endless loop" antwortete ich:

Daß er auf meine Fragen nicht antworten muß, weiß Rafa selber. Mir geht es hier vor allem darum, das Mißverständnis aufzuklären, die Fragen, die ich stelle, würden in irgendeiner Form mit Angriffen, "McGlutamat", Gehirnen, Gott persönlich oder irgendwelchen Katastrophen zu tun haben. Damit werden sie anscheinend von manchen verwechselt. Ich stelle nur konkrete Fragen, und wenn es darauf keine Antwort gibt, finde ich das nicht schlimm. Dennoch gibt es Menschen, die sich anscheinend gerade durch konkrete Fragen angegriffen fühlen und mit Verallgemeinerungen kontern.

Princess zeigte sich nun versöhnlich:

Ist euch eigentlich schon aufgefallen, dass wir ziemlich weit vom Thema abgekommen sind?!
Naja, zurück dazu ... ich denke, dass er seinen Wunsch, die Menschheit auszurotten, allein darauf bezieht, dass diese "Zivilisation", wie sie jetzt existiert, einfach nicht wert ist, weiter fortgeführt zu werden ... jeder verrät seinen besten Freund, wenn das Geld stimmt etc., diese ganze Oberflächlichkeit wie z.B. diese Spendenaktionen in der Adventszeit ...
Wobei ich finde, dass der Wunsch nach Leben nicht unbedingt ein Widerspruch ist, es müsste halt nur ein besseres Leben sein, als es in dieser Gesellschaft möglich ist :-)

Ich meinte als "endless loop":

Das könnte wahrscheinlich etwa so begründet sein.

Die Fans scheinen mit der Vorstellung überfordert, etwas zu hinterfragen, das ihr "Gott" Rafa ihnen gepredigt hat. Vor allem ein Widerspruch fällt mir bei den Fans auf: Sie plappern gebetsmühlenartig Rafas Leitsatz nach, man solle "sein Gehirn benutzen", doch wenn jemand wirklich über etwas nachdenkt und zum Nachdenken auffordert, werden sie aggressiv, lenken von den gestellten Fragen ab und verfallen in Verallgemeinerungen.
Am Mittwoch war ich mit Claudius, Taidi und Annick im "Zone". Ich unterhielt mich mit ihnen und den Leuten, die ich dort traf, über die Fragen, die ich Rafa in dessen Forum gestellt habe, und die Reaktionen seiner Fans.
"Wer dumm ist und deine Fragen nicht versteht, kann auch nicht gezielt darauf antworten", meinte Barnet. "Der schießt einfach nur wild um sich."
"Weshalb fühlen sich diese Leute aber angegriffen von Fragen, die sie nicht verstehen?" fragte ich.
"Sie sind wütend, weil sie dich nicht verstehen können, und sie halten dich für überheblich, weil sie merken, daß du schlauer bist als sie."
"Die Fans in Rafas Forum haben eine formelhafte Kommunikation", meinte Claire. "Die Kommunikation folgt festgelegten Regeln und bleibt an der Oberfläche."
"Und ich frage nach Hintergründen."
"Was lösen deine Fragen in denen aus?" überlegte Claire. "Vielleicht Angst. Es macht Angst, wenn jemand ausschert."
"Und es macht offenbar auch aggressiv", vermutete ich.
"Wer aus der Menge ausbricht, verliert deren Schutz und eignet sich als Zielobjekt für Aggressionen", meinte Claire.
"Die Menschheit ausrotten zu wollen ist auch aggressiv", meinte Annick.
"Sicher ist Rafa auch aggressiv", bestätigte ich. "Er gehört eben auch zu denen, die mit sich selbst nicht im Reinen sind und deshalb Aggressionen aufbauen."
Annick vermutete, Rafa möchte die Menschheit im Interesse des übrigen irdischen Lebens vernichten.
"Vordergründig ist das wahrscheinlich so", meinte ich. "Im Hintergrund steht jedoch sehr wahrscheinlich etwas anderes. Rafa hat Angst, von anderen Menschen abgelehnt zu werden, im privaten und im beruflichen Bereich. Und wenn er die Menschen vernichtet, kann er sich nicht mehr vor ihnen fürchten."



Am Freitag kam ich mit Victoire und zweien ihrer Bekannten gegen acht Uhr abends in die "Unterwelt". In der halben Stunde, die seit dem offiziellen Beginn des heute stattfindenden Festivals vergangen war, hatten Darius und Rafa bereits ihren gesamten Auftritt hinter sich gebracht. Wir hatten uns alle beeilt, aber keine Chance mehr gehabt, irgendetwas davon mitzubekommen. Im Publikum stand noch für kurze Zeit Berenice, Darius begrüßte mich, Rafa sah ich aber nirgends. Ich freute mich an dem Auftritt von KiEw, die ich bei dem diesjährigen Sommerfestival im "Read Only Memory" nur zur Hälfte gesehen hatte, weil sie so früh auftraten.
Ich hatte mein Kleid aus durchsichtiger Plastikfolie an, mit weißem und grauem Dessous darunter, einer schulterfreien beigefarbenen Knitterbluse darüber und perlmuttfarbenem Schmuck. Das Kleid zerfällt gerade endgültig; das Material hält nur wenige Jahre.
Viele Mädchen imitierten die elegante Garderobe der Sängerin von L'âme immortelle, ein Corsagenkleid mit Spaghettiträgern und langem, weitem Rock. Das schrillste Kostüm des Abends war wohl das nicht jugendfreie Outfit eines Herrn, der nichts trug außer einem Genital-Geschirr, Piercings, Tattoos, einem langen Kunsthaar-Zopf und schweren Stiefeln. Das Kostüm, das mir am besten gefiel, war ein "Zwangskleid". Ein Mädchen mit einem langen geflochtenen Zopf trug es, ein helles Etuikleid aus Baumwolle, hinten mit mehreren Schnallenriemen geschlossen, im Stil einer Zwangsjacke, wie sie KiEw-Sänger T.D. trägt. Das Mädchen war aber nicht mit den Ärmeln des Kleides gefesselt.
Victoire erzählte von ihrer konflikthaften Beziehung mit Shara. Sie fühlte sich von ihm entwertet und hat den Eindruck, daß er die Menschen und die Geschehnisse um ihn herum überwiegend nach seinen eigenen Maßstäben beurteilt und andere kaum gelten läßt. Seit sie sich von ihm getrennt hat, klagt und klammert er und will sie nicht in Ruhe lassen. Victoire fühlt sich ihm nach wie vor verbunden und schätzt ihn als Gesprächspartner, weshalb er ihr inzwischen auch fehlt. Sie sieht sich aber nur dann imstande, weiter freundschaftlichen Kontakt zu ihm zu halten, wenn er ihren Wunsch nach Abstand und Eigenständigkeit respektiert.
Während des Auftritts von Mila Mar ging ich mit Victoire in einen Barraum vor dem Konzertsaal, damit wir ungestörter reden konnten. Rechts von uns ging Rafa an uns vorbei, seine Freundin wie eine Trophäe an sich klammernd. Ich sah ihn von hinten, wie er mit eiligen Schritten samt der Freundin durch die Metalltür ins Backstage marschierte, die sich neben der Theke befindet. Er trug sein schwarzes Sakko und die schwarze Hose mit den Kreuzen darauf. Die Haare waren nicht hochgestellt. In den Ohren trug er seine silbernen Creolen. Eine Brille hatte er nicht auf. Ich stellte mich mit Victoire vor eine Mauer schräg gegenüber der Metalltür. Rafa kam wenige Augenblicke später wieder zum Vorschein und ging erneut mit eiligen Schritten an uns vorbei. Die Freundin führte er dieses Mal auf der mir abgewandten Seite neben sich her. Als Rafas und meine Blicke sich trafen, erhellte sich sein Gesichtsausdruck. Er machte seine Augen weit auf und drehte sie nach links oben, eine Miene, als wollte er mir freudig zurufen:
"Aach! Du bist ja da!"
Er hatte wohl bemerkt, daß ich meine rechte Hand anhob, bereit zum Zugreifen. Er hob wie abwehrend ein Stückchen seine Rechte und achtete auf sicheren Abstand. Gesichtsausdruck und Gesten hatte er so übermittelt, daß Berenice davon nichts bemerken konnte.
Mit Berenice verschwand Rafa im Konzertsaal, und ich sagte zu Victoire:
"Jetzt sagt er ihr, sie soll kurz warten, und dann geht er hier nochmal vorbei."
Rafa kam mit einem fremden blonden Mädchen nochmals eilig an uns vorbei, sie auf der mir abgewandten Seite. Er hielt einen noch großzügigeren Sicherheitsabstand zu mir ein und warf mir im Vorbeigehen einen kurzen Blick zu, gerade in meine Augen. Kurz darauf ging er mit dem blonden Mädchen an Victoire und mir vorbei zurück in den Konzertsaal, die Augen nun hinter einer getönten Brille verborgen. Dann ging er noch einmal geschäftig mit Berenice ins Backstage, kam mit einen Poster und Berenice wieder heraus und ging mit allem, Berenice, dem Poster und der Sonnenbrille, die Treppen hinauf zum Ausgang.
Berenice ließ ihre Föhnfrisur lose herunterhängen und hatte einen taillierten schwarzen Hosenanzug an. Sie schien sich an Rafas Seite als die vollkommene Frau zu fühlen, und er schien ihr das auch vermitteln zu wollen. Gemeinsam schienen sie auf den Rest der Menschheit herabzublicken, als wollten sie sagen:
"Wir machen hier nur das, wofür wir bezahlt werden, ansonsten interessiert uns diese Party nicht."
Etwas später kam Les und begrüßte mich. Darius gesellte sich dazu. Er war mit seiner Freundin hergekommen, nicht gemeinsam mit Rafa und Berenice. Das kann daran gelegen haben, daß Rafa und Berenice nach dem Festival noch zu einer Computer-Party wollten, die "Salix" heißt und jedes Jahr stattfindet. Diese Party dauert das gesamte Wochenende und ist ein Treffen von Fans historischer Rechner. Auf ihrer Internet-Seite macht Berenice viel Werbung für solche Parties und unterstreicht, daß "Honey" und sie gemeinsam dorthin fahren.
Darius fragte mich, ob ich das Konzert von Das P. gesehen hatte.
"Ich hätte es so gerne gesehen", seufzte ich. "Ich habe es aber nicht mehr geschafft, weil ihr so früh gespielt habt. Dabei war ich so neugierig."
"Fast hätten wir gar nicht gespielt", erzählte Darius, halb zu Les gewandt. "Unser König Honey ist nämlich gerade fünf Minuten vor Konzertbeginn dagewesen. Wir konnten keinen Soundcheck mehr machen, nichts. Und er hatte mir noch gesagt, ich soll alles ordentlich vorbereiten! Und er selber ..."
Die Rollenverteilung ist vorhersehbar, wenn Rafa mit anderen Leuten zusammenarbeitet. Er dirigiert, die übrigen sind Handlanger. Menschen wie ich, mit denen Rafa ein solches System nicht aufbauen kann, meidet er.
Victoire und ich wandelten durch die "Unterwelt", eine Location, die über mehrere Stockwerke reicht. Auf einem Treppenabsatz gab es Verkaufsstände mit Underground-Mode. Eine der Designerinnen erzählte, daß sie noch auf der Suche nach Modellen für den Online-Katalog war und daß ich gerne dabei sein könnte. Die Firma hat ihren Sitz aber in E., und das ist mehr als zweihundert Kilometer von H. entfernt.
"Hach", seufzte ich in Gedanken, "das wäre ein Spaß gewesen. Aber wer weiß ... ich hätte dafür bestimmt diese klebrig-engen Lycra-Strumpfhosen anziehen müssen, die kann ich gar nicht haben."
Bei Victoire in E. übernachtete außer mir auch Victoires Freundin Janina. Am Samstagmittag fuhren Victoire, Janina und ich nach OB. Wir aßen Waffeln und Snacks in einem Bistro. Während Janina in einer vom Adventsrummel überfluteten Ladenpassage einzukaufen versuchte, besichtigten Victoire und ich den nahegelegenen Gasometer, ein Industriedenkmal. Der gewaltige Gasbehälter diente einst zum Druckausgleich für Gasleitungen und ist heute nicht mehr erforderlich, weil die modernen Pumpen den Druck in den Leitungen genügend steuern können. Der Behälter steht neben einer grün berankten Bahnbrücke auf einem geschotterten Platz. Das stählerne Bauwerk hat Zylinderform und ist 117 Meter hoch. Es gibt eine Außentreppe und daneben einen Außenlift. Victoire und ich fuhren mit dem Lift nach oben zu der umgitterten Aussichtsplattform. Victoire machte ihre Höhenangst zu schaffen, und sie fuhr gleich wieder nach unten. Ich lief auf dem Gitterweg herum, auf dem Dach des Behälters, und fotografierte. Dann fuhr ich nach unten und ging mit Victoire in den Behälter. Wir kamen zuerst in einen niedrigen, aber weitläufigen runden Raum, das Erdgeschoß des Gasometers. Ringsherum leuchteten Röhrenlampen an der schwarzgrauen Stahlwand. Schräg verlaufende Streben stützen die oberen Stockwerke. Zu ihnen kommt man über Treppen aus hauchdünnem schwarzem Stahl hinauf. Das zweite Stockwerk ist zugleich das letzte und befindet sich am Boden des ehemaligen Gasbehältnisses. Von einer runden schwarzen Fläche aus führt wie bei einem Amphitheater eine breite gebogene Treppe hinauf zu einem Sockel, wo der Innenaufzug bestiegen werden kann. Dieser Aufzug ist verglast und beleuchtet und trägt die Besucher an der grauschwarzen Wand des Innenraums entlang über hundert Meter hoch bis unters Dach. Der Behälter ist achtundsechzig Meter breit und völlig leer. Aus dem Aufzug blickt man in einen gähnenden Abgrund, der unten von der runden Plattform und sternförmig angeordneten Streben begrenzt wird. Je weiter man nach oben kommt, desto mehr sieht dieses untere Ende mit seiner sternförmig angeordneten Beleuchtung wie ein unirdisches Gebilde aus. Die gegenüberliegende Seite des Behältnisses zieht weit entfernt und grauschwarz an einem vorüber. Jeder Laut wird dumpf von den Stahlwänden zurückgegeben und versinkt dann im Nichts. An elf Stationen kann der Lift halten. Nach unten führt er bis ins Erdgeschoß, nach oben trifft jeder Halt auf eine Tür, durch die Außentreppe und Außenlift erreicht werden können. Ansonsten empfängt einen auf den oberen Etagen jeweils nur eine kleine vergitterte Plattform, gerade ausreichend, um Fotos zu machen. Die elfte Etage befindet sich am Rand des Daches. Dieses hat sternförmig angeordnete Fenster und einen von Streben gestützten Aufsatz mit einem Kranz von Seitenfenstern. Wenn man nicht in den Abgrund blickt, erscheint diese Ebene harmlos und wie das Dach einer gewöhnlichen Halle, weil das Tageslicht sie erreicht und die Wand hier oben in einem hellen Beige gestrichen ist.
Victoire wartete unten. Wir fotografierten uns draußen vor dem Stahlbehälter gegenseitig, in der Dämmerung des Nachmittags.
Abends war ich in Bu., einer Kleinstadt nahe bei H., wo Ray seinen Geburtstag feierte. Er lebt seit einiger Zeit wieder bei seiner Großmutter, die ihn aufgezogen hat. Seine Mutter war sehr jung, als er zur Welt kam, und lange Zeit glaubte er, sie wäre seine Schwester. Ray hat weder Hauptschulabschluß noch Ausbildung, und das Arbeiten macht ihm keinen besonderen Spaß. Er führt bei seiner Großmutter das Leben eines Kindes, nur mit dem Unterschied, daß Kinder in aller Regel zur Schule gehen und Ray überhaupt nichts tut.
Terry und Linus traf ich auch bei Ray. Terry macht eine Umschulung zur Bürokauffrau. Sie fühlt sich unterfordert, hofft aber auf eine Stelle, in der mehr Können verlangt wird.
Lana mailte aus Indien:

Hab' es geschafft, bin in Gujarat, völlig abgefahren, hier ziehen Kamele Karren hinter sich her. Das Krankenhaus ist basic, die Patienten verstehen mich leider nicht, und die Schrift kann ich auch nicht lesen, das ist in Goa anders, aber ich habe Dolmetscher. Therapie und Diagnostik sind sehr interessant.

Mit "basic" meint Lana wahrscheinlich, daß das Krankenhaus, in dem sie während ihres Aufenthalts in Indien arbeitet und eine Ayurveda-Ausbildung macht, nur dürftig ausgestattet ist.
Über die indische Tierwelt mailte Lana:

Also, ich mache neben neuen schulmedizinischen und ayurvedischen Erfahrungen auch Bekanntschaft mit den Tieren hier, gestern wurde ich von Affen geweckt, die Früchte vom Baum runterwarfen. Überall sind kleine Eichhörnchen, Mäuse und Kamele.

Ich erzählte Lana vom Gasometer und empfahl ihr, sich das Bauwerk im Internet anzuschauen; es sei umwerfend.
An Kollegin Patrice mailte ich:

Auf die Schnelle haben unsere Kollegen Herko und Wilrun von Landau noch eine Ärzte-Weihnachtsfeier organisiert. Die Feier findet in Form eines Essens in einem Freßtempel in BS. statt, die Menus haben Phantasiepreise, Auswahl gibt's praktisch nicht: zwischen ganzen zwei Menus kann man wählen, das eine für 22,50 Euro oder so, das andere für 34,50 Euro oder so ähnlich. (Dafür kann man daheim glatt ein schickes Essen für sechs Personen zubereiten.) Und Getränke kosten natürlich auch noch! Klar, daß man an dem Abend locker mit 50 Euro dabei sein kann, wir kriegen ja auch so umwerfend viel Weihnachtsgeld ... also, ob ich mir das geben muß, weiß ich noch nicht. Wie siehst du das? Appetit?
Hab den Namen von der Luxus-Futterküche grad vergessen. Ach ja, zum Thema Futterküche ... Kartoffeln direkt aus der Futterküche sind lecker. Sogar mit Schale und ohne Salz.

Im Grunde war ich froh, am Tag der Weihnachtsfeier Nachtdienst zu haben. So erübrigte sich die Entscheidung, ob ich hinging oder nicht.
Am Sonntag waren Constri, Denise und ich zum Adventskaffee bei Merle und Elaine. Elaine bewirtete uns schon genauso aufmerksam und zuvorkommend, wie ihre Mutter es tut. Sie zeigte uns die afrikanische Trommel, die sie spielen lernt. Pharao gibt einer Kindergruppe jeden Montag Unterricht im Trommeln. Elaine nimmt daran teil. Sie ließ auch Denise auf die Trommel hauen. Denise saß konzentriert davor und versuchte zu "begreifen", was das denn wohl sei.
Elaine und Constri haben wie jedes Jahr von mir - eigentlich vom Nikolaus - ihre Adventskalender-Päckchenkette bekommen. In dem Geburtstags-Päckchen am 22.12. verbirgt sich für Elaine ein Funkwecker, zu Heiligabend gibt es einen Schlafanzug, und für Constri gibt es zu Heiligabend ein digitales Thermometer.
Elaine betrachtete immer wieder gespannt ihre Päckchenkette. Über das große Päckchen, in dem sich der Schlafanzug befindet, rätselte sie besonders.
Zum ersten Advent hatte ich für Elaine ein Papphäuschen mit herzförmigen Lebkuchen mitgebracht, wie sie es jedes Jahr bekommt. Merle erzählte, daß diese Häuschen nach dem Aufessen der Lebkuchen unterschiedliche Funktionen übernehmen, etwa die einer Schmuckschatulle.
Am Boden des Häuschens liegt immer ein Zettel mit der diesjährigen "Lebkuchengeschichte" des Herstellers. Elaine las uns die romantische Geschichte von dem Lebküchner-Gesellen vor, der sich in die Tochter seines Meisters verliebt. Weil er in seiner Liebestrunkenheit eigenwillige Kreationen aus dem Teig zaubert, wirft ihn der Meister hinaus, der ihn ohnehin nicht gerne als Schwiegersohn gesehen hätte. Der Geselle kann die eigenwilligen Lebkuchen auf dem Weihnachtsmarkt gut verkaufen, weiß danach aber nicht mehr, wohin er sich wenden soll. Da hat inzwischen der Meister erkannt, wieviel Arbeit ihm der Geselle abgenommen hat, die er alleine nicht mehr schafft. Eilig holt er den Gesellen zurück und gibt ihm als Dank seine Tochter zur Frau.
Für Constri und mich hatte Elaine auch etwas. Sie zeigte uns einen Haufen "Glücks-Edelsteine", aus dem sich jede einen aussuchen durfte. Ich nahm einen violetten Amethyst und tat ihn in mein Portemonnaie.
Für Denise habe ich einen Baby-Adventskalender gebastelt. Vierundzwanzig Baumwolltaschen, die sich bei vielen Einkäufen angesammelt hatten, habe ich taubenblau gefärbt, ordentlich gebügelt und mit Glitzerkleber numeriert. Sie werden mit einem einfachen Nummern-Fahrradschloß zusammengehalten, an dem sie an einen Haken gehängt werden können. Jeden Tag nimmt Constri die entsprechende Tasche ab und gibt sie Denise, die darin nach Bauklötzen und Duplo-Legosteinen suchen kann. Zu Nikolaus gibt es eine Schachtel "Babys erster Keks", in weiteren Taschen befinden sich eine Plüsch-Spinne, eine Plüsch-Fledermaus und zu Heiligabend ein weiches, quietschendes Naturgummi-Spieltier.
Für Ida habe ich einen Online-Adventskalender in meine Website integriert, der sich auch an alle anderen Besucher der Website richtet. Jeden Tag gibt es da Naturaufnahmen zu sehen, jahreszeitlich passend mit Herbst- und Wintermotiven.
Layana hat für die Homepage ihrer Band einen Adventskalender gestaltet, bei dem ihre Schwester ihr geholfen hat. Man sieht eine verwunschen wirkende, von Fledermäusen umschwirrte Kirche mit vierundzwanzig Türchen, die erst am jeweiligen Tag geöffnet werden können.
Constri hat mir als Adventskalender eine CD-ROM gestaltet. Auf einem leuchtend orangefarbenen Tableau erscheinen zuerst blinkende Sternchen, dann in einem Kometen der Schriftzug "Adventskalender für Gustl", dann wird die Schrift ersetzt durch die Zahlen von 1 bis 24, die angeklickt werden können.
Seit Derek mich "Gustl" nennt, nennt Constri mich auch "Gustl".
Constri hat Seth kürzlich in der Sparkasse getroffen. Er berichtete, daß er seine Freundin geheiratet hat, mit der er kurz nach der Trennung von Rikka zusammengekommen ist. Die Hochzeit fand - durch Zufall - am selben Tage statt wie die Hochzeit von Xentrix und genau ein Jahr nach der Hochzeit von Constri und Derek. Daß es sich bei dem Hochzeitsdatum um das von Karl-Koch-Fans mystifizierte "Illuminatendatum" handelte - den 23.05.2003 -, hatte Seth sich bei der Terminvergabe nicht bewußt gemacht.
U.W. ist mir in der Stadt begegnet. Wir haben in der Markthalle bei U.W.'s Lieblingsitaliener Cappuccino getrunken, den ich dort sehr lecker finde. U.W. treibt Handel im Internet, zur Aufbesserung seines Geldes vom Amt. Eine reguläre Arbeit fehlt ihm nach wie vor.
Als ich U.W. mitnahm zu Svenson, der in der Nähe wohnt, unterhielten sich die beiden über Designermöbel, neue wie gebrauchte. U.W. möchte auch mit Svenson Handel treiben. Svenson kommt das nicht ungelegen, weil er selbst gerne Designermöbel ankauft und später zum Teil weiterverkauft. Das scheint auch das Schicksal der lebensgroßen "Sailor Moon"-Puppe geworden zu sein, die vor Jahren bei Svenson im Flur stand.
Auf der Homepage der "Salix"-Organisatoren sind inzwischen aktuelle Fotos zu sehen, auch von Rafa und Berenice. Berenice zeigt auf ihrer eigenen Homepage nur eine Ankündigung der "Salix 2003" und eine Urkunde, die sie bei dieser Party für die Teilnahme an einer Nachtwanderung "mit großem Mut" erhalten hat. Einen Bericht über diese Party hat sie noch nicht ins Netz gestellt.
Wieder einmal fällt mir auf, wie sehr Berenice auf ihrer Homepage ihre Verbindung mit Rafa betont. Rafa hingegen läßt auf seiner eigenen Website an keiner Stelle erkennen, daß er mit Berenice zusammen ist.

In einem Traum sah ich einen weitläufigen Brennplatz im Moor. Viele Leute kamen dorthin, um etwas zu verbrennen, darunter Möbel, die sie nicht mehr brauchten. Man ging über Aschefelder.

Mich erinnert diese Szene an einem Traum im Herbst 1989, der von Trauer handelte. Die Aschefelder standen für das Verlorene. Damals habe ich die Aschefelder gemalt, ein Bild, das das Dahingehen von Menschen beschreibt. Das Verbrennen von Gegenständen in meinem jetzigen Traum war eine Möglichkeit, Trauer zu verarbeiten.
Am Dienstag kamen Saara, Gwyneth, Constri und Denise abends zu mir. Die zweieinhalbjährige Gwyneth und die zehn Monate alte Denise nahmen Kontakt zueinander auf, Gwyneth durch Ein- und Zwei-Wort-Sätze, Denise durch Abtasten und interessierte Babylaute.
Saara und Svenson haben weiterhin Kontakt. Justin soll edelmütig zu Saara gesagt haben, er wolle ihrem Glück nicht im Wege stehen. Sie müsse letztlich entscheiden, wen sie haben will. So richtig entscheiden kann sie sich aber noch nicht.
In dem CD-ROM-Adventskalender, den ich von Constri bekommen habe, gibt es beim Anklicken der Zahlen kurze Filmchen von Denise zu sehen, wie sie "Mamama ..." sagt oder ihre Spieluhr mit dem Mund aufzieht.
Am Samstag war ich im "Verlies", wo Cyra auflegte. Saverio hatte sich zur Abwechslung völlig kahlgeschoren und erzählte von den Locations, in denen er auflegt. Es sind meistens Bierlokale, keine Tanzläden im eigentlichen Sinne. Fußballfans sollen sich häufig Stücke von Böhse Onkelz wünschen.
"Dann sage ich: 'Die gibt es nur, wenn ihr euch benehmt.'", erzählte Saverio. "'Sonst hält man euch für Rechte.'"
Als ich einmal von der Tanzfläche kam und mich wieder zu Saverio stellte, fragte er mich beiläufig:
"Wollen wir heiraten?"
"Warum willst du denn heiraten?" fragte ich nach.
"Du sollst nicht 'warum' fragen, du sollst einfach nur 'ja' sagen", verlangte Saverio.
"Aber ich will doch Rafa heiraten", wandte ich ein.
"Mensch, der ist doch blöd", winkte Saverio ab, "der läuft doch sowieso nur andauernd vor dir weg."
"Stimmt, der ist blöd und läuft nur andauernd vor mir weg", bestätigte ich. "Aber ich will ihn trotzdem heiraten. Daran wird sich wohl in den nächsten zwanzig Jahren nichts ändern."
Gracia schaltete sich ein, Saverios Gesprächspartnerin. Gracia ist korpulent, hatte sich hübsch gestylt und trug ein filigranes Collier aus tief dunkelroten Steinen. Sie erzählte, bei ihr sei es die Band Goethes Erben, insbesondere sei es deren Kopf und Sänger Oswald Henke. Sie zeigte mir einen zierlich tätowierten Kerzenleuchter in ihrem Nacken, den sie wegen Oswald trage. Seit sechs Jahren verehre sie Oswald. Sie habe ihn nie privat kennengelernt, wolle das aber auch nicht:
"Anonym ist das schöner."
Sie sei "eine schüchterne Frau". Sie wolle nur von Ferne für Oswald schwärmen.
"Dann wird da aber keine Ehe draus", meinte ich.
"Das will ich ja auch gar nicht", entgegnete Gracia.

In einem Traum stellte ich fest, daß Rafa immer dann, wenn ein bestimmtes Thema angesprochen wurde, fürchterliche Kopfschmerzen bekam, wie unter starkem Streß. Welches Thema das war, erfuhr ich nicht.

In einem anderen Traum war Rafa nach langer Zeit endlich wieder in seinem Chatroom, kündigte dies aber so verborgen und so spät an, daß ich es nicht rechtzeitig mitbekam.

Am Mittwoch war ich im "Zone". Ivco hatte sich wieder die Haare hochgestellt und trug eine seiner prachtvollen Uniformjacken. Sie ist über hundert Jahre alt, und im Stadtwald von H. steht das Denkmal eines Offiziers, der genau die gleiche Jacke trägt.
"Zuerst wollte ich mich bei dir dafür bedanken, daß du dir mit deiner Internetseite so viel Mühe machst", sagte Ivco zu mir.
In seiner Firma herrscht immer noch Auftragsmangel, und die dadurch anfallende freie Zeit hat Ivco genutzt, um einen großen Teil von "Im Netz" zu lesen. Laut loslachen mußte er an der Stelle, wo ich den verunglückten Auftritt einer Hippie-Band 1995 im "Barcode" in HH. beschrieben habe, deren Sänger immerzu wiederholte:
"Ihr seid alle Sonnenblumen!"
"Es kommt selten vor, daß ich beim Lesen wirklich lachen muß", erzählte Ivco.
Amüsant fand er auch die Szene im "Elizium", als der Sockenschuß um Rafa und mich herumsprang, besessen vom Wahn.
"Obwohl das für dich eher traurig war", fügte Ivco hinzu.
Er war erstaunt darüber, daß ich viel mit Daria zu tun gehabt habe, die 1994 in SHG. lebte. Ich erzählte, daß ich nicht weiß, wo sie geblieben ist; vor etwa acht Jahren habe ich sie zuletzt gesehen. Daria soll damals aus der Schwarzen Szene in die Rock-Szene gewechselt sein und sich ab und zu in einer Rock-Discothek gezeigt haben, die später zum "Verlies" wurde.
Ivco findet vor allem die kleinen Geschichten aus der Szene spannend, die ich in "Im Netz" nebenbei erzähle und weiterverfolge.
Als "Warren Suicide" von Warren Suicide lief, ging Ivco sogar mit auf die Tanzfläche, obwohl das Stück ziemlich straighte, monotone Electro-Beats hat und Ivco immer wieder betont, daß zwischen seinem und meinem Musikgeschmack Welten liegen.
Ivco stellte mir ein Mädchen namens Saldis vor, das mich aus dem "Zone" vom Sehen kennt. Sie ist groß, schlank und hübsch und trägt lange schwarze Haare und einen kurzen Pony. Sie stylt sich gern immer wieder unterschiedlich. Saldis erklärte Ivco gerade, was Dada ist. Sie ist sehr gebildet, und Ivco und Saldis fanden heraus, daß sie ein besseres Abitur hat als er.
Ivco empfahl Saldis, meine Homepage anzuschauen.
"Was glaubst du, was ich schon Werbung für deine Homepage gemacht habe", sagte Ivco zu mir.
Er scheint so begeistert davon zu sein, daß er allerlei Leuten davon erzählt.
In der Kaffeestube des "Zone" gab Ivco mir Cappuccino aus. Saldis erzählte, daß sie vor längerer Zeit ihre beste Freundin verloren hat. Von einem Tag auf den anderen verschwand die Freundin spurlos, und Saldis hat nie wieder etwas von ihr gehört.
Ivco erzählte von seinen beruflichen Plänen. Er überlegt, in die Steinmetzfirma seines Bruders einzusteigen. Dort werden vor allem Küchen-Arbeitsplatten aus Naturstein hergestellt, aber auch Treppenstufen und Fensterbänke aus Naturstein.
Ivco macht sich Sorgen wegen des unternehmerischen Risikos. Schließlich müsse er seine Familie ernähren.
"Überleg' dir gut, was dir wichtig ist", riet ich. "Du solltest die Entscheidung so treffen, daß du nicht später immerzu das Gefühl hast, etwas im Leben verpaßt zu haben."
Ivco erzählte, daß er noch nie sicher war, einen bestimmten Beruf unbedingt zu wollen. Er habe vor allem auf Sicherheit gesetzt, da es keinen Beruf gebe, der ihn wirklich fasziniere. Sein Hobby seien historische Uniformen, damit jedoch lasse sich schwerlich Geld verdienen; der Markt sei gesättigt, das Risiko hoch.
Vor einigen Jahren habe er in Brasilien arbeiten wollen, was sich jedoch zerschlug. Immerhin habe ihm das Scheitern dieser Pläne etwas eingebracht, das ihm sonst versagt geblieben wäre:
"Wenn ich in Brasilien hätte arbeiten können, hätte ich in kurzer Zeit so viel verdient, daß ich danach nie mehr hätte arbeiten müssen. Aber ich wäre dann wahrscheinlich nicht verheiratet, und ich hätte auch nicht so eine tolle Tochter."
Ich sagte zu ihm, er brauche sich keine Sorgen zu machen, eines Tages in der Gosse zu landen.
"Man sieht einem Menschen an, ob er das Arbeiten gewohnt ist", meinte ich. "Und du bist nie abgerutscht, du hattest dein Leben immer im Griff und dich selbst auch. In deinem Lebenslauf gibt es keine Lücken. Und das überzeugt die Chefs, bei denen du dich bewirbst."
Hierbei dachte ich an Rafa, dessen Lebenslauf eine bedrohlich große und immer größer werdende Lücke aufweist.
In dem Gästebuch auf Berenices Homepage hat sich ein Kritiker namens "Risus" eingetragen, der seine Kritik recht unsachlich äußert:

Sehr geehrte Frau Soraya. Ihr äußeres Erscheinungsbild scheint geradezu entzückend. Doch glücklicherweise lasse ich mich nicht vom Schein trügen ... - Menschen ohne Herz, Arroganz pur in sich tragend, werden den Weltuntergang wohl nicht verpassen. Verrecke an deiner Selbstsucht. Ach, und auch das Singen sollte gelernt sein. Herzliche Grüße aus dem Jenseits.

Noch weit unsachlicher reagiert darauf eine Vereinigung namens "Perdoctianer":

An die dumme Drecksau unter uns!!!
Hier wird es wohl nur einen Untergang geben, welcher sich auf Dich bezieht, wenn wir Dich in unsere Finger bekommen und Dir Deine Fresse polieren.
Du solltest Dich niemals mit Menschen anlegen, welche sich, nicht nur auf geistiger und körperlicher Ebene, Lichtjahre über Deinem Nievau befinden.
Wir finden Dich!!!
Allein schon in Bezug auf Deine IP-Adresse ...
... und dann Gnade Dir Gott!!!
Die Perdoctianer
⟨O⟩ / ID: 1984-23-DASAUGE

Eine URL ist auch angegeben, die zu der Homepage der "Perdoctianer" führt.
Ich finde es erstaunlich, daß die "Perdoctianer" ihre Ausdrucksweise Lichtjahre über dem Niveau ("Nievau") von "Risus" einordnen.
Die Rechtschreibfehler der "Perdoctianer" - die ich in diesem Text überwiegend korrigiert habe -, die Zahlensymbolik ("1984", "23") und die ebenso überhebliche wie aggressiv-drohende Ausdrucksweise kommen mir irgendwie bekannt vor, aber woher nur?
Laut ihrer Internetpräsenz handelt es sich bei den "Perdoctianern" um eine Vereinigung, die gegen alles Mögliche protestiert und sogenannte "Aktionen" durchführt. Die aggressive, wenig sachliche Ausdrucksweise auf der "Perdocti"-Website läßt an eine extremistische Gruppierung denken, die einen Aufhänger für aggressive Handlungen sucht. Politische Konfliktherde sowie globale und soziale Mißstände müssen herhalten zur Rechtfertigung vermeintlich der Menschheit dienender, jedoch durchaus strafrechtlich relevanter "Demonstrationen", wenn nicht gar Terroraktionen. Ein ähnlicher "Pseudoidealismus", hinter dem sich Aggressivität und Dissozialität verbergen, findet sich bei Gruppierungen wie den "Autonomen".
Unter anderem ist auf der "Perdocti"-Website zu lesen:

Das technische Wissen der Perdoctianer half im Kosovo-Krieg. Munitionsvernichtung erfolgte, bevor sie gegen Menschen eingesetzt werden konnte.

Das erinnert mich daran, wie gern Rafa Silvesterböller abfeuert.
Auch innenpolitisch äußern sich die "Perdoctianer":

Waren Die Grünen in den Anfangszeiten von Perdocti wichtige Verbündete, so haben sie sich doch längst korrumpieren lassen. Das blieb auch von unserer Seite nicht ohne Folgen.

Und man äußert sich zur Macht der Industrie:

Dass man mit der richtigen Ernährung das Krebsrisiko stark senken kann, ist zwar seit Jahren bekannt, wird jedoch von der Pharmaindustrie & Co. nie sonderlich propagiert, da diese Leute keine gesunden Menschen brauchen.

Rafa kann mit der "Perdocti"-Vereinigung schwerlich etwas zu tun haben, müßte er doch wissen, daß das Zigarettenrauchen den Erfolg jeder noch so gesunden Ernährung zunichte macht ... es sei denn, er redet sich ein, man könnte mit "richtiger" Ernährung - was immer er darunter versteht - die schädliche Wirkung des Zigarettenrauchens aufheben.
Am Samstagnachmittag gab ich ein Adventskränzchen. Die Damen brachten Leckereien mit; ich selbst hatte wieder Mürbekekse mit Katastrophen-Motiven gebacken - ganz neu: Waldbrandkekse in Baum-Form, bestäubt mit Kakaopulver - und Mandel-Waffeln mit Zucker und Zimt, die weggegessen waren, bevor die letzten Gäste kamen. Elaine gab Cyra von ihrer Waffel ein Stück ab. Cyra schmeckte das so gut, daß ich ihr versprach, sie bei unserem nächsten gemeinsamen Kaffeetrinken mit Waffeln zu bewirten.
Elaine kümmert sich gern um andere Kinder. Sie spielte mit Celina und Denise; zu dritt saßen sie im Kreis auf einem Teppich und hatten Baufix und Holzklötze vor sich liegen, womit Constri und ich als Kinder schon gespielt haben.
Kurz nach Mitternacht kam ich ins "Read Only Memory". Die Straße dorthin ist schon lange in einem bedenklichen Zustand; wenn es aber regnet, wird das Fahren darauf zu einem echten Risiko. Es bilden sich Pfützen von gewaltigen Ausmaßen, in denen man bis über die Knöchel versinken würde, wenn man hineinträte. Das hatte wohl viele Nachtschwärmer abgeschreckt. Im "Read Only Memory" war nicht viel los.
Als Edaín fragte, wie es mir ginge, erzählte ich ihr von dem Gutachten über einen dissozialen jungen Mann, das ich vor Kurzem abgeschlossen habe. Am gestrigen Freitag war ich in dieser Sache zur Gerichtsverhandlung geladen und faßte das schriftliche Gutachten mündlich zusammen. Der Angeklagte wünschte, mir eine Frage zu stellen, konnte aber keine Frage formulieren, sondern betonte lediglich, er werde nie wieder straffällig werden.
"Das ist keine Frage, was Sie da erzählen, außerdem haben Sie uns das heute schon die ganze Zeit erzählt", unterbrach die Richterin den Angeklagten, "und das wollen wir jetzt auch gar nicht mehr hören."
Edaín erkundigte sich, wie ich mit den Lebens- und Krankengeschichten von Kriminellen und Asozialen seelisch umgehe.
"Ich vergleiche diese Geschichten mit dem, was ich aus meinem Leben und meiner Berufserfahrung schon kenne", erklärte ich, "dadurch relativiert es sich und wird zu dem, was es eigentlich ist - ein Teil des normalen Lebens. Die Welt ist nicht heile und war nie heile, auch meine Welt war nie heile."
"Aber du hattest doch deine Schwester ..."
"Ja, wir sind ein unzertrennliches Gespann. Aber in der Schule bin ich von Anfang an gemobbt worden. Ich konnte bei der Einschulung schon lesen und schreiben, damit konnte die Lehrerin nicht umgehen, und sie hat einen Teil der Mitschüler gegen mich aufgewiegelt."
Edaín erzählte, ihre Mitschüler hätten sie verletzen wollen, indem sie ihr vorwarfen, ihr Vater könne sich auf keinem Elternabend sehen lassen, da er nur saufe und nicht gesellschaftsfähig sei.
"Stimmt", habe sie darauf entgegnet und sich nicht verletzt gefühlt.
Es sei immerhin die Wahrheit gewesen.
Edaíns Mutter sei anstelle des Vaters zu den Elternabenden gegangen und habe sich auch sonst fürsorglich um die Kinder gekümmert. Dennoch habe es zwischen Edaín und ihrer Mutter häufig Streit gegeben, vor allem in Edaíns Teenagerzeit. Damals habe die Mutter die Tochter mehrfach aus dem Haus geworfen. Edaín sei damals ein aufmüpfiger Punk gewesen mit Kahlrasur, grüner Strähne und chlorgebleichten Fleckenjeans. Sie habe sich nie in ihrem Leben etwas gefallen lassen und sei deshalb immer mit sich im Reinen gewesen und geblieben.
Daß die Mutter sich über Edaíns Protesthaltung so sehr aufregte, kann damit zusammenhängen, daß die Mutter in ihrer eigenen Jugend keine Möglichkeit hatte, zu protestieren, obwohl es dafür mehr als genug Gründe gab.
Edaíns Mutter soll einen Konsul als Großvater gehabt haben und unehelich geboren sein, so daß ihr Vater sie nachträglich adoptierte. Der Vater soll sie als wertlosen "Bastard" betrachtet haben. Sie sei wie eine Sklavin herumgestoßen und mißhandelt worden. Durch die schwere Arbeit habe sie Haltungsschäden entwickelt, die die eigenen Eltern nicht bekümmerten, jedoch eines Tages den Großeltern auffielen. Die sorgten dafür, daß Edaíns Mutter in ein Heim verschickt wurde, wo sie wieder gerade gerichtet werden konnte. Das sei die einzige Zeit in ihrem Leben gewesen, wo sie habe Kind sein dürfen. Danach sei es mit Mißhandlungen und Sklavenarbeit weitergegangen. Mit neunzehn Jahren sei sie einmal abends um zwanzig Uhr nach Hause gebracht worden. Das sei ihrem Vater schon zu spät gewesen, und vor allen Anwesenden habe er sie ins Gesicht geschlagen.
Ihr Ehemann habe fortgesetzt, was der Vater begonnen hatte - Demütigungen und Mißhandlungen. An eine Scheidung habe sie nicht zu denken gewagt, bis sie schließlich ihren jetzigen Mann kennengelernt habe, mit dem sie glücklich geworden sei. Edaín betrachtet ihn als ihren eigentlichen Vater.
Edaíns Verhältnis zu ihrer Mutter sei heute freundschaftlich. Beide hätten sich viel zu geben. Edaín wünscht sich, die schlimmen Erlebnisse, die ihre Mutter in der Jugend hatte, im Nachhinein ein Stück weit ausgleichen zu können.
Edaín vermutet, daß sie sich mit Maya auch streiten wird, wenn diese in die Pubertät kommt. Maya werde dann immer mehr ihre eigenen Vorstellungen entwickeln und verteidigen.
Edaín nimmt an, daß Kappa seine Tochter mehr liebt als seine Frau. Das liege wohl daran, daß Mayas Liebe zu Kappa bedingungslos sei und sie ihm immer strahlend begegne, gleich wie zerzaust oder gestreßt er ihr gegenübertrete.
Hierzu stellt sich mir die Frage, ob Edaín ihre Liebe zu Kappa von solchen Kriterien abhängig macht oder ob ihre Liebe ebenso bedingungslos ist und es damit für Kappa keinen Grund geben würde, seine Tochter mehr zu lieben als Edaín.
An einem Reklame-Stand bekam jeder Raucher ein Päckchen Tabak geschenkt mitsamt Blättchen und Feuerzeug, wenn er vor den Augen der Reklame-Leute eine Zigarette drehte. Edaín drehte auch eine und sagte zu mir, sie wisse, mir sei es wichtig, gegen das Rauchen vorzugehen, inbesondere im Hinblick auf Rafa.
"Das ist immer noch so", versicherte ich. "Ich werde immer dagegen sein, daß Rafa raucht, weil es das Leben verkürzt."
Edaín erkundigte sich, wann ich das nächste Kapitel von "Im Netz" online stelle. Sie meinte, durch diese Geschichte habe sie schon viel über die Szene-Welt von H. erfahren. Sie fragte nach, wer sich hinter einigen Gestalten aus "Im Netz" verbirgt, die sie noch nicht zuordnen konnte. Als ich erklärte, wer sich hinter "Darryl" verbirgt, erzählte sie, ebenjener Darryl habe ihr einstmals versichert, er trete unter dem Künstlernamen "Peter S." mit Project Pitchfork auf. Er soll ihr etwas vorgesungen haben, und es soll ihm gelungen sein, die Stimme des echten Peter S. - des Sängers von Project Pitchfork - täuschend echt nachzuahmen.
Das erinnert mich daran, daß Darryl mir vor Jahren auf einem Festival in der "Halle" versichert hat, er werde gleich mit einer der Bands zusammen auf die Bühne gehen ... was dann aber keineswegs der Fall war.
Ende Januar 1998 traf Edaín Darryl in der Discothek "Ashram" und verabredete sich mit ihm für das "Inferno". Dort begegnete ihr Kappa in der Schwingtür zwischen dem vorderen und dem hinteren Saal. Sie kannte ihn bis dahin überhaupt nicht und war von ihm sogleich beeindruckt.
Als Edaín mit Darryl plauderte, näherte sich Kappa und nahm Edaín kurz beiseite. Er meinte, er müsse allein mit ihr reden. Edaín sagte zu Darryl, sie werde sich Kappas Anlage anschauen. Hinterm DJ-Pult wurde Edaín von Kappa gewarnt:
"Du hast mit einem Vergewaltiger geredet."
Er schilderte die Ereignisse, derentwegen Darryl schon vor Gericht erscheinen mußte.
"Kappa war sehr charmant", erzählte Edaín. "Er sagte, ich sei so hübsch, und es wäre schade, wenn meinem Gesicht etwas passieren würde."
Als Kappa nach ihrem Namen fragte und sie ihm sagte, daß sie Edaín heißt, erkundigte er sich, ob sie einen Spitznamen habe.
"In der Spielhalle werde ich 'Angel' genannt", erzählte sie.
Seither nennt Kappa sie "Angel".
Kappa und Edaín tauschten ihre Telefonnummern aus und überlegten, was zu tun wäre, um Edaín heil aus ihrer Lage herauszubringen. Edaín meinte, es sei wohl am besten, Darryl nicht mitzuteilen, was sie alles über ihn wußte, und wieder zu ihm zu fahren und dort ihre Sachen abzuholen. Sie bat Darryl, mit ihr das "Inferno" zu verlassen. Als Begründung gab sie an, ihr gefalle die Musik doch nicht so, wie sie erwartet hätte. Als sie mit Darryl in dessen Wohnung kam, konnte sie den Mund doch nicht halten und warf ihm vor, daß er sich schon an einem Mädchen vergangen habe. Darryl soll daraufhin eine Art Tobsuchtsanfall bekommen haben, so daß Edaín angst und bange wurde. Sie sagte ruhig zu ihm, sie werde jetzt ihre Sachen nehmen und gehen. Er hatte aber die Wohnungstür abgeschlossen. Als Edaín durch sachliches Diskutieren endlich erreicht hatte, daß er wieder aufschloß, lief sie nach unten und setzte sich in ihr Golf-Cabrio, das ihr nur wenig Schutz bot. Darryl verfolgte sie und warf sich vor das Auto, als Edaín gewendet hatte und aus der Sackgasse herausfahren wollte, in der er wohnte. Ihr gelang es, ihm auszuweichen und weiterzufahren. Er hämmerte auf den Kofferraumdeckel und rannte dem Auto nach bis auf die große Ausfallstraße.
Auf dem Weg zurück nach Bad H. erinnerte sich Edaín, daß einige von ihren Sachen noch bei Darryl in der Wohnung lagen. Sie rief Kappa an. Er überredete sie, am selben Morgen zu ihm zu fahren, zurück nach H., obwohl sie schon fast ihr Zuhause erreicht hatte. Als sie bei Kappa war, sorgte er dafür, daß sie ihre Sachen wiederbekam.
"Und dann", schloß sie, "hat die Geschichte von Kappa und mir angefangen."
Ich meinte, es könne durchaus sein, daß Darryl an einer schizophrenen Psychose leide, weil er so bizarre Geschichten erzähle, die weitab von der Wirklichkeit lägen, und weil er so wahnhaft anmutend sein Opfer im Visier habe. Durch die Schilderung seines Verhaltens fühlte ich mich an den Sockenschuß erinnert.
Edaín erkundigte sich, ob ich 1994 auf der Halloween-Party im "Nachtlicht" war. Genna soll sich damals als Mülltüte verkleidet haben. Darryl soll sich als Kappa verkleidet haben. Ich erzählte Edaín, daß ich erst zu dieser Party kam, als sie schon fast vorbei war. Ich schilderte ihr die Ereignisse mit den Skinheads, die Kappa damals als Türsteher beschäftigte, und wie Rafa mich gegen diese Türsteher verteidigt hat, vor allem gegen Lennart Brehler.
"Das war fast das einzige Mal in meinem Leben, daß ich mich als Individuum so verteidigt gefühlt habe", setzte ich hinzu.
Als Edaín sich einer Freundin zuwandte, die während unseres Gesprächs hatte warten müssen, begrüßte mich Puppen-Theo. Ich reichte ihm die Hand und fragte ihn, wie er auf die Idee gekommen sei, die Gothic-Parties in der "Neuen Sachlichkeit" zu veranstalten. Er entgegnete, so etwas dürfe man eigentlich gar nicht erzählen, denn den Ausschlag habe eine Single-Party gegeben. Puppen-Theo hatte schon immer die Fotografien seines Freundes Cyriac bewundert und hin- und herüberlegt, wo man sie ausstellen könne. Als Cyriac ihn zu besagter Single-Party in der "Neuen Sachlichkeit" überredete, stellte Puppen-Theo fest, daß diese Räumlichkeit genau jenes Tempel-Ambiente bot, das ihm für Cyriacs Fotoausstellung vorschwebte. Um einen würdigen Rahmen herzustellen, der genügend Besucher anlockte, veranstaltete Puppen-Theo gemeinsam mit Cyriac die Ausstellung in Form einer aufwendig dekorierten Gothic-Party, aus der sich die beliebte Party-Reihe entwickelte.
Puppen-Theo erzählte, daß mit den Gothic-Parties nichts zu verdienen ist. Die Kosten sind hoch und werden gerade von den Einnahmen gedeckt, obwohl die Parties immer gut besucht sind. Das liegt auch an der hohen Saalmiete, die Kappa bereits abgeschreckt hat.
"Es ist viel Idealismus nötig", meinte Puppen-Theo.

In einem Traum warf mir meine Kollegin Wilrun von Landau vor, ich hätte nach meinem letzten Nachtdienst vergessen, meinen Dienst-Schlüssel beim Pförtner abzugeben; jetzt habe der diensthabende Kollege den Reserveschlüssel verwenden müssen. Ich entgegnete, das könne jedem passieren, und immerhin habe der Kollege doch einen Schlüssel für das Dienstzimmer gehabt und habe dieses nutzen können. Damit gab sich Wilrun von Landau jedoch nicht zufrieden und wurde immer lauter und anmaßender, wie ich es von ihr gewohnt bin. Ich blieb sachlich und eisig und keine Erwiderung schuldig.

Im Laufe des kommenden Tages wurde ich tatsächlich von Wilrun von Landau in einem hochaggressiven, hämisch-süßen Tonfall angegriffen. Ich gab ihr sachlich und bestimmt heraus und ließ nichts auf mir sitzen. Das brachte sie vorerst zum Schweigen.
Nachts war ich im "Zone". Les berichtete, der Pachtvertrag für das "Zone" werde nur noch bis Ende September laufen, dann wechsle der Besitzer, und die Zukunft sei ungewiß. Der Türsteher meinte, es werde bestimmt mit den Tanznächten am Mittwoch und Les als DJ weitergehen.
Barnet erzählte von seiner Hochzeit mit Heloise. Sie heirateten 1988 in Schweden, weil sie außer den Eltern, den Geschwistern und den engsten Vertrauten niemanden sonst dabeihaben wollten. Deswegen waren viele Verwandte wütend; sie vertreten die Ansicht, ein Brautpaar sei dazu verpflichtet, alle näheren Verwandten einzuladen.
Die Trauung fand kirchlich statt, auf Heloises Wunsch. Barnet ist gegenüber der Kirche skeptisch, tritt aber nicht aus. Heloise ist Krankenschwester in einem konfessionellen Haus, und die gemeinsame Tochter Felicity hat kürzlich mit dem Konfirmandenunterricht begonnen.
In der Nachbarschaft von Barnets Kfz-Werkstatt gibt es eine Werkstatt der Lebenshilfe, wo geistig Behinderte beschützt beschäftigt werden. Einige Behinderte laufen manchmal einfach weg. Dies ist noch vergleichsweise harmlos gegenüber einem Vorfall, als mehrere Behinderte eine ihrer Kolleginnen auf die Kreissäge legten. In letzter Minute konnte sie durch eine Betreuungsperson gerettet werden.
Ich erzählte Barnet die anonymisierten Geschichten von zwei jungen Dissozialen; der eine war derjenige, den ich zur Begutachtung im Strafverfahren hatte, den anderen hatte ich als Psychotherapie-Übungs-Patient. Der begutachtete Straftäter hat in seinen zwanzig Lebensjahren ein Mehrfaches an Delikten begangen, bis hin zu Bedrohung mit einem Messer und Einbruchdiebstahl. Die Schulzeit verbrachte er in sonderpädagogischen Einrichtungen für verhaltensauffällige Kinder; den Berichten ist zu entnehmen, er habe zwischendurch gern unvermittelt das Schulzimmer verlassen, um draußen "seinen Neigungen nachzugehen", nämlich Gruppen anderer Kinder zu provozieren, bis sich eine Schlägerei entwickelte. In Lerngruppen von mehr als drei Kindern sei er nicht führbar gewesen. Während einer Kanada-Kanu-Tour für schwer erziehbare Jugendliche, die ihm gut gefiel, stieg er in vier Häuser ein. Er war der Ansicht, durch die Kanu-Tour ein besseres Sozialverhalten erlernt zu haben. Anschließend lebte er im selben Heim wie sein alkoholkranker Vater. Beide konsumierten gemeinsam Alkohol und Drogen und stritten sich häufig. Während einer solchen Auseinandersetzung trank der junge Mann nach eigenen Angaben einen halben Liter Benzin. Dieser Benzingenuß hatte laut Krankenhausbericht keine bedrohlichen Folgen.
Um die Lage zu entschärfen, wurde der junge Straftäter in ein pädagogisches Jugendheim umgesetzt. Er beging mehrere Delikte und konnte keinen Versuch einer Berufsanbahnung durchhalten. Er zog, nunmehr volljährig, am Ende die Obdachlosigkeit vor und beging auch wieder "bißchen Straftaten". Er lebte vorübergehend in einem verlassenen Mietshaus, wo die Türen manuell geöffnet werden, weil es keine Schlüssel mehr gibt, und eine Firma illegal die Stromversorgung sicherstellt.
"Da ging es mir gut", meinte er, "ich habe Alkohol getrunken ..."
Die Fahrräder, die er "mitnahm", seien immerhin nicht angeschlossen gewesen. Wenn er sie nicht mehr gebraucht habe, habe er sie in andere Fahrradständer gestellt oder auf die Bundesstraße gelegt. Er könne keine Schlösser knacken. Einem Bekannten habe er für Geld einen Gefallen getan, indem er dessen Fahrrad von einem Altenheim abgeholt habe. Weil er den Schlüssel aus Versehen nicht dabeigehabt habe, habe er in einem Kleingarten eine Flex samt Verlängerungskabel ausgeborgt, im Altenheim gebeten, die Flex dort anschließen zu dürfen, das Fahrradschloß durchgeflext und in den Müll geworfen und dann die Flex samt Kabel zurückgebracht. Das Fahrrad habe er unangeschlossen dem Bekannten gebracht, es ihm aber nicht persönlich übergeben, sondern einfach vor dem Hause stehenlassen.
Als er schließlich ins Gefängnis kam, wollte er vor allem schnell wieder hinaus, da er sich doch geändert habe und nie mehr Straftaten begehen werde. Die Richterin ließ ihn begutachten, und mein Ergebnis war die Diagnose einer dissozialen, auch "antisozial" oder umgangssprachlich "asozial" genannten Persönlichkeitsstörung. Für seine jugendliche Freundin, die ihm während seiner Obdachlosigkeit Geld und Essen gegeben hat, empfindet er wohl durchaus etwas, doch das Schicksal seiner übrigen Mitmenschen scheint ihn kaum bis gar nicht zu berühren. Daß er eine Betreuungsperson des Jugendheims mit einem Messer bedrohte, rechtfertigte er mit:
"Die hat mich doch provoziert."
Die Schuldfähigkeit sehe ich in diesem Falle gegeben. Was zu tun sei, fragte die Richterin. Ich empfahl ein Heim, das ungefähr so fest strukturiert ist wie das Gefängnis, denn im Gefängnis verhält er sich weniger auffällig und lernt sogar lesen und schreiben, wozu er früher nicht motiviert war.
Der andere Dissoziale, von dem ich Barnet erzählte, ist achtundzwanzig Jahre alt und kam wegen "Depressionen" auf die Station, wo ich arbeite. Er schilderte in mehreren Gesprächen, wie er seine Spielsucht betreibt. In Automatenhallen würden die Spieler vereinsamt und übellaunig versuchen, aus jeweils drei bis fünf Automaten gleichzeitig Geld herauszuholen. Das Ergebnis seien immer höhere Schulden. Die Spieler würden sich nicht selten gegenseitig angreifen, mit dem Argument, der jeweils andere hätte die "besseren Automaten" gehabt. Dies sei aber Unsinn, denn alle Automaten seien gleich programmiert.
Die Automaten werden augenscheinlich von den Spielern vermenschlicht, das Geld wird mystifiziert. Ich überlegte, welcher versagende Elternteil für meinen Patienten wohl durch Automaten versinnbildlicht wird. Der Patient erzählte von seiner Mutter, die ihn weder geplant noch gewünscht habe und ihn dies auch habe spüren lassen. Ihr sei es immer nur um Geld gegangen. Nun verwechselte also nach dieser Deutung der Patient den Automaten mit der Mutter und Geld mit Zuwendung.
Geld habe für ihn keinen Wert, es sei nur Mittel zum Zweck, betonte er. Es gehe darum, so viel Geld wie möglich zu haben, um dieses so schnell wie möglich zu verspielen.
Gefühle scheinen bei dem Patienten entweder ebenfalls wertlos oder gar nicht erst vorhanden zu sein. Er meinte, er könne durchaus nachvollziehen, daß man einen Menschen umbringe, weil er etwas habe, daß man selbst gern hätte, er es einem aber nicht geben wolle. Dementsprechend äußerte er seiner Mutter gegenüber Morddrohungen, als diese ihn nicht seinen Wünschen entsprechend aus der Untersuchungshaft herauskaufen wollte.
Bereits im Alter von sechzehn Jahren habe er begonnen, seine Spielsucht durch Kriminalität zu finanzieren. Damals habe ihn in einer verrufenen Kneipe ein zwielichtiger Kerl gebeten, einen verschlossenen Umschlag zu einer bestimmten Adresse zu bringen; dafür werde er zwei andere Umschläge erhalten, der eine sei für ihn selbst, der andere für seinen Auftraggeber. Wie sich später herausgestellt habe, hätten sich in dem Umschlag, den er wegbrachte, Blüten befunden. In dem Umschlag, den er behalten durfte, hätten sich eineinhalbtausend Mark befunden. Er habe daraufhin solche einträglichen Geschäfte weiter betrieben. Sein Vater habe ihm in der Kindheit viel über seine eigene kriminelle Karriere erzählt. Es gebe kaum ein Kapitalverbrechen, das sein Vater nicht begangen habe. Schließlich sei er so tief in die Netze des Rotlichtmilieus verstrickt gewesen, daß er vor der Wahl gestanden habe, sich umbringen zu lassen oder sich selbst umzubringen. Er habe Letzteres gewählt und seinen Sohn zur Halbwaise gemacht. Der sei nun im Teenageralter begierig in seine Fußstapfen getreten, bis hin zur Beteiligung an einem Auftragsmord. Die Verstrickungen in die Netze des Rotlichtmilieus hätten ihn schließlich ebenfalls vor die Entscheidung gestellt, ob er sich umbringen lassen oder sich selbst umbringen wollte. In einer abgelegenen Landschaft habe er ein Pestizid gegessen, das abscheulich geschmeckt habe, und dazu harten Alkohol getrunken. Dann habe er Zigaretten geraucht, bis er bewußtlos geworden sei. Er habe geglaubt, in einer Röhre zu schweben, und am Ende sei da ein helles Licht gewesen. Beim Aufwachen habe er gedacht, nun sei er verrückt. Wie ihm erzählt worden sei, habe ein Hund ihn in letzter Minute entdeckt, so daß er habe gerettet werden können. Dies habe ihn erst sehr wütend gemacht, da sein sorgsam inszenierter Plan nicht funktioniert habe. Er habe jedoch behauptet, sich nicht mehr umbringen zu wollen. Unter dem Nachnamen seiner Mutter habe er in einer anderen Region eine neue Identität erschaffen. Er sei auch weiterhin kriminell gewesen, um seine Spielsucht zu finanzieren, und habe noch zwei weitere Selbstmordversuche unternommen. Er könne sich durchaus vorstellen, in das Rotlichtmilieu zurückzukehren, um Geld zu verdienen, mit dem er seine Schulden begleichen könne. Er wolle danach als Kronzeuge aussagen und seine Identität erneut ändern.
Heloise erzählte von ihrer Arbeit als Krankenschwester. Vor einiger Zeit hatte sie eine Kollegin im Team, die fast täglich eine Art "hysterischen Anfall" bekam, wahrscheinlich eine Panikattacke, und dann ihren Arbeitsplatz verließ mit der Begründung, nicht weiterarbeiten zu können. Heloise sorgte schließlich dafür, daß die Kollegin das Team verlassen mußte. Heloise sah sich mit heftigen Mobbing-Vorwürfen konfrontiert, hätte jedoch ebensowenig wie die Kollegen einen Weg gewußt, die Situation auf andere Weise zu klären.
In Kingston gab es beim Mittagessen in der Kantine neue Geschichten über Kollegin Wilrun von Landau zu hören. Zwei Kollegen verwandelten sich wieder in Schuljungen, als sie sich am Eßtisch darum balgten, wer als Erster seine Geschichte loswerden durfte. Der Kollege, der gewonnen hatte, berichtete, daß Wilrun von Landau sich in der Ärztekonferenz am Vortag fragen lassen mußte, wann sie einen dringenden Brief endlich absende, den sie eigentlich schon lange hätte absenden müssen. Sie soll nur den Mund auf- und zugemacht haben wie die Fische im Aquarium.
Kollege Gardan, der danach an der Reihe war, erzählte, daß Wilrun von Landau schimpfend und lautstark widersprach, als er einen Patienten mit schmerzendem Arm zum Röntgen schicken wollte. Wilrun von Landau war sicher, daß es sich um eine seltene Nervenläsion handelte, über die sie etwas in ihrem Neurologie-Lehrbuch gelesen hatte. Als der Patient dann endlich doch zum Röntgen geschickt wurde, stellte sich heraus, daß Gardans Verdacht stimmte und der Patient sich den Arm gebrochen hatte.
Außerdem wurde am Kantinentisch erzählt, daß Wilrun von Landau gelegentlich auf der Akut-Suchtkrankenstation "wie ein Flaschengeist" erscheint, sich schweigend an den Tisch im Stationszimmer setzt, ein Brötchen ißt und ebenso schweigend wieder verschwindet. Entweder ist sie sich zu fein, um sich mit den Kollegen und dem Personal zu unterhalten ... oder sie kann sich denken, daß mit ihr niemand reden will.
Wilrun von Landau hat einen rasenden Haß auf mich, seit ich in Kingston arbeite, ohne daß vorher von meiner Seite je ein böses Wort gefallen wäre. Es hat mich gewundert, daß ich von ihr fast nur äußerst unfreundliche, hämisch-süßliche und nicht verwertbare Antworten bekam, wenn ich ihr eine sachliche Frage stellte. Es beruhigt mich, daß sie auch gegen andere aggressiv ist und ich nicht allein dastehe.
"Wen sie nicht mag, den mag sie nicht, und das zeigt sie auch", hat mir Kollege Gillian erklärt.
Er bestätigte meine Vermutung, daß es keine sachlichen Gründe gibt für Wilruns Haß. Ich könne also nichts für ihre Aggressivität gegen mich.
Die junge Krankenschwester Amelie, die auf meiner Station arbeitet, hat mich gefragt, ob ich W.E kennen würde.
"Na klar", antwortete ich. "Rafa ist doch der Mann, den ich liebe. Ich kannte ihn schon, bevor er diese elende Band hatte."
"Weißt du denn schon von dem Auftritt am 23. Januar?"
"Natürlich, da gehe ich auch hin. Da spielt doch Das P."
Amelie erzählte, daß eine ihrer Freundinnen inzwischen die Freundin von Darius ist. Sie heißt Dessie und soll schon einige Male für die Szene gemodelt haben, auch im "Bizarr-Bereich", also in Lack, Latex und Leder. Darius lernte sie durch ein Internet-Forum kennen, und weil sie ihm auf Fotos gut gefiel, bat er sie, als Statistin bei dem Video für Das P. mitzumachen. Während der Drehs im "Zone" wurden Darius und Dessie ein Paar.
Rafa soll in dem Video mit Mundschutz und Sonnenbrille zu sehen sein. Amelie findet den Anfang des Videos gut gemacht, wo Rafa und Darius das "Zone" stürmen. Dann aber folge keine Handlung mehr, man sehe nur noch Leute tanzen, und das finde sie doch eher langweilig. Dessie sei übrigens diejenige, die in dem Video mit einer Frau knutscht.
In einem Psychotherapie-Kurs in Kingston unterhielt ich mich mit Kursleiter Hennig über narzißtische Persönlichkeitsstrukturen, also Störungen des Selbstwertgefühls, woran auch Rafa leidet. Hennig erklärte:
"Menschen mit einer narzißtischen Störung verwechseln die Aufmerksamkeit ihres Publikums mit Zuwendung, und wenn sie echte Zuwendung bekommen, erkennen sie sie nicht, weil sie sie nicht kennen."
Das leuchtet mir ein. Rafa verwechselt Verehrung mit Liebe. Und die Liebe, die ich ihm entgegenbringe, erkennt er nicht, weil er wahrhafte, bedingungslose Liebe vorher nie erfahren hat.
Mit Shara tausche ich mich nach wie vor in E-Mails über Rafas Verhalten aus. Er mailte hierzu:

Streß Dich nicht so wegen Rafa. Stell Dir vor, DU müßtest diese ganze Zerrissenheit und Kaputtheit (nicht wertend gemeint) ausbügeln ... ist es das wert? Ist das Deine Bestimmung?

Ich antwortete:

Rafa hat meine Liebe gewiß nicht verdient. Er hat sie aber trotzdem, und zwar nicht, weil ich sie ihm zugeteilt habe. Liebe verteilt man nicht selber. Man kann sie nicht beeinflussen. Man kann sich nur entscheiden, ob man danach leben will oder ob man sie verleugnen will. Und meine Gefühle verleugne ich nicht, weil ich sie als Teil meiner selbst wahrnehme.

Shara mailte:

Ich weiß nicht, ob die Gegenseite etwas verdient oder nicht, wichtiger ist es, ob man selber eine Situation verdient hat oder nicht ;-)

Ich mailte:

Auch wenn ich mit Rafa nicht zusammenkomme, gilt für mich das oberste Gebot, mir selbst treu zu bleiben, auch in meinem Handeln. Ich verleugne weder mich selbst, noch belüge ich andere. Also ist es für mich absurd, mit einem anderen Mann als Rafa ins Bett zu steigen und ihm vorzugaukeln, ich würde von ihm etwas wollen. Mit einer solchen Lüge schadet sich am meisten derjenige, der lügt. Außerdem will ich keine anderen Leute verletzen, indem ich Verliebtheit heuchle. Wenn ich mit einem anderen Mann etwas anfangen würde, würde ich drei Leute beschwindeln und verraten: mich selbst, den anderen Mann und Rafa.

Shara entgegnete, er sei überzeugt, daß es zwischen Mann und Frau keine endgültige, bedingungslose und ausschließliche Liebe gibt. Und er sei überzeugt, daß das auch für mich gelte. Mir ist dieses Phänomen vertraut; manche Menschen glauben, nur weil für sie etwas gelte, müßte es auch für alle übrigen Menschen gelten.
Rafa hat sich inzwischen eine neue Internetpräsenz mit einem neuen, professionell gestalteten Forum online stellen lassen. Die ursprüngliche Internetpräsenz von W.E steht noch online, wird aber fast nur noch in der Rubrik "Nachrichten" aktualisiert; die restlichen Rubriken sind überwiegend auf dem Stand von 2001 geblieben. Die neue Internetpräsenz von W.E besteht vorerst nur aus einer Titelseite und dem frisch angelegten Forum. Rafa will sein bisheriges Forum in den nächsten Tagen offline stellen. In dem neuen Forum können nur registrierte Mitglieder posten. Ich habe mich als "fractal" registriert und als Avatar einen Ausschnitt aus einem Foto hochgeladen, wo Constri mich im Oktober zwischen zwei Kettenvorhängen im Wisentgehege fotografiert hat. Die Fotos sind beeindruckend; man sieht mich umgeben von lauter Ketten und die Schatten weiterer Ketten, die auf mein Gesicht fallen. Passend zu diesem strengen, kontrastreichen Muster trage ich eine schwarzweiß melierte Jacke. Die schweren Kettenvorhänge befinden sich im Eingang einer Voliere und lassen die Besucher hindurch, jedoch nicht die Vögel.
Für den Avatar habe ich einen Auschnitt gewählt, der nur einen Teil meines rechten Auges und Ketten zeigt. Ich habe den Ausschnitt stark verkleinert, in ein Schwarzweißbild verwandelt und die Kontraste verstärkt. Deshalb kann man mich nicht mehr erkennen.
Am Samstag war ich im "Lost Sounds". Andras war gekränkt, weil Beatrice sich von ihm getrennt hat, und er betrachtete sie als verloren. Ich versicherte ihm, er bedeute Beatrice sehr viel, und ihr sei unbedingt daran gelegen, die Freundschaft aufrechtzuerhalten. Er wollte das nicht so recht glauben.
Kitty setzte sich auf der Tanzfläche in Szene. Sie macht ihre ausgreifenden Bewegungen wie automatisch, ohne sie auf den Rhythmus der Musik abzustimmen.
Wendelin Rotauge erzählte begeistert von den Goa-Trance-Parties, die er häufig besucht. Er meinte, zu einer solchen Party müßte ich unbedingt mal mitkommen.
Am Sonntag waren Constri, Denise und ich abends bei Merle und Elaine, um Elaines Geburtstagstisch zu decken. Carl kam auch dazu. Elaine trug den lustigen rosa Pullover, den Merle ihr gestrickt hat. Er ist verziert mit rosa Bommelborten und hat Durchbrüche an den Schultern. Elaine hatte sich einen Pferdeschwanz gebunden. Im Schein ihres Geburtstags-Kerzenkränzchens bestaunte sie ihre Geschenke. Ich machte Fotos mit einem hochlichtempfindlichen Film.
Elaine erzählte von einer Barbie-Disco-Lounge, die sie sich wünschte, und faltete die Hände gen Himmel. Vorm Schlafengehen knie sie immer vor ihrem Bett und sage ihr Nachtgebet auf.
Am Dienstag konnte Elaine mir die Barbie-Lounge zeigen, die sie tatsächlich geschenkt bekommen hatte. Eine Barbie namens Nolee sitzt darin auf einem Sofa. Sie trägt ein Cocktailkleid. Im Hintergrund dreht sich eine Disco-Kugel, und drei hinter Tüllgardinen verborgene Strahler verbreiten ein nebelhaftes Licht, das zwischen Blau- und Rottönen hin- und herwechselt.
Merle und ich gingen mit Elaine in das Weihnachtsmärchen "Schneeweißchen und Rosenrot". Der böse Zwerg verwendete in dieser Theaterfassung einen Zauberspruch aus einem historischen Magischen Quadrat:


SATOR
AREPO
TENET
OPERA
ROTAS

Weil diese Wörter nicht von sich aus einen Sinn ergeben, wurde damals, als Magische Quadrate in Mode waren, einfach einer hineingebeugt und -interpretiert, wie etwa:
"Retter (Salator, Christus), du hältst (tenere) die Welt (Opera, das Werk, die Schöpfung), daß sie sich dreht (rotare)."
Ein christlicher Hintergrund müßte demnach sogar bei diesem garstigen Zwerg angenommen werden.
Heiligabend waren Constri, Denise, Derek und ich in der Kirche zum Krippenspiel. Danach gab es bei meiner Mutter Gänsebraten und einen Tannenbaum. Denise konnte ihre Geschenke selbst auswickeln, weil das Geschenkpapier nicht mit Tesafilm zusammengeklebt war.
Am ersten Weihnachtstag waren Constri, Denise und ich bei meinem Vater und seiner Freundin Alruna. Es gab ein festliches Frühstück mit Kaminfeuer und selbstgebackenen Keksen. Mein Vater ist im Herbst mit Alruna in Amerika gewesen und hat dort einen Plastikengel gekauft, den man an die Decke hängen kann. Wenn man ihn anschaltet, flattert er in hohem Tempo im Kreis. Solch ein quirliges Geschöpf bekam ich von ihm zu Weihnachten.
Abends waren Constri, Denise und ich bei Merle und Elaine. Merle erzählte immer wieder von ihrer Schwester, der sie bereitwillig Geld schenkt, obwohl sie selbst viel zu wenig hat. Merle jammerte unentwegt, ihre Schwester wisse dies nicht zu würdigen. Elaine bremste die Jammerei schließlich:
"Mama, ich glaube ...!"
"... es reicht, ich weiß", seufzte Merle ergeben.
Zu Weihnachten habe ich eine Rundmail an viele Freunde und Bekannte geschickt. Lana mailte aus Indien:

Habe Weihnachten als Wüstenprinzessin in Rajasthan verbracht.

Am zweiten Weihnachtstag fuhr ich mit Cyra nach Antwerpen. Cyra erzählte von ihren bisherigen Freunden. Mit einem, von dem sie sich vor etwa vier Jahren trennte, verstehe sie sich inzwischen wieder, wenn er auch nervig sei. Immerhin habe es in der Beziehung mit ihm auch schöne Zeiten gegeben. Mit Denny sei sie nie verstritten gewesen; er zähle auch jetzt noch zu ihrem Bekanntenkreis. Auf Trevor jedoch sei sie nach wie vor wütend. Er sei übertrieben eifersüchtig und habe dauernd geargwöhnt, sie könnte mit Hal ein Verhältnis haben. Das habe sie sehr verletzt. Als Trevor schließlich von ihr verlangt habe, ihre Freundschaft mit Hal zu begrenzen, sei das Maß voll gewesen, und sie habe Trevor verlassen. Ihr jetziger Freund Maurice lege ihr in dieser Hinsicht nie Steine in den Weg. Freilich könne er Hal nicht besonders leiden; warum, wisse sie auch nicht.
Hal sei vor etwa anderthalb Jahren mit einem Mädchen namens Issy liiert gewesen, das ihn jedoch hintergangen habe und rasch den Kontakt zu anderen Musikern gesucht habe. Es habe sich um eine Art "Groupie-Verhalten" gehandelt. Immer wieder habe Issy Hal Hoffnungen gemacht und ihn dann enttäuscht. Einmal habe Hal in HB. aufgelegt, und Granya habe ihn mehrmals gefragt, ob es ihn auch nicht störe, wenn sie mit Issy hinkäme. Er habe jedesmal geantwortet, es störe ihn bestimmt nicht. Als Granya dann mit Issy erschienen sei, habe sie rasch gemerkt, wie unerfreulich die Begegnung mit Issy für Hal war. Granya habe Hal zur Rede gestellt und von ihm verlangt, ihr ehrlich zu sagen, wenn er vor einer Begegnung ein ungutes Gefühl habe, und dies nicht aus Höflichkeit zu verneinen.
Inzwischen habe Hal sich in ein Mädchen namens Zouzou verliebt, das in N. lebe. Der Kontakt zwischen Hal und Cyra sei in den vergangenen zwei Jahren immer enger geworden. Anfangs sei es ihr schwergefallen, mit ihm zu sprechen, weil sie sich unsicher gefühlt habe. Jetzt telefoniere sie häufig mit ihm und sehe ihn häufig.
Auch mit Dirk I. habe sie in den letzten zwei Jahren immer mehr Kontakt. Es habe damit angefangen, daß er Cyra in HH. im "Megamarkt" einen ausgegeben habe. Sie seien schnell ins Gespräch gekommen, und er habe einiges über sich erzählt. Früher sei seine Frau öfters mit ihm auf Konzertreise gegangen, bis er einmal am Steuer eingeschlafen sei und einen schweren Unfall verursacht habe. Seither komme seine Frau nicht mehr auf weite Reisen mit und verlange, daß er nach Konzerten nicht mehr fahre, sondern im Hotel übernachte.
Das Hotel in Antwerpen, wo Cyra und ich übernachteten, hatte eine Parkgarage, deren Betrieb in Deutschland wahrscheinlich gar nicht genehmigt worden wäre. Man konnte eher von einem mehrstöckigen Vorratskeller sprechen. Daß wir überhaupt hineingelassen wurden, lag an dem Irrtum, daß dort unten noch ein Stellplatz frei war. In den steilen Kehren waren Teppiche und Reifenteile an die verputzten Wände genagelt, weil man wohl aus Erfahrung wußte, daß es kaum ohne Kratzer abging, wenn ein Auto sich hindurchzwängte, dessen Format über das eines Smart hinausging. Die Stockwerke waren verschwindend klein, und ich fragte mich, wie all die längs und quer durcheinandergeparkten Autos hier überhaupt Platz finden konnten. Im dritten Untergeschoß hatten wir die Gewißheit, daß es unmöglich war, hier auch nur einen Smart zwischen die dicht bei dicht geparkten Autos zu stellen, geschweige denn zu wenden. Eine Lüftung gab es nicht, und ich wußte, wenn ich den Dieselmotor meines Hundertneunzigers noch länger als zehn Minuten laufen ließ, würden Cyra und ich dem Ersticken nahe sein. Cyra stieg aus und lotste mich rückwärts die engen Kehren mit geschätzten 13 % Steigung hinauf. Angekommen im nächsthöheren Stockwerk, konnte ich endlich wenden. Wir waren gerettet. Ohne Kratzer und noch am Leben gelangten wir ins Freie, und ich parkte einige Meter weiter auf einer Baustelle. Wir hofften, daß dort jetzt, am Wochenende, niemand arbeitete, und unsere Hoffnung erfüllte sich; das Auto blieb, wo es war, und schien niemanden zu stören. Alle übrigen Wege in Antwerpen legten wir zu Fuß oder mit dem Taxi zurück.

In der Nacht träumte ich, daß links neben meiner Wohnungstür mehrere Mülltüten standen, bereit zum Hinunterbringen. Eine von ihnen hatte ein buntes Kindermuster. In dem Traum war dieses Muster dasselbe wie auf dem Babyhemd eines kürzlich verstorbenen Kindes. Als mir dieses bewußt wurde, versank ich in Tränen.

Dieser Traum führte mich zu der Kurzgeschichte "Flutland", die ich auch auf meine Website stellte.
Frühmorgens stand ich auf, weil ich lange im Bad brauche und fertig sein wollte, ehe Cyra aufstand. Nun hat Cyra einen leichten Schlaf.
"Oh je!" stöhnte sie. "Oh, muß das sein?"
Das Hotelzimmer hatte einen Fußboden mit 3 % Steigung. Der Schrank stand schief, und man erwartete, daß er irgendwann auf das Bett fallen würde. Auch der Tisch stand schief, und auf dem Tisch stand eine Mineralwasserflasche aus Plastik. Die fiel um, als ich vorbeihuschte.
"Oh nein, nicht auch noch!" stöhnte Cyra.
Mittags gingen wir in Antwerpen bummeln. Ich fotografierte den imposanten Jugendstil-Bahnhof einschließlich der dort vorhandenen Tiefbaustellen und fand vor der ersten Boutique, auf die Cyra und ich in der benachbarten Einkaufsmeile zugingen, auf einem Rundständer einen langen, weiten schwarzen Tüllrock, der mir auf Anhieb paßte und sehr fein aussieht. Ich konnte nicht widerstehen. Cyra fand nichts, was ihr gefiel; sie will bald wieder in Amsterdam bei ihrer Lieblings-Modefirma "Cyberdog" einkaufen.
In einem modernen Bistro, das sich in einem ehemaligen Fabrikgebäude befindet, machten Cyra und ich Erinnerungsfotos. Im Hotel machten wir noch mehr Fotos; Maurice verewigte Cyra und mich in Abendgarderobe. Maurice war mit seinen Bekannten erst heute angekommen.
Auf dem Festival, das wir in Antwerpen besuchten, wurden wir von Dirk I. und Peter mit je drei Bussis begrüßt. Peter meinte, in Belgien mache man immer alles dreifach. Auf Cyras Bitte stellte Dirk uns seine Frau vor. Sie hütete zeitweise den Merchandize-Stand und war so ziemlich das genaue Gegenteil eines ergebenen Groupies. Les hatte sie beschrieben als "nicht so hübsch wie Dirk, aber genauso nett", und ich fand, daß dieses zutraf. Sie scheint in Dirks Alter zu sein, wirkt aber älter; das liegt wohl am ehesten daran, daß Dirk wesentlich jünger wirkt, als er ist. Nebeneinander sehen sie beinahe aus wie Mutter und Sohn. Dirks Frau hat eine souveräne, gelassene und fürsorgliche Ausstrahlung. Gekleidet war sie im selben Stil wie ihr Mann, mit dem sie seit zwanzig Jahren verheiratet sein soll. Sie trug eine modisch verfranste Jeans und ein T-Shirt mit "Dive"-Logo. Ihre Haare sind kurz geschnitten und rotgetönt. Sie begrüßte Cyra und mich mit einem höflichen "Nice to meet you". Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie in Eifersüchteleien verfällt. Ich denke, das hat sie nicht nötig. Sie scheint so fest mit den Beinen auf dem Boden zu stehen, daß ein auswärtiges Verhältnis ihres Mannes ihr allenfalls ein müdes Lächeln abnötigen würde und den Spruch:
"Wenn dir die andere wichtiger ist, geh' halt zu ihr."
In Dirks linker Tabatiere entdeckte ich drei tätowierte grüne Punkte, mit denen Häftlinge einander kennzeichnen. Ich fragte ihn nach der Bedeutung dieser Punkte. Er meinte, das sei ein Souvenir. Er wisse, er hätte eigentlich ein Herzchen daraus machen sollen, damit es nicht so auffiele.
Auf dem Festival gab es nicht nur viele CD's und Magazine, sondern auch fein gearbeitete Halsbänder - "Choker" - zu kaufen. Ich wählte eines mit grauen und dunkelroten Satinröschen.
Unter den Bands gefielen mir vor allem die sehr tanzbaren This morn' omina und erwartungsgemäß der Headliner, Klinik in alter Besetzung mit den altvertrauten Stücken. Mark V. stand an den elektronischen Geräten, Dirk I. hatte das Mikrophon. Seine Augen waren schwarz ummalt. Als ich die beiden als Klinik 1989 gesehen habe, war ich ebenso begeistert von ihnen, saß jedoch hinten im "Read Only Memory" auf einem Barhocker und schaute nur zu. Bei dem jetzigen Auftritt hatte ich mir einem Platz vorne links vor der Bühne gesucht und tanzte meistens.
Auf der Homepage von Dirk I. gefällt mir ein Bild besonders gut; da posiert Dirk als tönerne Gottheit vor lauter tönernen Gottheiten und guckt schelmisch von unten nach oben.
"Immer solche Schelme finde ich anziehend", muß ich denken, wenn ich das Bild betrachte, "und wenn ich Rafa nicht lieben würde, vielleicht würde ich dann einen anderen Tunichtgut lieben, jedenfalls wohl nie das, was man als erwachsenen, gereiften Menschen bezeichnen könnte."
In Kingston schrieb Amelie an Dessie eine SMS und fragte, ob zu der Silvesterparty, die Darius gibt, auch Rafa kommen wird. Dessie antwortete:
"Nein, der ist im Hotel mit seiner Süßen. Mir hat das Wochenende mit dem stressigen Typen schon gereicht."
Rafa muß Dessie sehr auf die Nerven gegangen sein. Dessie ist ihm kurz nach Weihnachten begegnet, als er gemeinsam mit Darius einen Auftritt hatte als Das P.
Derek erzählte, daß Ray zu zweit mit "seiner Dicken" Silvester feiern wird. Die "Dicke" ist Clara. Sie soll ihren Verlobten "weggekickt" haben und nun wieder ganz für Ray da sein, auch im Bett. Allerdings will sie sich nicht auf einen offiziellen Neuanfang mit Ray einlassen. Sie soll schon wieder per Annonce nach einem Mann zum Heiraten suchen, einen "Pracht-Schwiegersohn" für ihre Mutter.
Odette hat erfahren müssen, daß ihr Kind laut Amniozentese fehlgebildet sein würde, weswegen sie die Schwangerschaft abbrechen ließ. Sie hofft, daß sie den Mut zu einem neuen Versuch finden wird.
Schwester Dyan in Kingston ist guter Hoffnung. Das Kind war nicht geplant, aber Dyan und ihr Lebensgefährte freuen sich darauf. Ob sie heiraten werden, wissen sie noch nicht.
Saara war mit Svenson im "Dracula"-Musical in HH. Svenson betont immer wieder, wie sehr er Saara liebe und wie gern er sie heiraten und Kinder mit ihr haben wolle. Saara jedoch will ihren Freund Justin nicht enttäuschen. Außerdem ist sie nach wie vor nicht sicher, ob ihre Gefühle für Svenson ausreichen für einen Neuanfang.
Silvester feierte ich wie gewohnt bei mir zu Hause. Roman brachte ein Pärchen mit, Penny und Rodney. Penny hat drei Söhne und ist geschieden. Rodney ist ihr neuer Lebensgefährte und jünger als sie.
Rodney staunte über die vielen Bilder von Rafa, die ich an den Wänden habe. Ich erklärte ihm, daß ich Rafa schon kannte, bevor er auf die Bühne ging, und daß meine Liebe zu ihm mit seiner Musik nichts zu tun hat.
Rodney erzählte, daß er nach dem Konzert, das Rafa Anfang Oktober im "Mute" gab, mit Rafa im Backstage saß.
"Der ist nicht bei sich selbst", glaubt Rodney. "Der hat sein Ich noch nicht gefunden. Wenn der mich anguckt, ist der Blick abfällig und von oben herab. Wenn ich seine Stimme höre, ist darin eine Suche nach Kontakt. Das paßt nicht zusammen, deshalb denke ich, der hat sein Ich noch nicht gefunden."
"Es fällt ihm schwer, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen", meinte ich. "Er kann es in der Regel nur, indem er verführt oder vorführt, jedenfalls führt."
"Nein, nur indem er verführt oder vorführt. Führen kann der nicht, dafür braucht man andere Fähigkeiten."
Rafa soll den Frauen im Backstage gegenüber sehr kurz angebunden gewesen sein und sich allgemein schroff und unfreundlich verhalten haben. Seine Freundin soll nicht bei ihm im Backstage gewesen sein.
Rodney vermutet, Rafa nehme durchaus wahr, daß mit seiner Band langsam Schluß sei. Die Aggressionen, die Rafa wegen dieser frustrierenden Erfahrung entwickle, lasse er an seiner mitmenschlichen Umwelt aus.
Rodney nimmt an, daß Rafa deshalb vor mir davonläuft, weil ihm das, was ich ihm entgegenbringe, zuviel ist. Ein kleiner C64 sei unkompliziert und überschaubar, damit komme er besser zurecht.
"So ist das mit seiner Freundin auch", meinte ich. "Die kann er berechnen, die löst in ihm keine überwältigenden Gefühle aus. Die kann er knutschen, so lange er will, es bewegt ihn nicht. Mit der kann er für immer und ewig zusammenbleiben, ohne jemals etwas Tiefergehendes zu empfinden."
Constri erzählte, daß sie vor zwei Jahren zu Silvester allein auf meinem Balkon stand und sich sehr ein Kind wünschte. Ein Jahr später stand sie wieder allein auf dem Balkon. Sie war schwanger und freute sich auf das Baby. Dieses Jahr konnte sie Silvester mit ihrer Tochter feiern.
Merle hatte sich hübsch geschminkt und trug halterlose Strümpfe. Weil die rutschten, lieh ich ihr einen Strapsgürtel. Merle schien sich zu freuen, weil sie auf meiner Party Erdnußkopf traf. Sie fuhr spät in der Nacht mit ihm nach Hause.
Erdnußkopf hat vor einiger Zeit Merles Schwester Eliana sehr umworben und damit Merle so verletzt, daß sie eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Inzwischen ist nicht sicher, wie es mit wem weitergeht.
Geneviève und Rufus waren auch auf meiner Silvesterparty. Sie sind begeistert von Dereks Musik. Rufus möchte noch mehr Alben von Dereks Projekt Missratener Sohn verlegen.
Am Neujahrstag rief Tarek bei mir an und erklärte, er habe nun endgültig mit seiner persönlichkeitsgestörten, alkoholkranken Dauerfreundin Vanadis Schluß gemacht. Ich wies ihn darauf hin, daß er mir das in den letzten Jahren schon viele Male erzählt hat und daß ich es deswegen nicht so recht ernst nehmen kann. Wie er es immer tut, beteuerte Tarek, dieses Mal stimme es, ich werde schon sehen, er habe endgültig seine Beziehung mit Vanadis beendet.
Derek hat seinen Neujahrsvorsatz, das Rauchen aufzugeben und weniger Alkohol zu trinken, nur teilweise umgesetzt. Ich finde es beachtlich, daß er überhaupt versucht, seinem Abhängigkeitsverhalten entgegenzuarbeiten, wenn auch mit fraglichem Langzeiterfolg. Rafa hat sich bei unserem Chat im Mai nur mit pessimistischen Sprüchen aus der Diskussion gezogen. Ich denke, er vernachlässigt seine Gesundheit auch deshalb, weil ihm sein Leben nicht viel wert ist.
Denise kann schon stehen, indem sie sich hochzieht. Derek sitzt in seinem Zimmer gerne vor seinen Geräten - Computern, Synthesizer, Anlage und Fernseher. Denise krabbelt dann jauchzend zu ihm und zieht sich an ihm hoch. Sie lutscht gerne an CD-Hüllen und einer Universal-Fernbedienung. Die ständig laufenden Videos und Kinderfilme würdigt sie kaum eines Blickes. Topfdeckel und Holzeisenbahnschienen findet sie spannender.
Anfang Januar trat die Cure-Coverband Prayers for Rain im "Plaste & Elaste" auf. Edaín sang als Gast in einem Stück ein Duett mit dem Sänger, der, wie ich finde, Cure-Sänger Robert Smith gut imitiert. Edaín wirkte auf der Bühne sehr lebendig, und ihr schien das Auftreten viel Spaß zu machen.
"Ich finde die ziemlich aufgesetzt", meinte Revil.
"Fassade ist dabei", meinte ich, "aber Edaín versucht schon, die Fassade ein Stück weit loszuwerden."
Nachts war ich im "Verlies", wo Cyra auflegte. Sie hat sich in Amsterdam eine Cyberdog-Hose gekauft mit braven Nadelstreifen, die beim genaueren Hinsehen gar nicht so brav sind, nämlich öfters aus ihrer Linie ausbrechen und einen eigenwilligen Verlauf nehmen. Hinten ist ein grelles Karo-Stoff-Stück eingesetzt. So ist es immer mit Cyberdog - auf den ersten Blick Gewohntes, auf den zweiten Blick Ungewohntes und Unerwartetes. Cyra hat ein eher schlichtes, wenn auch sehr solide verarbeitetes Cyberdog-Oberteil, das seine leuchtenden Qualitäten nur im Schwarzlicht enthüllt.
"Das paßt zu dir", meinte ich, "Kleider, die nicht so offensichtlich sind."
Cyra freute sich, weil ich sie in Antwerpen überredet hatte, in Lack und Netz zu gehen. Sie erhielt Komplimente, unter anderem, weil man erst auf den zweiten Blick sah, daß ihre Hosenbeine durchsichtig waren. Im "Verlies" beobachtete sie ein Mädchen, dessen Lackcorsage fast alles zeigte. Es trug dazu einen Rock im Army-Look.
"Wie kann man so herumlaufen", stöhnte Cyra.
Als die Nacht zuende ging, schrieb Maurice auf einen Zettel:
"Nach Hause!"
Den Zettel hielt er sich vor die Brust und winkte Cyra, daß sie ihn anschaute. Cyra war begeistert von dieser Idee, eine Bitte vorzutragen.
Im Hinausgehen sagte Maurice einer Horrorfigur auf einem Filmplakat "Tschüß".
In Kingston erzählte mir Schwester Jay-Elle, daß ihre Schwester Dessie die Freundin von Darius ist. Jay-Elle gefällt Das P. besser als W.E. Ihr gefallen sowohl die Videos von W.E als auch das Video von Das P.; von Letzterem ist sie regelrecht begeistert. Sie findet, Rafa ist "ein Hübscher"; das betonte sie mehrmals. Sie berichtete, daß Dessie für Rafa ein Geburtstagsgeschenk besorgt hat und zu seiner Geburtstagsfeier kommen wird, denn sie verstehe sich gut mit Rafa. Vielleicht hat Rafa sich inzwischen von einer charmanteren Seite gezeigt, so daß Dessie ihm jetzt wohlgesonnen ist.
Nach dem Konzert von Das P. in der "Unterwelt" in BO. hatte sich ein Fan beschwert, Rafa und Darius hätten eine unfähige Sängerin. Jetzt berichtete Jay-Elle, die Sängerin sei kurz nach diesem Konzert aus der Band geworfen und durch eine fähigere Sängerin ersetzt worden.
Am Montagabend besuchte ich Cindia und traf dort auch Zoë. Zoë arbeitet zur Zeit in einem Copyshop. Ich sah an Cindias Wohnzimmerwand viele vergrößerte Schwarzweiß-Bilder von Cindias Lieblingsstars sowie von Freunden und Bekannten. Ein Bild zeigt mich, wie ich letztes Jahr am Pfingstsonntag in L. für den Abend gestylt mit langem schwarzem Tüllrock und schulterfreiem Spitzenblüschen im Hotel auf der Hintertreppe stehe. Darunter entdeckte ich ein Portrait von Lucas. Es stellte sich heraus, daß Lucas als Praktikant im selben Copyshop wie Zoë arbeitet. Er soll vorhaben, ein Studium im Medienbereich zu beginnen.
Cindia erzählte, daß das Bukett, das sie auf Sarolyns Hochzeitsparty gefangen hat, schon ihr zweites ist. Cindia hat bereits eine Ehe hinter sich, die Scheidung liegt viele Jahre zurück, und von ihrem langjährigen Freund Jen hat sie sich vor einiger Zeit auch getrennt. Was sie an Jen vor allem stört, sind sein kindliches, unselbständiges Wesen und seine Untreue.
Auf Buketts scheint kein Verlaß zu sein. Rikka hat während ihrer Beziehung mit Seth ebenfalls ein Bukett gefangen, und Seth hat später eine andere geheiratet. Das Bukett, das ich vor viereinhalb Jahren gefangen habe, hat mir auch kein Glück gebracht.
Als ich Henk anrief, um mich mit ihm zu verabreden, entschuldigte er sich zuerst dafür, daß er im Oktober unsere Absprache nicht eingehalten hatte und den Hörer danebengelegt hatte, obwohl er von mir einen Anruf erwartete. Mir fiel wieder einmal auf, wie gut Henks "moralisches Gedächtnis" ist. Er kennt seine Fehler und schämt sich dafür, besteht aber gleichzeitig darauf, immer wieder Fehler machen zu dürfen. Zuwendung besteht für ihn auch darin, daß man ihm seine Launen gestattet. Bei mir handelt er sich durch sein Verhalten ein, daß wir uns nur selten sehen, eben weil er, wie er es ausdrückt, nicht "datefest" ist.
Rafa meldet sich in seinem neuen Forum bei technischen Fragen über den C64 bereitwillig zu Wort. Dabei macht er wie gewohnt einige Rechtschreibfehler, vor allem bei Fremdwörtern. Ich schrieb einen korrigierenden Beitrag:

es heisst nicht "a akta", sondern "ad acta"

Das Projekt von Rafa und Darius - Das P. - arbeitet mit der Band ]distermino[ zusammen, die auf der bandeigenen Homepage vermerkte:

Zur Zeit arbeiten wir an einem Remix für Das P., von dem wir allerdings noch nicht wissen, ob er veröffentlicht wird - wir hoffen mal das Beste.

Das wollte Rafa nicht auf sich sitzen lassen. Er schrieb in das ]distermino[-Gästebuch in seinem bekannten gestelzten Stil mit verkehrt verwendeten oder verkehrt geschriebenen Fremdwörtern und sprachlichen Fehlern, von denen ich hier einige schon korrigiert habe:

Sehr verehrte ]Ausgrenzung[,
vorab wünschen wir Ihnen ein erfolgreiches neues Jahr, danken Ihnen für einen Verweis Ihrerseits zu unserer Präsents im Internetz und haben diesen auch von unserer Seite aus (doppeldeutig) getan.
Zitat: "... von dem wir allerdings noch nicht wissen, ob es veröffentlicht wird ..."
Was ist das für ein Zweifel? Bei diesem Resultat ist dieses Unselbstbewußtsein wohl eher rhetorisch ... Wir glauben und hoffen hier an eine intensivere Zusammenarbeit nach solch einer perfekten Symbiose.

Mit "Präsents" meint Rafa wahrscheinlich "Präsenz". Manchmal schreibt er Fremdwörter so verkehrt, daß man kaum noch erkennt, was gemeint ist.
In der Nacht zu Rafas Geburtstag war ich im "Radiostern". Zuvor hatte ich - gegen ein Uhr nachts - in Rafas Forum im Bereich "Gossip" das Thema "... passend zur Jahreszeit ..." hinzugefügt und schrieb den Text:

... passend zur Jahreszeit ...
www.wasteland-illusions.de/linien.html

Wenn jemand diese URL anklickt, bekommt er frostig-kühle Impressionen vom Gasometer und von einem südöstlich von H. gelegenen Betonwerk zu sehen. Das Betonwerk hatte ich vor einer Woche fotografiert, als in den Morgenstunden feiner Schnee fiel.
Zoës früherer Freund Merlon erkundigte sich im "Radiostern", ob ich während der Feiertage Rafa begegnet sei. Er empfahl mir, mit ihm "einfach mal Tacheles" zu reden.
"Wie soll das aussehen?" fragte ich.
"Na ja, du könntest doch mal sagen:
'Los, Rafa, jetzt trenn' dich endlich mal von deiner Freundin ...'"
"Das weiß er doch, daß ich das möchte", erwiderte ich. "Außerdem hat er nicht vor, sich von seiner Freundin zu trennen."
Marvin soll Ted zum Geburtstag statt einer Glückwunschkarte eine Zahlungserinnerung geschickt haben, weil Ted ihm noch Geld schuldet.
"Mit Marvin habe ich abgeschlossen", sagt Ted dazu.
Meine Mutter sagte zu mir, sie müsse das mal loswerden, daß ihr aufgefallen ist, ich würde jeden Tag hübscher aussehen. Ich meinte, das könne daran liegen, daß ich eben doch, trotz aller Widrigkeiten, viel Bestätigung und Zuwendung bekomme, und das wirkt sich auf die Erscheinung aus.
Am Dienstagabend war ich bei Henk zum Essen. Er servierte mir als Vorspeise Riesengarnelen in einer mit Sherry verfeinerten Zitronen-Sahne-Soße, von der ich so begeistert war, daß ich mit Toastbrot alles aufschleckte. Der Hauptgang bestand aus mariniertem Thunfischfilet, frisch zubereiteten grünen Bohnen und Salzkartoffeln. Henk legt großen Wert auf feine Küche, auch wenn er allein zu Abend ißt. Er zieht gerne über mich her, weil ich seiner Ansicht nach keine vernünftige Küchenkultur pflege:
"Also, womit du deine Gäste bewirtest, da brauchen wir gar nicht drüber zu reden."
"Es ist nicht so kompliziert wie das, was du machst, aber es ist lecker", gebe ich dann zurück.
Mir fällt ein, was Rafa 1996 im "Espresso" über meine Kochkünste gesagt hat:
"Ohne Arsen und Strychnin kannst du doch gar nicht kochen."
Henk hat immer viel zu tun, auch in seiner Freizeit schneidet, färbt und dauerwellt er unentwegt. Im Salon hat er kürzlich Constri die Haare geschnitten. Währenddessen hatte meine Mutter Denise auf dem Schoß.
Henk findet, daß meine Mutter mir überhaupt nicht ähnlich sieht. Ich denke, das hat vor allem mit der Schminke und der Frisur zu tun.
Henk klagte, heute sei seine Stimmung ziemlich verregnet, und er überlege, ob er nicht vielleicht doch mal ein Antidepressivum probieren sollte.
"Das habe ich dir schon vor Jahren empfohlen", erinnerte ich ihn.
Henks drogenkranker Bekannter Edwin aus B. ist schon längere Zeit nicht mehr bei Henk zu Besuch gewesen. Das hängt damit zusammen, daß Edwin sich wochenlang bei Henk einzunisten pflegt, anstatt nur artige drei Tage zu bleiben. Weil Henk es nicht über sich bringt, ihn hinauszuwerfen, lädt er ihn lieber gar nicht erst ein.
"In deiner WG in BS. hattest du damals ein richtiges Lazarett für psychisch Defekte", erinnerte ich mich. "Da war die dissoziale Berry, die alkoholkranke Netty ... Ich glaube, du hast deshalb die Neigung, dich um solche kaputten Persönlichkeiten zu kümmern, weil deine Bruder so eine war. Marek war kriminell, drogenabhängig, persönlichkeitsgestört und körperlich krank."
Am Mittwoch war ich im "Zone". Les spielte unter anderem die Industrial-Stücke "Eisenkiller" von Xotox und "Technokiller" von Polarlicht 4.1, deren Rhythmen ich hinreißend finde.
Mit Nancy unterhielt ich mich über das Thema, daß ich mit manchen grausigen Ereignissen nicht fertig werden kann, etwa wenn in der Zeitung über Kindermorde, Mißhandlungen Obdachloser oder Tierquälerei berichtet wird. Ich habe nichts in der Hand, um damit abzuschließen. Für mich bleiben diese Ereignisse immer aktuell.
In einem Cartoon beseitigt eine Hausfrau ihre Langeweile, indem sie sich "einfach ein paar Sorgen" macht. Ich habe nie Langeweile und mache mir trotzdem ununterbrochen Sorgen, und wenn mir gerade nichts einfällt, über das ich mir Sorgen machen kann, krame ich in meinem Gedächtnis nach, ob es nicht doch irgendetwas gibt, das seine schwarzen Schatten über mich wirft ... und dann finde ich immer reichlich Grund zur Sorge. Mein Leben betrachte ich als geborgt. Ich habe nie das Gefühl, daß es mir ganz gehört. Das Schicksal ist nicht vorherbestimmbar, es treibt ein willkürliches Spiel. Ich sehe mich vom Schicksal durchs Leben gescheucht, mit nur sehr wenig eigenen Möglichkeiten, den Verlauf zu beeinflussen. Zu viel gibt es, was man nicht beeinflussen kann.
Am Donnerstag war ich zum Abendessen bei Deon. Er wässerte in einer Schale eine Rose von Jericho. Vier Monate lang hatte die Wüstenpflanze trocken dagelegen. Im Wasserbad begann das eingerollte Kraut sich langsam zu entfalten.
Rosen von Jericho erinnern mich an die "Königin der Nacht", ein anderes "Blütenwunder". Diese Pflanze blüht alle sieben Jahre nur eine einzige Nacht lang. In Gewächshäusern gibt es in solchen Nächten Sonderöffnungen.
Mauro hat erzählt, daß Sten einer seiner Bekannten ist und daß Sten es ist, der die Videos für Rafa dreht. Mauro kennt das Video für Das P. noch nicht, aber das dazugehörige Lied "Tanz mit deinem Gefühl", und er weiß, daß Sten auch dieses Video gemacht hat.
"Rafa kann froh sein, daß Sten für ihn arbeitet", meinte ich. "Sten macht seine Sache gut. Rafa sollte zusehen, daß er sich den warmhält."
"Sten macht nur, was er machen will", erzählte Mauro. "Wenn der etwas nicht will, macht er es auch nicht. Der ist nicht einfach."
"Ich frage mich, wie Rafa den eingewickelt hat", überlegte ich. "Viel wird er ihm nicht zahlen können. Also muß er ihn eingewickelt haben. Rafa hat schon viele eingewickelt und es sich anschließend mit ihnen verdorben. Der macht sich selbst viele Freundschaften und Kontakte kaputt."
Rafa hat im letzten Sommer durch Valerien für den Herbst das Erscheinen eines Vinyl-Tonträgers ankündigen lassen. Im Herbst hieß es, die Platte werde im Winter erscheinen. Das ist jetzt auch schon wieder hinfällig. Von Frühjahr oder Sommer ist die Rede. Konzerte von W.E soll es im nächsten halben Jahr überhaupt nicht geben, da man mit einem neuen Album beschäftigt sei. Ich bin gespannt, wie lange sich die Arbeit an diesem Album hinziehen wird. Für sein letztes Album hat Rafa dreieinhalb Jahre gebraucht, obwohl er keiner Berufstätigkeit nachgeht. Ich frage mich, wovon Rafa leben will, wenn er nicht auftritt.



Als ich am Freitag ins "Read Only Memory" kam, hörte ich Rafa quer durch den Saal rufen:
"Darius!"
Er war augenscheinlich sehr beschäftigt.
Amelie und Jay-Elle hatten vorgehabt, heute im "Read Only Memory" dabeizusein, doch es wurde nichts daraus, weil Jay-Elle sich erkältet hatte und Amelie ohnehin nicht sehr viel Lust hatte auf das Konzert.
Nachdem ich meine Mäntel abgelegt hatte, ging ich zum DJ-Pult und begrüßte Gavin. Das DJ-Pult war dieses Mal gegenüber der Bühne an der rückwärtigen Fensterwand aufgebaut und von Tischen umrahmt. Wegen der Kälte im "Read Only Memory" mußte ich über dem durchsichtigen silbrigen Organza-Kleid mit der Rankenstickerei mein graues Kuscheljäckchen anbehalten. Auf die langen schwarzen Abendhandschuhe verzichtete ich dennoch nicht.
Rafa marschierte in einem dicken schwarzen Wollpullover aufs DJ-Pult zu und ließ sich durch meine Anwesenheit nicht stören. Er stellte sich so dicht in meine Nähe, daß ich ihn am Arm streicheln konnte. Er gab den Leuten am Pult Instruktionen und ging weiter. In der geräumigen Nische neben der Theke, wo Stühle, Tische und ein Strandkorb stehen, begrüßte ich Dessie und Darius. Rafa kam vorbei, und ich konnte ihn wieder kurz streicheln. Als ich ein wenig mit Dessie geredet hatte, ging Rafa auf Darius zu und rief geschäftig zu Dessie herüber:
"Du, da hinten liegen noch deine Sachen!"
Da war wohl als Aufforderung gemeint, daß sie ihre Sachen wegräumen sollte, und sie ging auch sogleich.
Rafa organisierte dies und das, er gab Befehle hier und da, und wer ihn nicht kannte, mochte glauben, daß sich in seinem Kopf nichts anderes befand als Banalitäten.
"Vielleicht will Darius mit ihm sowieso keine tiefergehenden Gespräche führen", dachte ich, "und er ist mit diesem Alltagspalaver ganz zufrieden."
Berenice stand an der Theke, in einem schlichten schwarzen trägerlosen Kleid und langen Abendhandschuhen, umringt von einigen Bekannten. Rechts daneben erschien Ivco mit Saldis und einem Mädchen namens Minette. Ivco gab Saldis, Minette und mir etwas zu trinken aus. Rafa näherte sich uns, nun gekleidet in ein kittelähnliches weißes Hemd mit Stehkragen. Er ging so dicht an mir vorbei, daß ich ihn wieder am Arm streicheln konnte. Rafa begrüßte Ivco lebhaft, gab Minette die Hand, sah durch mich hindurch und winkte Saldis dezent zu. Dann stellte er sich mit dem Rücken zu mir und redete mit Berenice und ihren Bekannten. Ich streichelte kurz über seinen Rücken.
Rafa ging weiter, kam aber später noch einmal in unsere Nähe und ging mit umgehängtem Stethoskop an uns vorbei. Ich streichelte ihn wieder am Arm und erzählte Minette, es sei doch seltsam, daß Rafa sich mit Emblemen meiner Zunft schmückt. Er laufe beruflich in eine Sackgasse und sichere seine Existenz nicht ab. Er versäume es, eine Umschulung zu machen und lebe stattdessen lieber in einer Scheinwelt.
Saldis hat es gewagt, sich beruflich zu verändern. Sie hat nach Abschluß ihrer Ausbildung das Abitur nachgeholt und studiert jetzt Literaturwissenschaften und Philosophie.
Als ich Ivco erzählte, daß Rafa schon 1997 im "RoseHip" im Arztkittel aufgetreten ist, erinnerte sich Ivco, wie Rafa sich Ende 1996 in einer Arztpraxis allerlei medizinisches Gerät lieh und es in HF. für eine Bühnendekoration verwendete, damals, "als Rafa bei Konzerten noch etwas Besonderes gemacht hat". Rafa soll zu dieser Zeit ein Techtelmechtel mit irgendeinem Mädchen gehabt haben, und dieses mußte dann auch singen.
Ivco wußte Neues von Lara, mit der Rafa 1995 und 1996 ein schlimmes Spiel getrieben hat. Rafa warf sie damals in ein Wechselbad aus Hoffungen und Enttäuschungen und verführte schließlich Laras beste Freundin Nadine. Lara wollte daraufhin nichts mehr mit Rafa zu tun haben. Jetzt will Lara nach Australien auswandern. Sie hält sich dort bereits auf und hat sowohl eine Stelle in Aussicht als auch einen Lebensgefährten.
Von Greta, die im April 1996 für wenige Wochen mit Rafa zusammen war, hat Ivco schon länger nichts mehr gehört. Er konnte etwas ergänzen, das ich bislang nicht gewußt habe: als Rafa mit Lisette und Greta im Februar 1996 nach Venedig fuhr, war auch Ivco dabei. Er war nie ganz sicher, weshalb Rafa ihn unbedingt auch noch mitnehmen wollte:
"Vielleicht als Anstandsherrn?"
Vor der Reise nach Venedig soll Rafa Greta suggeriert haben, er wolle mit ihr romantisch zu zweit als Pärchen Venedig genießen. Daß er auch Lisette mitnahm, muß für Greta eine schlimme Enttäuschung gewesen sein. Von Rafas falschem Spiel wußte Ivco nichts; ihm fiel nur auf, daß Greta ziemlich schlechte Laune hatte.
Ivco hatte während der Venedig-Reise den Eindruck, daß Rafa mit Lisette zusammen war. Saara gegenüber hat Lisette kurz nach der Reise geäußert, sie wisse nicht, ob sie mit Rafa zusammen sei. Wenige Wochen später soll Rafa Saara gegenüber geäußert haben, er wolle von Lisette nichts mehr wissen.
An Gretas Stelle wäre ich wohl gar nicht erst mitgefahren nach Venedig, wenn ich festgestellt hätte, daß Rafa außer mir noch ein anderes Mädchen mitnehmen wollte.
Edaín kam allein ins "Read Only Memory". Wir umarmten uns zur Begrüßung.
"Du hier und nicht in Hollywood?" fragte ich sie.
Sie erzählte, daß sie keine Lust gehabt hatte, mit Kappa nach GÖ. zu fahren, wo er heute auflegte. Sie könne den Laden nicht leiden und komme viel lieber hierher.
Eine Bekannte von Gart - Lamia - und Yori gesellten sich zu uns. Lamia war früher im Gothic-Stil gekleidet, mit viel Spitze und Samt. Inzwischen geht sie als Punk, mit sorgsam gestylter Irokesenfrisur, schrillen Grüntönen und löchrigen Strümpfen.
Lamia fragte mich, ob ich wüßte, wo man etwas zum Kiffen bekäme. Das wußte ich nicht; mit solcherlei kenne ich mich nicht aus. Ich glaube, Lamia stellte in den kommenden Stunden ihren Pegel ersatzweise mit Alkohol ein.
Das P. wurde durch die Band ]distermino[ unterstützt; viele Stücke wurden von Musikern beider Bands vorgetragen. Das Konzert begann mit einem Intro. Auf der Bühne stand ein Tisch, auf dem lag Darius mit bloßem Oberkörper. Den Kopf hatte er zur Seite gedreht, damit die kunstvoll hochgestellte Frisur keinen Schaden nahm. Darius war aufwendig geschminkt und trug auf dem Oberkörper ein dezentes Bodypainting. Hinter dem Tisch hing ein Fernseher, dem spielte eine Kamera die Rückansicht der Bühne zu. Am Tisch stand ein Mädchen im Arztkittel, und bei Darius stand einen Infusionsständer mit einer Flasche und einem Schlauchsystem. Während des Intros bäumte sich Darius mehrmals auf, als würde er defibrilliert. Dann schließlich erhob er sich und ging nach vorne ans Mikrophon, wo er die meiste Zeit blieb. Er sang mit viel Hingabe und mit ausdrucksvoller Gestik und Mimik. Zwei Mädchen waren als Sängerinnen engagiert, eines dunkelhaarig, eines blond. Mir gefielen ihre klangvollen, kräftigen Stimmen besser als die dünnen Stimmen von Berenice, Kitty und Lucy.
Während des Konzerts stand ich fast nur an der rechten Seite der Bühne jenseits der Boxen vor einer kleinen Treppe. Von dort aus konnte ich Rafa am besten beobachten. Er stand mit Arztkittel, Mundschutz, Fensterglasbrille und umgehängtem Stethoskop am Keyboard und übernahm auch einen Teil des Gesangs. Er schaute mich nicht geradewegs an. Allenfalls konnte es sein, daß er mich aus den Augenwinkeln betrachtete.
"Jetzt stehe ich im Abendkleid vor der Bühne, und er steht im Arztkittel auf der Bühne und spielt das, was ich im wirklichen Leben bin", ging mir durch den Kopf.
Weil Rafa seine Freundin nicht mit auf die Bühne genommen hatte und weil ich die Bühnenshow phantasievoll fand, klatschte ich manchmal ein wenig und angedeutet. Beifall bekommt Rafa von mir sonst gar nicht, weil er immer noch eine Freundin hat und ich nicht finde, daß dieses Verhalten Beifall verdient.
Yori fragte mich, wie lange Rafa schon mit Berenice zusammen sei. Sie wollte kaum glauben, daß er schon seit 1997 mit ihr zusammen ist, und sie fragte immer wieder nach, ob ich mich denn nicht irrte. Schließlich folgerte sie:
"Dann ist er seiner Freundin aber ziemlich untreu."
"Sie ist ihm auch nicht treu", erzählte ich. "Sie wollte mit Seraf ins Bett, da war sie schon länger mit Rafa zusammen. Seraf wollte aber nicht mit ihr ins Bett, sonst hätte sie Rafa mit ihm betrogen."
"Na, wenn sich die beiden nicht so viel nehmen ..."
"Liebe ist es jedenfalls nicht. Sie himmelt ihn an, und er läßt sich von ihr anhimmeln, das ist alles."
"Also, auf mich wirkt Berenice ziemlich arrogant. Und Rafa ... er ist so ein Lieber. Aber ich denke auch, dein Beruf als Psychiater und er, das würde ganz gut zusammenpassen."
Kappa hat auch schon gesagt, Rafa sei "ein Lieber". Rafa ist durchaus in der Lage, sich nett und aufmerksam zu verhalten; wenn aber die Laune wechselt, gibt er sich verächtlich und überheblich, lügt und betrügt.
Während des Konzerts stellte Rafa sich für ein Lied vorn auf die Bühne und sang etwas über Mensch-Maschinen. Er warf den Kopf hin und her und ahmte auf kasperig-komische Weise roboterhafte Bewegungen nach.
"Mensch und Maschine, das ist auch so ein Thema von Rafa", bemerkte Ivco.
"Das Thema gefällt mir auch", erzählte ich. "Aber ich habe den Eindruck, daß Rafa sich nie wirklich gibt und nie so ausgelassen ist, wie er es könnte. Er wirkt immer irgendwie gebremst."
"Ja? Finde ich gar nicht."
"Ich kenne halt noch andere Seiten von ihm. Vielleicht habe ich deshalb den Eindruck, daß er nicht wirklich aus sich herausgeht."
Das Stück "Tanz mit deinem Gefühl" war in unterschiedlichen Versionen zu hören. In einer Version traten zwei Fiedler auf. Die altertümlichen Instrumente hatte ich bisher noch nie gesehen. Mir gefiel die Einlage sehr.
Als das Konzert zuende war, nahm Rafa einen Datenträger aus dem Keyboard und ging auf die kleine Treppe zu, vor der ich stand. Ehe er die Stufen hinunterstieg, wich er mir so weit aus, daß ich ihn nur flüchtig am Arm streicheln konnte. Er verschwand in Richtung des Backstage-Raumes im Obergeschoß.
Nancy, Barnet und Heloise fanden das Konzert von Das P. einhellig besser als die Konzerte von W.E.
Damian fand das Konzert schrecklich langweilig; die hätten ja immer nur ein und dasselbe Lied gespielt.
Mit Ivco sprach ich über meine Vermutung, daß Rafa auch deshalb im Arztkittel auftritt, weil er gerne Akademiker wäre.
"Meinst du?" wunderte sich Ivco.
"Ja, da bin ich sicher", entgegnete ich. "Und er kommt nicht damit zurecht, daß er keinen akademischen Beruf hat. Es ist ja in der Regel so, daß man um die Dreißig seinen Lebensweg ungefähr festgelegt hat. Man weiß so etwa, womit man in Zukunft sein Geld verdienen kann, und man hat sich um die Rente und die Kranken- und Sozialversicherung gekümmert und sich überlegt, wie man eine Familie ernähren könnte. Rafa hat eine Ausbildung gemacht und anderthalb Jahre in einem Beruf gearbeitet, der ihn unterfordert und ihm nie Erfüllung bringen kann. Anstatt dann aber die Weichen neu zu stellen und sich um ein Studium zu bemühen oder eine Umschulung zu machen im Bereich Informatik, was ihm sehr liegen würde, hat er einfach alles hingeschmissen und gar nichts mehr gemacht außer Musik. Und die Musik ernährt ihn nicht, und er macht auch keineswegs so viel, wie jemand schaffen könnte, der ausschließlich Musiker ist. Er macht nur so viel, wie auch jemand schaffen könnte, der das nur als Hobby betreibt. Das muß ich wissen, mit meiner Achtundvierzig-Stunden-Woche."
"Aber meinst du nicht, daß das eigentlich Rafas Sache ist?"
"Sicher ist das seine Sache", bestätigte ich. "Aber wenn man jemanden liebt, macht man sich doch Gedanken über ihn."
"Du machst dir Sorgen um ihn."
"Ja, ich mache mir Sorgen um ihn. Ich denke, daß er eines Tages in einen Konflikt kommen wird. Er möchte derjenige sein, der anderen etwas beibringt und vorpredigt. Aber ehe man anderen etwas beibringen kann, muß man sich etwas beibringen lassen. Rafa müßte bereit sein, auf andere zu hören und von anderen etwas zu lernen."
"Das kann ich mir bei Rafa nicht unbedingt vorstellen."
"Eben, genau das ist es", nickte ich. "Rafa will anderen etwas beibringen, aber selbst nichts lernen. Um aber etwas vermitteln zu können, muß man sich etwas vermitteln lassen. Und weil Rafa dazu nicht bereit ist, macht er keine Umschulung und hat damit auch keine Chance auf eine angemessen qualifizierte Tätigkeit. Das heißt, daß er eines Tages ernsthafte Schwierigkeiten bekommt mit der Absicherung seiner sozialen Situation. Er spielt den großen Macher, der alles unter Kontrolle hat, ist aber in Wirklichkeit ein Langzeitarbeitsloser. Irgendwann läßt sich die Scheinwelt nicht mehr aufrechterhalten, und er gerät in einen Konflikt. Und das macht mir Sorgen, und darüber kann ich mit ihm nicht sprechen."
"Wie kommt das überhaupt, daß du mit Rafa nicht sprechen kannst?"
"Das habe ich ihm verboten. Er darf nicht mit mir sprechen, wenn er eine Freundin hat."
"Aber weshalb solltest du dann nicht ganz neutral mit ihm reden können?"
"Weil es niemals neutral ist, wenn Rafa und ich uns unterhalten", erklärte ich. "Es knistert immer zwischen uns, wenn wir uns begegnen, und es ist eigentlich kein Knistern, sondern ein Gewitter. Außerdem, wenn ich mit ihm spreche, wird er grundsätzlich von mir gestreichelt, umarmt, geküßt und gebissen. Und ich bin nicht bereit, darauf jemals zu verzichten."
"Ja, unter dem Aspekt ... Wie lange ist das eigentlich schon so, daß du ihm das verbietest?"
"Das hängt damit zusammen, daß Rafa schon 1993, als wir uns kennengelernt haben, zwischendurch andauernd irgendwelche Geschichten mit verschiedenen Frauen hatte. Und ich wollte klare Verhältnisse. Deshalb habe ich ihm 1994 am Telefon gesagt, daß er mich bitte nur noch ansprechen soll, wenn er solo ist. Daran hat er sich mehrfach nicht gehalten, und wenn ich ihm dann gesagt habe, daß er nicht mit mir sprechen darf, hat ihm das gar nicht gepaßt. 1995 habe ich ihn zum ersten Mal weggeschickt, als er ankam und nicht solo war. Da war er schwer gekränkt. Das ist später auch noch mehrfach passiert, daß ich ihn weggeschickt habe. Jetzt kann ich schon seit Jahren nicht mehr mit ihm reden, dabei hätte ich ihm so viel zu sagen. In dem Album, das er 1996 gemacht hat, gibt es auch einen Text über die Psychiatrie. Dafür hätte ich ihm so schöne Tips geben können ... nicht bezogen auf den eigentlichen Inhalt, sondern es gibt in dem Text kleine Fehler, nichts Bedeutendes, aber Rafa ist ein Laie und kann bestimmte Dinge nicht wissen, die ich aber weiß. Zum Beispiel verwendet man Langzeit-EEG-Ableitungen nicht zur Beurteilung der psychischen Befindlichkeit, sondern zur Anfallsdiagnostik. Und über sowas konnte ich mit ihm nicht reden. Wenigstens habe ich mich im Internet kürzlich mit ihm über das Rauchen unterhalten. Es macht mir Sorgen, daß er so viel raucht. Ich kann mich darüber nicht beruhigen."
"Das ist so teuer."
"Vor allem verkürzt es das Leben!"
"Ja, das auch. Na ja, als Kaufmann denke ich zuerst ans Geld ..."
"Und ich denke zuerst an die Gesundheit", betonte ich. "Rafas Tod ist für mich der absolute Super-GAU. Es gibt nichts Schlimmeres. Es gibt vielleicht etwas, das gleich schlimm ist, aber es gibt nichts Schlimmeres. Rafa darf auf keinen Fall sterben, und es ist meine Pflicht, das unter allen Umständen zu verhindern. Ich muß also dafür sorgen, daß Rafa nicht mehr raucht."
"Wenn er aber nicht aufhören will?"
"Das ist es ja, daß der Süchtige selbst bereit sein muß, auf das Suchtmittel zu verzichten. Das ist ja das Problem."
"Meinst du, daß Rauchen etwas mit Unsicherheit zu tun hat?"
"Auf jeden Fall! Das hat sehr viel mit Unsicherheit zu tun. Rafa ist ein sehr unsicherer Mensch."
Ich fragte Ivco, wie es seiner Familie geht. Er berichtete, daß Carole gern auch mit ins "Read Only Memory" gekommen wäre, daß dieses jedoch am Babysitter gescheitert sei. Dina könne schon durch den langen Flur in der Wohnung laufen und gut zwanzig Wörter sagen. Ivco freut sich, weil sie ihn "Papi" nennt und nicht "Papa". Er mag nicht "Papa" genannt werden.
Rafa kam erst nach längerer Zeit wieder zum Vorschein und räumte hastig mit Darius die letzten Gerätschaften von der Bühne. Meine Nähe mied er. Einmal sah ich ihn geschäftig vor der Theke entlangmarschieren und an einer Zigarette saugen. Als ich ihn wieder für eine Weile nicht entdecken konnte, unterhielt ich mich neben einem der Begrenzungstische fürs DJ-Pult mit Edaín, vor einem der Sprossenfenster, die noch aus der Zeit stammen, als das "Read Only Memory" ein Freibad war und der heutige Tanzsaal ein Restaurant.
Ich stellte fest, daß Rafa innerhalb der Begrenzung in CD's kramte, wenige Schritte von mir enfernt, und mit mehreren Jungen gemeinsam auflegte. Er trug noch immer das weiße kittelähnliche Hemd und die Fensterglas-Brille. Er spielte NDW-Liedchen und warf jubelnd die Arme in die Luft.
Edaín meinte, ich würde mich so traurig anhören.
"Sollte ich das nicht sein", fragte ich, "wo Rafa doch immer noch mit dieser Freundin zusammen ist?"
"Rafa ist mit Berenice schon fast sieben Jahre zusammen."
"Eben, deshalb wird es ja Zeit, daß er endlich mit ihr Schluß macht."
"Er wird nicht mit ihr Schluß machen."
Edaín gab zu Bedenken, drei Milliarden Männer würden auf mich warten, deshalb werde es Zeit, mich von Rafa abzuwenden. Ich würde mich auf Rafa festlegen und mich deshalb für das Glücklichsein blockieren.
"Wenn Rafa sich von Berenice trennen würde und mit dir zusammensein würde, würdest du merken, daß er ein Idiot ist", glaubte sie.
"Daß er ein Idiot ist, weiß ich schon", entgegnete ich, "denn wenn er kein Idiot wäre, hätte er sich von Vornherein für mich entschieden."
"Mit Rafa würdest du nicht glücklich sein", war Edaín sicher. "Ich will auf keinen Fall etwas gegen Berenice sagen, ich halte viel von Berenice, aber sie ist devot."
"Stimmt, sie ist devot."
"Rafa braucht so eine Frau wie Berenice. Du bist frei und stark und selbstbewußt. Du bist nicht devot."
"Und ich werde es auch niemals sein."
"Mit einer starken Frau kann Rafa nicht umgehen."
"Und mit einer devoten Frau entwickelt er sich nicht", hielt ich dagegen. "In einer solchen Beziehung entwickelt sich nichts. Es ist eine Abhängigkeitsbeziehung. Ein Alkoholiker braucht seine Flasche, Rafa braucht Berenice. Berenice ist für ihn die Flasche."
"Das ist die ätzende, grausame Wahrheit."
"Ja, das ist die Wirklichkeit."
Edaín meinte, sie rede gern mit mir und denke viel darüber nach. Sie frage sich, ob mir das denn ausreiche, Rafa immer nur beobachten zu können, ohne die Aussicht auf mehr Kontakt. Ich erwiderte, das reiche mir auf keinen Fall, sei aber besser als nichts.
"Diese Fröhlichkeit ist nicht echt", sagte ich mit einem Blick auf den mit seinen DJ-Kollegen herumalbernden Rafa. "Als du Anfang Januar auf der Bühne warst, hattest du wirklich Spaß daran, das hat man dir angesehen. Auf irgendeine Art hat Rafa auch Spaß daran, auf der Bühne zu stehen, aber seine Fröhlichkeit wirkt nicht echt. Rafa inszeniert sich selbst, und er inszeniert auch seine Beziehung zu Berenice. Die ist ebenso wenig echt."
"Du weißt ja nicht, was privat zwischen denen abläuft."
"Nein, das kann auch keiner wissen außer den beiden."
Freilich, so setzte ich hinzu, sei Berenice nach allem, was ich gehört hätte, ziemlich oberflächlich.
"Das kann ich nicht bestätigen", widersprach Edaín. "Ich habe gesehen, wie sie auf Maya abgeht ..."
"Muttergefühle hat fast jede Frau, die sind dann auch durchaus echt, das will ich Berenice auch zugestehen."
"Muttergefühle nicht", widersprach Edaín. "Berenice will keine Kinder."
"Ach! Das erleichtert mich sehr", seufzte ich. "Wenigstens das bleibt mir erspart, so Gott will. Ich will nämlich Kinder mit Rafa."
"Du willst Kinder mit Rafa?"
"Ja, das ist meine größte Sehnsucht. Es ist mein allergrößter Wunsch auf Erden. Dafür lohnt es sich, zu leben. Dafür schon."
Edaín erzählte von Klein Maya. Monatelang bettelte Maya, endlich in den Kindergarten gehen zu dürfen. Als Kappa und Edaín sie kürzlich im Kindergarten angemeldet haben, war Maya wider Erwarten davon gar nicht mehr so begeistert. Sie verlangte:
"Maya Schule gehn."
Edaín antwortete ihrer Tochter, Kappa könne vieles bewirken, sogar bei Behörden, obwohl er nur ein durchgeknallter DJ sei, doch die zweijährige Maya in die Schule zu schicken, das sei auch ihm nicht möglich.
Edaín war besorgt, weil in meinem Roman "Im Netz" in Internet viel Persönliches über die dort Auftretenden berichtet wird, auch über Kappa. Ich meinte, Kappa könne das wahrscheinlich vertragen, zumal ich nicht selbst über ihn lästere, sondern lediglich die Lästereien anderer Leute wiedergebe und auch noch die Lästerer selbst durch den Kakao ziehe.
"Magst du Kappa?" wollte Edaín wissen.
"Ja, sicher", antwortete ich. "Er mag mich auch. Das war nie anders. Es hat wahrscheinlich auch damit zu tun, daß wir einiges gemeinsam haben. Über uns beide wird viel gelästert."
Edaín erzählte, das Ende des "Nachtlicht" habe Kappa fast das Leben gekostet. Ich erzählte, wie ich damals Thorlev Rees ausgeschimpft habe, weil er über Kappa schlechte Witze machte und behauptete, Kappa habe sich umgebracht.
Edaín stellte Aces Freundin Zara und mich einander vor. Zara erinnerte sich, daß wir uns schon bei dem Konzert von David Bowie gesehen haben. Zara ist bereits vor zwanzig Jahren mit Ace zusammen gewesen, und jetzt haben sie ein neues Glück gefunden. Zara meinte, sie freue sich, mich kennenzulernen. Ace habe sie auf mich aufmerksam gemacht:
"Guck' dir diese Frau an."
Sie habe gehört, daß ich ein besonderer Fan von Rafa sei.
"Ob man jemanden verehrt oder jemanden liebt, ist für mich nicht dasselbe", erklärte ich. "Ich habe Rafa nie verehrt, ich habe ihn nie bewundert. Ich liebe ihn."
"Und ich liebe Ace und bewundere ihn gleichzeitig."
"Das geht natürlich auch."
Zara erzählte, sie sei vorletzte Woche auf Rafas Geburtstagsfeier gewesen, und da sei das Gespräch auch auf mich gekommen.
"So, jetzt ist Berenice gerade nicht da, jetzt können wir Hettys Homepage angucken", freute sich Rafa.
Er führte seinen Gästen meine Internetseite vor. Zara bemerkte, die Homepage gefalle ihr, die sei voll süß, aber es sei viel Text, und es sei nicht so einfach, sich darin zurechtzufinden.
"Das muß man auch im Detail betrachten", soll Rafa daraufhin erklärt haben.
Es klingt, als würde er sich auf meiner Homepage schon recht gut auskennen. Heimlich betrachtet Rafa meine Homepage, so daß seine Freundin es nicht mitbekommt. Es wirkt fast so, als würde er seine Freundin mit meiner Homepage betrügen.
Berenice stand in unmittelbarer Nähe, als Zara und ich über meine Internetseite sprachen, die Zahl der Textseiten, der Kapitel und dergleichen, und ich glaube nicht, daß ihr alles entgangen ist. Überhaupt hielt sie sich während meiner Gespräche mit Edaín und Zara sehr dicht bei uns auf. Mit Rafa wechselte sie nur wenige Worte.
Als Ivco auf mich zuging und sich von mir verabschiedete, erfuhr ich von ihm, daß er ein Lied über das "Elizium" besitzt, das Rafa 1993 gemacht hat. Ivco will es mir aufnehmen. Im Text kommen die Worte "Intrigen, Lügen, Liebe und Haß" vor, und ich erzählte Ivco, daß Rafa im März 1993 eben diese Worte im "Elizium" zu mir gesagt hat, als ich Arm in Arm mit ihm auf dem Podest saß:
"Intrigen, Lügen, Liebe und Haß."
Gegen vier Uhr früh wollte ich nach Hause und ging im Mantel über die leere Bühne. Hinter einer Box blieb ich kurz stehen. Rafa schaute mit einem langen Blick zu mir hinauf. Als ich den Ausgang erreichte, verabschiedete sich Rafa durchs Mikrophon und kündigte an, daß er nun das letzte Stück spielen werde. Es war "Louise" von Clan of Xymox. Ich hatte zu keinem der bisherigen Stücke tanzen können, die Rafa auflegte, nur zu "Louise" hätte ich es noch getan, wenn ich nicht schon im Gehen gewesen wäre.
Wie sehr sich Rafas Bühnen-Fassade von seinem tatsächlichen Verhalten abhebt, fällt mir wieder einmal auf, wenn ich Aces Interview zu Rafas Album "Die Wunderwelt der Technik" von 2002 durchlese. Ace fragt Rafa in dem Interview:

W.E leben ihre Kunst in fast jeder Facette des Alltags. Wie würde Honey das W.E-Lebensgefühl beschreiben?

Rafa alias "Honey" antwortet:

Akkurat. Auch und vor allem im Bezug auf unsere Musik und unserer Haltung dem Publikum gegenüber. Wir legen noch Wert auf gewisse Tugenden. Wir sind gute Gastgeber, sind korrekt, loyal und benehmen uns anständig. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, für Leute, die als Medium fungieren.

Was für ein Gastgeber Rafa ist, hängt von seiner Laune ab, das habe ich selbst erlebt. Man findet eine Bandbreite, die sinngemäß von einem Luxushotel bis zu einem Bretterverschlag reicht. Wenn Rafa sich als korrekt bezeichnet, müßte er das Schlagen und Betrügen von Lebensgefährtinnen als korrektes Verhalten betrachten. Wenn Rafa sich als loyal bezeichnet, müßte er Unehrlichkeit und Unzuverlässigkeit als loyales Verhalten betrachten. Was Rafas Benehmen angeht, so ist die Unzahl von Vulgärausdrücken und Flüchen, die er im Munde führt, ebenso geeignet, einem die Sprache zu verschlagen, wie seine Arroganz. Und zwischen dem Begriff "Tugend" und Rafas Lebenswandel kann ich keinen Zusammenhang entdecken. Eher fallen mir dazu die sieben Todsünden ein.
Ace befragt Rafa in dem Interview nach Vorbildern und Idealen; unter anderem befragt er ihn zu seiner Meinung über Ludwig Erhard. Rafa antwortet:

Ein Mann, der zusammen mit Professor Doktor Konrad Adenauer ein Superteam bildete. Ich bin mittlerweile fast so weit, die beiden aus dem Grab zu holen, um ihnen neues Leben einzuhauchen, weil es wieder Zeit für solche Menschen ist.

Daß die Verdrängung der NS-Verbrechen ebenso wie die mangelnde Entschädigung der Opfer unter anderem auf das Konto von Adenauer ging, daß Adenauer die strafrechtliche Verfolgung von NS-Verbrechern behindert hat - all dies scheint Rafa entweder nicht bekannt zu sein, oder es ist ihm gleichgültig, schafft er sich doch offenbar sein eigenes Bild von der Geschichte:

Die Zukunft haben wir überholt. Die Zukunft war schon in den 50er Jahren da - und keiner hat es begriffen! Wenn etwas perfekt ist, dann versuche ich doch nicht, daran herumzuwerkeln und es schlechter zu machen!

Wie "perfekt" die 50er Jahre wirklich gewesen sind, dürfte Rafa freilich nur dann erfahren, wenn er sich ungeschönte Berichte von Zeitzeugen anhört, die nicht darauf angewiesen sind, ihre Vergangenheit zu verdrängen oder zu idealisieren.
Als Ace Rafa zum Thema "Ästhetik" befragt, birgt Rafas Antwort Widersprüche in sich und steht teilweise im Widerspruch zu früheren Äußerungen. Er meint, Ästhetik bedeute:

Akkurat zu sein. Perfektion ist etwas Negatives. Es ist ein Ziel, das man nie erreichen dürfte, denn was bleibt dann noch? Darum sagen wir auch:
"Wir gehen zurück zum Start und fangen noch mal von vorne an."
Wir gehen dahin zurück, wo die Zukunft stattfindet.
Ästhetik hat nichts mit Geschmack zu tun. Ästhetik und Akkuratesse sind Konstanten. Wenn etwas schön ist, ist es allumfassend, universell. Der Inbegriff der Schönheit ist für mich eine verchromte Stahlkugel. Rund, verchromt, perfekt. Wenn da irgendwelche Hausfrauenfensterbilder, ein Werbeemblem, Verzierungen oder auch nur ein Staubkorn drauf ist, kannst Du sie wegwerfen.

Erstens läßt sich eine verchromte Stahlkugel mit ein wenig Fleckenwasser von Werbebildern, Etiketten und anderen Verzierungen befreien, und für ein Staubkorn genügt ein Mikrofasertuch. Zweitens gibt es für Ästhetik keine allgemeingültige Formel ... es sei denn, Rafa beansprucht für sich, allein entscheiden zu dürfen, was ästhetisch ist und was nicht. Drittens bedeutet "akkurat": genau, sorgfältig, pünktlich, richtig, zutreffend. Was das mit dem Begriff "Ästhetik" zu tun haben soll, der "Geschmack" bedeutet, und weshalb Geschmack nichts mit Geschmack zu tun haben soll, bleibt schleierhaft und läßt vermuten, daß Rafa die Bedeutung ebengenannter Fremdwörter nicht kennt. Was Rafas Vorstellung von Perfektion betrifft, so lobt er einerseits immer wieder sogenannte "perfekte Produkte" - womit er historische Technik meint -, und andererseits behauptet er in Aces Interview, Perfektion sei etwas Negatives. Er stellt sie der "Akkuratesse" gegenüber, einem Begriff, dessen Bedeutung er nicht zu kennen scheint und an dem ihm vielleicht einfach nur der Klang gefällt.
Wenn Rafa versucht, perfekter als perfekt zu sein, dürfte er nach Wörtern suchen, die sich noch perfekter als "perfekt" anhören, und bei "akkurat" ist er fündig geworden.
Noch besser als gut, noch weiter in der Zukunft als die Zukunft sein zu wollen, das hört sich nach einem atemlosen Ringen um das Konstrukt einer unerreichbaren Überlegenheit an, das Rafa verlieren muß, weshalb er, ebenso vage wie unrealistische Visionen vor Augen, an seiner Lebenswirklichkeit scheitert und nicht einmal das zuwege bringt, was seine Altersgenossen mehrheitlich erreichen.
Wenn Rafa mit mir zusammen wäre, müßte er sich neu definieren, über sich selbst statt über seine Fassade. Er will an sich selbst aber nicht herankommen. Er kann nicht darauf vertrauen, daß sich in seinem Inneren noch etwas anderes befindet als Leere. Es ist eine Leere, die einen in sich hineinsaugt, bis nichts mehr von einem übrig ist. Das Image zerfällt, es wird nicht mehr gefunden, wie eine Datei, die in einem Rechner verlorengegangen ist. Rafa flieht nur zu gern in sein Bühnen-Image. Dieses steinerne Gefängnis gibt ihm eine äußere Form, in der er sich verstecken kann.

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